Hoeneß und der Kommunikations-Vorwurf: Nagelsmann unter Druck zwei Tage nach dem WM-Kader
Uli Hoeneß kritisiert Nagelsmanns Kommunikation zur Baumann-Degradierung und der Kimmich-Position. Sportschau spricht vom 'Kommunikationsproblem' vor der WM 2026.
Von Lukas Brandt 23. Mai 2026
Am Tag des DFB-Pokalfinales wäre der Pokal die größere Geschichte gewesen. Stattdessen redet das DFB-Umfeld am Samstagmittag wieder über den Bundestrainer. Uli Hoeneß hat seine Kritik an Julian Nagelsmann zwei Tage nach der WM-Nominierung in neuer Form vorgetragen, und diesmal trifft er ihn dort, wo es nicht nur um Personalentscheidungen geht: bei der Art, wie diese Entscheidungen nach außen erklärt werden. Parallel arbeitet ein NDR-Kommentar auf sportschau.de denselben Vorwurf heraus. Das macht aus einer Einzelmeinung des Bayern-Ehrenpräsidenten eine Debatte: 19 Tage vor dem WM-Start in Houston steht Nagelsmann nicht wegen seiner Aufstellung in der Kritik, sondern wegen seiner Kommunikation.
Was Hoeneß am Pokalfinal-Tag gesagt hat
Hoeneß spricht nicht über die Logik der Nominierung. Er greift dort an, wo sie kommuniziert wurde. Drei Punkte, die der 74-Jährige der “tz” und der “Sport Bild” am Samstag mitgegeben hat:
Die Baumann-Degradierung. Dass Manuel Neuer zur Nummer eins zurückkehrt und Oliver Baumann auf die Position des Ersatztorwarts rückt, sei sportlich vertretbar, sagt Hoeneß. Die Art, wie das passiert sei, jedoch nicht: “Das war nicht in Ordnung, nicht fair.” Der Vorwurf zielt auf die Wochen davor, in denen Nagelsmann die Torwartfrage in mehreren öffentlichen Statements offengehalten hatte, während Baumann in der Nations League als faktische Nummer eins agierte. Hintergrund zur Personalie liefert der Beitrag Manuel Neuer und das DFB-Comeback vor der WM 2026.
Die Kimmich-Position. Joshua Kimmich hat eine starke Bayern-Saison im zentralen Mittelfeld gespielt. Hoeneß hält es für falsch, ihn bei der WM auf die rechte Verteidigerposition zu schieben, nur weil dort keine Alternative steht. Wörtlich: Er würde Kimmich dort nicht “verbrennen”, die Mittelfeldzentrale gehöre ihm und Aleksandar Pavlovic. Nagelsmann hat sich öffentlich nicht festgelegt, in der WM-Qualifikation lief Kimmich aber regelmäßig in der Viererkette.
Der Fall Undav. Stuttgarts Deniz Undav hatte nach seiner Reservisten-Rolle in der Nations League Spielzeit angemahnt. Nagelsmann reagierte mit deutlicher öffentlicher Kritik, musste später aber zurückrudern. Hoeneß sieht darin ein Muster: Spieler würden über die Medien diskreditiert, bevor das interne Gespräch stattgefunden habe. Es ist der Vorwurf, der aus einer Tonalitäts-Beobachtung eine Führungsfrage macht.
Warum die sportschau ihm zustimmt
Parallel zur Hoeneß-Salve ist auf sportschau.de ein NDR-Kommentar erschienen, der dieselbe Diagnose unabhängig stellt: “Nagelsmanns Kommunikationsproblem”. Drei Beispiele zieht der Autor heran, und sie überlappen auffällig mit dem Hoeneß-Katalog.
Erstens der Fall Undav: Die “überzogene” öffentliche Kritik habe nach dem Tor des Stuttgarters gegen Ghana zum Rückzieher gezwungen, der Glaubwürdigkeit gekostet habe. Zweitens der Eiertanz um Baumann: Wochen ohne klare Aussage, bis am 21. Mai die Entscheidung fiel, ohne dass der Heidenheimer einen sauberen Abschluss erhalten hätte. Drittens die “ständigen Indiskretionen” rund um die Kadernominierung: Vertrauliche Details gelangten regelmäßig vor dem offiziellen Termin nach außen. Die Konsequenz, so der Kommentar: Nagelsmann wirke in kritischen Momenten “dünnhäutig”.
Dass Hoeneß und ein unabhängiger ARD-Kommentator zur gleichen Zeit denselben Befund formulieren, hebt die Debatte über die übliche Einzelstimme hinaus. Es ist nicht mehr nur Bayern-Hofberichterstattung.
Was das mit dem WM-Start zu tun hat
Am 27. Mai zieht der DFB ins Trainingslager nach Herzogenaurach, am 1. Juni läuft die FIFA-Frist für den finalen Kader ab, am 14. Juni geht es in Houston gegen Curaçao los. Das heißt: Nagelsmann hat drei Wochen, um aus der Kommunikationsdebatte eine Trainingsplatz-Debatte zu machen.
Den Rückhalt aus Frankfurt hat er. Bereits am 15. Mai hatten Sportdirektor Rudi Völler und Geschäftsführer Andreas Rettig die ersten Hoeneß-Vorwürfe öffentlich zurückgewiesen. Die Einordnung dazu steht im Hintergrundstück Hoeneß gegen Nagelsmann: Warum Völler dem Bundestrainer den Rücken stärkt. An dieser Linie wird Frankfurt voraussichtlich festhalten, ein zweiter offener Schlagabtausch wäre der falsche Soundtrack zum Lehrgang.
Den Schlussstrich kann aber nur Nagelsmann selbst ziehen, und zwar so, wie ihn der NDR-Kommentar empfiehlt: weniger erklären, mehr entscheiden lassen. Der nächste Auftritt ist die Pressekonferenz aus Herzogenaurach, der erste Test sind die WM-Testspiele vor dem Abflug nach Nordamerika. Wer am 14. Juni das DFB-Tor hütet, ist seit Mittwoch klar - die Hierarchie hatte Nagelsmann selbst öffentlich gemacht, siehe Nagelsmann nominiert den 26er-Kader für die WM 2026. Was bleibt, ist die Frage, ob es bis dahin gelingt, die Erzählung vom Kommunikationsproblem in eine Erzählung vom Turniercoach umzudrehen.
Einordnung: alte Debatte, neue Spitze
Die Hoeneß-Nagelsmann-Beziehung ist keine kurzfristige. Schon im April hatte der Bayern-Ehrenpräsident rund um die Neuer-Diskussion gegen den Bundestrainer ausgeholt, im Anfang Mai folgte die DAZN-Kritik an der mangelnden Eingespieltheit. Die Salve vom 23. Mai ist die dritte in Folge, und sie ist präziser als die ersten beiden, weil sie nicht nach Geschmack klingt, sondern nach Verfahrensmangel. Genau deshalb ist sie für Nagelsmann unangenehmer.
Mehr Kontext zur Lage der Auswahl steht im Pillar WM 2026: DFB-Team Deutschland - Spielplan, Kader, Gruppe E und im Tagespiece Pokalfinale ohne Neuer: Bayern schont die WM-Nummer eins. Ob der Trainer die Kommunikationsdebatte mitnimmt nach Houston oder in Herzogenaurach abräumt, entscheidet sich in den nächsten drei Wochen.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.