Brasilien trauert um Brito: 1970er-Weltmeister mit 86 Jahren gestorben
Hércules Brito Ruas, Stammelf-Innenverteidiger im legendären 4:1-Finale Brasiliens 1970 gegen Italien, ist am 11. Juni 2026 im Alter von 86 Jahren gestorben.
Von Marco Feldmann 12. Juni 2026
Brasilien trauert um eine Ikone des WM-Triumphs 1970. Hércules de Brito Ruas, der unter seinem Spitznamen Brito in die Annalen einging, ist am Donnerstag, dem 11. Juni 2026, im Alter von 86 Jahren gestorben. Das teilten der brasilianische Fußballverband CBF und die Familie am Donnerstagabend Ortszeit mit. Die Nachricht erreichte die Selecao am Vorabend ihres WM-Auftaktes 2026 gegen Marokko in New York/New Jersey.
Innenverteidiger mit 45 Länderspielen
Brito wurde am 9. August 1939 in Rio de Janeiro geboren. Mit 1,89 Metern war er für die brasilianischen Verhältnisse seiner Zeit ein Hüne, der seine Wege auf dem Feld dennoch mit der Eleganz eines Mittelfeldspielers suchte. Zwischen 1964 und 1972 lief er 45 Mal für die Selecao auf, bestritt zwei Weltmeisterschaften - bei der WM 1966 in England kam er zu einem Einsatz, in der Endrunde 1970 in Mexiko in allen sechs Spielen Brasiliens.
Seine Vereinslaufbahn las sich wie ein Querschnitt der Rio-Sao-Paulo-Achse des brasilianischen Klubfussballs der 1960er und 1970er. Brito spielte für Vasco da Gama, Flamengo, Botafogo, Corinthians und Cruzeiro, später kurz auch in Spanien und Frankreich. Mehrere Estadual-Meisterschaften, der Gewinn der Copa Roca 1971 und der Taca Independencia 1972 - das Erbe seiner Klub-Jahre fügt sich in das damals nicht zentralisierte brasilianische Ligasystem ein, in dem regionale Erfolge den Maßstab bildeten.
Die “beste Mannschaft aller Zeiten” - Brito in der WM-1970-Stammelf
Brito gehörte zu jener Brasilien-Auswahl, die in der Höhenluft Mexikos 1970 Geschichte schrieb. Im Endspiel am 21. Juni 1970 standen vor Torwart Felix die Innenverteidiger Brito und Piazza, flankiert von Kapitän Carlos Alberto rechts und Everaldo links. Davor das Mittelfeld mit Clodoaldo und Gerson, davor wiederum Roberto Rivellino, Jairzinho, Tostao und Pelé. Sechs Spiele, sechs Siege, 19 Tore - im Finale schlug die Selecao den Titelverteidiger Italien mit 4:1.
Für viele Beobachter ist diese Elf bis heute “die beste Fußballmannschaft des Jahrhunderts, für viele sogar aller Zeiten” - so beschreibt es die Sportschau in ihrer WM-Historie. Brasilien wurde als erste Nation zum dritten Mal Weltmeister und durfte den Jules-Rimet-Pokal nach den Triumphen 1958 in Schweden und 1962 in Chile endgültig behalten, bis das Original 1983 aus dem CBF-Hauptquartier in Rio gestohlen wurde.
Im Schatten der Offensiv-Stars wirkte Brito als verlässlicher Eckpfeiler der Abwehr. Er war nicht der spektakuläre Solist, sondern der Spieler, der die Räume hinter Carlos Alberto und Everaldo dichtmachte, wenn die Brasilianer ihre vielzitierte 4-4-2-Asymmetrie mit drei Offensivspielern und einem hängenden Pelé an die Bruchkante trieben. In der Geschichtsschreibung des Turniers gilt seine Partnerschaft mit Piazza als unauffällig - was bei einer Mannschaft mit Pelé, Jairzinho und Rivellino vorne ein Kompliment ist.
