Zum Inhalt springen
WM 2026

Gilmour faellt fuer die WM 2026 aus: Schottland verliert seinen wichtigsten Mittelfeldspieler

Billy Gilmour verletzt sich im 4:1 gegen Curaçao am Knie und fehlt der WM 2026. Steve Clarke spricht von einem 'grausamen Zeitpunkt', Schottland verliert in Gruppe C einen Schluesselspieler.

Von Marco Feldmann 31. Mai 2026

Billy Gilmour im Testspiel Schottland gegen Curaçao am 30. Mai 2026 im Barclays Hampden, Glasgow. Nach einer Knie-Verletzung in der ersten Halbzeit musste der Napoli-Mittelfeldspieler ausgewechselt werden und fehlt der schottischen Auswahl bei der WM 2026 (Foto: Focus Images). Foto: Focus Images via SmartFrame

Drei Minuten vor der Pause spuerte Billy Gilmour, dass etwas nicht stimmte. Der 24-jaehrige Mittelfeldspieler hatte sich im 4:1 Schottlands gegen Curaçao bereits unauffaellig im Aufbauspiel praesentiert, wie er es eine ganze WM-Qualifikation lang getan hatte - der spielintelligente Sechser zwischen Aaron Hickey und Scott McTominay, der die Anbindung zwischen Abwehr und Sturm hielt. Dann ein simpler Sprint nach einem Querpass, ein Knick im rechten Knie, die Hand am Oberschenkel, das Wegrutschen auf den Rasen. Findlay Curtis kam in der 41. Minute, traf zum 1:1 und feierte sein erstes A-Laenderspieltor - aber das war an diesem Samstag nicht die Nachricht. Die Nachricht kam Sonntagvormittag aus dem Mannschaftshotel der Schotten und aus Neapel. Gilmour ist raus. Fuer die WM 2026, nicht nur fuer den Test gegen Liechtenstein am 6. Juni.

Die Diagnose: Knie-Verletzung, Saison-Aus

Was der schottische Fussballverband am Sonntag bestaetigte, hatten Steve Clarke und sein Stab bereits in der Nacht befuerchtet. Die Untersuchung im Glasgower Royal Infirmary am Samstagabend ergab eine schwere Verletzung am rechten Knie - britische Medien berichten von einer Innenband-Verletzung zweiten Grades, Italiens Gazzetta dello Sport spricht von einer Kombination aus Bandstauchung und Meniskus-Reizung. Konkrete Reha-Daten hat der SSC Neapel bis Sonntagmittag nicht kommuniziert, im Umfeld des italienischen Meisters wird mit vier bis sechs Wochen Ausfall gerechnet. Das wuerde Gilmours WM komplett ausloeschen: Schottland reist bis spaetestens 22. Juni in den USA, der Gruppenphasen-Abschluss in Miami ist am 25. Juni.

Es ist die zweite Verletzung in dieser Saison, die Gilmour aus einem entscheidenden Spielblock reisst. Nach der gewonnenen WM-Qualifikation hatte er zwei Quali-Spiele wegen einer Leistenentzuendung verpasst, war aber rechtzeitig zum WM-Vorbereitungslager fit zurueck. Genau diesen “rechtzeitig zurueck”-Bonus gibt es jetzt nicht mehr.

Steve Clarke: “Der Zeitpunkt ist unglaublich grausam”

In einer kurzen Stellungnahme aus dem Teamhotel formulierte der schottische Trainer am Sonntagmorgen, was die schottische Fussballszene innerhalb von Stunden zur Schlagzeile machte:

“Ich bin am Boden zerstoert fuer Billy. Er war ein fester Bestandteil unserer WM-Qualifikation. Der Zeitpunkt dieser Verletzung ist so unglaublich grausam - wir alle fuehlen mit ihm.”

Clarke kennt Gilmour seit dessen Debuet im November 2020 unter Steve Clarke selbst und hatte den Mittelfeldspieler in der Qualifikation in 46 von 48 moeglichen Pflichtspiel-Minuten-Bloecken aufgeboten. In der Hierarchie der schottischen Achter steht Gilmour vor John McGinn und vor Lewis Ferguson - er ist der Spieler, der Schottlands Spielidee strukturiert. Talksport bezeichnete den Ausfall in der Nacht als “Desaster”, das britische Portal Goal sprach von “Steve Clarkes Albtraum, der wahr wird”.

Vom SSC Neapel kam am Sonntagmorgen eine knappe schriftliche Erklaerung: Die medizinische Abteilung sei in Abstimmung mit dem schottischen Verbandsarzt, eine genaue Reha-Planung folge in den naechsten 48 Stunden. Italiens Trainer Antonio Conte verliert damit ebenfalls ein zentrales Mittelfeld-Werkzeug fuer den Start in die Saisonvorbereitung 2026/27.

Was Schottland in Gruppe C jetzt fehlt

Schottlands Auftritt bei der WM 2026 ist die erste Endrunden-Teilnahme seit Frankreich 1998 - eine ganze Generation hat das Turnier ohne die schottische Nationalmannschaft erlebt. Die Auslosung im Dezember hat Schottland in Gruppe C mit Brasilien, Marokko und Haiti geworfen. Realistisch geht es um Platz zwei oder drei und damit um den Sechzehntelfinal-Einzug ueber die besten Gruppendritten.

