Hilfe oder Belastung? Ronaldo, Portugal und die kalte Statistik vor dem WM-Auftakt
Ronaldo (41) startet mit Portugal am 17.06. gegen DR Kongo in die WM 2026. Was Form, Statistik und Martinez-Mentalitaet vor dem Auftakt in Houston sagen.
Von Marco Feldmann 17. Juni 2026
Portugal startet am Mittwochabend um 19 Uhr MESZ in Houston in die Weltmeisterschaft 2026. Gegner in Gruppe K sind die DR Kongo, Usbekistan und Kolumbien - eine Konstellation, in der die Selecao Tabellenfuehrer werden muss, wenn die Ambitionen ueber das Achtelfinale hinausreichen sollen. Im Zentrum der Diskussion steht der Mann, der seit 2006 mit Portugal zu jeder WM faehrt: Cristiano Ronaldo, 41, sechste Weltmeisterschaft. Hilfe oder Belastung? Die Frage ist nicht polemisch gemeint. Sie ist datengetrieben.
Die Generalprobe gegen Nigeria - drei Chancen, kein Tor
Beim 2:1 gegen Nigeria am Sonntag in Lissabon hatte Ronaldo drei Top-Gelegenheiten, das Ergebnis fruehzeitig zu klaeren. Er koepfte aus fuenf Metern ueber den Kasten, schoss freistehend am Tor vorbei und legte sich aus zehn Metern ein Lupferchen zurecht, das ihm beim Versuch selbst sichtbar peinlich war. Die Tore machten am Ende Bruno Fernandes und Francisco Conceicao. Die Sportschau bilanzierte am Mittwoch nuechtern: “Drei klare Torchancen vergeben.” Es war nicht die erste Generalprobe, in der die Anzeige-Tafel hinter Ronaldos Auftritt zurueckblieb. Im Maerz hatte er schon im 2:1 ueber Spanien das letzte Tor zum Endstand getroffen - ein Strafstoss.
Die WM-Statistik - neun Spiele ohne Treffer auf grosser Buehne
Die nuechterne Datenlage ist unangenehm. Ronaldo hat bei fuenf Weltmeisterschaften zwischen 2006 und 2022 in 22 Einsaetzen acht Tore erzielt - Rang 26 der ewigen WM-Torjaegerliste, weit hinter den 16 Toren von Miroslav Klose. Alle acht Treffer fielen in Gruppenspielen, in acht K.-o.-Spielen hat er nie getroffen. Sein letztes Tor aus dem Spiel heraus bei einem Major-Turnier liegt fuenf Jahre zurueck: EM 2021, gegen Deutschland in Muenchen. Seitdem zaehlt das Faktoid neun Pflichtspiele in Folge ohne Treffer auf grosser Buehne und 29 Abschluesse ohne Tor bei EM- und WM-Partien.
Auf der Habenseite: 228 Laenderspiele, 143 Tore, EM-Sieg 2016, Nations-League-Sieg 2019 und 2025, fuenf Ballons d’Or, fuenf Champions-League-Titel. Bei seinem Klub Al Nassr standen in der vergangenen Saudi-Saison 28 Tore in 30 Spielen zu Buche. Die Vitrine ist auf einem Niveau, das in der Fussballgeschichte praktisch nur noch Messi erreicht. Was fehlt, ist exakt der Pokal, den Portugal bis zum 19. Juli aus den USA mitbringen muesste.
Roberto Martinez und die Mentalitaets-Verteidigung
Roberto Martinez, der nach der WM seinen Posten verlassen wird, hat seinen Kapitaen schon im Mai in den Kader berufen und in dieser Woche jeden Zweifel abgeblockt. “Es darf keinen Zweifel geben. Er hat sich das verdient”, sagte der Spanier zur Frage nach Ronaldos Rolle. Martinez geht sogar weiter und schliesst nicht aus, dass Ronaldo 2030 mit 45 noch eine siebte WM spielen koennte - ein Statement, das im Pressezentrum eher gemischte Notizen ausloeste.
Ronaldo selbst weicht aus, wenn er auf die Generalprobe angesprochen wird. “Habt ihr die letzten Spiele nicht gesehen?”, fragte er bei der Ankunftspressekonferenz in Houston zurueck. Er versprach “wunderbare Dinge” und peilt den Gruppensieg an. Es ist die rhetorische Routine eines Spielers, der in 23 Jahren Nationalmannschaft gelernt hat, jeden Schritt selbst zu rahmen.
