Antonio Rattin tot: Der Argentinien-Kapitaen, der 1966 in Wembley die Rote Karte erzwang
Argentiniens WM-Kapitaen von 1966 Antonio Rattin ist mit 89 Jahren gestorben. Sein Wembley-Platzverweis fuehrte zur Erfindung der Gelben und Roten Karte.
Von Nina Hartmann 11. Juli 2026
Argentinien trauert um seinen WM-Kapitaen von 1966. Antonio Ubaldo Rattin, geboren am 16. Mai 1937 in Tigre in der Provinz Buenos Aires, ist nach Angaben seines lebenslangen Klubs Boca Juniors am 11. Juli 2026 im Alter von 89 Jahren gestorben. Rattins Name steht seit dem 23. Juli 1966 fuer eine der praegendsten Szenen der WM-Geschichte: Fuer seinen Feldverweis im Viertelfinale gegen England, den Weigerungs-Streit mit dem deutschen Schiedsrichter Rudolf Kreitlein - und fuer die Kette, die von diesem Nachmittag in Wembley zur Erfindung der Gelben und Roten Karte fuehrte. Sein Tod faellt in die Nacht, in der Argentinien im Viertelfinale der WM 2026 gegen die Schweiz antritt und in Miami parallel Norwegen gegen England das Spiel bestreitet, das ohne Rattin nie so heissen wuerde, wie es heisst.
Wembley, 23. Juli 1966
Um 15:00 Uhr Ortszeit pfeift Rudolf Kreitlein aus Stuttgart im Wembley Stadium das Viertelfinale zwischen dem Gastgeber England und Argentinien an. Die Argentinier gehen hart in die Zweikaempfe; Kreitlein zeigt ihnen mehrfach an, dass er reklamiert nicht mehr hoeren will. Nach 35 Minuten reicht es dem Schiedsrichter. Er verweist den argentinischen Kapitaen Antonio Rattin wegen “staendigen Reklamierens” des Feldes. Rattin, 191 Zentimeter gross und Spielmacher aus dem Mittelfeld, versteht kein Deutsch und kein Englisch. Kreitlein versteht kein Spanisch. Rattin bleibt stehen. Er weigert sich, den Platz zu verlassen. Erst nach rund acht Minuten - eine Ewigkeit auf einer WM-Buehne - begleiten englische Polizisten den Argentinier vom Rasen.
England gewinnt die Partie 1:0 durch einen Kopfball von Geoff Hurst und zieht in das Halbfinale ein. Der englische Trainer Alf Ramsey, der drei Wochen spaeter im Endspiel 1966 den ersten und einzigen englischen WM-Titel gewinnen wird, bezeichnet die Argentinier nach der Partie als “animals” - Tiere. Er verbietet seinen Spielern den Trikottausch. Der Skandal wird zu einer Fussnote der Turnierlogistik. Aber er wird auch zum Grund, warum wir heute die Gelbe und die Rote Karte kennen.
Ken Aston und die Geburt der Roten Karte
Auf der Tribuene sitzt Ken Aston, Vorsitzender der FIFA-Schiedsrichter-Kommission bei diesem Turnier und selbst einer der grossen Referees der Weltverbandsgeschichte. Aston hat 1962 in Santiago die “Schlacht” zwischen Chile und Italien gepfiffen. Am Wembley-Nachmittag sieht er zwei Probleme in Reinform: die Sprachbarriere zwischen Schiedsrichter und Spieler und die Verstaendnis-Luecke fuer Zuschauer und Fernsehpublikum. Wer hat da eigentlich was gerade bekommen?
Aston entwirft ein visuelles Signalsystem: Gelb fuer die Verwarnung, Rot fuer den Feldverweis. Die Idee ist so einfach, dass sie nach 1966 sofort verstanden wird. Vier Jahre spaeter, bei der WM 1970 in Mexiko, kommen die Karten zum ersten Mal in einer WM-Endrunde zum Einsatz. Sie werden zur globalen Sprache des Fussballs - vom Wembley Stadium bis in jeden Kreisliga-Sonntag. Ohne Rattins Weigerung und den langen Marsch der Polizei ueber den Wembley-Rasen waere die Karten-Idee wahrscheinlich anders gelaufen. Deshalb steht Antonio Rattin heute in jedem Regelbuch als Fussnote - auch wenn sein Name dort nirgendwo geschrieben steht.
