Kompanys Prognose fuer Urbig: "Wer glaubt, dass er nicht die Nummer eins wird, macht einen grossen Fehler"
Vincent Kompany verteidigt Jonas Urbig eine Stunde nach Klopps Kaderansage - der Bayern-Trainer prophezeit, dass der 23-Jaehrige irgendwann Deutschlands Nummer eins wird.
Von Lukas Brandt 17. September 2026
Es liegen nur wenige Stunden zwischen den beiden Pressekonferenzen dieses Donnerstags. Um 10 Uhr steht Juergen Klopp im DFB-Campus Frankfurt am Rednerpult und verkuendet seinen ersten Kader als Bundestrainer - 44 Namen in zwei Bloecken, Marc-Andre ter Stegen “fuer den Moment” als Nummer eins. Am fruehen Nachmittag, gut eineinhalb Stunden spaeter, setzt sich Vincent Kompany im Bayern-Campus vor die Journalisten. Es ist die Vor-Union-Berlin-Pressekonferenz, die den regulaeren Bundesliga-Freitagabend um 20:30 Uhr (Sky) einlaeutet. Und der Belgier nutzt die Gelegenheit fuer eine bemerkenswerte Ansage, die weit ueber das Muenchen-Berliner Duell hinausreicht.
Kompany setzt einen oeffentlichen Kontra-Marker zu Klopps Torwart-Hierarchie
Der Bayern-Trainer hat einen seiner eigenen Spieler in Klopps Kader entdeckt - und der ist Jonas Urbig. Der 23-jaehrige Torhueter steht auf der 21er-Liste fuer Kader 2, also fuer die Partien in Muenchen (01.10. gegen Serbien) und Thessaloniki (04.10. Griechenland-Rueckspiel). In der internen Torwart-Reihung des zweiten Blocks ist er die Nummer drei hinter Noah Atubolu und Finn Dahmen. Fuer die ersten beiden Nations-League-Auftritte in Amsterdam und Augsburg gehoert Urbig gar nicht zum Aufgebot - dort setzt Klopp auf sein Amsterdam-Trio ter Stegen, Alexander Nuebel und Dahmen.
Trotzdem - oder gerade deswegen - waehlt Kompany die grosse Formel. “Man muss auch fuer die Zukunft planen”, sagt der Belgier, “wenn einer glaubt, dass er nicht die Nummer eins in Deutschland wird, macht er einen grossen Fehler.” Und ergaenzend: “Der Junge wird irgendwann die Nummer eins sein.” Es ist eine Prognose, die als deutliches Fuersprechen zu lesen ist - und implizit als Widerspruch zu Klopps aktueller Reihung. Denn Urbig steht in Kader 2 nur an dritter Stelle; die aktuelle Nummer eins heisst ter Stegen, die Nummer zwei Nuebel, dahinter kommt Dahmen.
Der Wortlaut - und die Timing-Frage
Kompany bleibt nicht bei der Vorhersage. Er adressiert direkt den Bundestrainer und schiebt die Zeitfrage weg: “Das wird natuerlich Juergen Klopp entscheiden, wann das ist, ob das jetzt in einem oder fuenf Jahren ist.” Das ist die diplomatische Klausel, die die Aussage salonfaehig macht. Zugleich unterstreicht sie das Prinzip: Kompany raeumt Klopp die aktuelle Zustaendigkeit ein, positioniert Urbig aber als absehbaren Nachfolger im DFB-Tor - egal, ob Klopp diesen Nachfolge-Prozess in zwoelf oder in sechzig Monaten anstoesst.
Ergaenzend liefert der Belgier eine Klopp-freundliche Fussnote. Zur Struktur des 44er-Aufgebots und der Nominierung Urbigs in den zweiten Block sagt er: “Es ist eine vernuenftige und stabile Entscheidung, die ich genauso getroffen haette.” Kompany bestaetigt also ausdruecklich, dass Urbig zunaechst in Kader 2 startet und noch nicht in Kader 1 - das ist die Situation, wie sie ist. Er beharrt aber darauf, dass die Perspektive eine andere ist.
Der Bayern-Status: Neuer 40, Urbig 23, Nachfolger-Positionierung im Verein
Urbig ist bei den Muenchnern die Nummer zwei hinter Manuel Neuer. Nach dem Neuer-Ruecktritt aus dem DFB-Team am 8. Juli 2026 und dessen zuvor angekuendigten Karriereende zum Sommer 2027 hat der Verein Urbig als klaren Neuer-Nachfolger positioniert. Kompanys Aussage vom Donnerstag ist insofern konsistent mit der Personalplanung des Klubs: Er beschreibt Urbig nicht nur als Bayern-Zukunft, sondern skaliert die Perspektive auf die Nationalmannschaft hoch. “Man muss auch fuer die Zukunft planen” - der Satz gilt in Muenchen wie in Frankfurt.
