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WM 2026

Vom FBI-Zugriff am Baur au Lac zur WM 2026: Wie die USA von der grössten FIFA-Bedrohung zum wichtigsten Geschäftspartner wurden

27. Mai 2015 stürmte das FBI die FIFA in Zürich. Elf Jahre später richten die USA die WM 2026 aus. Die Chronik von Justizministerium, Infantino und Trump.

Von Marco Feldmann 05. Juli 2026

FIFA-Präsident Gianni Infantino verfolgt am 24. Juni 2026 im Gillette Stadium in Boston das WM-2026-Gruppenspiel Schottland gegen Brasilien - Elf Jahre nach dem FBI-Zugriff auf die FIFA in Zürich sind die USA zum wichtigsten Geschäftspartner des Weltverbands geworden (Foto: Ulrik Pedersen / Zuma Press). Foto: Zuma Press via SmartFrame

Als die FIFA am 4. Juli 2026, dem 250. US-Unabhängigkeitstag, bei den Achtelfinal-Spielen in Houston und Philadelphia mitfeierte, war die Symbolik einstudiert. Marokko schlug Kanada im NRG Stadium 3:0, Frankreich rang Paraguay am Lincoln Financial Field per Elfmeter nieder - und über beiden Kulissen hing die Botschaft: Die USA sind heute Gastgeber und Geschäftspartner der Fußball-WM 2026. Vor elf Jahren war das Verhältnis ein anderes. Am frühen Morgen des 27. Mai 2015 klickten in einem Zürcher Fünf-Sterne-Hotel Handschellen - im Auftrag des US-Justizministeriums.

27. Mai 2015: Der Morgen am Baur au Lac

Zwei Tage vor dem FIFA-Kongress rückten Schweizer Beamte auf Ersuchen des US Department of Justice im Hotel Baur au Lac an. Sieben ranghohe Funktionäre wurden noch in den frühen Stunden abgeführt, teils in Bettlaken gehüllt, um die Kameras der wartenden Presse zu passieren. Die FBI-Ermittler warfen ihnen die Annahme von Bestechungsgeldern in einem Volumen von über 150 Millionen US-Dollar vor - für die Zuteilung von Medien-, Vermarktungs- und Sponsoringrechten an Fußballturnieren in den USA und Lateinamerika. Die damalige US-Justizministerin Loretta Lynch erklärte in Brooklyn: “Das Justizministerium ist entschlossen, diesen Praktiken ein Ende zu setzen.”

Warum Katar 2022 der Auslöser war und Sepp Blatter fiel

Der amerikanische Zugriff war kein Zufallsfund. Er richtete sich in seinem Kern gegen die WM-Vergaben 2018 an Russland und 2022 an Katar, die 2010 in Zürich unter internationalem Kopfschütteln erfolgt waren. Die USA hatten sich damals selbst um die WM 2022 beworben und gegen Katar verloren; die Ermittlungen ließen den Verdacht gekaufter Stimmen dokumentieren. Sepp Blatter, seit 1998 FIFA-Präsident, ließ sich am 29. Mai 2015 trotz des Skandals ein fünftes Mal wählen - und trat am 2. Juni 2015 überraschend zurück. Vier Tage genügten, damit die alte FIFA ihren mächtigsten Kopf verlor.

2016: Der Sekundenzeiger übernimmt

Aus dem Vakuum schob sich Gianni Infantino nach vorn. Der damalige UEFA-Generalsekretär gewann am 26. Februar 2016 in Zürich die außerordentliche Präsidentschaftswahl - unterstützt unter anderem vom US-Verbandspräsidenten Sunil Gulati, der Infantinos Verständnis für den amerikanischen Markt öffentlich pries. Die US-Ermittlungen hatten den alten Machtblock zerlegt und einen Aufsteiger begünstigt, der von Beginn an eine andere Rechnung aufmachte: Wenn die USA künftig zum Gastgeber und Geldgeber der FIFA werden, verschieben sich Anklage und Partnerschaft auf dieselbe Seite des Tisches.

