Streit ums Aztekenstadion: Wie ein 99-Jahre-Vertrag die WM-Eröffnung 2026 fast gesprengt hätte
Acht Tage vor dem WM-Eröffnungsspiel 2026 droht im Estadio Azteca Streit um 14.000 Logenplätze aus einem 99-Jahre-Vertrag. Lösung: Ollamani zahlt 54 Mio. Euro an die FIFA.
Von Marco Feldmann 03. Juni 2026
Acht Tage vor dem Anpfiff der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 hatte die FIFA in Mexiko-Stadt ein Problem, das sich nicht mit einem Satz erklären lässt: ein 60 Jahre alter Vertrag, rund 14.000 Sitzplätze, eine wütende Eigentümervereinigung - und die Frage, wer am 11. Juni eigentlich auf den teuersten Plätzen im Estadio Azteca sitzt. Jetzt zeichnet sich kurz vor dem WM-Eröffnungsspiel 2026 zwischen Mexiko und Südafrika eine Lösung ab. Sie ist teuer, sie wurde lange verschleppt - und sie zeigt, wie schwer sich die FIFA mit der eigenen Auftakt-Bühne tut.
Was passiert ist: Logenplätze gegen WM-Tickets
Im Kern geht es um zwei Welten, die sich gegenseitig nicht passieren lassen. Auf der einen Seite die FIFA, die für das WM-Eröffnungsspiel und vier weitere Azteca-Partien sämtliche Sitzplätze über ihr eigenes Ticketing-Portal vergibt. Auf der anderen Seite eine Gruppe von rund 14.000 Mexikanern, die seit den 1960er Jahren auf den besten Plätzen im Stadion in Mexiko-Stadt saßen - und einen Vertrag in der Schublade haben, der ihnen das bis ins Jahr 2065 garantiert.
Die Sitzplatz-Inhaber sind in der Asociación Mexicana de Titulares de Palcos y Plateas (AMTPP) organisiert. Sie haben den Stadionbetreiber Ollamani verklagt, weil ihnen für die WM 2026 zunächst der Zutritt verwehrt wurde. Mehrere mexikanische Gerichte gaben den Klägern recht. Damit war klar: Die FIFA kann die Sitze für die WM-Eröffnung nicht einfach weiterverkaufen, ohne dass jemand anderes die Rechnung trägt.
Die Vorgeschichte: 1966, ein Stadionbau und ein Versprechen für 99 Jahre
Das Estadio Azteca ist nicht zufällig ein Symbolort des Weltfußballs. Es wurde Mitte der 1960er Jahre für die Olympischen Spiele 1968 und die WM 1970 gebaut - und es wurde teilweise von seinen späteren Stammgästen finanziert. Als das Geld knapp wurde, verkaufte der damalige Bauträger laut mexikanischen Berichten rund 600 Logen (mit jeweils etwa zehn Plätzen) und etwa 8.000 Tribünenplätze direkt an wohlhabende Fußballfans. In Summe: rund 14.000 Sitzplätze.
Im Gegenzug bekamen die Käufer ein Privileg, das nicht nur für Heimspiele von Club América galt, sondern für jede Veranstaltung im Stadion: 99 Jahre lang freier Eintritt, bis ins Jahr 2065. Ob mexikanische Liga, Boxabend, Pelé bei der WM 1970, Maradona 1986 oder eben das WM-Eröffnungsspiel 2026 - der Anlass spielt im Vertrag keine Rolle. Wer die Karte hat, geht rein.
Dieses Detail war über Jahrzehnte ein folkloristisches Kuriosum. Bei einer FIFA-Weltmeisterschaft mit eigener Ticketing-Plattform, dynamischer Preisgestaltung und einem Komplettzugriff der FIFA auf jedes Stadion wurde daraus ein juristisches Minenfeld.
Ollamani, die FIFA und die 54 Millionen Euro
Bewerber für eine WM müssen der FIFA die freie Verfügung über das Stadion zusichern. Genau das war das Problem. Mexikanischen Berichten zufolge informierte Ollamani die FIFA über die alten Sitzplatz-Rechte zunächst nicht - aus Sorge, das Azteca könnte unter diesen Bedingungen gar nicht als WM-Spielort 2026 ausgewählt werden. Als das Problem öffentlich wurde, war es längst zu spät, die Karten anders zu verteilen.
