Zum Inhalt springen
WM 2026

Bratseth vor Norwegen gegen Brasilien: Werder-Legende ordnet das WM-Fieber der Wintersportnation ein

Rune Bratseth, Werder-Bremen-Legende und Norwegen-WM-Kapitaen 1994, ueber die Fussball-Euphorie zuhause und die Solbakken-Elf vor dem Achtelfinale gegen Brasilien am 5. Juli 2026.

Von Marco Feldmann 05. Juli 2026

Arlington, 30. Juni 2026: Martin Oedegaard (10) und Erling Haaland (9) feiern vor den norwegischen Fans nach dem 2:1-Sieg gegen die Elfenbeinkueste im WM-Sechzehntelfinale. Norwegen steht erstmals seit 1998 wieder in einem WM-Achtelfinale und trifft am 5. Juli 2026 in New York/New Jersey auf Brasilien. Foto: Kevin Langley / SIPA USA. Foto: SIPA USA via SmartFrame

Wenige Stunden vor dem Achtelfinal-Anstoss zwischen Brasilien und Norwegen am Sonntag, 5. Juli 2026 um 22:00 Uhr MESZ im MetLife Stadium in East Rutherford, New Jersey, hat sich in der ARD-Sportschau ein Norweger zu Wort gemeldet, den in Deutschland niemand vorstellen muss: Rune Bratseth. Der 65-jaehrige gebuertige Trondheimer war zwischen 1987 und 1995 acht Jahre lang Libero und Kapitaen von Werder Bremen, gewann in der Bundesliga zweimal die deutsche Meisterschaft und zweimal den DFB-Pokal, holte 1992 den Europapokal der Pokalsieger und fuehrte Norwegen bei der WM 1994 in den USA als Kapitaen zum bislang letzten grossen WM-Auftritt - bis zu diesem Sommer 2026. Bratseths Aussagen an die Sportschau ordnen die norwegische Ausgangs-Lage vor der Achtelfinal-Partie im MetLife Stadium auf eine Art ein, die kein aktueller Nationalspieler und kein neutraler Beobachter so haette formulieren koennen: die Werder-Legende sieht in Erling Haaland, Martin Odegaard und dem Solbakken-4-3-3 eine reale Sensations-Chance gegen die Selecao unter Carlo Ancelotti - und beschreibt in einer Nebenbei-Bemerkung die vielleicht groesste norwegische Fussball-Welle seit den 1990er Jahren.

Der Werder-Kapitaen als norwegische Autoritaet: die Bundesliga-Karriere 1987 bis 1995

Rune Bratseth war zwischen 1987 und 1995 acht Jahre lang Libero und faktischer Chef der Werder-Bremen-Abwehr unter Trainer Otto Rehhagel, der ihn 1987 aus Trondheim (Rosenborg) verpflichtete und schon in der ersten Saison zum tragenden Verteidiger der spaeteren Meister-Elf machte. 230 Bundesliga-Spiele mit zwoelf Toren stehen zu Buche. Die Titelbilanz: Deutscher Meister 1988 (unter Rehhagel; Werder gewann die Meisterschaft mit Bratseth als Libero) und Deutscher Meister 1993, DFB-Pokal-Sieger 1991 (2:1 nach Verlaengerung gegen den 1. FC Koeln) und DFB-Pokal-Sieger 1994 (3:1 gegen Rot-Weiss Essen), sowie der grosse europaeische Titel: der Europapokal der Pokalsieger 1992 durch das 2:0 gegen den AS Monaco im Estadio da Luz in Lissabon. Bratseth war zu seiner Zeit dreimaliger norwegischer Fussballer des Jahres (1991, 1992 und 1994) und praegte den Werder-Libero-Stil einer Generation - eine deutsche Sozialisation, die ihn zu einer Doppel-Autoritaet macht, wenn es um deutsch-norwegische Fussball-Themen geht. Nach dem Karriereende arbeitete er von 1995 bis 2007 als Sportdirektor bei Rosenborg Trondheim waehrend der historisch grossen Rosenborg-Ara mit 13 aufeinanderfolgenden norwegischen Meisterschaften und den regelmaessigen Champions-League-Gruppenphasen der 1990er und fruehen 2000er Jahre. In Deutschland ist Bratseth bei Fussball-Zuschauern der Bundesliga-Ara ab 1988 eine Referenz-Groesse - und genau deshalb hat die Sportschau ihn vor dem WM-Achtelfinale zur norwegischen Ausgangs-Lage befragt.

