Australisches WM-Trio aus dem Fluechtlingscamp: Irankunda, Mabil und Toure vor dem USA-Spiel in Seattle
Drei Socceroos kamen in Fluechtlingscamps zur Welt: Irankunda (Tansania), Mabil (Kenia), Toure (Guinea). Vor dem USA-Spiel der Gruppe D in Seattle.
Von Marco Feldmann 19. Juni 2026
Im 26-Mann-Kader von Bundestrainer Tony Popovic stehen drei Socceroos, deren Lebenswege weit vor dem Profi-Fussball begannen - in Fluechtlingscamps in Tansania, Kenia und Guinea. Nestory Irankunda, Awer Mabil und Mohamed Toure treffen am Freitagabend in Seattle auf die USA im Lumen Field zum zweiten Spieltag der Gruppe D. Die Sportschau widmete dem Trio am Tag des Spiels eine eigene Reportage und stellte heraus, was Mabil selbst auf die einfache Formel brachte: “In diesen Trikots stecken die unterschiedlichsten Werdegaenge.” Drei Biographien, ein Trikot - und ein Auftritt, der nach dem Auftakt-Sieg gegen die Tuerkei in Vancouver zur halben Sechzehntelfinal-Eintrittskarte werden kann.
Drei Lebenswege, ein Socceroos-Kader
Australien ist die einzige Nation des Turniers, die ihre WM-Kader-Vielfalt nicht als Marketing-Element verkauft, sondern als gelebte Konsequenz einer Asyl-Geschichte begreift. Im Mannschafts-Bus zwischen Vancouver und Seattle sitzen drei junge Maenner, die ihre ersten Lebenstage in Lagern verbrachten, in die ihre Eltern vor Buergerkrieg und politischer Verfolgung gefluechtet waren. Der gemeinsame Nenner heisst Adelaide: die suedaustralische Hafenstadt, in der alle drei nach der Ankunft in Down Under den Weg in die ersten Vereins-Akademien fanden. Der zweite gemeinsame Nenner heisst FC-Bayern-Talenteschmiede beziehungsweise englischer Profi-Fussball: zwei der drei stehen heute bei Klubs der englischen Championship oder Premier League unter Vertrag, der dritte hat in Spanien sein juengstes Kapitel aufgeschlagen.
Nestory Irankunda: vom Lager in Tansania zum Bayern-Profi
Alter: 20. Geburtsort: ein Fluechtlingscamp in Tansania, in das seine burundischen Eltern auf der Flucht vor dem Buergerkrieg gelangt waren. Klub: FC Watford (Sky Bet Championship), auf Leihbasis vom FC Bayern Muenchen. Die Familie bekam Asyl in Australien und siedelte sich in Adelaide an, wo Irankunda in der Akademie von Adelaide United seine Profi-Schritte machte. Im Sommer 2024 verpflichtete Bayern den Rohdiamanten und liess ihn in der Regionalliga reifen, ehe Leihen zu Grasshopper Zuerich und ab Sommer 2025 zum FC Watford folgten. In der vergangenen Saison wurde mit 37,02 Stundenkilometern eines der hoechsten Spitzentempi der Sky Bet Championship gemessen - ein Wert, der ihn am 14. Juni in Vancouver mit dem 1:0 in der 27. Minute zum schnellsten Tor-Schuetzen der bisherigen Tuerkei-Geschichte machte. In Seattle wird er heute Abend von Beginn an erwartet.
Awer Mabil: vom Kakuma-Camp ueber den Schlussfusspunkt zur WM 2022
Geburtsdatum: 15. September 1995. Geburtsort: Kakuma-Camp, Nordwest-Kenia, eines der groessten Fluechtlingslager der Welt. Mabils Eltern stammen aus dem damaligen Sudan; sie waren vor dem Buergerkrieg geflohen und verbrachten Jahre im Lager, bevor 2006 die australische Asyl-Genehmigung kam. Die Familie zog nach Andrews Farm im Norden Adelaides; Mabil war elf. Profi-Stationen folgten in der Akademie von Adelaide United, bei FC Midtjylland (Daenemark, ab 2015), mit Leihen zu Esbjerg fB und FC Pacos de Ferreira, spaeter in der Tuerkei und in Spanien. Aktueller Klub ist seit Februar 2025 der spanische Zweitligist CD Castellon. Im A-Trikot zaehlt er seit dem Debuet im Oktober 2018 38 Laenderspiele und zehn Tore und schoss bei der WM 2022 in Katar im interkontinentalen Playoff gegen Peru den entscheidenden Elfmeter, der Australien das WM-Ticket bescherte. In Seattle kommt er aller Voraussicht nach erneut als Wechsel-Spieler.
Mohamed Toure: juengster A-League-Torschuetze, jetzt in Norwich
Geburtsdatum: 26. Maerz 2004. Geburtsort: Conakry, Guinea. Seine liberianischen Eltern waren 1990 zu Beginn des Ersten Liberianischen Buergerkriegs aus dem Bong-County-Dorf Frelah ueber die Grenze nach Guinea geflohen; Vater Amara, frueher selbst guineischer Fussballprofi, arbeitete dort als Lehrer. Im November 2004 organisierte er nach dem Kennenlernen mit der Aid-Workerin Kristine Galloway die Reise nach Adelaide; Mohamed war damals rund acht Monate alt. Er ist das zweite von sieben Kindern. Die Brueder Al Hassan und Musa wurden ebenfalls Adelaide-United-Profis; Mohamed selbst sicherte sich am 14. Februar 2020 mit 15 Jahren und 326 Tagen den A-League-Rekord als juengster Torschuetze der australischen Liga-Geschichte. Stationen folgten beim Stade Reims, beim Paris FC, beim daenischen Randers FC und seit Februar 2026 bei Norwich City (Trikotnummer 37) - dort traf er in elf Einsaetzen neun Mal und legte drei Tore vor. Die WM 2026 ist sein Senior-Debuet-Turnier.
Was das Trio fuer Seattle bedeutet
Popovic hat in Vancouver mit Irankunda als hochangriffigem Stuermer neben Mitchell Duke und Connor Metcalfe (FC St. Pauli) die Tuerkei mit 2:0 ueberrascht. Heute Abend gegen die Co-Gastgeber USA durfte er dieselbe Achse vermuten lassen: Irankunda startet, Tete Yengi (ebenfalls FC St. Pauli) bleibt als zweite Stuermer-Option, Mabil und Toure kommen aus dem zweiten Halbschritt. Ein Sieg am Lumen Field wuerde Australien mit sechs Punkten auf Pole-Position fuer den Gruppensieg setzen - und das MD3-Spiel gegen Paraguay am 24. Juni in Vancouver waere mathematisch ein Geh-Spaziergang Richtung erstes Sechzehntelfinale eines australischen Teams seit Russland 2018.
Die Symbolik des Abends ist gross genug, dass selbst die Pillar-Seite zur Mannschaft Australien und die Gruppe-D-Tabelle heute Nachmittag deutsche Klick-Spitzen sehen werden. Drei Spieler, die in Lagern auf die Welt kamen, treten in der Stadt an, in der vor 18 Jahren die ersten Kakuma-Pass-Stempel im Familien-Buch der Mabils landeten - in einem Stadion, das mit 69.000 Plaetzen viermal so gross ist wie der Hauptplatz des Kakuma-Camps. Es ist eine WM-Story, die der australische Fussball nicht erfunden, sondern erzaehlt bekommen hat.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
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