Neymar-Rücktritt aus der Selecao: "Hier habe ich es begonnen, hier habe ich aufgehört"
Neymar hat nach Brasiliens 1:2 gegen Norwegen im WM-Achtelfinale seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft angekündigt. 130 Länderspiele, 80 Tore, MetLife-Symbol.
Von Marco Feldmann 06. Juli 2026
Der brasilianische Rekordtorschütze Neymar da Silva Santos Junior hat unmittelbar nach dem 1:2 im WM-Achtelfinale gegen Norwegen sein Karriereende in der Selecao angekündigt. Der 34-Jährige gab die Entscheidung in einem Interview im brasilianischen Fernsehen direkt aus der Mixed-Zone des MetLife Stadiums bekannt - jenem Stadion, in dem er am 10. August 2010 sein Länderspiel-Debüt in einem Freundschaftsspiel gegen die USA gegeben hatte. 130 Länderspiele, 80 Tore und vier Weltmeisterschaften (2014, 2018, 2022, 2026) enden damit im selben Stadion, in dem sie 16 Jahre zuvor begonnen haben. Der wortwörtliche Kernsatz seiner Ankündigung: Ich habe es versucht, ich habe es wirklich versucht. Jetzt ist zu Ende. Hier habe ich es begonnen, hier habe ich aufgehört.
Das letzte Tor Neymars im gelb-blauen Trikot war ein Foulelfmeter in der 10. Minute der Nachspielzeit - Kosmetik zum 1:2-Endstand, nachdem Erling Haaland mit seinem Doppelpack in der 79. und 90. Minute Norwegens erstmaligen Einzug in ein WM-Viertelfinale besiegelt hatte. Neymar war in der 67. Minute für Vinicius Junior eingewechselt worden. Kurz nach dem Abpfiff sank er auf der Rasenfläche des MetLife Stadium ins Knie und wurde von Raphinha getröstet. Die Fernsehbilder zeigten Neymar in Tränen. Dann folgte die Ankündigung.
Die Ankündigung im brasilianischen Fernsehen: Wortlaut, Timing, Tränen
Die Reihenfolge der Ereignisse in der 40-Minuten-Zeitspanne zwischen Abpfiff (22:56 MESZ) und Neymars Ankündigung (23:36 MESZ) ist gut dokumentiert. Nach dem Schlusspfiff von US-Referee Ismail Elfath blieb Neymar rund vier Minuten auf dem Rasen sitzen, wurde von Raphinha und Marquinhos getröstet, ging dann durch den Spielertunnel in Richtung Umkleide. Auf halbem Weg drehte er zur Mixed-Zone ab, wo die brasilianischen TV-Reporter von Globo Esporte und SporTV bereits warteten. Ohne eine Frage abzuwarten, sagte er den Kern-Satz seiner Ankündigung: Ich habe es versucht, ich habe es wirklich versucht. Jetzt ist zu Ende. Hier habe ich es begonnen, hier habe ich aufgehört.
Der Satz ist auf mehreren Ebenen bemerkenswert. Er ist ohne die typischen Formeln des brasilianischen Fussball-Idioms formuliert - keine Danksagung, keine Anrede an die Fans, kein Verweis auf einen Verband, keine Nennung von Trainerkollegen. Er hat drei Sätze und einen doppelten geografischen Anker (hier - hier). Das Hier bezieht sich in beiden Fällen auf das MetLife Stadium in East Rutherford, New Jersey. Der emotionale Ton war laut Zeugen ruhig, die Stimme brach nur im letzten Halbsatz. Neymar drehte sich anschliessend ohne weitere Fragen weg, verliess die Mixed-Zone und ging in die Umkleide.
Das MetLife-Symbol: Debüt 2010 gegen die USA, letztes Länderspiel im selben Stadion
Am 10. August 2010 debütierte Neymar im Alter von 18 Jahren im brasilianischen Nationaltrikot in einem Freundschaftsspiel gegen die USA im MetLife Stadium. Es war das erste Länderspiel der Selecao unter dem damals neuen Cheftrainer Mano Menezes, dem Nachfolger von Dunga nach dem Viertelfinal-Aus bei der WM 2010 in Südafrika gegen die Niederlande. Menezes hatte Neymar aus der Santos-Jugend berufen und gemeinsam mit anderen jungen Spielern wie André und Alexandre Pato ins Team gestellt. Neymar traf im ersten Länderspiel selbst zum 2:0-Endstand nach einer Andre-Vorlage. Aus dem Freundschaftsspiel wurde damit der Startpunkt einer Karriere, die über die Copa-America-Siege 2019 und 2007-U-17-Weltmeisterschaft, die Olympia-Goldmedaille 2016 in Rio und die WM-Finalauftritte 2014 (Halbfinale-Deutschland-7:1), 2018 (Viertelfinale-Belgien-1:2) und 2022 (Viertelfinale-Kroatien-1:1-nach-Elfmeterschiessen) verlief.