Die Lösung, die jetzt im Raum steht, ist eine kommerzielle: Ollamani zahlt nach Berichten mexikanischer Medien - offiziell unbestätigt - rund 54 Millionen Euro an die FIFA. Damit kauft der Betreiber die Sitzplätze faktisch aus dem Verkehr und ermöglicht der FIFA, sie über das offizielle Ticketing zu vergeben. Andere Quellen sprechen von rund 63 Millionen US-Dollar. Beide Summen liegen in einer ähnlichen Größenordnung - und beide gehen zulasten des Betreibers, nicht der Inhaber.
Für die FIFA ist das ein doppelter Glücksfall: Sie behält die Kontrolle über die teuersten Plätze beim WM-Auftakt, und sie muss keine Schlagzeilen produzieren, in denen zahlende Touristen vor verschlossenen Türen stehen, während mexikanische Stammgäste auf alten Verträgen pochen.
Was die AMTPP fordert - und womit sie droht
Die Inhabervereinigung hat in den vergangenen Wochen mehrfach klargemacht, dass sie die Eskalation nicht scheut. AMTPP-Generalsekretär Roberto Ruano Ortega sagte öffentlich: “Unsere Plätze werden respektiert. Wir zahlen nichts.” Es ist ein Satz, der die Verhandlungsposition zusammenfasst: Wer 1966 zahlte, hat 2026 nicht noch einmal zu zahlen.
Im Frühjahr eskalierte der Streit über Nebenfragen. Berichte aus Mexiko-Stadt sprachen von Catering-Auflagen, die Ollamani den Inhabern auferlegt habe (Pakete von 123.000 bis 262.000 Peso je Loge), von Weiterverkaufs-Verboten unter Androhung des Turnier-Ausschlusses und von elektronischen Tickets, die bis zur versprochenen Frist nicht eingetroffen waren. Ruano Ortega ging mit deutlicher Sprache in die Öffentlichkeit: Sollte den Inhabern der Zugang verweigert werden, werde man Anzeigen erstatten und im Zweifel gerichtliche Zwangsvollstreckung erwirken. Auf Demonstrationen war zudem von der Möglichkeit gewaltsamer Durchsetzung die Rede - eine Andeutung, die in der ohnehin angespannten Sicherheitslage rund um die WM eine eigene Note bekommt.
Dass jetzt - acht Tage vor Anpfiff - eine Einigung in Sicht scheint, ist auch dieser Drohkulisse geschuldet. Eine WM-Eröffnung mit Polizeieinsatz auf den Logen-Rängen wäre für die FIFA ein PR-GAU, dessen Bilder das Turnier überdauert hätten.
Was das für die WM-Eröffnung am 11. Juni bedeutet
Sportlich bleibt vom Streit am Anpfiff hoffentlich nichts übrig. Am 11. Juni 2026 um 21:00 Uhr MESZ eröffnet Mexiko gegen Südafrika im Estadio Azteca die WM 2026. Für Gastgeber Mexiko bei der WM 2026 ist es zugleich Auftakt in der Gruppe A. Es ist die dritte WM-Eröffnung an diesem Ort nach 1970 (Mexiko - Sowjetunion) und 1986 (Italien - Bulgarien) - ein Rekord, den so schnell kein anderes Stadion brechen wird.
Für die Inhaber bedeutet die jetzige Lösung, dass ihre 99-Jahre-Privilegien für die WM ausgesetzt - und entschädigt - werden. Für Ollamani bedeutet sie eine Großzahlung in einem Jahr, in dem die Einnahmen aus der WM ohnehin nicht beim Stadionbetreiber landen, sondern bei der FIFA. Für die FIFA bedeutet sie: Eröffnungs-Kulisse gesichert, juristisches Risiko abgegolten, Bilder unter Kontrolle.
Bleibt das Politische: Schon vor dem Azteca-Streit stand die WM 2026 wegen der dynamischen Ticket-Preisgestaltung in der Kritik. Endspiel-Tickets stiegen Berichten zufolge von rund 6.730 auf 10.990 US-Dollar - in Katar 2022 lagen sie bei etwa 1.600 Dollar. US-Generalstaatsanwälte ermitteln zu den Verkaufspraktiken, US-Präsident Donald Trump hat die Preise öffentlich kritisiert. Der Logenplatz-Streit im Azteca ist insofern keine isolierte Anekdote, sondern ein Mosaikstein in einer größeren Erzählung darüber, wem dieses Turnier eigentlich gehört.
Acht Tage vor Anpfiff hat die FIFA jedenfalls einen Brandherd weniger. Wer am 11. Juni in den 600 Logen sitzt, wird man dann sehen.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
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