152 Ballaktionen, 6 von 19 Raumgewinn: Kimmichs Sechser-Stunde als Sicherheits-Falle
Sportschau-Taktik zum 0:1: Kimmich mit 128 Paessen und 92 Prozent Quote, aber nur 6 von 19 Raumgewinn-Paessen. Warum die Sicherheit das Problem war.
Von Nina Hartmann 28. September 2026
Neun Stunden nach dem Abpfiff des 0:1 gegen Griechenland gibt die Sportschau-Taktikanalyse dem DFB-Auftritt eine Formulierung, die exakter ist als jede Selbstkritik der Kabine. Zu viel Geschiebe in der Zentrale nennt Volker Wilms in seinem Textblock die Rolle von Joshua Kimmich als alleinigem Sechser vor der Klopp-Viererkette. Das dazugehoerige Datenblatt liefert die harten Werte: 152 Ballaktionen, 128 Paesse, 92 Prozent Ankunftsquote - aber nur 6 von 19 Raumgewinn-Paessen (32 Prozent) und 2 von 11 Paessen in den Strafraum (18 Prozent). Das ist die Ein-Spieler-Ansicht des systemischen Kerns, um den die Post-Match-Analyse in der Sedlaczek-Runde rund um die Schweinsteiger-Mittelmass-Diagnose kreiste. Es ist die Differenz zwischen der ordentlichen Ballzirkulation und dem tatsaechlichen Angriffsspiel, das Klopp gegen einen tief stehenden Gegner sehen wollte.
Das Sportschau-Datenblatt - was die Zahlen wirklich sagen
Die vier Kennwerte zum Kimmich-Auftritt lassen sich in zwei Bloecke ordnen. Der obere Block - 152 Ballaktionen, 128 Paesse mit 92 Prozent Ankunftsquote - beschreibt die Rolle. Ein Sechser, der sich haeufig zwischen die Innenverteidiger fallen laesst und den Aufbau von hinten organisiert, kommt gegen eine Mannschaft mit drei Angreifern und einer defensiven Grundlinie fast zwangslaeufig auf diese Ballfrequenz. Die 92 Prozent Ankunftsquote sind kein Ausreisser nach oben, sondern der Durchschnittswert fuer einen Verteiler in dieser Position bei diesem Gegner-Format. Die Zahl belegt, dass Kimmich sein Passspiel technisch beherrscht.
Der untere Block - 6 von 19 Raumgewinn-Paessen, 2 von 11 Paessen in den Strafraum - beschreibt den Ertrag. Und dort steht der Auftritt schief. Die 32-Prozent-Quote bei Raumgewinn-Paessen und die 18-Prozent-Quote bei Strafraum-Paessen sind nicht die technische Beherrschung, sondern die Effekt-Bilanz. Von 30 Paessen, die aktive Feld-Progression oder Zielraum-Bedienung anstreben, kamen nur acht an - die ueberwiegende Zahl davon waren wohl die kuerzeren der beiden Kategorien. Die Sportschau-Formulierung des Autors ist knapp und praezise: Dynamik, Tempo, Risiko - das fehlte den Aktionen Kimmichs.
Die Rolle im 4-1-2-3 - Kimmich als alleinige Verteilungsinstanz
Klopp liess das Griechenland-Spiel in einer 4-1-2-3-Grundordnung antreten. Die Viererkette Vagnoman-Tah-Bisseck-Brown vor Alexander Nuebel, ein Sechser (Kimmich), zwei Halbraum-Achter (Felix Nmecha, Debuetant Bambaseh Conte), das Angriffstrio Adeyemi-Ebnoutalib-Schade. Die Grundordnung setzte Kimmich strukturell als alleinige Verteilungsinstanz zwischen der Doppel-Innenverteidigung und dem Mittelfeld ein. Fuenf der neun Feldpositionen vor der Angriffsreihe waren aufbauende Positionen - IV, IV, LV, RV, Sechser -, und Kimmich war die einzige davon mit dem Auftrag, den Ball vertikal zu verlagern.
In der Praxis bedeutete das: Kimmich liess sich, wie die Sportschau-Beobachtung dokumentiert, haeufig zwischen die Innenverteidiger Tah und Yann Aurel Bisseck fallen, holte sich den Ball dort ab und passte ihn dann kurze Strecken zu Vagnoman, Brown oder wieder zurueck zu Tah/Bisseck. In der Aufbau-Phase kam er auf einen sicheren Ballablauf - die 92 Prozent -, in der Angriffs-Phase war der Weg zur naechsten Aktion zu weit. Der Halbraum-Achter Nmecha ging in der Sportschau-Kritik als ohne Zugriff durch, Conte scheiterte an der dichten Formation. Die Angriffsreihe kam nur ueber die Fluegel zu Halbchancen: Adeyemi zweimal (27., 31. Minute), Schade blass, Ebnoutalib isoliert im Zentrum. Der Erloesungs-Pass aus der Zentrale in den Strafraum, den ein 4-1-2-3 vom Sechser strukturell braucht, kam zwei Mal an. Bei 11 Versuchen.
