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WM 2026

Mbappe - Erst Mensch, dann Torjaeger: Der politischste Star der WM 2026 vor Frankreich gegen Marokko

Vor dem Viertelfinale gegen Marokko am 9. Juli portraetiert die Sportschau Kylian Mbappe als politischsten Star der WM 2026. Bondy, Le Pen, Macron - der Bogen.

Von Marco Feldmann 09. Juli 2026

Kylian Mbappe im Frankreich-Trikot beim WM-2026-Achtelfinale gegen Paraguay am 4. Juli 2026 in Philadelphia (Foto: Ulrik Pedersen / ZUMA Press Wire). Foto: Zuma Press via SmartFrame

Wenn Kylian Mbappe an diesem Donnerstagabend um 22:00 Uhr MESZ im Gillette Stadium in Foxborough bei Boston zum Anpfiff des Viertelfinales gegen Marokko auf den Rasen tritt, tut er das mit einem doppelten Anspruch. Zum einen als Torschuetzenkoenig der WM 2026, gemeinsam an der Spitze der Torjaegerliste, sieben Treffer in fuenf Spielen, zuletzt der Elfmeter beim 1:0 gegen Paraguay im Sechzehntelfinale. Zum anderen als das, was die Sportschau-Redaktion am Morgen des 9. Juli in einem breit angelegten Feature den “politischsten Star der WM” nannte. Der 27-Jaehrige aus Bondy tritt in Boston nicht nur als Kapitaen der Equipe Tricolore an, sondern als einer der wenigen Spitzenfussballer, die sich in den letzten Jahren wiederholt und namentlich positioniert haben - gegen Rechtsextremismus in Frankreich, gegen Rassismus aus Paraguay und fuer, wie er es selbst in Duesseldorf sagte, “unsere Werte, soziale und kulturelle Vielfalt, Toleranz und Respekt”.

Bondy als politisches Herkunfts-Alphabet

Der biografische Kern der Mbappe-Position liegt in Bondy, dem Ile-de-France-Vorort noerdlich von Paris. Geboren wurde Kylian Mbappe am 20. Dezember 1998 in Paris. Sein Vater Wilfried Mbappe war kamerunischer Fussballer und Jugendtrainer, seine Mutter Fayza Lamari war algerische Handball-Erstligaspielerin in Frankreich. Der Adoptiv-Sohn der Familie, der aeltere Bruder Jires Kembo, machte in Rennes seinen Ligue-1-Weg, der juengere Bruder Ethan Mbappe spielt aktuell im Profi-Fussball. Die Kombination kamerunischer Vater, algerische Mutter, Bondy-Alltag: Das ist der biografische Rahmen, den Mbappe seit Jahren nutzt, wenn er in Interviews auf seine gesellschaftliche Position angesprochen wird.

In einem Text fuer die Sportjournalisten-Plattform “The Players’ Tribune” hatte Mbappe im Jahr 2020 formuliert, was er aus dieser Herkunft mitnimmt: “Man lernt, alle Menschen gleich zu behandeln, weil wir alle im selben Boot sitzen.” Der Satz wirkt wie ein Grundton, der die spaeteren, expliziter politischen Positionierungen einrahmt. Bondy ist in der franzoesischen Wahrnehmung das, was in Deutschland ein Ruhrgebiets-Stadtteil oder in Berlin Neukoelln waere: multikulturell, jung, mit Aufstiegs-Biografien und Aufstiegs-Enttaeuschungen. Mbappe hat das mehrfach als Sozialisierungs-Anker markiert.

Vanity Fair, Le Pen und die Platini-Rueckmeldung

Der oeffentliche Wendepunkt der politischen Positionierung war das Vanity-Fair-Interview im Vorfeld der franzoesischen Parlaments-Neuwahlen 2024. Mbappe sprach dort deutlich gegen Marine Le Pens rechtsextremen Rassemblement National. Der Satz, der in Frankreich am staerksten zitiert wurde, lautete: “Ich weiss, was das bedeutet und welche Folgen es fuer mein Land haben kann.” Das war ungewoehnlich fuer einen aktiven Nationalspieler in einer Politiker-Distanz-Kultur, in der die Grande Nation aeltere Kronzeugen (Zinedine Zidane hatte sich zu 2002 anders positioniert) nur zurueckhaltend fuer politische Statements herangezogen hatte.

