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WM 2026

Ricardo Rodriguez: der stille Messi-Bremser der Schweiz vor dem WM-Viertelfinale in Kansas City

Ricardo Rodriguez soll im WM-Viertelfinale in Kansas City auf der linken Seite Lionel Messi bremsen. Der Nati-Linksverteidiger im Portrait vor Argentinien.

Von Marco Feldmann 11. Juli 2026

Inglewood, 18. Juni 2026: Ricardo Rodriguez (Nummer 13) mit dem Ball beim WM-Gruppenspiel Schweiz gegen Bosnien-Herzegowina im SoFi Stadium. Der 33-jaehrige Linksverteidiger wird am 12. Juli 2026 im Arrowhead Stadium in Kansas City im Viertelfinale gegen Argentinien auf der linken Seite direkt fuer die Zone verantwortlich sein, in die Lionel Messi am liebsten faellt. Foto: SIPA USA. Foto: SIPA USA via SmartFrame

Wenige Stunden vor dem Viertelfinale der WM 2026 gegen Argentinien im Arrowhead Stadium in Kansas City liegt die vielleicht groesste taktische Frage der Nati auf der linken Seite. Dort steht mit Ricardo Rodriguez ein 33-jaehriger Linksfuss, der seit fuenfzehn Jahren fuer die Schweiz spielt, seit vier WM-Endrunden dabei ist und im Sonntag-Anpfiff (03:00 Uhr MESZ) die Zone besetzt, in die Lionel Messi im argentinischen Angriff am liebsten faellt. Yakin hat auf der Freitags-PK zwar einen klassischen Manndecker gegen Messi ausgeschlossen - aber die Rolle des ruhenden Referenz-Punkts auf der linken Kette wird Rodriguez ausfuellen. Wer ist der Mann, der die grosse Turnier-Ruhe in eines der emotionalsten K.-o.-Spiele der Schweizer Verbandsgeschichte tragen soll?

Der Auftrag: linke Seite, Messi, Kansas City

Argentinien hat im Turnierverlauf 30 Torschuesse auf Messis Konto gebucht, dazu acht Torbeteiligungen des 39-Jaehrigen - deutlich mehr als jeder andere Argentinier. Messi fallt aus der argentinischen Formation immer wieder auf die linke Halbraum-Position ab, um Steilpaesse zu suchen oder das Spiel zu drehen. Genau dort steht Rodriguez, mit dem Doppel-Sechser Granit Xhaka und Remo Freuler in der Rueckendeckung. Yakins Anspruch an die linke Seite lautet nicht: Messi ausschalten. Sondern: Messi keinen Rhythmus geben. Die Nati hat in den K.-o.-Spielen gegen Kolumbien und Algerien null Gegentore kassiert - eine Statistik, die in Kansas City die Verteidigungs-Doktrin unterstreicht. In der Gruppenphase hatte die Nati drei Gegentore hinnehmen muessen; seit der K.-o.-Phase ist Rodriguez auf der Linksverteidiger-Position statistisch der Anker.

Yakins Beschreibung von Rodriguez zaehlt zu den waermsten Trainer-Zitaten dieses Nati-Turniers. Auf der PK am Freitag, 10. Juli 2026, in Kansas City hat er laut sportschau.de gesagt: “Ricci ist eine sichere Bank. Er ist ein super-intelligenter Fussballer, immer richtig positioniert, verliert kaum den Ball und hat immer eine Idee.” Der Vorname im Diminutiv ist bei Rodriguez in der Nati-Kabine das gaengige Ansprache-Muster; Yakin hat den Ricci-Umgang auch oeffentlich uebernommen.

Die Karriere: von Zurich ueber Wolfsburg nach Sevilla

Ricardo Rodriguez ist am 25. August 1992 in Zurich geboren und hat seine Profikarriere beim FC Zurich in der Super League begonnen. Der Wechsel im Sommer 2012 in die Bundesliga zum VfL Wolfsburg hat den damals 19-Jaehrigen zum Bundesliga-Linksverteidiger geformt: fuenf Jahre Wolfsburg (2012 bis 2017), 2015 der DFB-Pokal-Sieg im Berliner Finale gegen Borussia Dortmund als Highlight, dazu ein Ruf als einer der praezisesten Standard-Schuetzen der Bundesliga. 2017 folgte der Wechsel zum AC Milan, wo Rodriguez drei Saisons unter mehreren Trainern erlebte. Nach einer kurzen Winter- und Sommer-Leihe zu PSV Eindhoven 2020 (der Weg zurueck aus dem Milan-Sportdirektor-Umbruch) ist er zu Torino gewechselt, wo er vier Saisons (2020 bis 2024) auf der Linksverteidiger-Position gespielt hat. Seit Sommer 2024 spielt Rodriguez bei Real Betis in der spanischen La Liga - eine Station, die ihn in einer Traditionsmannschaft und einem Klima-Setting eingespielt hat, das dem Sonntag-Slot in Kansas City nicht ganz unaehnlich ist.

Karriere-Route in Kurzform: Zurich - Wolfsburg - AC Milan - PSV Eindhoven - Torino - Real Betis. Sechs Stationen, sechs Ligen, zwoelf Kalenderjahre auf Profi-Niveau. Kaum ein Nati-Spieler dieser Generation kann eine derart ununterbrochene Top-Liga-Serie vorweisen.