Warum die Sicherheits-Quote das Problem ist, nicht die Loesung
In der oeffentlichen DFB-Aufbereitung wird 92 Prozent Passquote oft zur Verteidigungslinie eines Aufbauspielers - er hat ja praezise gespielt. Die Zahlen der Sportschau kehren diese Logik. Gegen einen tiefstehenden 4-4-2-Block wie den griechischen sind hohe Passquoten strukturell fast automatisch: Kurze seitliche Ablage-Paesse zwischen IV und Sechser sind schwer zu verlieren, weil das Gegner-Pressing im eigenen Drittel des Ballbesitzers gar nicht einsetzt. Der Ball wird geschoben, weil er geschoben werden kann. Die eigentliche Aufgabe eines Sechsers gegen tiefstehenden Block ist die Selektions-Aufgabe: den einen Moment zu finden, in dem ein vertikaler Pass in die Boegen kommt, den der Gegner nicht zurueckerobern kann. Diese Aufgabe wird in den zwei Zahlen 6 von 19 und 2 von 11 gemessen.
Die 6-von-19-Raumgewinn-Quote ist die zentrale Zahl. Ein Sechser mit 152 Ballaktionen und aktiver Vertikal-Absicht landet bei einem Wert zwischen 40 und 50 Prozent, wenn er das Tempo findet - Ilkay Guendogan im 4-3-3-System 2022 spielte gegen tiefstehende Gegner regelmaessig ueber 45 Prozent. Kimmichs 32 Prozent sind kein technisches Versagen (die Zahl bewegt sich noch im ueblichen Rahmen), sondern eine strukturelle Auslassung. Von den 13 nicht-angekommenen Raumgewinn-Paessen waren viele Steilpaesse in Zwischenraeume, die von Adeyemi, Ebnoutalib oder Nmecha nicht erlaufen wurden - oder Verlagerungs-Paesse, die Griechenland mit hoher Aufmerksamkeit abfing. Die Steilpass-Empfaenger im Zentrum - vor allem Ebnoutalib - waren am Ball, aber nicht in der Boegen-Position.
Die 2-von-11-Strafraum-Paesse-Quote ist die noch schaerfere Zahl. Elf Versuche, den Ball direkt in den griechischen Sechzehner zu spielen, zwei angekommen. Das ist die Zahl, die den Sportschau-Vorwurf des Geschiebes konkret macht: Kimmich hat es 11 Mal versucht - und 9 Mal einen Empfaenger nicht gefunden. Das Problem ist weniger dass er nicht versucht hat, sondern dass die Anspielstationen im Strafraum die Steilpaesse strukturell nicht abriefen.
Der 67.-Minute-Ballverlust und der 74.-Minute-Abschuss
Zwei Szenen liegen ausserhalb dieses Datenmusters und werden in der Einzelkritik der Sportschau als Ambivalenz eingeordnet. In der 67. Minute verlor Kimmich nach einem Fehlpass in die Zwoelferzone den Ball, Griechenland setzte den Angriff zu Ende, der Ioannidis-Ersatz Tetteh schoss knapp am Tor vorbei. Sieben Minuten spaeter kam der Abschluss von Dimitrios Kourbelis aus 16 Metern - abgefaelscht von Kimmich, der sich in die Schussbahn warf. Nuebel blieb machtlos.
Beide Momente sind statistisch klein - ein Ballverlust und eine misslungene Blockade - und werden nicht in der Passquote gefuehrt. Sie sind aber die Kippmomente, in denen die 92-Prozent-Beherrschung des Aufbau-Aktes umschlaegt in einen entscheidenden Fehler beim Uebergang oder in der Defensive. Kimmichs Note 3-4 in der Einzelkritik faengt diese Ambivalenz auf. In der Datenlage der Sportschau-Analyse gehoert das nicht mehr zum Geschiebe, sondern zu einer zweiten, kleineren Rechnung: der der wenigen aber teuren Fehler.
Klopp und die Frage nach dem zweiten Sechser
Der taktische Kernbefund aus den Zahlen ist nicht Kimmich hat schlecht gespielt. Der Kernbefund ist: Ein alleiniger Sechser vor einer Viererkette in einem 4-1-2-3 gegen einen tiefstehenden Gegner ist eine strukturell ueberlastete Position. Klopp hatte in Amsterdam noch einen Doppelsechser (Kimmich - Nmecha), der die Vertikal-Verantwortung teilte. Gegen Griechenland uebertrug er sie einer einzigen Person. Die 152 Ballaktionen sind die statistische Signatur dieser Ueberlastung.
Aus der Perspektive der Sportschau-Analyse ist die naechste Grundsatz-Frage fuer Muenchen am 1. Oktober die Sechser-Frage. Klopp hat drei denkbare Konfigurationen. Erstens: Rueckkehr zum Doppelsechser mit Nmecha als Verantwortungs-Partner - das ist die konservative Variante, mit dem Nachteil, dass Nmecha in der Griechenland-Einzelkritik die Note 5 kassierte. Zweitens: Doppelsechser mit Anton Stach oder Pascal Groß neben Kimmich - Stach kam in der 84. Minute erst rein, Groß war in der aktuellen Klopp-Kader-Debatte fuer den November-Kader angedacht. Drittens: 4-1-2-3 mit einem echten Steilpass-Achter wie Florian Wirtz neben Kimmich - Wirtz stand in Augsburg erst nach 65 Minuten drin, soll aber in Muenchen zurueck in die Startelf.