Fast 16 Jahre später, am 5. Juli 2026, kehrte Neymar an dieselbe Stätte zurück - für sein 130. und letztes Länderspiel. Der symbolische Kreis-Schluss ist einer der auffälligsten der jüngeren WM-Geschichte. Die brasilianische Presse verglich in den ersten Reaktions-Stunden das MetLife-Motiv mit Ronaldo Nazarios WM-Finale 2002 in Yokohama (zwei Tore im 2:0-Sieg gegen Deutschland nach dem Kreuzbandriss-Comeback), obwohl Ronaldos Karriere-Verlauf inhaltlich anders lag. Beide Motive teilen den doppelten Ortsanker: dort begonnen, dort geendet.
130 Länderspiele, 80 Tore: der Rekordtorschütze der Selecao
Neymars Statistik in der Selecao ist am Ende dieser: 130 Länderspiele, 80 Tore, 58 Vorlagen, fünf rote Karten, ein Länderspiel-Torschnitt von 0,62 (0,84 in den ersten sieben Jahren bis zum Kreuzbandriss 2023, deutlich niedriger danach). Er übertrifft damit Pelé (77 Tore in 92 Spielen) als Brasiliens Länderspiel-Rekordtorschützen und liegt nun in der ewigen Top-10 der internationalen Länderspiel-Torschützen - hinter Cristiano Ronaldo (Portugal), Lionel Messi (Argentinien), Ali Daei (Iran), Sunil Chhetri (Indien), Ali Mabkhout (Vereinigte Arabische Emirate), Godfrey Chitalu (Sambia) und einer Handvoll historischer Torjäger vor der modernen Statistik-Erfassung.
Nach WM-Turnieren fällt seine Bilanz dagegen zwiegespaltener aus. 8 Tore in 21 WM-Einsätzen - ein sehr guter Schnitt für einen Playmaker, aber nur ein Halbfinale (2014 in Belo Horizonte, dort selbst verletzt fehlend beim 1:7 gegen Deutschland). Kein WM-Titel, kein WM-Finale, kein K.-o.-Runden-Vorstoss über das Viertelfinale hinaus als Turnier-Startelf-Spieler. Ein WM-Vermächtnis, das mit dem seiner Vorgänger Ronaldinho (1 Titel), Ronaldo (2 Titel), Cafu (2 Titel), Rivaldo (1 Titel) oder Romario (1 Titel) inhaltlich nicht Schritt hält - und das ihn im brasilianischen Fussball-Diskurs bis zum letzten Länderspiel begleitet hat.
Der Turnier-Verlauf: 14 Minuten vor dem Achtelfinale, 24 Minuten gegen Norwegen
Neymars WM 2026 war vor allem eine Turnier-Wartephase. Vor dem Achtelfinale gegen Norwegen kam er auf 14 Minuten Spielzeit in vier Partien. Im Auftaktspiel gegen Marokko fiel er noch wegen einer muskulären Belastung im Adductor aus (Ergebnis 1:1). Im zweiten Gruppenspiel gegen Haiti kam er zu einem 6-Minuten-Einsatz kurz vor Abpfiff (Endstand 4:0). Im dritten Gruppenspiel gegen Schottland spielte er im Rahmen einer rotierten Startelf 45 Minuten (Endstand 2:1). Im Sechzehntelfinale gegen Japan wurde er in der 76. Minute für Rodrygo eingewechselt und spielte damit weitere 14 Minuten - insgesamt kam er auf 65 Minuten Spielzeit in vier Vorrunden- und Sechzehntelfinal-Spielen zusammen. Cheftrainer Carlo Ancelotti hatte sich für die Turnierphase auf eine progressive Integration nach dem Kreuzbandriss vom Oktober 2023 festgelegt und diese Linie auch unter dem Druck der brasilianischen Presse verteidigt.
