Leroy Sané plötzlich unersetzlich: Wie der Karl-Schock dem Bayern-Profi den DFB-Stammplatz öffnet
Zehn Wochen nach den Pfiffen in Wuppertal ist Leroy Sané sechs Tage vor dem WM-Auftakt der DFB-Stammspieler auf rechts. Was den Wendepunkt erklärt und was Tah, Kimmich und Nagelsmann jetzt sagen.
Von Lukas Brandt 08. Juni 2026
Sechs Tage vor dem WM-Auftakt der DFB-Auswahl gegen Curaçao ist Leroy Sané dort, wo ihn vor zehn Wochen kaum jemand erwartet hätte: gesetzt in der Startelf. Der WM-Liveblog der Sportschau hat die Aufstellung am Montagmorgen formuliert: Manuel Neuer im Tor, Sané für den verletzten Lennart Karl auf rechts. Eine Personalie, die das Trainerteam um Bundestrainer Julian Nagelsmann in drei Tagen entschieden hat - und die nach dem 2:1 gegen die USA im Soldier Field niemand mehr ernsthaft in Frage stellt. Sané, vor wenigen Wochen noch ein Diskussionsthema, ist plötzlich unersetzlich.
Vom Bankdrücker zum Karl-Ersatz: 72 Stunden Wendepunkt
Die Wende begann am Freitagabend in Chicago. Lennart Karl, der 18-jährige Bayern-Profi, erlitt im Abschlusstraining einen Muskelbündelriss im Oberschenkel - WM-Aus, DFB-Mitteilung um Mitternacht. Am Samstagvormittag entschied Nagelsmann, dass Sané die Position auf der rechten Außenbahn übernimmt. Am Samstagabend war der Bayern-Flügelspieler, jetzt bei Galatasaray unter Vertrag, in der Startelf gegen die USA. In der 57. Minute traf er nach einem Solo über rechts platziert ins lange Eck zum 2:1 - der Siegtreffer in der Generalprobe, 85 Spielminuten, eine Antwort.
Am Sonntagmorgen war Sané schon in der Liveblog-Aufstellung für Houston eingetragen. Am Montag traf Assan Ouedraogo als nachnominierter Karl-Ersatz im Teamhotel in Winston-Salem ein, und der Bundestrainer bestätigte in einer Pressekonferenz seine Linie: Ouedraogo ist Kader-Ersatz, Sané ist Startelf-Ersatz. Zwischen Karls Diagnose und Sanés Stammplatz lagen weniger als 72 Stunden.
”Bei uns in der Mannschaft überhaupt nicht umstritten”
Auffällig im Nachklang des USA-Tests: die Solidaritätserklärungen aus der Mannschaft. Jonathan Tah, Innenverteidiger und seit Mai eine der lautesten Stimmen im Team, formulierte es im Interview nach dem Spiel klipp und klar: “An sich ist er nur bei den Fans umstritten, bei uns in der Mannschaft überhaupt nicht.” Es war ein Satz, der den Pfiffen in Wuppertal Ende März wie ein Gegenmodell entgegenstand - und gleichzeitig die Sané-Diskussion im DFB-Team auf eine einfache These verdichtete: in der Kabine ist es klar, ausserhalb wird debattiert.
Kapitän Joshua Kimmich, der die Mannschaft in Chicago als Spielführer aufs Feld geführt hat, ergänzte zur Sané-Frage mit einem Satz, der allgemein klingt, aber zielgerichtet war: “Es ist immer wichtig, dass jeder seine Momente nutzt.” Bei dem Tor zum 2:1 lief das gesamte Team zum Torjubel auf Sané zu - ein gemeinschaftlicher Sprint, der den Bayern-Profi sichtlich berührte. Nagelsmann selbst sprach nach dem Spiel von einem “guten Eindruck”, den Sané hinterlassen habe, und ließ ihn anders als Florian Wirtz oder Karim Adeyemi über die volle Distanz auf dem Platz. Es war auch das Statement eines Trainerteams, das einen Hauptdarsteller stabilisieren will, kurz bevor das Turnier beginnt.
Wuppertal, 30. März, Ghana: die Pfiffe, die lange nachwirkten
Wer Sanés Stellung im DFB-Team verstehen will, muss zum 30. März 2026 nach Wuppertal zurück. Beim Länderspiel gegen Ghana wurde der Bayern-Flügelspieler in der 60. Minute eingewechselt - und auf der Hauptanlage Wuppertaler Stadion mit deutlichen Pfiffen begrüßt. Die Szene war für mehrere Tage Thema in den Sport-Talkshows: ein Stammspieler, in der Heimat ausgepfiffen, wenige Wochen vor dem Trainingslager. Sané selbst sprach in einer kurzen Pressekonferenz zwei Tage später von einer “schwierigen Situation”, die er aber sportlich beantworten wolle.
Diese Antwort hat über die folgenden Wochen Form angenommen. In der Süper Lig holte Sané mit Galatasaray den türkischen Meistertitel - seine erste Saison nach dem Wechsel aus München. In der Champions League stand er ab der Gruppenphase fast durchgängig in der Startelf. Im Mai folgte die Nominierung in den 26er-Kader für die WM 2026 in Nordamerika, kommentarlos und ohne Sonderbegründung. Nagelsmann hat in Herzogenaurach im Mai die Linie klar formuliert: “Leroy kann auf hohem Niveau Tempo machen, das brauchen wir auf dem Flügel.” Ende Mai gegen Finnland in Mainz Bankplatz, Anfang Juni Startelf in Chicago, jetzt Stammplatz für die WM.