Die praktische Kehrseite: Solange Neuer die Bayern-Nummer eins bleibt, kommt Urbig im laufenden Bundesliga-Betrieb nur sporadisch zum Einsatz. Genau dieser Umstand ist es, an dem sich die Skeptiker abarbeiten. Bereits Anfang September, gut zwei Wochen vor Klopps Kaderansage, hatte Ex-Weltmeister Stefan Helmer bei Sport1 seine Bedenken formuliert: “Jetzt mal nur ein Pokalspiel gegen Osnabrueck - und das meine ich gar nicht despektierlich - wird sicher nicht reichen. Auf der Torwartposition brauchst du jemanden, der permanent spielt.” Helmer sprach damals im Kontext, dass Urbig bei Nagelsmanns Vorgaengerentscheidung fuer die WM 2026 nicht zum Zug gekommen war und bei Bayern weiter hinter Neuer stand. Die Aussage bleibt gueltig - und liest sich Wochen spaeter wie das Kontra-Argument zu Kompanys Prognose.
Urbig im 44-Kader: Nummer drei in Kader 2, das Muenchen-Ticket vor Augen
Fuer Urbig ergibt sich aus der Klopp-Nominierung ein konkreter Fahrplan. Er reist nicht mit nach Herzogenaurach, wo Kader 1 vom 21. September an mit ter Stegen, Nuebel und Dahmen an den Auftritten in Amsterdam und Augsburg feilt. Sein Fenster oeffnet sich ab dem 28. September, wenn der Kader-2-Block einrueckt. Am 1. Oktober ist Serbien in Muenchen zu Gast - Urbigs Vereins-Heim-Arena, mit der Kulisse, die er kennt, und im Herbst-Nationalspiel-Fenster, in dem Kompany aktiv sein wird, den Fall Urbig oeffentlich zu verstaerken.
Die Wahrscheinlichkeit eines DFB-Debuts an genau diesem Abend haengt weniger von der Aussenwirkung als von Klopps interner Reihung ab. Der Bundestrainer nimmt in Kader 2 mit Atubolu und Urbig bewusst zwei junge Torhueter mit - das deutet auf eine Sichtungs-Absicht hin. Wahrscheinlich wird einer der beiden gegen Serbien und einer gegen Griechenland-B zum Zug kommen, um die Perspektiv-Karrieren nach dem Turnaround post-WM 2026 zu beleuchten. Dahmen dient in beiden Kadern als Erfahrungs-Anker.
Die Klopp-Formel “fuer den Moment” - und was sie offenlaesst
Klopps Kaderansage-Zitat war in dieser Hinsicht bewusst offen. “Fuer den Moment” ist ter Stegen die Nummer eins - eine Formulierung, die weniger Ausschluss als vielmehr Zwischenstand ausdrueckt. Der Bundestrainer hat die Torhueter-Landkarte seit Ende August in Ruhe abgearbeitet, Oliver Baumann in Chapter 5 ausgeschlossen, Loris Karius nur kurz gestreift und schliesslich mit ter Stegen den Ex-Barca-Mann in seiner neuen Ajax-Heimat als Nummer eins bestaetigt - eine Rueckkehr, die Klopp im August selbst in einem “tollen Gespraech” mit ter Stegen vorbereitet hatte.
Kompany fordert nun oeffentlich, dass diese Momentaufnahme keine Endstation wird. Die Beziehung zwischen den beiden Ex-Liverpool-Vereinsfarben ist alt und offen. Klopp und Kompany kennen sich aus der Premier League, wo Kompany bei Anfield-City-Duellen Kapitaen der englischen Meister war, waehrend Klopp gerade Liverpool zum Titel gefuehrt hatte. Ein oeffentlich verpackter Trainer-Wunsch, den eigenen Torhueter als DFB-Zukunft zu positionieren, ist in dieser Konstellation kein Affront - eher eine deutlich vorgetragene Bewerbung.
Einordnung: Bundesliga-Trainer als Fuersprecher
Fuersprech-Interventionen aus den Klubs sind kein neues Phaenomen bei DFB-Kader-Fragen. Neu ist das Timing: Kompany bringt seine Prognose in dem Moment vor, in dem Klopps 44er-Liste noch keine 24 Stunden alt ist. Er weiss, dass sein Statement in jedem Fall in die Klopp-Nachlese hineinlaufen wird - kicker meldete Kompanys Aussage bereits um 08:56 Uhr UTC unter der Ueberschrift “Kompany ueber Urbig: Wenn einer glaubt, dass er nicht Deutschlands Nummer 1 wird …” und markierte damit die post-Kaderansage-Diskursachse.
Fuer Klopp ist das kein Problem, sondern eher ein willkommener Beleg fuer die Reichweite seiner ersten Nominierung. Der Bundestrainer hat seine Nominierung mit dem grossen Aufgebot deutlich als Sichtungs-Projekt angelegt - die 13 Debutanten, der Kader-2-Block, die “fuer den Moment”-Formel bei ter Stegen sind Signale in dieselbe Richtung. Kompany, der Bayern-Kollege, bestaetigt implizit die Denkweise, wenn er Klopp die Timing-Hoheit einraeumt und gleichzeitig sein Wunschbild formuliert. Der eigentliche Prozess laeuft ab dem 1. Oktober in Muenchen - im Stadion, das Urbig kennt, unter dem Trainer, der ihn woechentlich einsetzt oder nicht.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.