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WM-Geschichte

20 Jahre Sommermärchen: Was bleibt vor der WM 2026?

Vor 20 Jahren feierte Deutschland das Sommermärchen 2006. Zwei Wochen vor der WM 2026 lohnt der Vergleich: Klinsmann vs. Nagelsmann, Heimturnier vs. Auswärts-WM.

Von Lukas Brandt 29. Mai 2026

Michael Ballack und Jürgen Klinsmann feiern den späten 1:0-Sieg gegen Polen am 14. Juni 2006 in Dortmund - der zweite Gruppenspiel-Erfolg der DFB-Auswahl beim Sommermärchen (Foto: Globe Photos/Zuma Press). Foto: Zuma Press via SmartFrame

Am 9. Juni 2026 sind es auf den Tag genau 20 Jahre, seit Philipp Lahm in München aus 18 Metern angezogen hat und der Ball ins linke obere Eck flog. 4:2 gegen Costa Rica, der Auftakt zur WM 2006, der Auftakt zum Sommermärchen. Wenige Tage später startet in Houston das nächste WM-Turnier mit deutscher Beteiligung, am 14. Juni gegen Curaçao. Das Jubiläum trifft also genau auf die Vorbereitung der DFB-Auswahl unter Julian Nagelsmann in Herzogenaurach. Höchste Zeit für eine Bestandsaufnahme: Was war 2006, was ist davon geblieben, und wie lässt sich der Sommer 2026 daran messen?

Der Sommer, in dem Deutschland sich neu erfand

Im Frühsommer 2006 war die Stimmung im Land vor dem Anpfiff alles andere als euphorisch. Die DFB-Elf hatte bei der EM 2004 in Portugal die Vorrunde nicht überstanden, Jürgen Klinsmann war als Bundestrainer umstritten, sein Verzicht auf Sebastian Deisler und der Streit um Oliver Kahn versus Jens Lehmann im Tor dominierten die Schlagzeilen. Die Stadien waren neu oder umgebaut, das Motto “Die Welt zu Gast bei Freunden” stand auf jedem Plakat, aber ob das tragen würde, hatte vor dem 9. Juni 2006 niemand verlässlich vorhersagen können.

Dann kam Lahms Eröffnungstor, dann die Fanmeile am Brandenburger Tor, dann das Public Viewing in den Innenstädten. Die DFB-Elf gewann ihre drei Vorrundenspiele, Klose schoss in jedem Spiel, Klinsmanns Mannschaft spielte vorwärts. Und das Land begann, etwas zu tun, was es seit Jahrzehnten nicht mehr getan hatte: kollektiv und ungebrochen feiern. Auf dem Höhepunkt sahen rund 30 Millionen Menschen das Halbfinale gegen Italien im ZDF; das war jeder zweite Erwachsene in Deutschland. Der Begriff “Sommermärchen”, später durch Sönke Wortmanns Dokumentation verbreitet, war damals der Versuch zu beschreiben, was in den Innenstädten passierte: Heiterkeit ohne Pathos, Stolz ohne Aggression.

Was davon stimmt und was Verklärung ist, wird heute diskutiert. Die tagesschau zeichnet nach, wie der schwarz-rot-goldene Party-Patriotismus auch Räume geöffnet hat, die ungemütlicher waren als die Erinnerung. Trotzdem bleibt: 2006 wurde Deutschland von der Welt anders gesehen. Und sich selbst auch.

Klinsmann, Löw, Bierhoff: das Trio hinter dem Aufbruch

Was Klinsmann ab 2004 in den DFB einführte, wirkt 20 Jahre später wie das, was Bundestrainer heute selbstverständlich machen. Verstärkung im Stab statt Ein-Mann-Show. Co-Trainer Joachim Löw kümmerte sich um die Taktik, Oliver Bierhoff um Logistik, Hotel, Kommunikation und Spielerbindung. Mit dem US-Fitnesstrainer Mark Verstegen kam Individualtraining nach DFB-Standards, mit einer offensiver ausgerichteten Spielidee kam das Versprechen, nicht mehr nur zu verwalten.

