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WM 2026

Ancelotti bleibt bei Brasilien: "Solange ich leidenschaftlich bin, mache ich weiter"

Ancelotti bleibt trotz Brasiliens WM-Achtelfinal-Aus gegen Norwegen. Der Italiener steht bis 2030 unter Vertrag und ruft den Umbruch mit jungen Spielern aus.

Von Marco Feldmann 06. Juli 2026

East Rutherford, 5. Juli 2026: Carlo Ancelotti an der Seitenlinie im MetLife Stadium beim Achtelfinale zwischen Brasilien und Norwegen. Der Italiener bekräftigte nach dem 1:2 seinen Verbleib als Selecao-Trainer und rief den Umbruch aus. Foto: Zuma Press. Foto: Zuma Press via SmartFrame

Am Morgen nach der bittersten Nacht der aktuellen Selecao-Ära hat Carlo Ancelotti klargestellt, dass er nicht daran denkt, aufzuhören. Der Italiener bleibt trotz des 1:2 im WM-Achtelfinale gegen Norwegen im MetLife Stadium am Sonntagabend brasilianischer Nationaltrainer. Auf der Pressekonferenz nach Abpfiff wählte der 66-Jährige den einen Satz, den Brasiliens Presse in der Nacht auf Montag prompt in jedes Titelblatt hob: “Solange ich leidenschaftlich bin, werde ich diesen Job weiter machen.” Rund 14 Stunden später bestätigte auch der Kicker in einem Nachbericht am 6. Juli um 09:27 UTC, dass Ancelotti bleiben möchte - der Vertrag mit dem brasilianischen Verband CBF läuft in einer zweistufigen Struktur bis zur WM 2030 in Spanien, Portugal und Marokko und wird nicht angetastet.

Die Pressekonferenz in East Rutherford

Wenige Meter neben der Kabine, in der Neymar wenige Minuten zuvor seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft verkündet hatte, setzte sich Ancelotti in der FIFA-Pressezone des MetLife Stadium hinter das Mikrofon. Er sprach ruhig, im gleichen mimischen Register, das ihn seit dreißig Jahren im europäischen Klub-Fußball auszeichnet. Der zentrale Satz kam ohne Umweg: “Ich bin schon immer sehr leidenschaftlich bei diesem Job, seit ich ein Kind war.” Und einen Halbsatz später der programmatische Nachsatz für die Selecao: “Wir werden diese Niederlage nehmen und wir werden sie als Treibstoff für den neuen Zyklus nutzen.”

Kapitän Marquinhos wählte auf demselben Podium einen anderen Ton. “Es ist unerklärlich, was passiert ist. Wir müssen uns bei allen entschuldigen, dass wir es heute nicht geschafft haben”, sagte der 32-jährige Paris-Saint-Germain-Innenverteidiger. Dann der Blickwechsel: “Wir haben vier Jahre bis zur nächsten Weltmeisterschaft und hoffen, dass wir sie dann gewinnen.” Vier Jahre - das ist die Rechnung, die dem Selecao-Kader die WM 2030 als Wiedergutmachungs-Termin markiert. Fünf brasilianische Titel wären dort möglich, ein sechster Stern der ausdrückliche Auftrag der CBF-Führung um Präsident Ednaldo Rodrigues.

Vertragslage - warum die Verlängerung im Mai 2026 jetzt wirkt

Die Vertrags-Konstruktion, die den Ancelotti-Verbleib nach dem Achtelfinal-Aus trägt, ist erst sieben Wochen alt. Am 21. Mai 2026 hatte die CBF die vorzeitige Verlängerung mit dem seit Mai 2025 amtierenden Italiener bekannt gegeben. Der ursprünglich bis zur WM 2026 laufende Vertrag wurde in zwei Phasen unterteilt: eine feste Laufzeit bis 2028 mit automatischer Verlängerungsklausel bis 2030. An den Konditionen änderte sich nichts. Ancelotti verdient in Rio de Janeiro rund zehn Millionen Euro pro Jahr und bleibt damit der bestbezahlte brasilianische Nationaltrainer aller Zeiten - vor Luiz Felipe Scolari, Tite und Fernando Diniz.

Der Termin der Verlängerung war öffentlich als “historischer Tag” inszeniert worden. Sechs Wochen später hat dieselbe Klausel eine ganz andere Funktion: Sie verhindert eine sofortige Trainerdebatte, wie sie in Deutschland gerade um Julian Nagelsmann und die 7-Millionen-Euro-Abfindung läuft. Die CBF hat sich das Recht auf einen Neuanfang bereits im Mai verwehrt - und Ancelotti hat es sich in East Rutherford genommen.

