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Analyse

DFB-Einzelkritik zur WM 2026: Gewinner, Verlierer und ein grosses Fragezeichen

DFB-Einzelkritik zur WM 2026: Wer hat gewonnen, wer verloren? Die Bilanz ueber Neuer, Tah, Musiala, Wirtz, Havertz und Nagelsmann nach dem Paraguay-Aus.

Von Lukas Brandt 01. Juli 2026

Julian Nagelsmann steht nach dem WM-Aus im Sechzehntelfinale gegen Paraguay im Zentrum der DFB-Aufarbeitung. Vier Spiele, ein Sieg, ein Remis, zwei Niederlagen (Foto: Actionpress). Foto: Actionpress via SmartFrame

Nach dem 3:4 im Elfmeterschiessen gegen Paraguay in Boston ist die DFB-Elf bei der WM 2026 bereits im Sechzehntelfinale ausgeschieden - so frueh wie noch nie in ihrer Endrundengeschichte. Zwei Tage nach der Nacht im Gillette Stadium sortiert sich der Kader in Frankfurt zurueck, Sportdirektor Andreas Rettig und Praesident Bernd Neuendorf beginnen die Aufarbeitung. Wer geht mit einem Plus aus dem Turnier? Wer mit einem Minus? Und wer traegt am meisten Verantwortung fuer das frueheste K.-o.-Aus der DFB-Geschichte? Eine Einzelkritik ueber die vier Spiele in Houston, Toronto, East Rutherford und Foxborough.

Torwart: Baumann als leiser Gewinner, Neuer mit bitterem Schlussakt

Oliver Baumann ist der stille Gewinner der WM 2026. Die Rueckkehr von Manuel Neuer am 21. Mai 2026 nach dem kurzfristigen Ausfall von Marc-Andre ter Stegen kostete den Hoffenheimer die Nummer eins, die er zuvor ueber die gesamte Qualifikation getragen hatte. Baumann nahm die Degradierung im RTL-Interview ohne Grundsatz-Aerger auf, blieb ueber die vier Tage in Herzogenaurach im Trainingsmodus und geht mit einem intakten Anspruch auf die kommende EM-Qualifikation aus dem Turnier. Er ist auch die naheliegendste Antwort auf die Neuer-Nachfolge-Frage, offen bleibt die Rolle von Jonas Urbig (21, Bayern) und die Reha von ter Stegen.

Manuel Neuer verabschiedet sich nach 128 A-Laenderspielen mit einer bitteren Bilanz: fuenf Gegentore in vier Turnier-Spielen, keine spielentscheidende Parade, dazu die diskutierte Positionierung beim 0:2 gegen Ecuador im MetLife Stadium und ein bloss teilweise ueberzeugender Auftritt im Paraguay-Elfmeterschiessen (parierter Balbuena-Schuss). Sein “Ja” auf die Sportschau-Frage nach dem Spiel setzt den Schlusspunkt hinter einer 17-jaehrigen DFB-Karriere.

Abwehr: Schlotterbeck-Verlust wiegt schwer, Tah zwischen Gluecklosigkeit und Schuld

Nico Schlotterbeck war einer der Aufsteiger der WM-Vorbereitung und traf beim 7:1 gegen Curacao in Houston prompt zur DFB-Fuehrung. Seine Verletzung im Turnierverlauf riss ein Loch in die Innenverteidigung, das sich nicht mehr schliessen liess.

Jonathan Tah wird sich diese WM lange merken. Sein vermeintliches 2:1 gegen Paraguay in der 102. Minute wurde nach VAR-Pruefung annulliert - laut ARD-Schiedsrichter-Expertise eine Fehlentscheidung - und sein Elfmeter im Shootout ging ueber die Latte. Am 1. Juli 2026 sagte er dem kicker, er “wuerde wieder schiessen”. Die Statistik zeigt, dass Tah in allen vier Turnierspielen als Innenverteidiger auf dem Platz stand und in wichtigen Kopfballzweikaempfen defensiv solide war. Der Kontext-Artikel zum aberkannten Tor: die Collina-Verteidigung.

Joshua Kimmich trug als Kapitaen die Verantwortung, verlor gegen Ecuador auf der rechten Aussenseite die Zweikampf-Bilanz und gehoert zur Generation, die drei WM-Turniere in Folge - 2018, 2022, 2026 - unter Enttaeuschungen beendet hat.

Nathaniel Brown war die positive Ueberraschung des Turnier-Starts. Der Bochumer Debuetant traf gegen Curacao und war in den ersten beiden Spielen die stabilste Aussenverteidiger-Option. Die Adduktoren-Beschwerden vor dem Ecuador-Spiel warfen ihn zurueck.

Antonio Ruediger blieb im Turnier auf der Bank die zuverlaessige Notfall-Option; Waldemar Anton und Malick Thiaw kamen ueber Kurzauftritte nicht hinaus.

Mittelfeld: Wirtz mit den meisten Aktionen, Pavlovic und Nmecha im Auf und Ab

Florian Wirtz war mit rund 23 Torabschluss-Aktionen der aktivste DFB-Offensivmann des Turniers und lieferte drei direkte Assists (u.a. den Kopfball-Assist zum Havertz-Ausgleich gegen Paraguay). Ein eigenes Tor blieb aus. Der Sportschau spricht von einem “bestenfalls durchwachsenen” Turnier - der Wert von Wirtz-Aktionen ohne Wirtz-Toren ist die eigentliche Diagnose: viel Ballkontrolle, wenig Endgueltiges.

