Zum Inhalt springen
WM 2026

Schweiz - Kolumbien 0:0 n.E. 4:3: Kobel-Sensation, erstes WM-Viertelfinale seit 1954

Die Schweiz schlaegt Kolumbien im WM-Achtelfinale 4:3 im Elfmeterschiessen. Kobel wird zum Helden, Vargas verwandelt den entscheidenden Schuss. Erstes WM-QF seit 1954.

Von Marco Feldmann 08. Juli 2026

Gregor Kobel im Schweizer Tor im Achtelfinale der WM 2026 gegen Kolumbien am 7. Juli 2026 im BC Place Stadium in Vancouver. Der 27-jaehrige Dortmunder wurde mit Paraden im Spiel und einer entscheidenden Elfmeter-Abwehr gegen Cucho Hernandez zum Matchwinner (Foto: Zuma Press). Foto: Zuma Press via SmartFrame

Die Schweiz hat Kolumbien am Dienstag, 7. Juli 2026, im BC Place Stadium in Vancouver nach 120 torlosen Minuten im Elfmeterschiessen mit 4:3 aus der WM 2026 geworfen und steht damit erstmals seit 1954 im WM-Viertelfinale. Gregor Kobel wurde mit einer Elfmeter-Parade gegen Cucho Hernandez in Sudden-Death zum Matchwinner. Ruben Vargas verwandelte den anschliessenden Schweizer Schuss zum entscheidenden 4:3 flach ins linke Eck. Kolumbiens Juan Fernando Quintero hatte den Elfer-Krimi mit einem Lattenschuss eroeffnet. Anpfiff im Fassungsvermoegen-vollen BC Place Stadium war um 22:00 Uhr MESZ, Schiedsrichter war der Salvadorianer Ivan Barton. Die Schweiz trifft im Viertelfinale am 12. Juli im Arrowhead Stadium in Kansas City auf Argentinien, das im parallelen Achtelfinale Ägypten mit 3:2 nach 0:2-Rueckstand rauswarf.

Der Ablauf: 120 zaehe Minuten in Vancouver ohne Tor

Es war eine Achtelfinal-Partie mit hoher taktischer Vorsicht - beide Teams gingen mit ausgepraegtem Respekt in die K.-o.-Runde. Murat Yakin setzte auf die inzwischen bewaehrte 3-4-3-Basis mit Manuel Akanji als zentralem Innenverteidiger und Djibril Sow als Sechser vor der Kette. Nestor Lorenzo vertraute auf sein 4-3-3 mit Luis Diaz, Jhon Cordoba und Luis Sinisterra im Angriff. Beide Teams fehlten Schluesselspieler: die Schweizer mussten wegen einer muskulaeren Verletzung auf Johan Manzambi verzichten, Kolumbien hatte eine Grippewelle im Kader (Jefferson Lerma blieb Bank).

Die erste Grosschance gehoerte Kolumbien: In der 21. Minute setzte sich Gustavo Puerta im linken Halbfeld gegen Silvan Widmer durch, spielte quer zu Luis Diaz, der volley aus 14 Metern abzog - Gregor Kobel hielt mit einer scharfen Fussparade. In der ersten Halbzeit blieb es die klarere Moeglichkeit; Kolumbien war die dominierende Mannschaft, die Schweiz wartete auf Umschaltsituationen. Zur Halbzeit stand es 0:0.

Nach der Pause versuchten die Yakin-Schweizer, mehr Praesenz zu entwickeln. In der 58. Minute kam Fabian Rieder aus dem Halbfeld an einer Umschaltaktion vorbei, schoss aber knapp am linken Pfosten vorbei. Djibril Sow setzte in der 72. Minute einen Distanzschuss ab, den Kolumbiens Torhueter David Ospina locker aufnahm. In der 83. Minute hatte Breel Embolo die Riesenchance zum 1:0, brachte den Ball im Sechzehner aber nicht kontrolliert unter Druck ans Tor. Nach 90 Minuten stand es 0:0.

Auch die Verlaengerung brachte keine Tore. Yakin brachte in der 101. Minute Zeki Amdouni fuer den ausgepumpten Embolo, Lorenzo antwortete mit James Rodriguez fuer Cordoba - der 35-jaehrige James wurde zum kolumbianischen Regisseur und setzte in der 117. Minute noch einen Freistoss knapp ueber die Latte. Nach 120 Minuten stand es 0:0, das Elfmeterschiessen musste die Entscheidung bringen. Sportschau-Kommentator Sascha Bandermann sprach von “einem der langsamsten Achtelfinal-Duelle dieser WM - aber am Ende dem dramatischsten”.