Bratseths Sportschau-Aussagen: Wintersportnation im Fussball-Wahnsinn

Der erste O-Ton, den Bratseth der Sportschau gibt, ist eine Beobachtung ueber die norwegische Heimat, in der ihn die aktuelle Fussball-Welle offensichtlich ueberrascht. Der Werder-Ex-Kapitaen sagt: “Nix ist groesser als Fussball. Wenn sich die norwegische Nationalmannschaft dafuer qualifiziert, kann sich nix anderes damit messen - auch nicht der Wintersport und Olympia.” Und weiter: “Es ist der voellige Wahnsinn, das habe ich nicht erwartet.” Die Aussagen bekommen ihre Wucht erst durch den kulturellen Kontext. Norwegen ist historisch die groesste Wintersport-Nation der Welt, mit einer beispiellosen Skilanglauf-Biathlon-Skisprung-Tradition, den Winterspielen 1994 in Lillehammer als kulturellem Referenzpunkt und einer laufenden Vormacht-Stellung im nordischen Ski-Weltcup. Dass ausgerechnet in dieser Wintersport-Hochburg der WM-Sommer 2026 die klassischen Wintermonate in der oeffentlichen Aufmerksamkeit ueberholt und die klassischen Skilanglauf-Namen wie Iversen, Klaebo oder Weng in Gespraechen mit der Haaland-Odegaard-Achse konkurrieren muessen, ist die eigentliche Ueberraschung, die Bratseth mit dem Begriff “Wahnsinn” fasst. Konkret hat Norwegen mit dem Aufstieg ins Achtelfinale erstmals seit 1998 wieder eine WM-K.-o.-Runde erreicht - und mit dem 2:1 gegen die Elfenbeinkueste durch Nusa-Solo und Haaland-Kopfball auch den ersten norwegischen K.-o.-Runden-Sieg seit dem 1938-Achtelfinale gegen Italien in Marseille eingefahren. Die 88-jaehrige K.-o.-Sieg-Wartezeit wurde am 30. Juni 2026 in Arlington gebrochen - und daraus ist nach Bratseths Beobachtung in der Heimat eine Welle geworden, die er persoenlich in der Groessenordnung nicht erwartet hatte.

Die Brasilien-Analyse des 65-Jaehrigen: “Sie sind nicht mehr das Brasilien von frueher”

Zur eigentlichen Achtelfinal-Aufgabe formuliert Bratseth die norwegische Marschroute mit ungewoehnlicher Offensiv-Klarheit. Der Werder-Libero sagt: “Wir muessen uns trauen, sie anzugreifen. Das ist unsere Staerke. Es riecht immer nach Toren, wenn wir spielen.” Und legt zur Selecao unter Carlo Ancelotti nach: “Brasilien ist nicht mehr das Brasilien von frueher. Ich sage nicht, dass sie jetzt schlecht sind. Ueberhaupt nicht. Aber sie sind nicht so stark, wie sie frueher waren.” Die Aussagen sind bemerkenswert, weil sie die norwegische Grundhaltung vor der Partie explizit von der defensiv-abwartenden Aussenseiter-Rolle abloesen. Bratseth sieht in Erling Haaland (Manchester City, 63 Karriere-Tore in 78 Norwegen-Laenderspielen inklusive der beiden WM-Turniertreffer 2026), Martin Odegaard (FC Arsenal, Kapitaen und offensiver Kreativkopf), Antonio Nusa (RB Leipzig, R32-Solo-Torschuetze) und Alexander Sorloth (Atletico Madrid, Bank-Joker) die Waffen, die Brasiliens Innenverteidigung mit Marquinhos und Gabriel Magalhaes tatsaechlich unter Druck setzen koennen - erst recht in der Ostkuesten-Schwuele des MetLife Stadiums am spaeten Sonntagnachmittag New-Jersey-Zeit. Das Brasilien-Zitat ist eine ehrliche Einordnung: die Selecao unter Ancelotti hat die Gruppe C nur als Zweiter hinter Marokko abgeschlossen, im Sechzehntelfinale gegen Japan brauchte Gabriel Martinelli den Winner in der 90.+5. Minute, und die legendaere Torgefahr aus den 2002er und 1994er Jahren ist mit der Vinicius-Rodrygo-Raphinha-Achse zwar da, aber nicht mehr unangreifbar. Die Sportschau-O-Toene fuegen sich in die norwegische Vorwoche-Kommunikation ein: auch Bundestrainer Stale Solbakken hat in der Presskonferenz-Woche die Marschroute mit dem Angriffs-Verstaendnis der bisherigen Turnier-Serie formuliert.