2018: Vergabe der WM 2026 - und Trumps verräterisches Davos-Zitat

Zweieinhalb Jahre nach Infantinos Amtsantritt vergab die FIFA am 13. Juni 2018 in Moskau die WM 2026 an das United Bid der USA, Kanada und Mexiko. Der Zuschlag galt als unausweichlich. Interessant wurde die Rückschau erst mit einem Nebensatz, den Donald Trump 2020 beim Weltwirtschaftsforum in Davos fallen ließ: “Du wolltest das Turnier dort haben, und ich wollte es dort haben, und wir haben es tatsächlich noch vor meinem Amtsantritt geschafft.” Für einen FIFA-Präsidenten, der laut Statuten zu politischer Neutralität verpflichtet ist, ist die Passage bemerkenswert - sie deutet auf eine politische Absprache lange vor der offiziellen Vergabe. Wie eng Infantino und Trump seit 2018 zusammengewachsen sind, zeichnet unsere Chronik der Trump-Infantino-Allianz im Detail nach.

4. Juli 2026: 250 Jahre USA, die FIFA feiert mit

Am 4. Juli 2026 hätte die FIFA neutral bleiben können. Sie wählte den entgegengesetzten Weg: Am 250. Unabhängigkeitstag wurde in Houston und Philadelphia mitgefeiert, mit Botschaften auf den Stadion-Anzeigetafeln und einem Bild-Set der FIFA-Kommunikation. Es ist die dritte gemeinsame Inszenierung binnen weniger Wochen - nach der Trump-Delegation um Außenminister Rubio beim US-Auftakt in Los Angeles und den Auftritten Infantinos bei mehreren Vorrundenspielen. Für Infantino ist das kein Fauxpas, sondern Programm.

Die Loretta-Lynch-Ironie

Wer die Chronologie sortiert, stößt auf eine besondere Wendung. Loretta Lynch, jene Justizministerin, die 2015 die FIFA-Ermittlungen öffentlich vertrat, arbeitet seit 2019 in der Kanzlei Paul, Weiss - jener Kanzlei, die auch die FIFA berät. 2022 trat Lynch gemeinsam mit Infantino bei einem “FIFA Compliance-Gipfel” auf. Die Anklägerin von einst sitzt heute mit im Beratungsboot. Es ist kein juristischer Konflikt, aber ein Bild, das die Nähe zwischen amerikanischer Justizelite und Weltverband inzwischen bebildert.

14 Milliarden Dollar Umsatz und Infantinos Wiederwahl 2027

Der wirtschaftliche Rahmen erklärt, warum die Nähe kein Zufall ist. Infantino rühmt sich, seine Aufräumarbeiten hätten 201 Millionen US-Dollar an die Verbände zurückgeführt. Die WM 2026 selbst treibt die FIFA-Einnahmen im laufenden Vier-Jahres-Zyklus auf einen Rekord von bis zu 14 Milliarden US-Dollar. Der weitaus größte Anteil stammt aus dem US-Markt - Übertragungsrechte, Sponsoring, Ticketing, Hospitality über MetLife-Finale und Klub-WM-Bühne. Das Geld fließt größtenteils an die 211 Mitgliedsverbände; jeder profitierende Verband ist eine Stimme für Infantinos Wiederwahl im Frühjahr 2027. Anders formuliert: Wer die USA hält, hält die Präsidentschaft.

FairSquare, 50 EU-Parlamentarier, Norwegen

Kritik gibt es, sie ist aber institutionell isoliert. Die Menschenrechtsorganisation FairSquare hat eine Ethikbeschwerde gegen Infantino eingereicht, gestützt auf mutmaßliche Verletzungen der politischen Neutralitäts-Klausel in den FIFA-Statuten. 50 Europaparlamentarier und der norwegische Fußballverband unterstützen die Beschwerde. Der FIFA-Ethikrat entscheidet intern - ein von Infantino ernanntes Gremium. Wie politisch aufgeladen das Turnier ohnehin ist, hatten wir in unserer Analyse zur US-Einreisepolitik und Boykott-Debatte eingeordnet.

Die Formel der WM 2026 ist damit ausgeschrieben. Vor elf Jahren führte das US-Justizministerium sieben FIFA-Funktionäre in Handschellen aus einem Zürcher Hotel. Vor zwei Wochen präsentierte Trump Infantino gemeinsam mit sich vor einem Stadion. Was 2015 als Anklage begann, ist 2026 zur Ökonomie geworden - und der Weltverband hat die Seite gewechselt, ohne die alte je wirklich zu verabschieden.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

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