Problem-Personalie Sané: Welche Optionen Nagelsmann gegen die Elfenbeinküste hat
Nach dem 7:1 gegen Curaçao bleibt eine offene Personalie: Leroy Sané. Was die Statistik sagt, was Nagelsmann verteidigt und welche vier Alternativen er gegen die Elfenbeinküste in Toronto wirklich hat.
Von Lukas Brandt 15. Juni 2026
Beim 7:1 gegen Curaçao in Houston hat das DFB-Team praktisch in jedem Mannschaftsteil gepunktet. Nico Schlotterbeck und Nathaniel Brown traten aus dem Schatten, Felix Nmecha schnürte als Sechs-Debütant einen Doppelpack, Jamal Musiala beantwortete mit dem 4:1 die Startplatz-Debatte selbst. Nur eine Personalie blieb am Sonntag nach dem Abpfiff hängen: Leroy Sané.
Sechs Tage vor dem zweiten Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste am 20. Juni in Toronto stellt sich damit eine Frage, die niemand im DFB-Tross öffentlich aufmachen will, die intern aber spätestens beim Aufstellungs-Termin am 19. Juni beantwortet werden muss: Bleibt Sané auf rechts, oder welche Option zieht Nagelsmann aus dem 26er-Kader?
Der 63.-Minute-Moment: Worüber überhaupt diskutiert wird
Das 7:1 schließt die Personalie eigentlich kategorisch ab - und genau das ist die Krux. Die Bewertung in den Stadion- und Sender-Tickern war einhellig: Sané war der einzige Bayern-Profi in der DFB-Startelf, dessen Auftritt nicht als Statement durch ging. Drei Datenpunkte aus Houston:
- Volle 90 Minuten auf rechts - Nagelsmann nahm ihn trotz schwacher Phasen nicht runter, obwohl ein Auswechseln in der 70. Minute mit Blick auf Toronto vertretbar gewesen wäre.
- Großchance 63. Minute: Sané kam frei durch und schoss aus kurzer Distanz unbedrängt am Tor vorbei. Die Lesart der Sportschau im Spielbericht: “Unter anderem vergab Leroy Sané einige Topchancen, beispielsweise als er in der 63. Minute frei durch war und trotzdem unbedrängt das Tor verfehlte.”
- Dribbel-Verlust ins Seitenaus: ein Sinnbild-Moment für eine Halbzeit, in der die rechte Offensiv-Seite die einzige war, die im Aufbau nicht funktionierte.
Das mag man relativieren - Sané hat in der WM-Vorbereitung den Siegtreffer gegen die USA in Chicago erzielt, und gegen ein Spitzenteam wäre die 63.-Minute-Szene überhaupt nie passiert, weil das Tempo dort höher liegt. Es ändert nichts daran, dass die Personalie nach dem Auftakt diskutiert wird - und nicht abgeschlossen ist.
Nagelsmanns Schutzreflex: “Super fleißig” - und was darunter steht
In der ARD-Halbzeit-und-Endbewertung griff Nagelsmann auf das Standard-Repertoire des Trainer-Schutzes zurück: “Er war super fleißig heute. Er hat viel gearbeitet, viele Umschaltsituationen vom Gegner weggenommen.”
Das ist faktisch nicht falsch - Sané ist gegen ballverliebte Konter-Mannschaften ein verlässlicher Defensiv-Arbeiter, und die Kompaktheit der DFB-Außenbahn lag in Houston auch an seiner Bereitschaft, mit zurückzulaufen. Es ist aber auch eine Lesart, die die offensive Ergebnis-Pflicht eines Rechtsaußen im 4-2-3-1 systematisch ausblendet. Im Vorfeld der WM hatte unser Sané-Porträt vom 8. Juni noch beschrieben, wie der Bayern-Profi nach dem Karl-Schock von Chicago plötzlich zum unersetzlichen Startspieler aufgerückt war. Sechs Tage später ist genau die Lücke, die Karl gerissen hat, der Grund, warum die Alternativen-Diskussion überhaupt so dünn besetzt wirkt.
