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DFB-Team

Stepanovic vor Deutschland-Serbien: Als Klopp bei ihm in Frankfurt spielte

Dragoslav Stepanovic schaut vor DFB-Serbien 20:45 MESZ auf seine Trainer-Zeit mit Klopp bei Rot-Weiss Frankfurt 1989/90 - zwei Heimaten.

Von Nina Hartmann 01. Oktober 2026

Jugoslawien WM 1974: Dragoslav Stepanovic (l.), Josip Katalinski und Stanislav Karasi als Teil des Kaders fuer die Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland (Foto: SuperStock). Foto: SuperStock via SmartFrame

Dragoslav Stepanovic sitzt heute Abend nicht an der Seitenlinie. Mit 76 Jahren wird der frueher jugoslawische, heute serbische Kult-Trainer das Spiel seines Herzensvereins Eintracht Frankfurt-Stadt gegen seine Heimat Serbien von zu Hause aus verfolgen. Dass auf der anderen Seite dieses Duells der heutige DFB-Bundestrainer Juergen Klopp steht, erzaehlt eine Nebenerzaehlung, die wenige mitbekommen haben: Vor 36 Jahren hat Stepanovic Klopp trainiert.

”Es gibt da eine Granate”

Stepanovic hat im Interview mit dem Kicker vom 1. Oktober 2026 das Spiel seiner beiden Fussballheimaten als “Granate” bezeichnet - das serbisch-hessische Idiom, das er selbst praegt, meint eine Partie mit besonderem Zuendstoff. Die Mischung aus Pflichtaufgabe fuer das deutsche Team und persoenlicher emotionaler Belastung fuer ihn selbst gibt dem Spiel 20:45 MESZ in der Allianz Arena eine Dimension, die sich nicht in der sportlichen Tabelle erschoepft. Nach dem 0:1 gegen Griechenland in Augsburg und dem 1:1 in Amsterdam vor zehn Tagen sagt Stepanovic Klopp Entwarnung voraus: Klopp werde “den Weg finden, so wie er ihn immer gefunden hat”.

Die Formulierung ist weniger beilaeufig, als sie klingt. Stepanovic hat sich selten oeffentlich zu Klopp geaeussert - weniger weil die Konstellation ihm unangenehm waere, sondern weil er sie nicht zum Werkzeug machen will. In seinem Verstaendnis von Trainerbeziehung gehoert es sich nicht, auf alten Spielern Oeffentlichkeit zu kapitalisieren.

Rot-Weiss Frankfurt 1989/90: die Trainer-Spieler-Saison

Zur Saison 1989/90 uebernahm Stepanovic Rot-Weiss Frankfurt in der Oberliga Hessen, der dritthoechsten Spielklasse unterhalb der 2. Bundesliga. Juergen Klopp war damals 22, ein zuverlaessiger Stuermer der zweiten Reihe, kein Jahrhunderttalent. Die beiden sahen sich ueber die ganze Spielzeit fast taeglich: Training, Spielvorbereitung, Reisen zu Auswaertsspielen im hessischen Umland. In einer dritten Liga der Oberliga-Zeit war das ein kleiner Betrieb mit kurzen Wegen und starken persoenlichen Praegungen.

Klopp hat jene eine Saison in spaeteren Jahren in mehreren Interviews gewuerdigt. Stepanovic habe ihn gelehrt, dass Fussball und Charakter zusammengehoeren und dass eine Mannschaft nur so gut sei wie ihr Umgang miteinander. In Klopps spaeterem Trainer-Werdegang - erst Spielertrainer in Mainz, dann Bundestrainer-Vorstufe Dortmund 2008 bis 2015, dann Liverpool 2015 bis 2024 und seit Sommer 2026 die DFB-Elf nach dem Red-Bull-Zwischenjahr - lassen sich die stepanovicschen Spuren mit ein wenig gutem Willen durchgaengig erkennen: die Betonung von Haltung, der scherzhafte Umgang mit Druck, das Zutrauen in den eigenen Weg auch gegen laute Kritik.

Nach jener einen Saison trennten sich die Wege: Stepanovic ging zur Eintracht Frankfurt in die Bundesliga, Klopp wechselte zum FSV Mainz 05, zunaechst als Spieler bis 2001, dann als Trainer bis 2008.