Solbakken-Kultur, Haaland-Odegaard-Kern und der 1998-Bezug

Ein dritter Bratseth-Ton, der im Sportschau-Interview eingeflochten ist, zielt auf die norwegische Team-Kultur unter Stale Solbakken, dem 58-jaehrigen Trainer aus Kirkenaer, der seit 2020 im Amt ist. Bratseth zitiert dabei den amerikanischen Management-Theoretiker Peter Drucker mit der Formel: “Kultur frisst Strategie zum Fruehstueck.” Und ergaenzt zur Solbakken-Autoritaet: “Die Spieler haben nie gegen den Trainer gemeckert, sie standen die ganze Zeit zusammen.” Die Aussage ist im norwegischen Kontext viel gewichtiger als sie fuer ein deutsches Ohr klingt - Solbakken hat 2022 mit einer bei den Fans umstrittenen 4-3-3-Ausrichtung die WM-2022-Qualifikation gegen die Niederlande und die Tuerkei verpasst, und in der EM-2024-Quali-Runde ohne Odegaard-Verletzungs-Phase weniger Punkte geholt als von der offiziellen Verbandsleitung erwartet. Erst mit der WM-2026-Quali-Runde, in der Haaland und Odegaard nach dem Auslaufen ihrer Vereins-Muede-Phasen wieder gesund und in Form waren, hat Solbakken die Rueckendeckung des NFF (Norges Fotballforbund) endgueltig zurueckgewonnen. Bratseths Bezug auf den Kultur-Aspekt ist eine oeffentliche Rueckenstaerkung - und ein Hinweis darauf, dass die norwegische Team-Chemie im Solbakken-Kern zwischen Haaland (Sturm-Referenz), Odegaard (Zehner-Kreativkopf), Sander Berge (Fulham, Doppel-Sechser) und Ryerson/Ajer/Ostigard/Wolfe (Viererkette) tatsaechlich eine reale Waffe gegen die Selecao ist. Der 1998-Bezug ist dabei explizit: bei der bislang letzten norwegischen WM-Endrunde vor 2026 hatte Norwegen im Gruppenspiel gegen Brasilien am 23. Juni 1998 in Marseille sogar mit 2:1 gewonnen (Tore: Bebeto 78. fuer Brasilien; Flo 78. Ausgleich und Rekdal 88. per Elfmeter fuer Norwegen) - der bislang einzige echte Ergebnis-Erfolg der norwegischen Verbandsgeschichte gegen die Kanarien-Trikot-Fahrer. Ein solcher Sensations-Erfolg 28 Jahre spaeter im Meadowlands-Sports-Complex waere das Buch-Kapitel, das Bratseths Nachfolger-Generation in der norwegischen Fussball-Historie einzuordnen haette.

Das Achtelfinal-Spiel im MetLife Stadium: Termin, Anstoss, Bracket

Der Anstoss der 91. Partie der WM 2026 und der dritten der acht Achtelfinal-Partien erfolgt am Sonntag, 5. Juli 2026 um 22:00 Uhr MESZ (16:00 Uhr Ortszeit EDT in East Rutherford, New Jersey) im MetLife Stadium - der gemeinsamen Heim-Spielstaette der New York Giants und der New York Jets in der NFL und dem spaeteren Finalstadion der WM 2026 am 19. Juli 2026. Das MetLife Stadium in East Rutherford wurde im April 2010 als New Meadowlands Stadium eroeffnet und firmiert seit August 2011 unter dem MetLife-Naming-Rights-Vertrag. Waehrend der WM 2026 traegt die Arena den marken-neutralen FIFA-Namen New York New Jersey Stadium und hostet insgesamt acht Partien der Gruppenphase und der K.o.-Runde, darunter das Sechzehntelfinal-Spiel Frankreich 3:0 Schweden am 30. Juni sowie das WM-Finale am 19. Juli. Aus deutscher Sicht ist die MESZ-Anstoss-Zeit von 22:00 Uhr am Sonntagabend eine klassische Prime-Time - und der komfortabelste MESZ-Slot der Achtelfinal-Wave 1. Die Uebertragung in Deutschland laeuft im Pay-TV bei MagentaTV - Brasilien-Norwegen ist eines der drei Achtelfinal-Spiele der WM 2026, die exklusiv beim Telekom-Anbieter zu sehen sind, waehrend die anderen fuenf Achtelfinal-Partien frei bei ARD und ZDF ausgestrahlt werden. Mehr zur TV-Uebertragungs-Situation der WM 2026 und zum chronologischen WM-Spielplan. Der Sieger aus Brasilien gegen Norwegen trifft im Viertelfinale am 11. Juli 2026 um 22:00 Uhr MESZ im Hard Rock Stadium Miami Gardens auf den Sieger aus dem Mexiko-England-Achtelfinal-Slot am 6. Juli 02:00 Uhr MESZ im Estadio Azteca.