Option 1 - Jamie Leweling: der direkte Ersatz mit anderer Interpretation
Die naheliegendste Lösung trägt im DFB-Kader die Rückennummer neun: Jamie Leweling (VfB Stuttgart). In der WM-Vorbereitung kam der 24-Jährige beim 2:1 gegen die USA in Chicago in der Schluss-Viertelstunde, eine knappe Reservisten-Audition über 18 Minuten. Sein Profil:
- Eher Außenbahn als Halbraum: Leweling interpretiert die Position deutlich breiter als Sané, sucht die Grundlinie, schlägt Flanken in den Sechzehner. Das ist gegen kompakte Vierer-Ketten wie die der Elfenbeinküste mit Evan Ndicka und Ousmane Diomandé eine andere - und potenziell die hilfreichere - Variante.
- Bundesliga-Volumen: 32 Pflichtspiel-Einsätze für Stuttgart in der abgelaufenen Saison, mit Toren und Vorlagen aus klar definierten Außen-Positionen.
- Strafe für Sané, nicht Disziplinarfall: Eine Leweling-Beförderung wäre die taktisch sauberste Begründung, weil sie nicht als Sané-Demontage gelesen werden muss. “Anderer Gegner, anderes Profil” reicht als Erklärung.
Option 2 - Maximilian Beier: die überraschende Wahl
Maximilian Beier (Borussia Dortmund) wäre eine Wahl, die in der WM-Pressekonferenz mehr Erklärungsbedarf produzieren würde als jeder andere Wechsel. Der 23-Jährige hat in der Bundesliga zuletzt überwiegend als hängende Spitze oder als Linksaußen-Variante agiert - das rechte Profil ist für ihn keine Stammposition. Aber:
- Beier bringt das, was Sané in Houston vermissen ließ: Chancenverwertung. In der vergangenen Saison war seine Quote pro 90 Minuten klar über der Sané-Linie.
- Eine Aufstellung mit Beier auf rechts würde de facto bedeuten, dass Nagelsmann das System leicht umbaut - Wirtz rückt halbrechts ein, Beier hängt zwischen Außen- und Mittelstürmer-Linie ab.
Realistische Wahrscheinlichkeit gegen die Elfenbeinküste: niedrig. Beier ist eher ein Joker-Profil und wäre nach Stand der internen Hierarchie der dritte Sturmwechsel hinter Niclas Füllkrug und Deniz Undav.
Option 3 - Assan Ouédraogo: der Nachnominierte mit 13 A-Team-Minuten
Der 20-jährige Assan Ouédraogo wurde nach dem Karl-Schock vom 5. Juni in Chicago für den verletzten Bayern-Youngster nachnominiert. Ouédraogo ist kein klassischer Flügelspieler - er ist Achter oder Halbraum-Zehner und damit positionell eher in Wirtz’ Bereich angesiedelt. Trotzdem hat ihn Nagelsmann mit Verweis auf Flexibilität ins Aufgebot gezogen.
Die nüchterne Daten-Lage:
- 13 A-Team-Minuten vor der WM - eine Einwechslung beim Test gegen die USA, sonst Tribüne.
- Eine echte WM-Premiere auf rechts, falls Nagelsmann ihn einsetzt - kein Test-Datensatz, kein Probelauf, ein Sprung ins kalte Wasser.
- Hoher Trainings-Eindruck, laut DFB-Quellen aus dem Lager in Atlanta - aber Trainings-Eindrücke sind kein WM-Niveau.
Realistisch ist Ouédraogo ein Plan-C, kein Plan-B. Sechs Tage vor Toronto würde ihn Nagelsmann eher in einer Schluss-Viertelstunde gegen müde Ivorer einsetzen als im Anpfiff.
