FIFA-Schiri-Chef Collina verteidigt Aberkennung des Tah-Tors gegen Paraguay
FIFA-Schiedsrichter-Chef Pierluigi Collina rechtfertigt die Aberkennung des Tah-Kopfballtors gegen Paraguay in einem schriftlichen Statement - die ARD-Expertise widerspricht.
Von Lukas Brandt 01. Juli 2026
Der FIFA-Schiedsrichter-Chef Pierluigi Collina hat am Morgen des 1. Juli 2026 die Aberkennung des Kopfballtors von Jonathan Tah im WM-Sechzehntelfinale gegen Paraguay verteidigt. In einem schriftlichen Statement auf FIFA-Kanaelen argumentiert der frueher wohl bekannteste Referee der Welt, die VAR-Intervention in der 102. Minute des 3:4 im Elfmeterschiessen von Foxborough sei regelkonform gewesen. Damit stellt sich der FIFA-Schiedsrichter-Chef ausdruecklich hinter den marokkanischen Referee Jalal Jayed und die nicaraguanische VAR-Assistentin Tatiana Guzman - und widerspricht der ARD-Schiedsrichter-Expertise, die die Entscheidung unmittelbar nach der Szene als Fehlentscheidung eingeordnet hatte.
Collinas Argument: “taktisches Foul des Angreifers”
Der Kern von Collinas Erklaerung liegt in einer Regel-Auslegung, die weniger den unmittelbaren Koerperkontakt beruecksichtigt als die Absicht des angreifenden Spielers. Collina schreibt sinngemaess, wenn ein Angreifer offensichtlich kein Interesse am Ball habe und sich bewusst mit dem Ziel bewege, die Laufbewegung eines Gegenspielers zu blockieren, muessten Schiedsrichter analysieren und eingreifen. In der Szene der 102. Minute sei diese Bedingung erfuellt gewesen: Waldemar Anton, der in der 79. Minute fuer Antonio Ruediger eingewechselt worden war, habe bei der von Leon Goretzka getretenen kurzen Ecke im Fuenfmeterraum aktiv den Laufweg von Torwart Orlando Gill blockiert.
Ergaenzt wird das Statement durch ein Foto, das den Koerperkontakt hervorhebt. Collina benennt Anton dabei nicht namentlich - eine bei FIFA ueblich diplomatische Formulierung -, die Illustration ist aber eindeutig. Sein Fazit: Die VAR-Intervention sei nicht die Erfindung eines Regelverstosses, sondern die Anwendung einer Vorgabe, die die FIFA ihren Schiedsrichtern fuer das Turnier explizit mitgegeben habe. Referees sollten auf solche “taktischen Ansaetze” achten, besonders wenn Verteidiger daran gehindert wuerden, das Tor zu schuetzen.
Die Szene in der 102. Minute - was tatsaechlich passierte
Der Ablauf ist unbestritten. In der ersten Halbzeit der Verlaengerung fuehrte Deutschland eine kurze Ecke von der linken Seite aus. Goretzka spielte den Ball auf Leroy Sane-Nachfolger Nadiem Amiri, der eine hohe Flanke in den Fuenfmeterraum brachte. Tah stieg am zweiten Pfosten hoch, kam vor Gill an den Ball und koepfte zum vermeintlichen 2:1. Die DFB-Bank stuermte aufs Spielfeld, die rund 65.000 Zuschauer im Gillette Stadium - Heimstaette der New England Patriots und offizielle Boston-Spielstaette der WM 2026 - jubelten das Turniertor.
Schiedsrichter Jalal Jayed nahm dann die Pfeife in die Hand und ging an den VAR-Monitor. Die nicaraguanische Video-Schiedsrichterin Tatiana Guzman hatte ihm den Hinweis gegeben, dass Waldemar Anton bei der Ecke Kontakt zu Gill gesucht habe. Jayed schaute sich die Szene mehrere Male an, hob dann die Hand und annullierte das Tor. Fuer die DFB-Elf war es die entscheidende Szene der Partie: Zwei Minuten spaeter waere die Verlaengerung zu Ende gewesen, das Elfmeterschiessen - das Deutschland dann mit 3:4 verlor, weil Kai Havertz, Tah und Nick Woltemade scheiterten - haette es gar nicht geben muessen.
Warum die ARD-Schiedsrichter-Expertise widerspricht
Der Sportschau-Schiri-Experte Wolfgang Wagner hat die Entscheidung sowohl live als auch in der Nachbetrachtung als Fehlentscheidung eingeordnet. Sein Argument setzt am selben Punkt an wie Collinas Erklaerung, kommt aber zum umgekehrten Ergebnis: Anton habe im Fuenfmeterraum nur passiv im Raum gestanden. Es habe weder ein Halten, ein Blockieren mit dem Koerper noch ein aktives Eindraengen in Gills Laufweg gegeben. Wenn Anton lediglich dort stehe, wo er als eingewechselter Innenverteidiger bei einer Ecke ohnehin hingehoere, sei das kein Foulspiel. Die Konsequenz waere, dass jeder Spieler, der im Torraum steht und einem Torwart im Blickfeld ist, automatisch ein Foul begehen wuerde - was regeltechnisch nicht haltbar sei.