Die Umbruch-Baustellen

Der Kader, der am 5. Juli 2026 in East Rutherford auf dem Platz stand, wird in dieser Form nicht wieder auflaufen. Ancelotti hat den Umbruch angekündigt, und die ersten Ausgänge sind bereits sortiert:

  • Neymar (33): Rücktritt am Spielabend, dokumentiert im MetLife-Kabinen-Statement. 130 Länderspiele, 80 Tore.
  • Casemiro (34): Der Manchester-United-Sechser steht vor einer Grundsatz-Entscheidung. Der letzte defensive Fixpunkt aus dem WM-2018-Kader von Tite dürfte in der September-Länderspielperiode den Weg für eine jüngere Achse freimachen.
  • Danilo (35, Flamengo) und Fabinho (32, Al-Ittihad): beide vor dem Ende des Länderspieler-Zyklus.
  • Alisson (33, Liverpool) und Ederson (32, Manchester City): die Torwart-Nachfolge um Bento (26, Al-Nassr) muss forciert werden.

Die Achse, mit der Ancelotti in den neuen Zyklus geht, ist längst benannt und bereits am 5. Juli 2026 in MetLife auf dem Platz gestanden: Marquinhos (32) bleibt Kapitän, Vinicius Junior (25, Real Madrid), Rodrygo (25, Real Madrid), Bruno Guimarães (28, Newcastle United) und Endrick (19, Real Madrid) tragen die Verantwortung nach vorne. Dazu die Wechsel-Ideen aus der Norwegen-Partie - Estevão (18, Chelsea), Andrey Santos (21, Chelsea), Vitor Roque (20, Palmeiras) und Wesley (21, Al-Nassr) - die Ancelotti in den kommenden Länderspiel-Perioden systematisch integrieren wird.

Der neue Zyklus - vom September 2026 zur WM 2030

Der Terminkalender liest sich für die Selecao ab sofort so:

  • September 2026: Test-Länderspielperiode gegen europäische und afrikanische Verbände zur Vorbereitung auf die Copa America 2027.
  • Copa America 2027 in Ecuador: erstes Turnier des neuen Zyklus, klassische CONMEBOL-Endrunde mit zwölf Teilnehmern.
  • Copa America 2028 in den USA: erneute CONCACAF-CONMEBOL-Kooperation nach dem Modell 2024 und 2016 - Trainings-Vorlauf für den WM-Kontinent.
  • Südamerikanische WM-Qualifikation 2028-2029: Zehner-Runde mit sechs Direktqualifikanten für die WM 2030.
  • WM 2030 in Spanien, Portugal und Marokko sowie Eröffnungsspiele in Uruguay, Argentinien und Paraguay zum 100. Turnier-Jubiläum: das Ziel, an dem Ancelotti gemessen wird.

Fünfeinhalb Jahre - so lange läuft der Auftrag, den der Italiener am Sonntagabend übernommen hat, ohne dass ihn jemand neu ausgeschrieben hätte. Ancelotti ist der erste ausländische Trainer, der Brasilien bei einer WM auf der Bank saß, und er wird nun auch der erste sein, der einen kompletten südamerikanischen Zyklus bis zu einer WM in Europa gestaltet.

Präzedenz - so haben andere Trainer WM-K.o.-Runden überlebt

Ein Achtelfinal-Aus als Punkt, an dem ein Nationaltrainer geht, ist historisch die Ausnahme, nicht die Regel. Aktuellste Vergleichs-Fälle:

  • Didier Deschamps (Frankreich): nach dem WM-Finale 2022 in Katar gegen Argentinien blieb er im Amt und führte die Equipe Tricolore zurück zur WM 2026 - wo Frankreich derzeit vor dem Viertelfinale gegen Marokko am 9. Juli in Boston steht.
  • Roberto Martinez (Portugal): nach dem Viertelfinal-K.o. mit Belgien 2018 in Russland blieb der Spanier auf der Bank bis 2022 und trat 2023 die Selecao-Nachfolge von Fernando Santos an.
  • Joachim Löw (Deutschland): erst nach dem EM-Achtelfinal-Aus 2021 gegen England zog er den Schlussstrich - drei Jahre nach dem Vorrunden-K.o. der WM 2018.

In Rio de Janeiro spricht damit nichts strukturell gegen Ancelottis Verbleib. Kicker hatte bereits am Morgen unter der Überschrift “Ancelotti greift daneben - und möchte bleiben” die Doppel-Botschaft festgehalten: Der Trainer trägt die sportliche Verantwortung mit, verhandelt aber keinen Abgang. Marquinhos’ Vier-Jahres-Rechnung passt exakt zur Verlängerungsklausel. Und die brasilianische Kader-Achse hat mit dem 25-jährigen Real-Duo Vinicius/Rodrygo, dem 19-jährigen Endrick und dem 18-jährigen Chelsea-Neuzugang Estevão einen jüngeren Kern, als ihn Brasilien in einer WM-Startelf seit Jahren hatte.

Die Wette der CBF ist einfach: dass genau dieser Kern mit einem Trainer, der drei Champions-League-Titel gewonnen hat und die Selecao zwölf Monate lang beim Turnier-Turnier begleitet hat, in fünfeinhalb Jahren beim sechsten Stern ankommt. Der Terminal-Wert des Achtelfinal-Ausfalls von East Rutherford ist damit klar definiert: Treibstoff - Ancelottis Wort.

Weitere Kontext-Lesart zur WM 2026 und der Brasilien-Titel-Chance liefert der WM-Rechner Weltmeister-Prognose, zur Turnier-Bilanz der Selecao die Brasilien-Teamseite bei der WM 2026.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

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