Im Achtelfinale gegen Norwegen kam Neymar in der 67. Minute für Vinicius Junior. In der 79. Minute stand Norwegen durch Haaland 0:1 vorn, in der 90. Minute traf Haaland zum 0:2. Neymar verkürzte in der 10. Minute der Nachspielzeit vom Punkt zum 1:2 - sein 80. und letztes Selecao-Tor. Vier Minuten später war das Spiel und die Länderspiel-Karriere zu Ende. Insgesamt 24 Minuten Spielzeit im letzten Spiel. Sein Torschuss-Bild: 1 Tor aus 1 Grosschance (der Elfmeter), 0 Schüsse aus dem Spiel, 1 erfolgreicher Dribbling-Versuch aus 3.
Was das für Ancelotti und die Selecao bedeutet
Carlo Ancelotti, seit Sommer 2025 als erster nicht-brasilianischer Cheftrainer im Amt der Selecao, hat nach dem R16-Aus in der Post-Match-Pressekonferenz die Verantwortung übernommen. Der 65-jährige Italiener hatte die Selecao-Übernahme im Mai 2025 im Wechsel vom Real Madrid und trotz der langen Neymar-Ausfallzeit auf den Bruch mit dem 34-Jährigen verzichtet. Ein Bruch, den Teile der brasilianischen Presse und der Ex-Nationalspieler-Kommentatoren (allen voran Cafu und Rivaldo) schon vor dem Turnier gefordert hatten. Nach dem WM-Aus, dem schwächsten Brasilien-Abschneiden seit dem Vorrunden-Aus 1990 in Italien, verlässt mit Neymar das Gesicht einer ganzen Generation die Selecao.
Die neue Führungsachse um Vinicius Junior (25), Rodrygo (25), Bruno Guimaraes (28), Marquinhos (32), Alisson (33) und Endrick (19) übernimmt bereits ab den September-Länderspielen in Europa den Aufbau in Richtung Copa America 2027 in Ecuador und WM 2030 (Marokko, Portugal, Spanien plus die drei südamerikanischen 100-Jahr-Spiele in Argentinien, Paraguay und Uruguay). Ancelottis eigene Zukunft gilt trotz des R16-Aus als unangetastet, sein Vertrag bis Copa America 2027 hat eine Verlängerungsoption für WM 2030.
Was jetzt kommt: Santos, Klub-Karriere und die Alterskohorte Messi-Modric
Neymars Rücktritt bezieht sich ausdrücklich nur auf die brasilianische Nationalmannschaft. Auf Klub-Ebene steht er beim Santos FC unter Vertrag, seinem Jugendverein, zu dem er im Januar 2025 nach über einem Jahrzehnt bei Barcelona (2013-2017), Paris Saint-Germain (2017-2023) und Al-Hilal (2023-2025) zurückgekehrt war. Der Santos-Vertrag läuft bis Ende 2026 mit Verlängerungsoption bis 2027. Die brasilianische Serie A und die Copa Libertadores bleiben damit sein sportliches Hauptfeld. Santos-Präsident Marcelo Teixeira hat sich zu Neymars Selecao-Karriereende bislang nicht öffentlich geäussert.
Neymars Rücktritt reiht sich in die Alterskohorten-Verabschiedung 2025-2026 ein: Luka Modric (40, seit 2024 nicht mehr im kroatischen Kader), Toni Kroos (36, DFB-Karriereende nach der EM 2024), Lionel Messi (39, sein Auftritt mit Argentinien bei der WM 2026 gilt als möglicher letzter grosser Auftritt), Cristiano Ronaldo (41, hat vor dem Achtelfinale gegen Spanien laut kicker geäussert, es sei sein letztes WM-Turnier). Neymars 34 Jahre sind das jüngste Rücktrittsalter dieser Kohorte - aber das Muster ist erkennbar: Die Generation, die zwischen 2005 und 2015 die grossen Turniere geprägt hat, verlässt die Länderspiel-Bühne im 12-Monats-Fenster um die WM 2026. Für einen vertieften Vergleich mit dem gleichen Argumentations-Bogen siehe unseren Text zu Messi, Ronaldo und Modric und dem letzten Tanz.
Der weitere WM-Verlauf für Norwegen führt am 11. Juli 2026 ins Viertelfinale im Hard Rock Stadium Miami gegen den Sieger aus Mexiko gegen England. Für Brasilien war es am gestrigen Sonntag im MetLife Stadium der Abschluss einer Turnier-Kampagne, die in der Selecao-Statistik als schwächstes WM-Abschneiden seit 1990 verbucht wird - und im Rückblick als das Turnier, in dem eine Ära endete.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
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