Aleksandar Pavlovic hat die Bayern-Autoritaet nicht auf die Nationalelf uebertragen. Vier Spiele, keine Torbeteiligung, im Zweikampf schwankend, insbesondere gegen die athletischen Ecuadorianer. Der 21-Jaehrige bleibt Zukunftsspieler, das Turnier war fuer die persoenliche Entwicklung ein Rueckschlag.

Felix Nmecha startete mit einer starken Doppelrolle gegen Curacao und die Elfenbeinkueste und trug in den ersten beiden Spielen die kreativen Zueltuende - ehe die Leistungskurve gegen Ecuador und Paraguay steil nach unten kippte. Der Wechsel des Trainingszentrums von Dortmund zum WM-Camp und die K.-o.-Belastung wurden zum Prueffstein, den Nmecha nicht bestand.

Nadiem Amiri kam gegen die Elfenbeinkueste als Joker, holte den Ausgleich mit ins Spiel und verwandelte im Paraguay-Shootout. Er verdient rueckblickend mehr als die Kurzauftritte, die ihm Julian Nagelsmann eingeraeumt hat.

Sturm: Havertz als Gruppenphasen-Held, Musiala und Sane als Enttaeuschungen

Kai Havertz war mit drei Turnier-Toren (Doppelpack gegen Curacao, Ausgleich gegen Paraguay) der treffsicherste DFB-Angreifer, verpasste aber den vierten Treffer beim Elfmeterschiessen. Er ist der Spieler mit dem klarsten Impact-Wert der Elf und mit der Frage-Marke nach der 90-Minuten-Belastungs-Grenze in K.-o.-Spielen.

Jamal Musiala kam aus einer Verletzungspause und wirkte ueber das ganze Turnier nicht komplett fit. Ein Tor gegen Curacao, dann drei zunehmend farblose Auftritte. Der Bayern-Zehner bleibt der wichtigste DFB-Nachwuchs-Trumpf fuer die EM 2028, seine WM 2026 war die eines Spielers, der noch nicht bei sich war.

Leroy Sane startete mit einer Sperr-Debatte, war beim Fuehrungstor gegen Ecuador der maszgebliche Vorbereiter und blieb sonst weitgehend blass. Sein Vertrag bei Al-Nassr laeuft 2026 aus, die Frage nach der DFB-Rolle stellt sich neu.

Deniz Undav war der Gruppenphasen-Joker (fuenf Torbeteiligungen in zwei Spielen), verlor gegen Ecuador und Paraguay komplett den Zugriff (zusammen 10 Ballkontakte in 63 Einsatz-Minuten) und blieb der Startelf verwehrt. Es passt zum Muster des Turniers, dass der beste Gruppenphasen-Joker im K.-o.-Moment nicht zum Spielentscheider wurde.

Nick Woltemade feierte gegen Paraguay sein erstes WM-Startelf-Debuet und verschoss den Elfmeter, an dem im Rueckblick die groesste “Was waere wenn”-Frage haengt. Auch Jamie Leweling und Maximilian Beier blieben mit einzelnen Kurzeinsaetzen ohne Wirkung. Assan Ouedraogo kam nicht zum WM-Einsatz.

Trainerstab: Nagelsmann in der Verantwortung

Julian Nagelsmann kam als 38-Jaehriger juengster Bundestrainer der WM-Geschichte in dieses Turnier und geht mit der Verantwortung fuer das frueheste K.-o.-Aus wieder heraus. Fuer die Aufstellungs-Entscheidungen (Neuer statt Baumann, Musiala trotz Formkrise, Wirtz-Rolle als Zehner statt Achter) gab es waehrend des Turniers oeffentliche Zweifel. Die Bundestrainer-Zukunfts-Debatte ist mit Klopp-Namen versehen; Nagelsmann selbst schliesst einen Ruecktritt aus, sein Vertrag laeuft bis Sommer 2028. Auch Sportdirektor Rudi Voeller und Sportdirektor Andreas Rettig stehen mit der Personal-Entscheidung im Fokus, die Neuer im Mai zurueckgeholt hatte.

Die Aufarbeitung, in der Sprache von Praesident Neuendorf ein “gemeinsames und ruhiges Pruefen der Gruende”, laeuft in den kommenden Wochen. Die naechsten Pflicht-Termine warten schon: die Auslosung der EM-Qualifikation 2028 im September und die ersten Quali-Spiele im Oktober. Das Fenster fuer die grosse Personal-Entscheidung ist eng.

Fazit: kein einzelner Suendenbock

Es waere die einfache Antwort, die WM 2026 auf einen Spieler zu verkuerzen - Neuer, Tah, Musiala, Nagelsmann. Die ehrlichere Bilanz ist: kein DFB-Spieler ausser Havertz erreichte in vier Spielen sein Vereins-Niveau, die Sechser-Position blieb ohne Autoritaet, der Schlotterbeck-Ausfall riss die Innenverteidigung auseinander, das VAR-Team von Marokkos Jalal Jayed traf im Extremfall die falsche Entscheidung. Auf der Positivseite bleiben Oliver Baumann als kuenftige Nummer eins, Nathaniel Brown als neue Aussenverteidiger-Option und Kai Havertz als kalkulierbarer Torschuetze. Die DFB-Aufgabe fuer die naechsten zwei Jahre bis zur EM 2028 heisst: ein Mittelfeld-Zentrum mit Autoritaet finden, die Sturm-Formation vom Havertz-Solo-Modell loesen und ein Ende der WM-Enttaeuschungs-Serie 2018 - 2022 - 2026 in Aussicht stellen.

Autor

Lukas Brandt

Redakteur WM & DFB-Team

Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.

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