Die Hierarchie im Tor war die heikelste Personalentscheidung. Klinsmann gab Lehmann den Vorzug vor Kahn, und der Riss zog sich durch den DFB-Saal bis zum Tag, an dem Lehmann im Viertelfinale gegen Argentinien zwei Elfmeter hielt und Kahn ihm danach demonstrativ gratulierte. Es war eine der menschlich teuersten und sportlich erfolgreichsten Entscheidungen der jüngeren DFB-Geschichte. Bei der WM 2026 ist die Hierarchie im Tor wieder Gesprächsthema, allerdings unter umgekehrten Vorzeichen: Manuel Neuer mit 40 Jahren als Nummer eins, dahinter Oliver Baumann, dahinter Alexander Nübel. Die Personalfrage hat unsere Redaktion an anderer Stelle eingeordnet.

Das Turnier in Zahlen: 64 Spiele, 3,36 Millionen Zuschauer

Die WM 2006 war in 32-Team-Turnier in zwölf Spielorten: Berlin, Dortmund, Frankfurt, Gelsenkirchen, Hamburg, Hannover, Kaiserslautern, Köln, Leipzig, München, Nürnberg und Stuttgart. Insgesamt 64 Spiele, 147 Tore, im Durchschnitt 2,3 Treffer pro Partie. 3.359.439 Zuschauer pilgerten in die Stadien, im Schnitt 52.491 pro Spiel; das war für ein WM-Turnier in Europa eine Höchstmarke, die so erst bei der WM 2014 in Brasilien wieder übertroffen wurde. Die WM 2026 wird mit 48 Teams und 104 Spielen in den USA, Kanada und Mexiko die größte WM aller Zeiten. Mehr dazu im Spielplan der WM 2026.

Italien gewann am 9. Juli 2006 das Finale im Olympiastadion mit 5:3 nach Elfmeterschießen gegen Frankreich. Das reguläre Spiel hatte 1:1 geendet, in der Verlängerung war Zinédine Zidane nach seinem Kopfstoß gegen Marco Materazzi des Feldes verwiesen worden. Materazzi und Andrea Pirlo wurden für Italien zu Symbolfiguren; Buffon zum besten Torhüter des Turniers gewählt; Zidane trotz allem zum besten Spieler. Die WM 2006 als Tournament-Eintrag in unserer Geschichte listet die Eckdaten kompakt.

Die Schlüsselmomente - Lahm, Lehmann, Grosso, Schweinsteiger

Vier Bilder sind aus dem Sommermärchen geblieben.

Lahms Tor zum 1:0 gegen Costa Rica. Sechste Minute des Eröffnungsspiels in der Münchner Allianz Arena: Aus dem Halbfeld zieht der linke Verteidiger zur Mitte, lässt liegen, schlenzt aus 18 Metern in den oberen Winkel. Das Tor löste den Knoten - das Land, der Trainer, die Mannschaft.

Lehmanns Zettel im Viertelfinale gegen Argentinien. Berlin, Olympiastadion. Nach 120 Minuten 1:1 (Roberto Ayala und Klose). Im Elfmeterschießen zieht Lehmann den von Andreas Köpke beschrifteten Zettel aus dem Stutzen, hält die Versuche von Roberto Ayala und Esteban Cambiasso, Deutschland gewinnt 4:2. Borowski, Neuville, Ballack und Podolski verwandeln. Die Szene wurde später zum Inbegriff “deutscher” Vorbereitung im Elfmeterschießen.

Grossos und Del Pieros Tore im Halbfinale. Dortmund, Westfalenstadion. Lange Zeit torlos, dann in der 119. Minute der Verlängerung: Andrea Pirlo flankt, Fabio Grosso schlenzt mit links zum 0:1 ins lange Eck. Wenige Sekunden später kontert Italien, Alessandro Del Piero verwandelt in der 121. Minute zum 0:2. Aus, vorbei. Die Klinsmann-Elf konnte sich nichts vorwerfen - sie hatte das beste Spiel der WM gemacht und gegen den späteren Weltmeister verloren.