Serbischer Jugo-Spieler, deutsche Wahlheimat, 1974er WM-Teilnehmer

Stepanovic, geboren am 30. August 1948 im serbischen Rekovac, hatte vor seiner Trainer-Karriere eine Spielerkarriere, die seinesgleichen heute kaum noch sucht. Er lief fuer OFK Belgrad und Roter Stern Belgrad auf, kam 1974 nach Deutschland zur Eintracht Frankfurt, spielte spaeter noch fuer Wormatia Worms und Manchester City. Fuer Jugoslawien absolvierte er 34 Laenderspiele und nahm an der WM 1974 in Deutschland teil - jener WM, bei der Jugoslawien gegen den spaeteren Weltmeister Deutschland in Duesseldorf mit 0:2 verlor. Stepanovic war damals 25, ein etablierter Verteidiger im Weltklasseformat.

Die WM 1974 ist der historische Fixpunkt, der seinen heutigen Blick auf das DE-SRB-Spiel praegt. Er war 1974 Spieler des Gegners der deutschen Elf; er ist 2026 Vertrauter des Trainers der deutschen Elf. Dazwischen liegen 52 Jahre serbisch-deutsche Doppelbiografie und zwei Fussballheimaten, von denen keine ganz loszulassen ist.

”Lebbe geht weider”: Warum Stepanovic ueber die Fussball-Insider-Blase hinaus bekannt wurde

Der Satz “Lebbe geht weider” - hessisch fuer “Das Leben geht weiter” - hat Stepanovic in einem Interview nach dem bitteren Meisterschafts-Aus 1992 vor laufenden Mikrofonen gesagt. Die Eintracht hatte im entscheidenden letzten Spieltag in Rostock verloren und damit die Meisterschaft an den VfB Stuttgart abgegeben. Stepanovic verzichtete auf jede Dramatisierung und sagte den Satz in seinem charakteristischen Serbisch-Hessischen Akzent in die Kamera. Von da an war der Satz nicht mehr seiner allein, sondern deutsches Allgemeingut - in Werbekampagnen, in Buchtiteln, in Alltagssprache.

Dass der Satz heute 34 Jahre spaeter wieder praktischen Gebrauchswert haben koennte, liegt an der Lage der DFB-Elf vor dem Heimdebut. Zwei sieglose Spiele unter Klopp, die Kapitaenfrage um Joshua Kimmich offen, ein zweites XXL-Kader-Experiment mit neun Debuetanten: Falls heute auch dieses Spiel nicht gewonnen wird, braucht die DFB-Elf eine Haltung, die ueber den Match-Tag hinausreicht. Stepanovic hat sie 1992 in zwei Woertern formuliert.

Was heute Abend am Allianz-Arena-Rand kulturell mitlaeuft

Fuer das sportliche Ergebnis spielt Stepanovics Doppelidentitaet keine Rolle - er sitzt nicht auf der Bank, hat keinen Spieler zu entsenden, trifft keine Entscheidung. Fuer das kulturelle Resonanzraum-Hintergrundrauschen eines Nations-League-Spiels in Muenchen am 1. Oktober 2026 ist seine Figur aber ein wichtiger Nebenpol. Die DFB-Elf trifft auf einen serbischen Gegner, dessen Herkunftsland in Deutschland mit seiner Diaspora, seinen Trainern, seinen Spielern viel staerker vernetzt ist, als die reine Begegnungs-Statistik vermuten laesst.

Stepanovic ist einer der prominentesten Trainer dieser Diaspora, Klopp einer ihrer prominentesten frueheren Spieler. Dass die beiden Linien sich heute Abend in einem Spiel kreuzen, in dem der eine auf der Bank steht und der andere zu Hause vor dem Fernseher sitzt, ist mehr als Anekdote - es ist eine jener biografischen Ueberlagerungen, die Fussball ueber den reinen Spielplan hinaus bedeutungsvoll machen. Ob die Mannschaft heute Abend die drei Punkte holt oder nicht: fuer Stepanovic wird “lebbe weidergehen”, so oder so.

Autor

Nina Hartmann

Redakteurin Frauenfußball & Analyse

Nina Hartmann deckt den Frauenfußball ab - von der Frauen-WM 2027 in Brasilien bis zu den DFB-Frauen - und liefert daten- und taktikgetriebene Analysen zu großen Turnieren.

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