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WM 2026

Kolumbien-Portrait bei der WM 2026: wie Nestor Lorenzo aus Los Cafeteros einen Geheimfavoriten formte

Kolumbien ist bei der WM 2026 der grellgelbe Geheimfavorit. Trainer Nestor Lorenzo, Diaz-James-Achse, 23-Spiele-Serie und Copa-America-Finale 2024 im Portrait.

Von Marco Feldmann 04. Juli 2026

Guadalajara, 23. Juni 2026: Kolumbiens Trainer Nestor Lorenzo diskutiert an der Seitenlinie mit FIFA-Schiedsrichter Maurizio Mariani beim Gruppen-K-Spiel gegen DR Kongo bei der WM 2026 (Foto: Zuma Press). Foto: Zuma Press via SmartFrame

Als der kolumbianische Fussballverband Nestor Lorenzo im Juni 2022 als neuen Cheftrainer vorstellte, war die Stimmung im Land laut Sportschau-Portrait alles andere als euphorisch. Los Cafeteros hatten gerade die WM-Qualifikation fuer Katar 2022 verpasst, Jose Pekermans zweite Amtszeit war krachend gescheitert, und ausgerechnet Lorenzos ehemaliger Assistent - ein 56-Jaehriger ohne nennenswerte Cheftrainer-Erfahrung - sollte den Umschwung schaffen. Rund vier Jahre spaeter fuehrt genau dieser Trainer eine Nationalmannschaft ins Sechzehntelfinale der WM 2026, die als heisser Geheimfavorit gehandelt wird und in der Heimat bereits vom Titel traeumt. “Verlangen, dass ich die WM gewinne”, sagte Lorenzo mit einem Schmunzeln nach dem 0:0 gegen Portugal, das den Cafeteros Gruppe K sicherte. Am 4. Juli in Kansas City trifft Kolumbien im K.-o.-Auftakt auf Ghana - wir ordnen ein, wie aus der Verzweiflungs-Loesung von 2022 der wohl gefaehrlichste Underdog des Turniers geworden ist.

Der Anfang: eine Notloesung, die keine war

Nestor Lorenzo war den Cafeteros kein Unbekannter, als er im Juni 2022 uebernahm. Der gebuertige Argentinier hatte zwischen 2012 und 2018 sieben Jahre lang als Co-Trainer unter Jose Pekerman gearbeitet - jener aera, in der Kolumbien nach 16 Jahren WM-Pause bei der WM 2014 in Brasilien ins Viertelfinale einzog und bei der WM 2018 in Russland knapp im Achtelfinale gegen England mit 3:4 im Elfmeterschiessen ausschied. Lorenzo hatte in dieser Zeit einen ausgezeichneten Ruf im Verband und im Kader, war beliebt und galt als taktisch versiert. Was ihm fehlte: eigene Cheftrainer-Erfahrung. Seine bis dahin einzige Amtszeit im Verein war ein knappes Jahr beim peruanischen Erstligisten FBC Melgar in Arequipa gewesen.

Der Verband hatte ihn 2022 laut Lorenzos eigener Aussage geholt, “damit ich die Qualifikation schaffe” - kein hoehergesteckter Auftrag, keine oeffentliche Titelphantasie. Vier Jahre spaeter, so Lorenzos Zitat weiter, verlange man von ihm den Weltmeistertitel. Der Sprung von der Krisen-Loesung zum Titelanwaerter erklaert sich fast ausschliesslich ueber die Spielweise, die Lorenzo installierte - und ueber die Ergebnisse, die ihr folgten.

23 Spiele ungeschlagen: die Serie, die alles veraenderte

Nach den Auftakt-Siegen gegen Guatemala, Mexiko und Paraguay im Sommer und Herbst 2022 baute Lorenzo eine Serie, die in der neueren Fussballgeschichte Suedamerikas ihresgleichen sucht. 23 Spiele in Folge blieb Kolumbien ungeschlagen - Pflicht- und Freundschaftsspiele zusammengenommen. Die Highlights der Serie: ein 2:0 gegen Deutschland in Gelsenkirchen im Juni 2023, das dem DFB-Team unter Hansi Flick den ersten Tiefpunkt seiner Amtszeit brachte; ein 5:1-Kantersieg gegen die USA im September 2023 in East Rutherford; Siege gegen Brasilien in den WM-Qualifikationsspielen; und der Marsch durch die Copa America 2024 in den USA bis ins Finale.

Beendet wurde die Serie am 14. Juli 2024 im Hard Rock Stadium in Miami Gardens. Im Copa-America-Finale gegen Argentinien - mit Messi, der sich in der 66. Minute verletzte - brauchte es einen Treffer des argentinischen Mittelstuermers Lautaro Martinez in der 112. Minute zum 1:0-Sieg. Kolumbien war das nach der 1:0-Niederlage im Endspiel 1975 gegen Peru gerade das zweite Copa-Finale seiner Geschichte, das erste seit fast 50 Jahren. Und der Beweis, dass Lorenzos Mannschaft in die Weltspitze zurueckgekehrt war.

Was die Serie zeigte: Der Verband unter Ramon Jesurun hatte mit Lorenzo keinen Uebergangs-Trainer geholt, sondern einen Systemtrainer, der eine gemeinsame Idee ueber Wochen und Monate durchsetzen kann. Und das mit einem Kader, der zwischen der Pekerman-Generation um James Rodriguez und einer neuen Welle um Luis Diaz, Daniel Munoz und Richard Rios sauber austariert ist.