Wagner geht damit noch weiter als das milde ARD-Sportschau-Nachtprogramm. Auch der Kicker und die dpa-Meldungen sprachen von einer “diskutablen” Entscheidung, die klare Fehler-Zuweisung kam aber aus der ARD. Am Morgen des 1. Juli ist damit eine Situation entstanden, in der zwei anerkannte Instanzen - die ARD-Fachexpertise und die FIFA-Schiedsrichter-Kommission - identische Szenen diametral verschieden bewerten.
Collinas Post-WM-Linie seit 2022 - warum er jetzt schreibt statt spricht
Dass sich Collina schriftlich mit Foto-Illustration meldet und nicht in eine Pressekonferenz geht, ist kein Zufall. Der 66-jaehrige Italiener - seit Juni 2017 Vorsitzender der FIFA-Schiedsrichter-Kommission - hat spaetestens seit der WM 2022 in Katar ein Verfahren etabliert, das Streit-Entscheidungen argumentativ absichert, ohne den betroffenen Referee einer Live-Fragerunde auszusetzen. In Katar erklaerte er die umstrittene Nachspielzeit-Praxis in einem schriftlichen Beitrag, die Aberkennungs-Szenen im Iran-Spiel via FIFA-Statement, die technischen Details des Semi-Automated-Offside-Systems in einem laengeren Grundsatz-Papier. Die Logik dahinter: Ein Text mit Foto laesst sich in vielen Sprachen zitieren, eine PK-Antwort kaum.
Fuer die deutsche Berichterstattung heisst das: Collinas Statement wird die argumentative Grundlage der FIFA fuer den Rest des Turniers bleiben. Wer die Anton-Gill-Szene diskutiert, muss sie an dieser Auslegung messen. Auch Jayed selbst - der drei Wochen zuvor beim DFB-Auftakt gegen Curacao am 14. Juni in Houston in einer aehnlichen Szene zugunsten der DFB-Elf entschieden hatte - wird sich oeffentlich nicht mehr aeussern. Die FIFA-Linie stellt Collina, alles Weitere ist Sache der internen Bewertung.
Was der DFB tun kann - und was nicht
Rechtlich hat der DFB kein Werkzeug, das die Foxborough-Entscheidung noch aendern koennte. Tatsachenentscheidungen des Schiedsrichters und VAR-Interventionen sind nach FIFA-Reglement nicht anfechtbar, das Spiel bleibt gewertet, das Sechzehntelfinale-Aus steht. Was theoretisch offen ist: eine interne Beschwerde bei der FIFA-Schiedsrichter-Kommission mit Blick auf kuenftige Ansetzungen. Praktisch wird Rudi Voeller diesen Weg vermutlich nicht gehen. Zum einen fuehrt er selbst die Debatte um die Zukunft von Bundestrainer Julian Nagelsmann, die den DFB-internen Kommunikationsraum bindet. Zum anderen ist eine Beschwerde, die keinen Effekt auf die Wertung hat, medial ein Trotzsignal ohne Ergebnis.
DFB-Praesident Bernd Neuendorf hat sich in seiner ersten Post-Turnier-Aussage vor allem auf die Nagelsmann-Zukunftsdebatte konzentriert und die VAR-Szene nur beilaeufig erwaehnt. Die Marschroute ist erkennbar: Die Spiel-Analyse laeuft, die Entscheidung ueber den Bundestrainer wird gefaellt, die Schiri-Frage bleibt ein Rand-Thema. Fuer Tah selbst, der neben dem verwehrten Tor auch den Fehlschuss im Elfmeterschiessen ueber die Latte verkraften muss und schon vor der WM ueber die Fifpro-Debatte um Spielerbelastung im Fokus stand, endet die WM 2026 damit doppelt bitter.
Einordnung - eine WM-Szene, drei Deutungen
Die 102. Minute von Foxborough ist innerhalb eines Tages zu einem Regel-Beispiel geworden, das drei etablierte Deutungen produziert. Die FIFA-Linie: taktisches Foul des Angreifers, VAR-Intervention regelkonform. Die ARD-Linie: passives Stehen, keine aktive Behinderung, Fehlentscheidung. Die DFB-interne Linie: Fokus auf sportliche Konsequenzen, keine oeffentliche Streit-Aufnahme mit der FIFA. Bemerkenswert ist, dass keine dieser drei Deutungen versucht, die andere direkt zu diskreditieren. Collina zitiert weder die ARD noch die deutsche Presse. Wagner hat nach dem Erscheinen des FIFA-Statements die technische Kritik nicht erneuert. Der DFB laesst die Diskussion an sich vorbei.
Fuer das Turnier bleibt die Auslegung praezedenzhaft. Wenn Collina die neue Linie so klar formuliert, werden VAR-Teams in den folgenden K.-o.-Runden Standardsituationen mit angreifenden Spielern im Torraum enger pruefen. Fuer die betroffenen deutschen Spieler und den Bundestrainer ist das nur noch akademisch: Sie sind aus dem Turnier. Fuer Deutschland als potenzieller Ausrichter der EM 2028 - die dann wieder unter UEFA-Regie steht - bleibt die Frage, wie sich das FIFA-Verstaendnis der Angreifer-Regel und die europaeische Auslegung in den kommenden Monaten angleichen oder auseinanderentwickeln werden.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.
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