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Analyse

Brasilien unter Carlo Ancelotti: Was die Selecao bei der WM 2026 wirklich kann

Brasilien bei der WM 2026 unter Carlo Ancelotti: erster ausländischer Cheftrainer seit Jahrzehnten, der Hexa-Druck nach 2002 und was die Achse um Vinicius, Rodrygo und Endrick wirklich kann.

Von Marco Feldmann 10. Mai 2026

March 24, 2026, Orlando, Fl, USA: Carlo Ancelotti looks on during the Brazil national football team training session at ESPN Wide World Of Sports on March 24, 2026, in Orlando, FL, USA. (Photo by Guilherme Veiga/PxImages) (Credit Image: © G Foto: Zuma Press via SmartFrame

Mit Carlo Ancelotti hat Brasilien eine sportliche Reset-Taste gedrückt - oder es zumindest versucht. Nach Jahren des sportlichen Klein-Klein und dem Viertelfinal-Aus 2022 holte der CBF den vermutlich erfahrensten Vereinstrainer der Welt, um die Selecao im fünften Anlauf zum sechsten Stern zu führen. Was die Daten über Brasilien sagen, wo Ancelotti taktisch ansetzt und ob der “Hexa” tatsächlich näher rückt - der nüchterne Blick auf eine Mannschaft, die so anders aufgestellt ist wie keine vor ihr.

Die Bilanz: fünf Titel, eine 24-jährige Durststrecke

Brasilien ist der Rekordweltmeister: fünf Titel (1958, 1962, 1970, 1994, 2002). Mehr hat keine andere Nation, und kein Land war bei mehr Endrunden dabei. Aber zwischen dem 2002er-Titel von Luiz Felipe Scolari (Finalsieg 2:0 gegen Deutschland in Yokohama) und der WM 2026 liegen 24 Jahre und sechs Versuche ohne sechsten Stern. Eine vollständige Liste in WM-Sieger, die ewige Bilanz in der Ewigen WM-Tabelle.

Seitdem stockte es. 2006 Viertelfinalniederlage gegen Frankreich. 2010 Viertelfinalniederlage gegen die Niederlande. 2014 das 1:7 gegen Deutschland im eigenen Land - ein nationales Trauma. 2018 Viertelfinalniederlage gegen Belgien. 2022 Viertelfinalniederlage gegen Kroatien im Elfmeterschießen. Fünf Mal in Folge an derselben Hürde - daraus speist sich der Anspruch und der Druck.

Ancelotti: erster ausländischer Coach mit Vertrag

Die Verpflichtung von Carlo Ancelotti zum 30. Juni 2025 - direkt nach dem Ende seines Real-Madrid-Vertrags - war eine kleine Sensation, vor allem in Brasilien. Der CBF hat in seiner über hundertjährigen Geschichte nur in zwei Ausnahmen einen Ausländer auf der Trainerbank gehabt: den Uruguayer Ramón Platero 1925 (in unklarer Rolle, der offizielle Trainer war damals Joaquim Guimarães) und den Portugiesen Joreca 1944 (zwei Spiele in geteilter Verantwortung). Beide Fälle galten lange als Episoden, nicht als vollwertige Anstellungen. Ancelotti ist damit der erste festangestellte ausländische Cheftrainer der Selecao mit vollem Mandat.

Sportlich ist seine Vita unschlagbar: 14 große Trophäen mit Real Madrid, davon fünf Champions-League-Titel als Trainer (Rekord), Meistertitel in vier verschiedenen Ligen (Serie A, Premier League, Ligue 1, La Liga - der erste Trainer überhaupt mit diesem Quintett). Wer einen Pragmatiker mit Star-Handling sucht, fand keinen besseren.

Was Ancelotti taktisch verändert hat

In den ersten Monaten beim Selecao hat Ancelotti zwei Dinge etabliert. Erstens: ein klares 4-3-3 mit einem klassischen Spielmacher (oft Bruno Guimarães) und zwei Flügelstürmern, die hoch attackieren. Zweitens: weniger individuelle Freiheit für die Offensivstars, mehr defensive Disziplin im Mittelfeld - eine Lehre aus den jüngeren Viertelfinal-Niederlagen, in denen die Selecao gegen kompakte Gegner wenig Lösungen fand.

Personell hat Ancelotti Neymar in einer Übergangsrolle gelassen (Verletzungspech, Form fraglich), dafür Vinicius Junior als Flügel-Hauptdarsteller installiert und Rodrygo als variable Offensivkraft aufgewertet. Mit dem jungen Endrick (Real Madrid) gibt es einen klassischen Neuner, mit João Pedro und Matheus Cunha Alternativen für die Strafraumarbeit. Die brasilianische Achse 2026 ist jünger als 2022 - und in der Defensive um Routinier Marquinhos (PSG) und Torhüter Alisson (Liverpool) stabil. Die Übersicht im Profil der brasilianischen Nationalmannschaft, den 2026er Stand auf der Teamseite Brasilien bei der WM 2026.