Schweinsteigers Doppelpack gegen Portugal. Vier Tage später in Stuttgart, Spiel um Platz drei. Schweinsteiger trifft zweimal aus der Distanz; ein abgefälschter Freistoß von ihm wird als Eigentor von Petit gewertet und steht für das 3:0. Portugal verkürzt am Ende nur noch auf 1:3. Es war das letzte Spiel der Klinsmann-Ära und der erste WM-Bronzeplatz der DFB-Elf nach 1970.

Klose holte mit fünf Treffern den Goldenen Schuh - sein zweiter nach 2002. Bei der WM 2014 sollte er mit 16 Treffern den ewigen WM-Torrekord aufstellen.

Vom Heimturnier 2006 zur Auswärts-WM 2026

Der Kontrast zur WM 2026 ist scharf. 2006 spielte die DFB-Elf vor der eigenen Haustür, in deutschen Stadien, vor deutschen Fans, mit deutschem Schiedsrichter-Bonus aus heimischen Bundesliga-Stadien. 2026 sind die Spielorte Houston, Toronto und East Rutherford, die Anstoßzeiten liegen für die Heimat zwischen 19 und 22 Uhr MESZ, die Zeitzonenverschiebung von sechs bis neun Stunden zwingt die Mannschaft zu einer logistisch komplett anderen Vorbereitung.

Das Trainingslager fand 2006 in Berlin und im Grunewald statt; 2026 läuft die heiße Phase in Herzogenaurach, dann folgen Frankfurt-Mainz-Test (31. Mai gegen Finnland), Direktflug nach Chicago und dort ein letzter Test gegen die USA am 6. Juni. Mehr Details zum Fahrplan im Vorbereitungsplan der DFB-Elf.

Sportlich liegt die DFB-Elf 2026 nicht in der ersten Favoritenreihe. Spanien, Frankreich, Argentinien, England und Brasilien werden in den Wettquoten vor Deutschland geführt. Die DFB-Offensive ist aber statistisch gut aufgestellt, und mit Wirtz, Musiala, Havertz und Sané hat das Team eine Generation, die zumindest Tagesform-Spielraum verspricht. Die Gruppe E mit Curaçao, Elfenbeinküste und Ecuador gilt als machbar, das mögliche Achtelfinale gegen einen Gruppenzweiten aus der Nachbargruppe als realistische Hürde.

Was vom Sommermärchen 2026 bleiben könnte

Was vom Sommermärchen 2006 geblieben ist, lässt sich heute klarer benennen als 2006 selbst. Die DFB-Elf bekam ein neues Selbstbild, das die EM 2008, die WM 2010 und schließlich den Titel 2014 vorbereitete. Das Land bekam ein neues Bild von sich selbst, das nicht in jeder Hinsicht so unschuldig war, wie es damals schien, das aber als kulturelle Schwelle bestehen geblieben ist. Wortmanns Film, der im Oktober 2006 in die Kinos kam, hat den Begriff geprägt; die Bilder sind heute Schullehrbuchstoff.

Ob aus dem Sommer 2026 ein ähnliches kollektives Gedächtnis entsteht, ist eine offene Frage. Die WM ist weit weg, die Zeitzone zwingt zu späten Anstoßzeiten, die DFB-Elf reist mit weniger Erwartungsdruck und weniger Erwartungswert. Was wieder gehen kann: eine Mannschaft, die in Houston gut startet, vor New York am 25. Juni gegen Ecuador die Vorrunde gewinnt und in der K.-o.-Phase überrascht. Wenn das gelingt, läuft das Public Viewing wieder, dann werden die Großbild-Aufbauten in Frankfurt und Berlin wieder mit Stühlen voll. Der Sommer 2026 wird kein Sommermärchen wie 2006 - aber das war 2006 auch keiner, bevor Lahm in der sechsten Minute angezogen hat.

Die komplette Geschichte der Fußball-WM ordnet 2006 in den größeren Bogen ein; der Auftritt der DFB-Elf bei der WM 2026 wird daneben sein neues Kapitel.

Autor

Lukas Brandt

Redakteur WM & DFB-Team

Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.

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