Rajoy attackiert Frankreichs WM-Kader: 'Ohne Franzosen' - Rassismus-Vorwurf 48 Stunden vor dem Halbfinale gegen Spanien
48 Stunden vor Spanien - Frankreich in Dallas schreibt Ex-Premier Rajoy im El Debate, Frankreichs WM-Kader stehe 'ohne Franzosen'. Sanchez und Paris antworten scharf.
Von Marco Feldmann 12. Juli 2026
Zwei Tage vor dem WM-Halbfinale zwischen Spanien und Frankreich hat der spanische Ex-Ministerpraesident Mariano Rajoy die politische Buehne ueber das Sportlerfeld gestellt. In einem am Samstag, 12. Juli 2026, veroeffentlichten Gastbeitrag der rechtskonservativen Online-Zeitung El Debate schrieb Rajoy, Frankreich habe zwar einen ‘Kader von hoechstem Niveau. Allerdings ohne Franzosen’. Die Reaktion aus Madrid und Paris war umgehend scharf, das Aussenministerium in Paris und die franzoesische Botschaft in Madrid schalten sich ein, Regierungschef Pedro Sanchez konterte auf X mit der Formel ‘Moege der Rassismus verlieren’. Der Streit ueberlagert 48 Stunden vor Anpfiff im AT&T Stadium in Arlington bei Dallas die sportliche Vorberichterstattung zum ersten Halbfinale der WM 2026.
Was Rajoy im El-Debate-Gastbeitrag geschrieben hat
Der 71-jaehrige Konservative, spanischer Regierungschef von Dezember 2011 bis Juni 2018 und danach als Kolumnist konservativer Medien aktiv, veroeffentlichte den Gastbeitrag am Samstagmittag unter einer sportjournalistischen Ueberschrift zum bevorstehenden Halbfinale. Im Text schwenkte Rajoy nach einigen Absaetzen ueber die Turnierform der spanischen Mannschaft in die politisch aufgeladene Formulierung ueber, Frankreich stelle ‘un plantel del maximo nivel. Eso si, sin franceses’. Uebersetzt: einen Kader von hoechstem Niveau, allerdings ohne Franzosen. Der Satz wurde ohne weitere Erlaeuterung gedruckt, war aber unmissverstaendlich auf die migrantische Herkunft mehrerer Nationalspieler bezogen. El Debate ist eine 2020 gegruendete katholisch-konservative Onlinezeitung, die in Spanien eng am rechten Rand des Partido-Popular-Milieus operiert.
Reaktion aus Madrid: Sanchez wirft Rajoy Rassismus vor
Praesidentenpalast La Moncloa reagierte binnen weniger Stunden. Pedro Sanchez, der Rajoy 2018 durch das Misstrauensvotum abgeloest hatte, schrieb auf X: ‘Es gibt Menschen, die Zugehoerigkeit immer noch am Nachnamen, am Geburtsort oder an der Hautfarbe messen. Andere messen sie an der Verbundenheit mit einem Land und dem Willen, zu ihm beizutragen.’ Der Regierungschef schloss mit einer im spanischen politischen Diskurs bewusst zugespitzten Formel: ‘Moege das bessere Team gewinnen und der Rassismus verlieren.’ Der Satz war der klarste Schnitt zwischen der aktuellen sozialistischen Regierung und der konservativen Ex-Fuehrung des Landes, den Sanchez seit dem Fruehjahr formuliert hat, und er verband die Regierungsposition ausdruecklich mit einer sportlichen Ehrenbekundung an das Nachbarland Frankreich.
Paris antwortet: Ministerien fordern Konsequenzen, FFF-Anzeige denkbar
Aus Paris kamen zwei Ministeriums-Reaktionen. Familienministerin und Gleichstellungsbeauftragte Aurore Berge sprach von ‘wiederholten rassistischen Entgleisungen’ und verwies auf die vergleichbaren Aeusserungen der paraguayischen Senatorin Celeste Amarilla nach dem R16-Sieg der Bleus gegen Paraguay am 29. Juni. Ueberseeministerin Naima Moutchou, selbst mit marokkanischer Familiengeschichte, ging noch weiter: ‘Das sind keine Entgleisungen. Es ist ein systematischer und verharmloster Hass auf Frankreich.’ Sie forderte die Federation Francaise de Football (FFF) auf, juristische Schritte zu pruefen. Die franzoesische Botschaft in Madrid veroeffentlichte eine schriftliche Klarstellung, wonach ‘alle Spieler der franzoesischen Nationalmannschaft Franzosen sind’ und ‘23 der 26 Spieler in Frankreich geboren’ sind. Die drei Ausnahmen betreffen Spieler mit Geburtsorten in franzoesischen Ueberseegebieten oder in ehemaligen frankophonen Territorien.