Die dritte Variante ist die interessanteste, weil sie das strukturelle Kernproblem am direktesten adressiert: Kimmich bleibt der einzige tiefe Sechser, bekommt aber vor sich einen Vertikal-Achter, der das Selektions-Problem uebernimmt und Kimmich vom Zwang befreit, alle 11 Strafraum-Paesse selbst versuchen zu muessen. Ein Wirtz als Zwischenraum-Empfaenger vor der Kimmich-Achse veraendert die 6-von-19-Rechnung strukturell.
Der Bogen zur Schweinsteiger-Diagnose - was die Zahlen der Debatte hinzufuegen
Bastian Schweinsteigers Post-Match-Kernsatz Wir sind keine Topmannschaft mehr. Wir sind im Mittelmass angekommen wurde am Montagmorgen zur Ordnungslinie der DFB-Berichterstattung. In der Kabinen-Debatte uebernahm ihn Kimmich mit Das muessen wir so sagen. Beide Formulierungen sind Identitaets-Rahmen: Sie ordnen das Team ein.
Die Sportschau-Positionsanalyse fuegt der Debatte etwas hinzu, das die Identitaets-Ebene nicht liefert. Sie zeigt, wo genau die Struktur Mittelmass produziert - nicht das Personal. Ein Sechser mit 152 Ballaktionen, der von den Halbraum-Achtern in der Vertikalen nicht bedient wird und im Strafraum keine Empfaenger findet, spielt zwangslaeufig ein Sicherheits-Passspiel - unabhaengig davon, ob er Kimmich, Guendogan oder Kroos heisst. Das Fehlen von Unterschiedsspielern, das Schweinsteiger aus dem Weltmeister-Blickwinkel diagnostiziert, wird in der Sportschau-Positionsanalyse konkret: Es fehlt der Zwischenraum-Empfaenger, der 6 von 19 zu 12 von 19 macht.
Das ist der Punkt, an dem Klopps Rotationsplan taktisch neu zu lesen ist. Wenn Klopp am Freitag angekuendigt hat, fuer Griechenland zu rotieren, weil er die Breite kennenlernen wollte, war der Test in Augsburg auch ein Struktur-Test, kein reiner Spieler-Test. Die Struktur hat den Test verloren. Die Personalfrage - welche Achter neben Kimmich - ist die daraus abgeleitete Konsequenz-Frage.
Ausblick - Muenchen gegen Serbien und der Kimmich-Positions-Test
Am 1. Oktober spielt Deutschland in Muenchen gegen Serbien. Nach dem Griechenland-0:1 gibt es fuer Klopp keinen Puffer mehr in dieser Nations-League-Herbstphase, das Punktekonto steht bei einem Zaehler aus zwei Spielen (Amsterdam-1:1, Augsburg-0:1). Fuer den Kimmich-Sechser-Test bedeutet Serbien eine andere Aufgabe: Weniger tiefstehender Block, mehr aktives Umschaltspiel. Kimmichs Sechser-Rolle wird gegen Serbien nicht dieselbe strukturelle Ueberlastung produzieren - Serbien laesst mehr Raum, die Steilpass-Wege sind kuerzer, die Empfaenger-Boegen naeher. In Zahlen: Die 128 Paesse werden vermutlich weniger, die Raumgewinn-Quote wird strukturell hoeher liegen.
Der eigentliche Test kommt erst wieder im November, wenn die naechsten tiefstehenden Gegner in der Nations-League-Kalender-Etappe warten. Und dann in der WM-Qualifikation 2030, wo Deutschland strukturell haeufig auf tiefstehende Blocks trifft. Die Kimmich-Sechser-Frage ist damit nicht die Frage eines Spielers, sondern die einer Systemarchitektur, die Klopp bis zum WM-Qualifikations-Auftakt Anfang 2028 kalibrieren muss. Die 6 von 19 Raumgewinn-Paesse vom 27. September 2026 sind die Ausgangsdatenpunkt der naechsten 16 Monate.
Autor
Nina HartmannRedakteurin Frauenfußball & Analyse
Nina Hartmann deckt den Frauenfußball ab - von der Frauen-WM 2027 in Brasilien bis zu den DFB-Frauen - und liefert daten- und taktikgetriebene Analysen zu großen Turnieren.
Mehr aus Analyse
WM 2026 Wert-Bilanz Modell vs Markt: Spanien und Frankreich waren die beiden klaren Wert-Peggs vor dem Anpfiff
21.07.2026
AnalyseWM-Rechner Post-Final Modell-Bilanz: Rang-1 Spanien ist Weltmeister, Rang-3 Argentinien Vize - 104-Spiele-Rueckblick auf die WM 2026
21.07.2026
AnalyseFIFA-Klub-Ausgleichszahlungen: Bayern rutscht auf Platz vier, Bundesliga kassiert 21 Millionen
17.07.2026