Vom Flueger zum Mittelstuermer - der taktische Umbau
Tactically ist Ronaldo seit Jahren kein Aussenstuermer mehr, sondern ein Strafraumstuermer, der auf Zuspiele angewiesen ist. Martinez plant fuer den Auftakt gegen die DR Kongo erneut mit dem Mittelstuermer-CR7 hinter den schnellen Aussen Conceicao und Rafael Leao - der nach seiner Roten Karte im Test gegen Chile wieder spielberechtigt ist. Bruno Fernandes traegt zwar formell die Spielfuehrer-Binde an Tagen, an denen Ronaldo Pause hat - im Auftakt ist Ronaldo Kapitaen. Die Schluesselspieler-Frage geht trotzdem eher Richtung Fernandes und Bernardo Silva, die in der Mittelfeldzentrale die Anbindung sicherstellen muessen, ohne den Mittelstuermer zu isolieren.
Das Risiko ist klar: Ein Mittelstuermer, der seine Chancen nicht trifft, blockiert Raum fuer alle anderen. Der Vorteil bleibt: Die Aufmerksamkeit, die Ronaldo allein durch seine Praesenz im Strafraum bindet, schafft anderen Spielfeldverteilern Platz. Beide Effekte messen sich am gleichen Punkt - der Effizienz vor dem Tor.
Was die Rote Karte und die Bewaehrungsstrafe verraten
Ein Detail, das die Belastung-Frage anders illustriert, ist die Sperre aus dem Qualifikationsspiel gegen Irland. Beim 0:2 in Dublin sah Ronaldo nach einem Schlag gegen den Gegenspieler Rot - die FIFA-Disziplinarkommission entschied auf Taetlichkeit und drei Spiele Sperre. Zwei davon wurden zur Bewaehrung ausgesetzt. Diese Praxis ist ungewoehnlich, aber nicht beispiellos; sie raeumt einem Stuermer, der bei der WM ein Marketing-Asset ersten Ranges ist, den Weg in das Turnier frei. Sportlich heisst das: Ronaldo spielt gegen die DR Kongo und Usbekistan, im dritten Gruppenspiel gegen Kolumbien ist ebenfalls keine Sperre offen.
Aussport-Perspektive interessant: Eine zweite Rote Karte im Turnier wuerde die Bewaehrung scharf schalten - dann waeren zwei Spiele zusaetzliche Sperre faellig. Fuer Portugal ist das ein Argument gegen einen heisslaufenden Ronaldo in Knock-out-Phasen, in denen die Anspannung ohnehin hoeher ist.
Auftakt in Houston - was Portugal heute Abend braucht
Am Mittwochabend um 19 Uhr MESZ stehen 360 Meter Tartanlinien zwischen Ronaldo und der Bestaetigung, dass seine sechste WM keine museale Inszenierung wird. Die DR Kongo ist erstmals seit 1974 wieder bei einer WM dabei - damals noch als Zaire - und kommt nach einer ueberraschend starken CAF-Quali nach Houston. Das Trainer-Team von Sebastien Desabre setzt auf eine kompakte Fuenferkette und schnelle Konterangriffe.
Ein Sieg waere fuer Portugal nicht nur drei Punkte, sondern ein Signal an die anderen Gruppensieger der Welt-Tabelle: Die Selecao ist ein Mitfavorit, auch wenn die Diskussion um den Kapitaen das Turnier praegen wird. Ein Tor von Ronaldo - aus dem Spiel heraus - waere die kuerzeste denkbare Antwort auf die Belastung-Frage. Es waere zugleich sein neunter WM-Treffer und der erste Schritt zu einem Karriere-Schlusskapitel, das nach Tom-Brady-Format aussieht: das Letzte, das noch fehlt, mitnehmen.
Wenn nicht heute Abend gegen die DR Kongo, dann wann? Diese Frage trifft eigentlich nicht Ronaldo, sondern den ganzen portugiesischen Kader. Denn die Belastung-Debatte ist im Kern eine Form-Debatte, und die laesst sich nur auf dem Platz beantworten. Wir werden ab 19 Uhr in Houston sehen, wie viel Ronaldo Portugal 2026 noch bringt.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.