Die Zahl hinter der Debatte: 23 der 26 franzoesischen WM-Spieler in Frankreich geboren
Ein Blick in den franzoesischen WM-Kader 2026 zeigt, wie duenn die Rajoy-Behauptung faktisch ist. Von den 26 Spielern der Deschamps-Auswahl sind 23 im franzoesischen Kernland oder in franzoesischen Ueberseegebieten geboren. Kylian Mbappe (Bondy), Ousmane Dembele (Vernon), Aurelien Tchouameni (Rouen), William Saliba (Bondy), Michael Olise (Hammersmith - aber franzoesischer Staatsbuerger seit Geburt), Bradley Barcola (Lyon) und Randal Kolo Muani (Bondy) sind entweder in Frankreich geboren oder als Kinder franzoesischer Staatsbuerger aufgewachsen. Mike Maignan (Cayenne) und Marcus Thuram (Parma - Sohn des franzoesischen Weltmeisters Lilian Thuram) bilden die Nuancen der Fussball-Migrationsgeschichte, die franzoesische Nationalteams seit 1998 pragen. Die Rajoy-These, der Kader stehe ‘ohne Franzosen’, ist damit nicht Interpretation, sondern Behauptung: sie muss die franzoesische Staatsbuergerschaft und die franzoesische Geburt aktiv ausblenden, um sich zu tragen.
Zweiter Rassismus-Vorfall gegen Les Bleus binnen zwei Wochen
Der Rajoy-Vorfall reiht sich in die Amarilla-Kontroverse nach dem R16-Sieg der Bleus gegen Paraguay ein. Die paraguayische Senatorin Celeste Amarilla hatte in der Nacht auf den 30. Juni 2026 auf X eine rassistische Aeusserung ueber Kylian Mbappe abgesetzt, worauf Mbappe oeffentlich reagiert hatte und Praesident Emmanuel Macron nachlegte. Historisch reiht sich Rajoys Satz in eine Debattenlinie ein, die im rechtsextremen Diskurs Frankreichs seit den 1990er Jahren wiederkehrend gefuehrt wird - von der Front-National-Kritik an der 1998er-Weltmeister-Elf um Zidane, Vieira und Karembeu bis zu den Debatten waehrend der EM 2016 und der WM 2018. Deschamps hat in seinen Pressekonferenzen dieser Woche mehrfach betont, seine Mannschaft identifiziere sich vollstaendig mit Frankreich, und explizit die Amarilla-Aeusserung als ‘ausserhalb des Sports’ bezeichnet.
Was das fuer HF1 in Dallas bedeutet
Sportlich rueckt die Kontroverse zwei Aspekte in den Vordergrund des HF1-Vorberichts. Erstens die Motivationslage der Bleus: das Team von Didier Deschamps geht mit einer erneuten Rassismus-Debatte im Nacken in das Halbfinale, was Vorgaenger-Turniere - Katar 2022, Russland 2018 - regelmaessig als Zusatz-Antrieb genutzt haben. Zweitens die politische Rahmung des spanisch-franzoesischen Duells: Sanchez hat mit seiner X-Antwort die Rajoy-Kolumne ausdruecklich zum Regierungsthema gemacht, was in Madrid zwischen Partido Popular und PSOE eine parallele Konflikt-Ebene oeffnet. Der Halbfinal-Bracket bleibt davon unberuehrt: der Sieger aus dem AT&T Stadium trifft im WM-Finale am 19. Juli im MetLife Stadium auf den Sieger aus England gegen Argentinien am 15. Juli. Die franzoesische und die spanische Mannschaft haben in der WM-Rechner-Modellrechnung die beiden hoechsten Modell-Wahrscheinlichkeiten aller Halbfinalisten, und die Torjaeger-Bilanz mit Kylian Mbappe an der Doppelspitze der Turnier-Torschuetzenliste zeigt, warum der Bleu-Kader gerade in Sachen sportlicher Individualleistung schwerer angreifbar ist, als die Rajoy-Rhetorik glauben machen will.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
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