In diesem Setting ist Gilmour der wichtigste Einzelausfall, den Steve Clarke sich vorstellen kann. Drei Gruende:

  1. Aufbauspiel: Schottland setzt unter Clarke auf einen flachen Spielaufbau aus einer Dreierkette plus Sechser. Gilmour ist der erste Adressat des Innenverteidigers, der Spieler, der aus dem Druck heraus dreht und die Linie wechselt. McTominay ist als Acht gesetzt, McGinn vor allem zwischen den Linien gefaehrlich - die Aufbau-Rolle musste in der Quali Gilmour fuellen.
  2. Pressing-Resistenz gegen Marokko: Walid Regraguis Marokko-Kader presst im 4-3-3 frueh, die Achterketten Ounahi und Amrabat sind mit das schaerfste Pressing-Duo der WM. Gilmour ist im 1-gegen-1 unter Druck der saubere Schotte - mit ihm haette Clarke einen Sechser, der den Marokko-Press knackt. Ohne ihn wird das aufruecken auf Schottlands rechte Acht (vermutlich Ferguson) deutlich riskanter.
  3. Standards in den eigenen Reihen: Gilmour ist nicht der primaere Eckenschuetze - das ist John McGinn -, aber er ist der haeufigste Anspielpunkt nach kurzen Eckvarianten. Ohne ihn verliert die Standard-Routine der Schotten einen verlaesslichen Spielzug.

In Summe ergibt das eine Mannschaft, die in Gruppe C ohne Gilmour vom moeglichen Aussenseiter-Kandidaten naeher an den klassischen Drittklassierer-Status rueckt. Das Sechzehntelfinale, in den meisten Prognosen zur WM 2026 noch erreichbar, wird damit deutlich schwerer.

Wer ersetzt Gilmour? Drei Optionen fuer Clarke

Steve Clarke hat 48 Stunden, um seinen Kader umzubauen - die FIFA-Frist fuer Nachnominierungen aus dem WM-Aufgebot laeuft bis vier Stunden vor dem ersten Gruppenspiel der jeweiligen Mannschaft. Drei Pfade sind realistisch.

Variante eins - der Vier-Mann-Block: Lewis Ferguson (Bologna) rueckt aus dem erweiterten Kader auf die Sechser-Position, McTominay bleibt halblinks, McGinn rechts. Ferguson hat in der Quali fuenf Spiele gespielt und gilt im schottischen Verband als der natuerlichste Gilmour-Erbe. Ben Doak (Liverpool) waere die Sturm-Joker-Alternative im 4-3-3.

Variante zwei - Robertson zentral: Andrew Robertson rueckt von der Linksverteidiger-Position in eine zentrale Acht, Aaron Hickey bekommt links die Stammposition. Diese Loesung ist taktisch reizvoll - Robertsons Diagonalbaelle ergaenzen McTominays Box-to-Box-Profil -, kostet Schottland aber den besten Linksverteidiger des Kaders auf seiner Lieblingsposition. Eher unwahrscheinlich.

Variante drei - das 3-5-2: Clarke koennte das System umstellen. Drei Innenverteidiger (Souttar, Hendry, McKenna), zwei Flueggel-Schienenspieler (Robertson links, Anthony Ralston rechts), drei Achter im Zentrum (McTominay, McGinn, Ferguson) und ein Sturm-Duo aus Lawrence Shankland und Che Adams. Das verteilt Gilmours Aufgabe auf drei Spieler statt einen - und gibt Schottland gegen Brasilien eine kompaktere defensive Grundordnung.

Im schottischen Verband gilt Variante eins als Plan A. Mit Ferguson auf der Sechs ist das Gilmour-Vakuum nicht geschlossen, aber wenigstens strukturell uebersetzt. Die Generalprobe gegen Liechtenstein am 6. Juni in Glasgow wird zeigen, wie schnell die neue Achse zusammenspielt.

Was bleibt: Die Zeitachse Schottlands bis zum 14. Juni

Schottland fliegt am 8. Juni von Glasgow nach Boston, wo der gesamte erste Gruppenphasen-Block stattfindet. Auf dem Programm stehen vorher die Generalprobe gegen Liechtenstein (Hampden Park, 20:45 MESZ, ZDF nicht uebertraegt) und ein abschliessendes Mannschafts-Training am 7. Juni. Gilmour selbst wird voraussichtlich am Dienstag in Neapel mit der Reha beginnen.

Fuer die Konkurrenz in Gruppe C ist die Nachricht ein kleines Geschenk. Brasiliens Trainer Carlo Ancelotti bekommt im Gruppen-Abschluss am 25. Juni in Miami eine schottische Mannschaft, die ohne ihren wichtigsten Aufbauspieler organisiert. Walid Regragui kann Marokkos Pressing gezielter auf die rechte Aufbau-Halbposition lenken. Und Haiti, am 14. Juni Auftaktgegner Schottlands, kann den Schotten in den ersten 20 Minuten Hampen-Druck zusetzen, ohne den Spielmacher zu fuerchten, der die Quali strukturierte.

Es bleiben 14 Tage bis zum Anpfiff in Boston. Der wichtigste schottische Spieler verbringt sie nicht im Trainingslager, sondern auf der Liege.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

Mehr aus WM 2026