Galatasaray: die Saison, die das Vertrauen wiederhergestellt hat
Sanés erste Saison in Istanbul hat zwei Argumente geliefert, die in der DFB-Bewertung zentral waren. Erstens: körperliche Belastbarkeit. Mit Galatasaray spielte er Süper Lig, türkischen Pokal und Champions-League-Vorrunde, ohne längere Pause wegen einer Verletzung. Zweitens: produktive Saisonbilanz. Die genaue Tore-Vorlagen-Statistik bleibt zwischen den Quellen leicht uneinheitlich, sportschau.de und transfermarkt.de notieren beide einen zweistelligen Torwert plus Vorlagen im niedrigen Zehner-Bereich - belastbar genug, um ihn im Trainerteam intern als “Galatasarays produktivsten Flügelspieler” zu führen.
Im Vergleich mit der letzten Bayern-Saison 2024/25, in der Sané unter Vincent Kompany unregelmäßig zum Zug kam und am Saisonende ablösefrei wechselte, ist die türkische Spielzeit ein klarer sportlicher Schritt nach vorn. Genau das war das Argument, das Nagelsmann zur Nominierung im Mai gebraucht hat - und das ihm jetzt erlaubt, Sané ohne Hintergedanken gegen Curaçao aufzustellen.
Robben-Erbe auf rechts: Warum der Linksfuß auf die rechte Bahn gehört
Sané ist Linksfuß. Dass er trotzdem rechts startet, ist im DFB-System Programm: vom rechten Flügel mit links nach innen ziehen, in den Halbraum hineindrehen, im Strafraum aus halbrechter Position mit dem starken linken Fuß abschließen. Es ist das System, das jahrelang Arjen Robben bei den Bayern bedient hat - in den deutschen Sport-Redaktionen ist die Linie “Robben-Erbe” oder “Robben-Schule” seit Jahren ein gängiges Etikett für Sané. Nach dem Karl-Ausfall (klassischer Rechtsfuß auf rechts) und der Nicht-Nominierung von Serge Gnabry (Hamstring-Probleme im Mai) ist Sané, wie es in der Sportschau-Analyse formuliert wurde, “der letzte verbliebene flinke Robben-Erbe” im 26er-Kader.
Was bedeutet das für die Aufstellung gegen Curaçao? Auf rechts Sané, in der Zentrale Kai Havertz als Sturmspitze, links Florian Wirtz als hybride Zehn/Acht. Karim Adeyemi - der zweite klassische Rechtsaußen im Kader - geht von der Bank in die Joker-Rolle. Wirtz, der zwischenzeitlich als Karl-Erbe gehandelt wurde, kommt nicht auf der Außenbahn zum Einsatz, sondern bleibt im Halbraum. Es ist eine Konstellation, die Nagelsmann sich seit dem Trainingslager Mitte Mai eingespielt hat und die jetzt durch den Karl-Ausfall ohne Zweifel gesetzt ist.
Was bis zum Curaçao-Auftakt zu klären bleibt
Sechs Tage vor dem Anstoß in Houston ist die DFB-Auswahl mit nur noch einer offenen Position unterwegs: Manuel Neuer im Tor (Wadenprobleme, Belastungsaufbau läuft seit Wochenende), und davor steht die wahrscheinliche Elf. Trainingsplan in Winston-Salem: vier Einheiten zwischen 8. und 12. Juni, Pressekonferenzen mit Nagelsmann und ausgewählten Spielern, am Samstag, 13. Juni, Verlegung nach Houston, am Sonntag, 14. Juni, Anstoß im NRG Stadium um 19:00 Uhr MESZ gegen Curaçao. Die Gruppe E komplettieren danach die Elfenbeinküste (20. Juni in Toronto) und Ecuador (25. Juni in New York/New Jersey).
Eine offene Frage bleibt: Wie reagiert das Wuppertaler Publikum, wenn Sané am 14. Juni auf einem Stadion-Bildschirm in Houston eingewechselt wird? Aber das ist die Frage für später. Was zählt, ist die Aufstellung am Sonntag - und in dieser steht Sané in der Startelf, ohne wenn und aber.
Fazit
Vor zehn Wochen die Pfiffe in Wuppertal, vor drei Tagen die Karl-Diagnose, am Samstag der Siegtreffer in Chicago, heute der Stammplatz für die WM. Selten hat ein deutscher Nationalspieler in so kurzer Zeit so viel Rolle gewechselt - vom Mitspieler zum Hoffnungsträger, vom Diskussionsthema zur Antwort. Die Kabine hat die Wende mit Tah und Kimmich klar gemacht, das Trainerteam hat sie mit der Aufstellung versiegelt, und Sané selbst hat sie mit einem Tor unterstrichen, an dem nichts zu deuten ist. Sechs Tage vor dem Curaçao-Auftakt ist Leroy Sané plötzlich unersetzlich. Mehr Kontext zum DFB-Team bei der WM 2026 und das ergänzende Gündogan-Interview, in dem der Ex-Kapitän die Sané-Frage bereits am Sonntag eingeordnet hat.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.
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