Michel Platini, ehemaliger UEFA-Praesident, Frankreich-Nationalspieler und langjaehriger Kritiker politischer Positionierung durch aktive Nationalspieler, forderte in seiner Reaktion politische Neutralitaet ein. Sein Satz an Mbappe: “Du spielst fuer alle Franzosen.” Die Aussage stand fuer die franzoesische Kritik an Mbappe: Der Nationalspieler soll die Spannungen der Grande Nation nicht durch Wahl-Positionierung verschaerfen, sondern einen Konsens-Raum offen halten. Mbappe hielt an seiner Position fest.

Duesseldorf, 17. Juni 2024: die EM-PK-Rede zur Wahl

Wenige Tage nach dem Vanity-Fair-Interview stand Mbappe bei der EM-2024-Pressekonferenz am 17. Juni 2024 in Duesseldorf am Mikrofon. Dort formulierte er noch expliziter. Er rief junge Menschen zur Wahlbeteiligung auf und sagte woertlich: “Wir muessen uns mit unseren Werten identifizieren, mit sozialer und kultureller Vielfalt, mit Toleranz und Respekt.” Der Satz stand fuer den Bogen, den Mbappe zwischen der Bondy-Herkunft, seiner Nationalspieler-Rolle und der politischen Frage nach Werten in Frankreich spannt. Es war einer der wenigen Momente in der EM-2024-PK-Historie, in der ein aktiver Kapitaen der Equipe Tricolore eine explizite Wahl-Position vertreten hat.

Juli 2026: die Paraguay-Senatorin und die Macron-Rueckendeckung

Der zweite Grosse Bogen der politischen Positionierung liegt nur wenige Tage zurueck. Nach dem Achtelfinal-1:0 Frankreichs gegen Paraguay am 4. Juli 2026 in Philadelphia - Mbappes Elfmetertor entschied das Spiel - meldete sich die paraguayische Senatorin Celese Amarilla de Boccia mit rassistischen Aussagen ueber Mbappe zu Wort. Der 27-Jaehrige reagierte mit einer scharfen Antwort. Er bezeichnete die Senatorin als “verachtenswerte Frau und unwuerdig ihres Amtes”. Es war eine Reaktion, die deutlich ueber ein diplomatisches Statement hinausging.

Der franzoesische Praesident Emmanuel Macron stellte sich oeffentlich hinter Mbappe. Sein Satz wurde in den franzoesischen Leitmedien zur Schlagzeile: “Ein weiteres Tor fuer Kylian Mbappe. Diesmal gegen den Rassismus.” Damit hatte der 27-jaehrige Kapitaen der Grande Nation binnen zweier Jahre zwei Mal die politische Buehne besetzt: einmal gegen Le Pen, einmal gegen Rassismus aus dem Ausland. In beiden Faellen stand ihm mit dem Praesidenten die politisch prominenteste Rueckendeckung des Landes zur Seite.

Solidaritaet mit Hakimi 2022 - und der Bogen zum Viertelfinale gegen Marokko

Der Bogen zu diesem Donnerstagabend gegen Marokko hat eine leise Vor-Geschichte. Nach dem WM-Halbfinale 2022 in Katar, das Frankreich mit 2:0 gegen Marokko gewann, schrieb Mbappe seinem PSG-Klubkollegen und Freund Achraf Hakimi eine Solidaritaets-Nachricht. Die genaue Formulierung ist nicht oeffentlich, das Handeln aber ist in der franzoesischen Presse als Kontrast zum reinen Sieger-Ton besprochen worden. Mbappe hat den marokkanischen Rechtsverteidiger nicht als Verlierer, sondern als Freund adressiert - eine Geste, die zur Bondy-Grundhaltung “wir sitzen alle im selben Boot” passt.