Vier Jahre später bei der WM in Deutschland
Mit dem dritten Stern hatte Brito den Höhepunkt seiner Karriere früh erreicht. Bei der WM 1974 in der Bundesrepublik Deutschland war er nicht mehr Teil des Kaders, den Trainer Mário Zagallo aufgebot. Die Selecao schied in der Zweiten Finalrunde gegen die Niederlande aus und gewann das kleine Finale gegen Polen mit 1:0. Die Nachwirkungen der Höhenlage Mexikos, der Wechsel auf europäischen Boden und der taktische Sprung in eine andere Fußball-Ära - all das war für Brito Anlass, sich zwei Jahre später aus der Nationalmannschaft zu verabschieden.
In seinen letzten Klubjahren spielte er in Europa, kurz in Spanien und Frankreich, bevor er Anfang der 1980er die aktive Karriere beendete. In Brasilien blieb er als Funktionär und in Vorstandsgremien des Klubs Vasco da Gama präsent. Die Generation der Helden von 1970 wurde in den vergangenen Jahren spürbar dünner: Trainer Zagallo starb im Januar 2024 mit 92, der Halbwelt-Held Pelé im Dezember 2022 mit 82, Rechtsverteidiger Carlos Alberto bereits 2016 mit 72.
Ancelottis 2026er-Brasilien beim Auftakt am Samstag
Die Nachricht erreichte das Selecao-Lager in New Jersey nur Stunden bevor das Brasilien-2026er-Aufgebot unter Trainer Carlo Ancelotti seine letzte Trainingseinheit vor dem WM-Auftakt absolvierte. Am Samstag, dem 13. Juni 2026, beginnt um 00:00 Uhr MESZ im MetLife Stadium das erste Gruppenspiel gegen Marokko. Brasilien strebt unter dem Italiener den sechsten WM-Titel an, mit Vinícius Júnior, Rodrygo und dem 17-jährigen Newcomer Estêvão im Angriff sowie Marquinhos und Eder Militão in der Abwehr.
Ein Vergleich der Generationen ist müßig, ein Bezug nicht: Vor der Generalprobe gegen Ägypten - die Selecao gewann am 7. Juni in Cleveland mit 2:1 dank eines Endrick-Treffers - hatte Ancelotti gesagt, sein Team müsse “respektvoll mit der Tradition umgehen, ohne sich von ihr lähmen zu lassen”. Britos Tod fügt diesem Satz nun eine Pflicht hinzu - die Anerkennung dessen, dass Brasiliens Selbstverständnis als seriöser Sechsfach-Weltmeister auch von den Innenverteidigern getragen wurde, deren Namen nicht so klingen wie Vinícius Júnior oder Neymar.
Reaktionen aus Brasilien und der Selecao
Der CBF kündigte in seiner Mitteilung an, beim Spiel gegen Marokko eine Schweigeminute für Brito und alle anderen jüngst verstorbenen brasilianischen Fußball-Persönlichkeiten abhalten zu wollen. Die Spieler werden mit Trauerflor antreten, eine Geste, die in der brasilianischen Fußball-Tradition nicht inflationär eingesetzt wird, sondern bei Verlusten aus dem engsten Kreis der WM-Sieger zugleich offiziell und persönlich gemeint ist.
Mehrere ehemalige Mitspieler meldeten sich zu Wort. Rivellino sprach in einem ersten Statement an den brasilianischen TV-Sender Globo davon, dass “ein Stück 1970 mit Brito gegangen” sei. Jairzinho - der einzige WM-Torschütze, der bei einer Endrunde in allen Spielen seines Teams getroffen hat - kündigte an, am Samstag im Stadion sein zu wollen. Mit dem Telstar 1970 hatte Brasilien damals den ersten Schwarz-Weiß-Adidas-Ball ins WM-Endspiel gehoben. 56 Jahre später wird in New Jersey mit dem Adidas Trionda gespielt - ein anderer Ball, eine andere Generation, das gleiche Land und sein Anspruch auf die Spitze der ewigen WM-Tabelle.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
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