353 Ligaspiele in Blau-Gelb
Der Nachruf-Kern liegt aber nicht in Wembley, sondern in La Boca, dem Hafenviertel von Buenos Aires. Boca Juniors - Blau-Gelb, La Bombonera, das lauteste Stadion Suedamerikas - ist der einzige Profi-Klub, den Rattin je hatte. 1956 bis 1970: vierzehn Spielzeiten, 353 Erstligaspiele, 26 Tore aus dem zentralen Mittelfeld. Er ist Kapitaen, Symbolfigur, Anker - und einer der Namen, die im Boca-Museo hinter der Bombonera-Nordkurve auf der ersten Tafel stehen. Seine Rueckennummer: die 5. Sein Spitzname in Argentinien: “El Rata”, die Ratte, halb Sympathie, halb Respekt vor jemandem, der jeden Zweikampf annimmt.
Fuer die argentinische Nationalmannschaft laeuft Rattin zwischen 1959 und 1969 in 34 A-Laenderspielen auf und erzielt ein Tor. Er ist im WM-Kader 1962 in Chile dabei, ohne Endrunden-Erfolg. Bei der WM 1966 in England ist er Kapitaen der Auswahl - und traegt die Binde, die er in Wembley an einen Mitspieler weiterreichen muss, bevor die Polizei ihn abfuehrt. Nach der WM 1966 kommt Rattin nur noch selten zu Laenderspielen; der Skandal von London klebt an ihm.
Vom Kapitaen zum Abgeordneten
Als Rattin 1970 die Profikarriere beendet, geht er ins Trainer-Fach. Er arbeitet in der Jugendabteilung von Boca Juniors und zwischen 1977 und 1980 als Trainer bei Gimnasia y Esgrima La Plata. Politisch wird er zwei Jahrzehnte spaeter aktiv: 2001 bis 2005 sitzt Rattin fuer die konservative MODIN-Bewegung im argentinischen Nationalkongress und beackert Sportpolitik und Milizoli-Fragen. Es ist die zweite Karriere eines Mannes, der als Nachwuchsspieler aus dem Delta-Norden von Buenos Aires kam und der bis zuletzt in Interviews wiederholte, dass er 1966 in Wembley nichts anderes gemacht habe, als sein Team zu verteidigen.
Am Tag von Argentiniens naechstem Viertelfinale
Rattin stirbt an dem Tag, an dem seine argentinische Nationalmannschaft im Arrowhead Stadium in Kansas City in der Nacht auf Sonntag um 03:00 Uhr MESZ das WM-Viertelfinale gegen die Schweiz bestreitet. Es ist das letzte Viertelfinal-Match des Turniers - eine Bogenspannung, die selbst der Boca-Symbolfigur nicht entgangen sein duerfte. Parallel spielen im Hard Rock Stadium in Miami genau die Auswahlen gegeneinander, die 1966 in Wembley Rattins Skandal-Nachmittag bespielten: Norwegen und England. Der englische Trainer Thomas Tuchel gehoert zur ersten Generation, die die Karten nie ohne kennengelernt hat.
Der Weltverband FIFA hat bis Redaktionsschluss am Samstagabend keine offizielle Trauer-Botschaft gesendet. Der FIFA-Praesident Gianni Infantino hat sich zuletzt oeffentlich zur Zahl der Teams bei der WM 2030 geaeussert. Ein FIFA-Nachruf im Miami-Stadion oder im Arrowhead - der Klassiker eine Schweigeminute - ist am Samstagabend nicht angekuendigt. Boca Juniors hat fuer den Sonntag ein Trauer-Statement in La Bombonera versprochen; die argentinische Nationalmannschaft wird sich vermutlich vor dem Anpfiff gegen die Schweiz aeussern. Antonio Rattin ist mit 89 Jahren gestorben - der Kapitaen, der auf einem Rasen stehen blieb und damit den Fussball auf allen Rasenflaechen der Welt veraendert hat.
Autor
Nina HartmannRedakteurin Frauenfußball & Analyse
Nina Hartmann deckt den Frauenfußball ab - von der Frauen-WM 2027 in Brasilien bis zu den DFB-Frauen - und liefert daten- und taktikgetriebene Analysen zu großen Turnieren.