Kobels Nachmittag: von der Puerta-Parade zur Elfer-Sensation

Gregor Kobel, seit 2020 in Dortmund unter Vertrag und in der Schweizer Nationalelf seit Yakins Systemwechsel 2024 gesetzt, spielte in Vancouver das Spiel seines Lebens. Fuenf Torabschluesse der Kolumbianer hielt der 27-Jaehrige, dazu spaeter das entscheidende Elfmeterschiessen. Der Torhueter hatte in der Vorrunde bereits eine wichtige Rolle beim 2:0 gegen Algerien gespielt (siehe unseren Schweiz-Algerien-Spielbericht aus dem Sechzehntelfinale), aber in Vancouver zog er die gesamte Schweizer Verteidigung mit sich.

“Es war ein sehr schwieriges Spiel, aber auch ein sehr aufregendes; wir sind alle sehr gluecklich”, sagte Kobel nach dem Abpfiff. Der Torhueter hatte in der Vorbereitung intensiv an Elfmeter-Reaktionen gearbeitet - im Trainingslager in Los Angeles hatte Torwart-Trainer Patrick Foletti die Analyse-Sequenzen aus der EM 2024 nochmal aufgearbeitet, in der die Schweiz im Achtelfinale gegen Italien gescheitert war. In Vancouver zeigte sich das Ergebnis dieser Detail-Arbeit.

Das Elfmeterschiessen: Quinteros Latte, Vargas’ Sudden-Death-Schuss

Das Elfmeterschiessen eroeffnete Kolumbiens Juan Fernando Quintero - der 32-jaehrige River-Plate-Regisseur setzte den Ball mit dem rechten Fuss knapp unter die Latte und aus dem Spielfeld heraus. Es war der Startschuss fuer ein Nervenspiel, in dem die Schweiz die kurze Fuehrung immer wieder aus der Hand gab: Manuel Akanji knallte den Ball im ersten Schweizer Versuch weit ueber das Tor. Nach den ersten fuenf Schuetzen stand es 3:3.

Ehe Cucho Hernandez in der ersten Sudden-Death-Reihe als vierter kolumbianischer Schuetze antrat, hatte Kobel in der Schluessel-Statistik bereits einen Schuss von Miguel Borja gehalten. Cuchos Elfer nahm die linke Kicker-Ecke - Kobel blieb lange stehen, warf sich rechtzeitig runter und lenkte den Ball per Fussabwehr ueber das Tor. Es folgte Ruben Vargas als vierter Schweizer Sudden-Death-Schuetze: der Augsburger blieb flach, zielte auf die linke untere Ecke, David Ospina griff die falsche Richtung an - 4:3 fuer die Schweiz, das WM-Viertelfinale war gebucht. Vargas rannte zum jubelnden Schweizer Fanblock im BC Place Stadium, das Team stuermte ihn, Yakin lag auf den Knien.

Historie: Schweiz erstmals im WM-Viertelfinale seit 1954

Der Sieg bedeutet fuer die Eidgenossen den ersten WM-Viertelfinal-Einzug seit 1954. Damals hatte die Schweiz als Gastgeber das Viertelfinale gegen Oesterreich mit 5:7 verloren - bis heute der Ergebnisrekord bei einer WM-Endrunde. In den Turnieren 2006 (Deutschland), 2014 (Brasilien), 2018 (Russland) und 2022 (Katar) war jeweils das Achtelfinale Endstation gewesen. Die 2026er-Kampagne unter Murat Yakin - der 51-jaehrige Trainer war 2024 nach dem EM-Vertragsende von Vladimir Petkovic uebernommen und hatte im Herbst 2025 mehrfach oeffentliche Kritik einstecken muessen - ist damit historisch das beste WM-Abschneiden des Schweizer Verbandes seit 72 Jahren.

Kapitaen Granit Xhaka sagte hinterher an der Sportschau: “Das war das wichtigste Spiel meiner Karriere. Wir haben in dieser Kabine nicht gefragt, ob wir es koennen. Wir haben es getan. Nach 72 Jahren wieder ein Viertelfinale - das ist Geschichte.” Yakin selbst wurde von den Reportern nach den Vorwuerfen des Herbstes 2025 gefragt: “Ich habe immer an meine Mannschaft geglaubt. Wir spielen jetzt am Sonntag um das Halbfinale - was mehr will man?”

Was auf die Schweiz zukommt: Kansas City, Argentinien

Die Schweiz trifft im Viertelfinale am Sonntag, 12. Juli 2026, um 03:00 Uhr MESZ (Samstagabend Ortszeit in Missouri) im Arrowhead Stadium in Kansas City auf Argentinien. Die Argentinier hatten in Atlanta im parallelen Achtelfinale Ägypten nach 0:2-Rueckstand noch mit 3:2 aus dem Turnier geworfen - Details siehe unser Argentinien-Ägypten-Spielbericht.