Die Grossturnier-Serie: vier WM, drei EM, 143 Nati-Spiele

Mit der WM 2026 spielt Ricardo Rodriguez seine vierte WM-Endrunde - eine Serie, die 2014 in Brasilien begonnen hat und ueber Russland 2018 und Katar 2022 in Kansas City ihren juengsten Auftritt findet. Parallel hat er die drei letzten Europameisterschaften absolviert: Frankreich 2016, die kontinent-weite EM 2020 mit dem beruehmten Achtelfinal-Sieg gegen Frankreich in Bukarest (Elfmeter-Held Yann Sommer) und Deutschland 2024 mit dem Viertelfinal-Aus gegen den spaeteren Vize England. Damit steht Rodriguez in Summe bei sieben Grossturnieren auf Senior-Ebene - und die WM 2026 ist der siebte Endrunden-Auftritt.

Sein A-Nati-Debuet datiert auf den 7. September 2011 unter dem damaligen Bundestrainer Ottmar Hitzfeld - wenige Wochen bevor der junge Wolfsburger den Sprung in die Bundesliga vollzogen hat. Bis heute hat Rodriguez 143 Laenderspiele fuer die Schweiz absolviert und in ihnen neun Tore erzielt. In der ewigen Nati-Rangliste rangiert er damit auf Rang zwei hinter Kapitaen Granit Xhaka, fuer den das WM-Viertelfinale in Kansas City der emotionale Karriere-Hoehepunkt und die Bewaehrung des Doppel-Sechs-Musters unter Yakin ist.

Die Ruhe: “Bloss kein Stress”

Auf die Reporter-Frage, wie er ausgerechnet mit 33 Jahren die Schluessel-Aufgabe auf der linken Seite gegen den achtfachen Weltfussballer und Weltmeister-Kapitaen Lionel Messi zu bewaeltigen gedenkt, hat Rodriguez laut sportschau.de mit einer typisch minimalistischen Formulierung geantwortet: “Bloss nicht so viel Stress haben. Immer entspannt sein, das ist das Wichtigste.” Es ist der Klassiker-Satz eines Nati-Verteidigers, der in seiner Karriere den grossen Grossturnier-Adrenalin-Moment schon oft erlebt hat - Achtelfinale gegen Polen 2016 mit dem Fallrueckzieher von Shaqiri, Achtelfinale gegen Argentinien 2014 in Sao Paulo mit der di-Maria-Verlaengerung, EM-2020-Achtelfinale in Bukarest gegen Frankreich mit dem Sommer-Wunder, EM-2024-Viertelfinale in Duesseldorf gegen England mit dem verlorenen Elfmeterschiessen.

Die Ruhe ist bei Rodriguez keine Attituede. Sie ist die Grundlage seiner Nati-Zugehoerigkeit. Ein Trainer nach dem anderen - Hitzfeld, Petkovic, Yakin - hat auf ihn gesetzt, weil er das Spiel-Tempo aus der linken Seite nimmt und weil er die Ball-Sicherheit im Aufbau garantiert, ohne Aufsehen zu erregen. Yakin sagt in Kansas City: “Er ist ein super-intelligenter Fussballer.” Und lieferrt damit die vielleicht praeziseste Rodriguez-Definition der letzten fuenfzehn Jahre.

Was das QF4 fuer Rodriguez bedeutet

Fuer Rodriguez ist die Nacht auf Sonntag, 12. Juli 2026, in Kansas City das mit Abstand groesste Nati-K.-o.-Spiel seiner Karriere. Die Schweiz steht zum ersten Mal seit der Heim-WM 1954 in einem WM-Viertelfinale - 72 Jahre nach Werner Ballmanns 5:7-Kanton-Klassiker gegen Oesterreich in Lausanne. Rodriguez ist mit 33 Jahren die aeltere der beiden Erfahrungs-Achsen auf dem Feld (Xhaka wird im September 34), und er hat in der aktuellen Nati-Aera die ruhende Referenz-Rolle uebernommen, die frueher Stephan Lichtsteiner ausgefuellt hat. Sollte die Schweiz durchkommen, wartet am Mittwoch, 15. Juli, um 21:00 Uhr MESZ im Mercedes-Benz Stadium in Atlanta der Sieger des Miami-Slots Norwegen gegen England - und damit die realistische Chance auf das erste Schweizer WM-Halbfinale ueberhaupt in der Verbands-Geschichte.

Ob die Schweiz Messi im Griff bekommt, wird sich nicht an einer Einzel-Deckung, sondern am kollektiven Kompaktheits-Zugriff der linken Kette entscheiden. Aber wenn diese Kette funktionieren soll, muss Rodriguez auf seiner Position der ruhige Anker sein. Er hat es die letzten fuenfzehn Jahre lang getan. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass er es in Kansas City anders macht. “Bloss nicht so viel Stress” - der Satz koennte am Sonntagmorgen als Nati-Postulat in die Verbandsgeschichte eingehen. Oder auch nicht. Die Antwort liefert Messi.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

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