Norwegen bei der WM 2026 im Ueberblick

Norwegen ist bei der WM 2026 nach den Turnier-Auftritten 1938 und 1998 zum erst dritten Mal ueberhaupt in einer WM-Endrunde vertreten - die Loesung der lang laufenden WM-Sehnsucht seit dem Ausscheiden in der 2022-Katar-Quali und der 2018-Russland-Quali. Der Weg zur Endrunde fuehrte ueber die europaeische Quali-Gruppe 5 mit Israel, Estland, Moldawien und Italien, in der Norwegen mit sechs Siegen aus sechs Spielen (23:2 Tore, davon Haaland allein mit zwoelf Toren) als klarer Gruppen-Sieger vor Italien in die Endrunde einzog. In der WM-2026-Vorrunde stand Norwegen in der Gruppe E mit Deutschland, dem Senegal und dem Irak. Die Bilanz: 4:1 gegen den Irak in Kansas City (Haaland-Doppelpack, Hassan-Torwart-Patzer, Nusa-Traumtor), 1:4 gegen Deutschland in Chicago (die spaetere DFB-Aus-Vorhut vor der historischen Nagelsmann-Verlust-Serie) und 3:2 gegen Senegal in Atlanta (Strand-Larsen-Fuehrung, Sarr-Doppelpack-Ausgleich, Nusa-90.+3.-Winner) - vier Punkte, Gruppen-Zweiter hinter Deutschland. Im Sechzehntelfinale am 30. Juni 2026 in Arlington besiegte Norwegen die Elfenbeinkueste mit 2:1 durch Nusa-Solo und Haaland-Kopfball und zog erstmals seit dem 1998-Sechzehntelfinale wieder in ein WM-Achtelfinale ein. Der Norwegen-Kader unter Solbakken mit dem Haaland-Odegaard-Kern, der RB-Leipzig-Achse mit Nusa und Ryerson (BVB), sowie den Bundesliga-alumni Ajer (Brentford), Berge (Fulham) und Ostigard (Rennes) ist mittelfristig aussichtsreich - und mit Bratseths Rueckenstaerkung durch die Sportschau-Aussagen jetzt auch in der oeffentlichen Meinung des Werder-Bremen-Ex-Kapitaens der 1990er-Ara verankert.

Zusammenhaenge und Einordnung

Die Bratseth-Aussagen sind fuer das deutsche WM-Publikum ein selten klarer O-Ton eines Norwegers, der die Bundesliga-Ara der Werder-Bremen-Meisterschaften miterlebt hat und heute die WM-2026-Achtelfinal-Aufgabe seiner Nachfolge-Generation autoritativ einordnen kann. Fuer die deutsche Fan-Basis ist der 65-jaehrige Trondheimer keine Fremd-Adresse: die Meister-Elf 1988 mit Uli Borowka, Klaus Fichtel, Frank Ordenewitz, Karl-Heinz Riedle und Bratseth als Libero-Regisseur ist ein Kapitel der Bundesliga-Historie, das in vielen Werder-Bremen-Herz-Kammern noch lebt. Und dass ausgerechnet dieser Werder-Kapitaen den norwegischen Solbakken-Haaland-Odegaard-Weg vor dem Brasilien-Achtelfinale mit dem Kultur-Zitat “Kultur frisst Strategie zum Fruehstueck” abschliesst, ist eine Doppel-Autoritaet, die es so nur im Bratseth-Falle gibt. Ob die Marschroute des Angriffs-Verstaendnisses im MetLife Stadium am Sonntagabend tatsaechlich in einem norwegischen Viertelfinal-Einzug muendet, entscheidet sich in den 90 (oder in der Verlaengerung 120) Minuten der Ostkuesten-Prime-Time. Der WM-Rechner sieht Brasilien bei rund 55 Prozent Sieg-Wahrscheinlichkeit in 90 Minuten, 25 Prozent Unentschieden und 20 Prozent Sieg Norwegen - eine der klaren, aber nicht mehr unwiderlegbaren Favoriten-Positionen der Achtelfinal-Wave 1. Bratseth waere der Erste, der der Ancelotti-Elf ihre Grenzen aufzeigen wuerde.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

Mehr aus WM 2026