Die Spielweise: “grellgelbe Wucht” und 61 Torschuesse in der Gruppenphase

Was Kolumbien bei der WM 2026 sportlich vom Rest der Gruppen-Aufsteiger unterscheidet, ist die Intensitaet ueber die volle Spielzeit. Die Sportschau nennt es “grellgelbe Wucht, die sich ihren Gegnern entgegenwirft” - und die Zahlen der Vorrunde stuetzen den Eindruck: 61 Torschuesse in drei Gruppenspielen, der dritthoechste Wert aller 48 Teilnehmer bei der WM 2026. In der Defensive liess die Auswahl von Lorenzo in den drei Gruppenspielen nur ein einziges Tor und zwei Grosschancen zu. Der Torschuss-Vorteil setzt sich aus einer sehr hohen Zweikampfquote im Zentrum, aggressivem Gegenpressing in der eigenen Haelfte und dauerhaftem Druck auf die letzte Reihe des Gegners zusammen.

Der Sportschau-Reporter Raphael Weiss illustriert die kolumbianische Mentalitaet mit einer Szene aus dem Auftaktsieg gegen Usbekistan (3:1 im Estadio Azteca): 98. Minute, Fuehrung, Ball tief in der usbekischen Haelfte - und trotzdem geht Cucho Hernandez in den Zweikampf mit dem massigen Jakhongir Urozov. Statt ein Foul zu reklamieren, kratzt Hernandez den Ball von der Auslinie zurueck und flankt zwei Koerpertaeuschungen spaeter auf Jaminton Campaz, der zum 3:1-Endstand einkoepft. Diese Szene, sagt Weiss, sei “bezeichnend” fuer das Team.

Der Kader-Kern: Diaz, James, Munoz, Puerta, Arias

Im Auge des Sturms steht James Rodriguez - mit 34 Jahren und 122 Laenderspielen der Rekordspieler dieser Auswahl. Er verteilt Baelle, verbindet die Ketten, sucht seinen Distanzschuss als schaerfste Waffe und uebernimmt die Standards. Um ihn herum: Luis Diaz (29, FC Bayern Muenchen) als Linksaussen-Waffe mit 70 Laenderspielen und 21 Toren, der Ex-Leverkusener Gustavo Puerta und Jhon Arias im Zentrum, Rechtsverteidiger Daniel Munoz (Crystal Palace) und Rechtsaussen Cucho Hernandez (Real Betis). Als Torjaeger vorn spielt der Sporting-Lissabon-Stuermer Luis Suarez (nicht der Uruguayer), der in der Bundesliga bei Hertha und Marseille noch nicht ueberzeugt hatte, sich in Lissabon aber zum Torgaranten entwickelt hat.

Bezeichnend fuer Lorenzos Zugriff auf den Kader: Nicht mehr dabei ist Kolumbiens ewiger Torjaeger Radamel Falcao, der nach der WM-2022-Quali-Enttaeuschung noch als Wechseloption gehandelt worden war. Lorenzo hatte den Sprung Anfang Juni 2026 klar verweigert - eine Personalentscheidung, die im Verband nicht unumstritten war, sportlich aber vollstaendig aufgeht.

Der WM-2026-Weg: Ghana, Argentinien-Sieger, potenzielles Suedamerika-Duell

In der Nacht auf den 4. Juli trifft Kolumbien im Arrowhead Stadium in Kansas City auf Ghana. Der R32-Vorbericht mit taktischer Lesart, Aufstellung und Wett-Tipp ist auf der Match-Seite verfuegbar. Fuer die Cafeteros ist es die erste K.-o.-Partie einer WM-Endrunde seit dem 2018er-Achtelfinal-Krimi gegen England (3:4 im Elfmeter-Krimi in Moskau) - eine Rueckkehr in die Runde der letzten 32 nach zwoelf Jahren.

Der Sieger aus Kolumbien gegen Ghana trifft im Achtelfinale am 7. Juli 2026 im BC Place Vancouver auf den Sieger aus Argentinien gegen Kap Verde - ein potenzielles CONMEBOL-Duell mit dem amtierenden Weltmeister und Copa-America-Bezwinger. Kein Kolumbianer wuerde sich diese Konstellation entgehen lassen: die Chance auf die sportliche Revanche fuer die 112. Minute im Miamier Copa-Finale von 2024. Auch das erklaert, warum die kolumbianische Titelphantasie kein Grossmaeuligkeit-Symptom ist, sondern nach vier Jahren Lorenzo-Aera Ausdruck eines echten Anspruchs.

Lorenzos Aussage - der Kompass des Turniers

Wer Lorenzos zwei Kern-Zitate aus der WM 2026 gegenueberstellt, bekommt die klare Positionierung: einerseits das “Verlangen, dass ich die WM gewinne”-Zitat, mit dem er die gestiegenen Erwartungen der Cafeteros-Basis fast koketterend anerkannt hat. Andererseits die nuechterne Aussage “Ich vertraue meinen Spielern. Wir wollen bis zum Ende im Turnier bleiben.” Das ist kein Titel-Versprechen. Es ist das Selbstverstaendnis einer Mannschaft, die weiss, dass sie im WM-Rechner auf Rang 14 der 48 Verbaende gefuehrt wird - dass sie sportlich aber jeden schlagen kann, den der Turnierbaum ihr in den Weg stellt.

Der Sportschau-Reporter Raphael Weiss fasst es so zusammen: “Lorenzo hat ein Monster erschaffen und hat viele Zweifler in Kolumbien ueberzeugt, dass er mit diesem Monster Geschichte schreiben kann.” Ob dieses Monster in Vancouver auf Messi trifft und ob die 112. Minute von Miami dann eine Fussnote wird - das entscheidet die K.-o.-Runde, die fuer Los Cafeteros am 4. Juli in Kansas City beginnt.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

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