Skandal-Derby in Mannheim: 35 Polizisten und 85 Fans verletzt, DFB kuendigt Aufarbeitung an
Nach 35 Minuten Unterbrechung, 35 verletzten Polizisten und Rui Motas Handschlag-Verweigerung siegt der FCK 1:0 nV in Mannheim. DFB kuendigt Aufarbeitung an.
Von Lukas Brandt 22. August 2026
Das erste Suedwest-Derby der 1. DFB-Pokal-Runde 2026/27 hat am Freitagabend, 21. August 2026, im Carl-Benz-Stadion in Mannheim beinahe zum ersten offiziellen Pokal-Abbruch der jueguen Geschichte gefuehrt. Der 1. FC Kaiserslautern setzt sich am Ende mit 1:0 nach Verlaengerung gegen den SV Waldhof Mannheim durch, Ibrahim Kanate trifft in der 120. Minute. Der sportliche Rahmen tritt vollstaendig hinter dem zurueck, was zwischen regulaerer Spielzeit und Verlaengerung passiert: Rangelei auf dem Platz, Raketen und Bengalos aus beiden Kurven, Platzsturm aus dem Mannheimer Block, Polizei-Einsatz mit berittenen Kraeften und Pfefferspray, 35 verletzte Polizistinnen und Polizisten, 85 Fans in medizinischer Versorgung, acht davon im Krankenhaus. Der DFB hat noch am Abend eine Aufarbeitung angekuendigt.
120 Minuten Pokal-Nachspiel, dahinter 35 Minuten Unterbrechung
Sportlich blieb die Partie ueber 90 Minuten torlos. Der Waldhof kommt fruehe Chancen durch Kushtrim Asallaris Distanzschuss (12.) und Julian Rieckmanns Abschluss (31.), der FCK antwortet mit Gelegenheiten von Paul Joly und Marlon Ritter; ein Schuss von Thierry Tazemeta klatscht kurz vor der Pause an den Pfosten. In der 3. Minute muss Schiedsrichter Robert Schroeder das Spiel zum ersten Mal fuer mehrere Minuten unterbrechen: Aus dem FCK-Gaesteblock steigt dichter Rauch nach Pyrotechnik-Einsatz, die Mannheimer Kurve reagiert mit eigenen Bengalos und wirft Gegenstaende Richtung FCK-Torwart Julian Krahl. Nach Klaerung wird weitergespielt.
Nach dem 0:0 zur regulaeren Endzeit eskaliert dann alles auf einmal. Der Ausloeser ist ein Wortgefecht in der 8. Minute der eigentlichen Verlaengerung zwischen Marlon Ritter (FCK) und Goncalo Gregorio (Waldhof); binnen Sekunden entwickelt sich eine Rudelbildung, in die auch Fabian Kunze und FCK-Keeper Thijmen Nijhuis hineingeraten. Aus beiden Kurven fliegen Raketen und Feuerwerkskoerper Richtung Rasen und Nachbarblock. Waldhof-Fans stuermen den Platz. Schroeder schickt beide Mannschaften in die Kabinen. Die Polizei ruecken mit berittenen Kraeften und Pfefferspray ins Innere des Stadions vor, um die Situation zu befrieden.
Erst nach mehr als 35 Minuten Unterbrechung kann die Verlaengerung angepfiffen werden - dann mit einer Stadion-Durchsage, die klarmacht, dass jeder weitere Vorfall zum Abbruch fuehrt. Sportlich entscheidet Kanate in der 120. Minute per Distanzschuss aus 18 Metern und trifft ins linke Toreck. FCK gewinnt 1:0, zieht in die 2. Runde ein. Die Auslosung fuer diese Runde findet wegen des Franz-Beckenbauer-Supercup am 22. August erst am 5. September 2026 statt.