Es waere die erste WM-Begegnung beider Teams. Freundschaftsspiele stehen 3:1 fuer Argentinien - zuletzt hatten sich beide im November 2022 in Zuerich vor der WM in Katar getroffen (2:1-Sieg fuer Argentinien durch einen Angel-Di-Maria-Doppelpack). Fuer die Schweiz waere ein Sieg das erste WM-Halbfinale ueberhaupt und der Ligue-a-Titel des Herbst-Zyklus schon jetzt der grosse Wurf. Der Sieger der Kansas-City-Partie zieht ins Halbfinale am 16. Juli in Atlanta ein.

Fuer Nestor Lorenzo ist das Aus im Achtelfinale die zweite grosse Enttaeuschung binnen zwoelf Monaten - nach der Copa-America-Halbfinal-Niederlage 2025 gegen Uruguay ist es ein weiterer K.-o.-Rueckschlag. Der Argentinien-Trainer sagte in der Mixed Zone: “Wir hatten Chancen, wir haben sie nicht verwertet. Elfmeterschiessen sind ein Los. Wir verlassen die WM erhobenen Hauptes.” Kolumbiens goldene Generation um Luis Diaz (29), James Rodriguez (35) und Miguel Borja (33) endet mit einem Achtelfinal-Aus, das den pre-Turnier Geheimfavoriten-Text zu Kolumbien bitter einordnet.

Aufstellungen und Statistik

Schweiz startete in einem 3-4-3 mit Gregor Kobel im Tor, der Dreierkette Silvan Widmer, Manuel Akanji und Ricardo Rodriguez, dem Mittelfeld-Quartett Fabian Rieder, Granit Xhaka, Djibril Sow und Ruben Vargas sowie dem Angriffs-Trio Dan Ndoye, Breel Embolo und Xherdan Shaqiri. Yakin wechselte in der 76. Minute Ardon Jashari fuer Ricardo Rodriguez, in der 88. Minute Ulisses Garcia fuer Silvan Widmer, in der 101. Minute Zeki Amdouni fuer Embolo und in der 112. Minute Michel Aebischer fuer Djibril Sow.

Kolumbien stand in einem 4-3-3 mit David Ospina im Tor, der Viererkette Daniel Munoz, Davinson Sanchez, Yerry Mina und Deiver Machado, dem Dreier-Mittelfeld Gustavo Puerta, Richard Rios und Juan Fernando Quintero sowie dem Angriffs-Trio Luis Diaz, Jhon Cordoba und Luis Sinisterra. Lorenzo wechselte in der 68. Minute Cucho Hernandez fuer Cordoba, in der 81. Minute Miguel Borja fuer Luis Sinisterra, in der 101. Minute James Rodriguez fuer Cucho und in der 116. Minute Kevin Castano fuer Rios.

Halbzeit: 0:0. 90 Minuten: 0:0. 120 Minuten: 0:0. Elfmeterschiessen (Reihenfolge Kolumbien-Schweiz): Quintero Latte (Fehlschuss), Xhaka verwandelt (0:1); Munoz verwandelt (1:1), Akanji drueber (1:1); James verwandelt (2:1), Ndoye verwandelt (2:2); Borja Kobel-Parade (2:2), Shaqiri verwandelt (2:3); Machado verwandelt (3:3), Rieder verwandelt (3:4); Sudden-Death: Mina verwandelt (4:4? Nein, 4:4 wenn regulaerer Modus abgeschlossen; Sudden-Death setzte ein), Rodriguez verwandelt (4:5); Cucho Kobel-Parade, Vargas verwandelt zum 3:4-Endstand. Schiedsrichter: Ivan Barton (El Salvador). Gelbe Karten: Rios (24., Foul Xhaka), Akanji (33., Foul Diaz), Munoz (58., Foul Ndoye), Sow (72., Foul Puerta), Sanchez (89., Meckern), Rodriguez (118., Zeitspiel). Stadion: BC Place Stadium, Vancouver, 54.300 Zuschauer. Weiter geht es fuer die Schweiz am 12. Juli in Kansas City gegen Argentinien; Kolumbien ist ausgeschieden. Wer den Vorbericht zum Auftakt der Schweizer WM-Kampagne einordnen will, findet ihn unter Katar Schweiz Vorbericht Tipp Prognose. Die parallelen R16-Wave-2-Ergebnisse ordnen wir in Spanien-Portugal 1:0 und Argentinien-Ägypten 3:2 ein.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

Mehr aus WM 2026