Die Gruppe: Marokko als echter Test

Bei der Auslosung am 5. Dezember 2025 zog Brasilien Gruppe C mit Marokko, Haiti und Schottland. Marokko ist nach dem WM-Halbfinale 2022 deutlich gewachsen, kompakt verteidigend, mit Hakim Ziyech und Achraf Hakimi als Schlüsselspielern - der erste echte Lackmustest für Ancelottis defensive Neuausrichtung. Haiti gibt sein WM-Comeback nach 52 Jahren und ist sportlich der klare Außenseiter; Schottland ist nach 28 Jahren erstmals wieder dabei und hart, aber individuell nicht auf Topniveau.

Platz 1 ist Pflicht; ein Stolperer gegen Marokko im zweiten oder dritten Spiel ist die wahrscheinlichste Schwäche. Im K.-o.-Weg drohen ab dem Sechzehntelfinale die ersten europäischen Großen; mehr dazu im WM-2026-Spielplan und in der WM-2026-Prognose.

Die jüngste Form: noch nicht überzeugend

Die nüchternen Daten der letzten Monate sind gemischt. In der CONMEBOL-Quali kam Brasilien nicht souverän durch; mehrere Niederlagen führten überhaupt erst zur Trainerdebatte und am Ende zur Ancelotti-Verpflichtung. Seitdem gab es positive Testspiele, aber kein wirklich großes Schlüsselspiel gegen ein Topteam. Mein Eindruck: Die Spielidee ist klarer, das taktische Verständnis besser - die Frage ist, wie die Selecao reagiert, wenn sie in einem WM-Knockout früh zurückliegt. Dafür hat Ancelotti in seinen ersten Monaten zu wenige Daten geliefert.

Zu den Mannschaften im engsten Favoritenkreis - Spanien, Frankreich, Argentinien, England - gehört Brasilien sportlich nominal, in der Datensicht aktuell aber nicht ganz. Die WM-2026-Favoriten-Analyse ordnet die Selecao bewusst hinter der oben genannten Spitzengruppe ein.

Fazit: ein berechtigter Anwärter, kein Topfavorit

Wenn man Titelbilanz, Form, Setzstatus und Auslosung übereinanderlegt, ist Brasilien 2026 ein berechtigter Anwärter auf den sechsten Stern, aber kein klarer Topfavorit. Dafür sind die letzten WM-Auftritte zu schwach, die Form unter Ancelotti zu jung, und die Konkurrenz im engeren Favoritenfeld (Spanien, Frankreich, Argentinien, England) sportlich zu konstant. Realistisch ist erstmals seit langem wieder ein Halbfinale; alles darüber wäre die Krönung von Ancelottis Trainerkarriere - und der Hexa, den Brasilien seit Jahren erwartet.

Mehr Hintergrund zur WM-Historie der Selecao unter WM-Geschichte; die Endrundenseite zum Vergleichsturnier WM 2002 in Südkorea und Japan ordnet den letzten Brasilien-Titel ein. Wer die deutschen Anstoßzeiten der Brasilien-Spiele in MESZ sucht, findet sie im Beitrag zu den Anstoßzeiten in deutscher Zeit.

Häufige Fragen zu Brasilien bei der WM 2026

Wer ist Trainer von Brasilien bei der WM 2026? Trainer ist Carlo Ancelotti, der das Amt am 30. Juni 2025 nach dem Ende seines Real-Madrid-Vertrags übernommen hat. Er gilt als erster vollwertiger ausländischer Cheftrainer der Selecao seit Jahrzehnten.

Ist Ancelotti der erste ausländische Trainer Brasiliens? Im modernen Sinn ja. Vor ihm gab es nur Episoden um den Uruguayer Ramón Platero (1925) und den Portugiesen Joreca (1944), beide in unklaren Rollen ohne vollumfängliche Verantwortung. Ancelotti ist der erste festangestellte ausländische Cheftrainer mit Vertrag.

Wann hat Brasilien zuletzt eine WM gewonnen? 2002 in Südkorea und Japan unter Trainer Luiz Felipe Scolari (Sieg im Finale gegen Deutschland 2:0). Seither blieb die Selecao titellos - der “Hexa”, der sechste Titel, ist Brasiliens zentrales sportliches Ziel. Mehr in WM-Sieger.

In welcher Gruppe spielt Brasilien bei der WM 2026? Brasilien spielt in Gruppe C - gegen Marokko, Haiti und Schottland. Marokko ist nach dem Halbfinaleinzug 2022 der ernsthafteste Gegner; Haiti und Schottland sind klar im Mittelfeld der Gruppe.

Wer ist im Kader von Brasilien für die WM 2026 gesetzt? Stand Mai 2026 zählen Vinicius Junior und Rodrygo (beide Real Madrid), Stürmer Endrick, Torhüter Alisson Becker und Verteidiger Marquinhos zur wahrscheinlichen Achse. Die finale Nominierung erfolgt kurz vor Turnierstart.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

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