Plan-B-Verschiebungen: Havertz oder Musiala auf rechts
Bleibt die System-Lösung: Sané sitzt, das 4-2-3-1 bleibt, ein bereits gesetzter Offensivspieler übernimmt rechts. Zwei Varianten:
- Havertz auf rechts, Undav zentral: Havertz hat unter Nagelsmann die rechte Achter-Position mehrfach gespielt, vor allem in der EM 2024. Aufwärts-Effekt: Undav als zentraler Sturmspitze gibt eine klarere Strafraum-Präsenz als Havertz, der gegen die Elfenbeinküste mit Ndicka und Diomandé in eine harte körperliche Auseinandersetzung gehen müsste.
- Musiala auf rechts, Wirtz zentral: Musiala ist gegen Curaçao genau dann gefährlich geworden, als er sich von der Zehn zu den Halbräumen bewegt hat. Eine bewusste Rechts-Positionierung würde ihm das Spielfeld öffnen, ohne die Wirtz-Achse zu zerstören.
Beide Verschiebungen haben den Charme, dass sie nicht als Sané-Demontage kommuniziert werden müssen - es ist “anderer Gegner, andere Aufstellung”, nicht “Sané degradiert”.
Was für Sané spricht - und was die Toronto-Frage ist
Es spricht eine Menge für Sané. Die nüchterne Datenlage der WM-Vorbereitung:
- Vier Tore in fünf Test-Einsätzen unter dem WM-Bundestrainer, inklusive des Siegtreffers gegen die USA.
- Defensiv-Arbeit auf konstantem Niveau, was Nagelsmann öffentlich verteidigt.
- Die einzige Alternative mit Test-Audition (Leweling) hat 18 Minuten gegen die USA gespielt, nicht 18 Pflichtspiele.
Die Toronto-Frage ist trotzdem real: Das BMO Field ist offener, kühler, der Gegner taktisch reifer. Faés Elfenbeinküste hat sieben Tage vor dem WM-Start Frankreich 2:1 geschlagen - kein Konter-Statist. Auf einer Außenbahn, auf der Diallo und Adingra das Tempo machen, ist Defensiv-Arbeit Pflicht und Offensiv-Wirkung Voraussetzung. Genau die Kombination, die Sané gegen Curaçao nur halb auf den Rasen gebracht hat.
Mehr zum Spielort und zur Modell-Prognose liefert unser Vorbericht zu Deutschland gegen Elfenbeinküste sowie das Team-Profil zur Elfenbeinküste. Das Pillar-Stück Deutschland bei der WM 2026 bündelt Kader, Spielplan und Gruppen-Stand.
Was am Freitag in Toronto auf dem Trainings-Platz steht
Spätestens am Donnerstag, 18. Juni, dem zweiten Toronto-Trainings-Tag, wird Nagelsmann die Aufstellungs-Entscheidung intern treffen. Drei Beobachtungen helfen, das Ergebnis vorherzusagen:
- Wer trainiert auf welcher Seite? Wenn Leweling rechts in der ersten Trainingsformation steht, ist die Entscheidung gefallen. Wenn Sané dort übt, bleibt es bei Houston-Status.
- Wer trainiert mit dem 4-3-3? Eine System-Umstellung mit Havertz auf rechts oder Musiala auf rechts würde sich am Trainings-Modus zeigen, nicht erst am Spieltag.
- Wer spricht auf der PK? Wenn Nagelsmann am Freitag mit Sané vor das Mikrofon tritt, ist die Personalie öffentlich gestützt. Wenn er Leweling oder Beier mitnimmt, ist die Botschaft eine andere.
Was die Personalie sicher nicht ist: ein offener Hinrichtungsprozess. Nagelsmann hat im Anschluss an das Curaçao-Spiel den Schutzreflex aktiviert - und das ist nach einer 7:1-Premiere gegen einen WM-Debütanten auch das Richtige. Die Frage ist nur, ob er sich diesen Schutzreflex am 20. Juni gegen einen Afrikameister, der gerade Frankreich geschlagen hat, ein zweites Mal leisten will.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.
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