Am Donnerstagabend in Boston steht Mbappe seinem PSG-Freund erneut als Gegner gegenueber. Hakimi ist der Kapitaen der marokkanischen Nationalmannschaft unter Trainer Mohamed Ouahbi. Die Marokkaner sind nach dem 3:0 gegen Kanada im Sechzehntelfinale und dem Vorrunden-Sieg gegen Portugal einer der Ueberraschungs-Halbfinal-Anwaerter. Der QF gegen Frankreich ist damit sportlich das erste K.-o.-Duell der beiden Nationen seit Katar - und persoenlich fuer Mbappe das dritte hochstehende Freundschafts-Rivalen-Duell mit Hakimi innerhalb weniger Wochen (PSG hatte Marokko schon in der Klub-WM-Vorbereitung mehrfach kreuzweise auf dem Programm).

Sieben Tore, zwei Vorlagen - und die franzoesische Buehne heute Abend

Sportlich geht Mbappe in dieses Viertelfinale mit einer starken Bilanz. Sieben Tore in fuenf Spielen, zwei Vorlagen. In der Vorrunde 3:1 gegen Senegal mit dem Klose-Rekord-Kontext, im 3:0 gegen Schweden im Sechzehntelfinale mit dem Doppelpack, im 1:0 gegen Paraguay mit dem Elfmeter unter Rekord-Hitze in Philadelphia. Gemeinsam an der Spitze der WM-2026-Torjaegerliste steht er neben Erling Haaland (Norwegen), Harry Kane (England) und Lionel Messi (Argentinien).

Fuer Cheftrainer Didier Deschamps, der nach der WM 2026 den Frankreich-Posten regulaer verlaesst, ist Mbappe die tragende Saeule des seit dem Nations-League-Viertelfinale gegen Kroatien im Maerz 2025 umgestellten offensiveren 4-3-3. Deschamps geht als amtierender WM-2022-Finalist in dieses Viertelfinale mit dem Karriere-Bogen einer Reifepruefung des eigenen Rufs. Fuer Mbappe ist die Rechnung einfacher: eine Fortsetzung des Weges Richtung Titel-Verteidigung von 2018 oder ein zweiter Boston-Trauma-Bogen nach der WM 2018 in Russland und dem Finale 2022 in Katar.

Fazit: der Anspruch, Mensch und Torjaeger gleichzeitig zu sein

Was die Sportschau-Formulierung “erst Mensch, dann Torjaeger” fuer das Duesseldorfer Feature vom 9. Juli aufgeschlagen hat, ist keine biografische Etikettierung, sondern eine Rangfolge. Kylian Mbappe hat in den letzten zwei Jahren zwei Mal politisch Position bezogen - gegen Le Pen und gegen Rassismus aus dem Ausland - und in beiden Faellen die Rueckendeckung des franzoesischen Praesidenten erhalten. Die Bondy-Herkunft, die migrantische Familien-Biografie und das Selbstverstaendnis, das Mbappe seit dem Vanity-Fair-Interview 2024 verteidigt, geben dieser Rangfolge einen biografischen Boden.

An diesem Donnerstagabend in Boston wird das Fussball-Ergebnis zaehlen. Frankreich ist mit 65 Prozent Sieg-Wahrscheinlichkeit inklusive Verlaengerung im WM-Rechner klarer Favorit gegen Marokko - der leicht hoechste Wert aller vier QF-Paarungen. Wenn Mbappe fuer den Sieg trifft, wird sein achtes Turniertor die Ueberschriften bestimmen. Der Sportschau-Bogen des Morgens vom 9. Juli aber wird bleiben: Der 27-Jaehrige aus Bondy ist derjenige, der die politischste Positionierung eines aktiven Spitzenfussballers seit Jahren zu einer Rolle gemacht hat, mit der der Fussball auf und neben dem Platz gleichermassen ernstgenommen werden will. Wer sich fragt, was den franzoesischen Kapitaen von den anderen drei WM-Torjaegern (Haaland, Kane, Messi) unterscheidet, wird an dieser Rolle nicht vorbeikommen. Anpfiff ist um 22:00 Uhr MESZ, live bei MagentaTV, Zusammenfassung in der ARD-Sportschau.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

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