Rui Mota verweigert Handschlag: “Ich bin kein Heuchler”
Der eigentliche Trainer-Eklat folgt auf der gemeinsamen Pressekonferenz nach Abpfiff. Waldhof-Trainer Rui Mota, portugiesischer Coach in seiner ersten Zweitliga-Saison beim Waldhof, hat Torsten Lieberknecht den Handschlag verweigert. Auf die Nachfrage der anwesenden Journalistinnen und Journalisten reagiert Mota nicht ausweichend, sondern ausfuehrlich:
“Wenn du im Spiel jemanden hast, der auf dich zugeht und gegen dich kaempfen will, ist es nicht so, bloss weil es nach dem Spiel nett aussieht.”
Und weiter, mit Bezug auf eine als bedrohlich erlebte Szene in der Coaching-Zone:
“Und wenn mich jemand waehrend des Spiels bedroht und dann spaeter zu mir kommt und sagt: gut gemacht, wir haben gewonnen… Ich habe keine zwei Gesichter, ich habe nur ein Gesicht.”
Der Kernsatz, mit dem er die Handschlag-Verweigerung woertlich begruendet:
“Ich bin kein Heuchler und ich schuettele nicht die Hand, nur um vor der Kamera nett auszusehen.”
Wen genau er als bedrohlich empfand, konkretisiert Mota nicht. Auf FCK-Seite verzichtet Lieberknecht auf eine oeffentliche Erwiderung; er nennt die Partie ein “wirklich wuerdiges Derby” und lobt die Fairness auf dem Platz. Fuer eine Pokal-Erstrunde ist die Handschlag-Verweigerung eines Trainers unter Verweis auf eine subjektive Bedrohungslage von der Gegenbank ein Novum in der juengeren Geschichte des DFB-Pokals.
Schiedsrichter Robert Schroeder: “Wenn Menschen gefaehrdet sind, hoert der Spass auf”
Robert Schroeder, aktuell in seiner zweiten Saison im DFB-Elite-Kader, geht mit seinen Bewertungen erstaunlich offen um. Auf die Frage, wie nah der Abbruch war, antwortet er im Sport1-Interview:
“Wenn Raketen aufs Spielfeld oder sogar auf die Tribuenen fliegen und Menschen verletzt werden koennen, dann ist das immer eine sehr sensible Situation.”
Und:
“Wenn irgendwo Menschen gefaehrdet sind, dann hoert der Spass auf und dann ist man sehr nah am Abbruch.”
Zur Aufarbeitung fuegt Schroeder hinzu: “Wir werden das im Sonderbericht alles erfassen. Der wird entsprechend lang sein. Und dann ist es die Aufgabe des Spielausschusses oder des Sportgerichtes, da die Sanktionen zu finden.” Das Sonderbericht-Verfahren dauert in solchen Faellen mehrere Werktage; der DFB-Kontrollausschuss uebernimmt und leitet danach an das DFB-Sportgericht weiter. Ueblich sind Geldstrafen im mittleren fuenfstelligen bis niedrigen sechsstelligen Bereich pro Verein, kombiniert mit Bewaehrungsaufloesungen aus alten Verfahren.
35 Polizisten und 85 Fans verletzt, acht im Krankenhaus
Die Polizeibilanz vom Samstagmorgen quantifiziert das Ausmass des Einsatzes: 35 verletzte Polizistinnen und Polizisten - davon 33 aus dem Bundespolizei-Kontingent und 2 aus baden-wuerttembergischen Landeskraeften. 85 Fans wurden medizinisch versorgt, acht davon in Krankenhaeusern. Insgesamt waren 1400 Einsatzkraefte rund um das Carl-Benz-Stadion im Dienst.
Die Polizeidirektion Mannheim hat Ermittlungsverfahren eingeleitet wegen:
- Beleidigungen,
- verschiedener Koerperverletzungsdelikte,
- Sachbeschaedigungen (u.a. herausgerissene Sitzschalen im FCK-Block, siehe Actionpress-Fotostrecke),
- Landfriedensbruchs,
- taetlichen Angriffs auf Polizeibeamte,
- Verstoessen gegen das Sprengstoffgesetz.
Konkrete Festnahme-Zahlen liegen am Samstagmorgen noch nicht vor; die Polizei kuendigt Nachmeldungen im Tagesverlauf an.
DFB kuendigt Aufarbeitung an, Sanktionen ueber Spielausschuss und Sportgericht
Der DFB hat noch am Freitagabend reagiert. Die Verbandsstellungnahme kuendigt eine umfassende Aufarbeitung an: Der Verband werde die Berichte auswerten und an die zustaendigen Gremien weiterleiten. Kernbotschaft: Fuer sicherheitsgefaehrdendes Verhalten gebe es im Fussball keinen Platz. Konkret zustaendig sind der DFB-Spielausschuss (fuer die sportliche Frage rund um Fast-Abbruch und Wiederanpfiff) und der DFB-Kontrollausschuss (fuer die eigentlichen Sanktionen gegen die beiden Vereine). Ueber die Hoehe moeglicher Geldstrafen entscheidet nach Eingang des Schiedsrichter-Sonderberichts und der Stellungnahmen beider Vereine das DFB-Sportgericht. Beide Klubs muessen mit spuerbaren Konsequenzen rechnen - die verletzten Einsatzkraefte werden dabei erschwerend wirken.
Auf FCK-Seite hat Sport-Vorstand Thomas Hengen im Sky-Interview klare Worte gefunden: “Es war ein Derby und das muss auf dem Platz bleiben. Was dann auf den Raengen abgegangen ist, das war drueber. Das schadet uns, das schadet allen, das schadet dem Fussball.” Waldhof-Mannheim positionierte sich am spaeten Freitagabend zurueckhaltender; eine formelle Klub-Stellungnahme ist fuer Samstag angekuendigt.
Einordnung: erster Eskalations-Chapter nach der Fanprotest-Preview vom Vortag
Die Ausschreitungen fallen zeitlich exakt in das Fenster, das der kicker am Donnerstagvormittag als Fanprotest-Buehne beschrieben hatte: Die aktiven Fanszenen der Bundesliga und der 2. Bundesliga hatten die Erstrunde als Buehne fuer Choreografien gegen den Videobeweis vorbereitet. Der Sonderfall Mannheim-Kaiserslautern - hoehere Zweitliga-Rivalitaet, jahrzehntealtes Suedwest-Derby, freitagabends im Free-TV der ARD - haette diese Buehne besonders exponiert. Stattdessen ueberdeckt die reine Gewaltbilanz die politische Botschaft komplett. Das duerfte den fanpolitischen Diskurs der kommenden Woche in eine Richtung ziehen, mit der die organisierten Fanszenen selbst nicht kalkuliert haben: die Debatte verschiebt sich von “VAR-Abschaffung” hin zu “Kollektivstrafen und Sicherheitsauflagen”.
Fuer die DFB-Regelschulungs-Insel-Loesung, ueber die der Verband am 18. August informiert hatte, ist das ein doppelter Belastungstest: Weder der neue Kircher-Drees-Kurs (VAR bleibt, wird UEFA-naeher) noch die aktive Fanprotest-Kaskade koennen jetzt die Deutungshoheit im Post-WM-Regel-Diskurs beanspruchen. Beide muessen sich zu dem in Mannheim entstandenen Bild verhalten. Fuer das kommende Franz-Beckenbauer-Supercup-Wochenende BVB gegen Bayern in Muenchen am Samstagabend heisst das: Der DFB und beide Klub-Fuehrungen werden die eigenen Kurven vorab intensiver ansprechen als in normalen Bundesliga-Auftakt-Wochen; die Bilder aus Mannheim wirken hier praeventiv - und stehen zusammen mit dem Apollo-Milliarden-Kredit-Angebot fuer die Bundesliga vom Freitagmorgen in einem sich zuspitzenden Post-WM-Bundesliga-Governance-Rahmen.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.
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