Rolle rueckwaerts in Toronto: Elye Wahi darf doch nach Kanada einreisen und gegen Deutschland spielen
Update zum WM-Drama: Kanada nimmt die Einreise-Verweigerung fuer Elye Wahi zurueck. Der Eintracht-Stuermer kann am 20. Juni in Toronto gegen die DFB-Elf auflaufen.
Von Marco Feldmann 18. Juni 2026
Am Donnerstagvormittag MESZ sah es so aus, als waere die Personalie fuer das WM-Spiel der DFB-Elf gegen die Elfenbeinkueste am Samstag im BMO Field in Toronto final entschieden: Elye Wahi, 23, Eintracht Frankfurts an Nizza ausgeliehener Stuermer, duerfe nicht einreisen. Das hatten wir am Mittag in einem eigenen Artikel zur FIF-Entscheidung ausgefuehrt. Sechs Stunden spaeter dreht sich die Lage komplett: Kicker.de meldet um kurz vor 20:00 Uhr MESZ unter der Schlagzeile “Rolle rueckwaerts: Wahi darf doch einreisen und gegen Deutschland spielen”, dass die kanadischen Behoerden die noetigen Genehmigungen am Nachmittag doch noch erteilt haetten. Wahi reist mit dem Tross zum DFB-Spiel. Trainer Emerse Fae bekommt seinen Mittelstuermer zurueck - und der DFB einen zusaetzlichen Strafraumgegner.
Chronologie eines Tages mit zwei Wendungen
Die Tag-Chronologie liest sich wie ein gerafftes Drehbuch. Am Donnerstagvormittag publiziert die ivorische Federation Ivoirienne de Football (FIF) ein Statement, in dem es heisst: “Die erforderlichen verwaltungsrechtlichen Genehmigungen konnten bisher nicht eingeholt werden.” Die Sportschau zitiert in der Kurzfassung den Satz “Der Ivorer darf aufgrund laufender Ermittlungen nicht nach Kanada einreisen.” Hintergrund ist der von The Athletic am 17. Juni publik gemachte Verdacht der absichtlich gezogenen Gelben Karte beim Ligue-1-Spiel des OGC Nizza beim FC Metz am 17. Mai 2026; die franzoesische Staatsanwaltschaft Marseille ermittelt seit Ende Mai wegen organisierten Betrugs.
Gegen 17:58 Uhr UTC (19:58 Uhr MESZ) reisst kicker.de die Lage neu auf: Die kanadischen Behoerden haetten Wahi die Einreise-Genehmigungen am spaeten Nachmittag doch ausgestellt. Die ivorische Auswahl, die bis zum Mittag schon ihre Logistik fuer Toronto auf “ohne Wahi” umgestellt hatte, plant nun erneut um. Wahi reist mit. Das Stuttgarter Boulevardblatt Sport-Bild und spox.com ziehen kurz danach mit eigenen Meldungen nach, beide unter Berufung auf den FIF-Mediensprecher.
Was die kanadischen Behoerden veraendert haben
Eine namentlich attribuierte Erklaerung aus dem kanadischen Innen- oder Grenzschutzressort liegt zur Stunde nicht vor. Die Lesart, die sich aus den Berichten ergibt: Die zustaendige kanadische Behoerde hat den Status der franzoesischen Ermittlungen neu bewertet. Wahi ist in Frankreich nicht angeklagt; die Untersuchung laeuft unter dem Modus “information judiciaire”, also einem Ermittlungsverfahren ohne Anklageerhebung. Eine internationale Fahndung lag ohnehin nicht vor. Die Vormittags-Verweigerung der Einreise war damit eine vorbehaltliche Einzelfall-Entscheidung, die nach Pruefung der formalen Akten zurueckgenommen wurde. Eine vergleichbare Kehrtwende war im US-Bereich beim Vorgang um Saudi-Arabiens Salem Al-Dawsari (Visum-Frage 2022) zu beobachten - administrative Entscheidungen in Sportgrenzfaellen sind selten endgueltig.
Sportliche Folgen: Wahi geht ins Sturmzentrum gegen Tah und Anton
Fae bekommt mit Wahi seinen klassischen Mittelstuermer zurueck. Bei MD1 gegen Ecuador hatte Wahi in der Startelf gestanden und einmal am Pfosten gescheitert; der spaete Treffer war Amad Diallo aus der zweiten Reihe vorbehalten geblieben. Im 4-3-3, das Fae in Philadelphia geordnet hatte, fungiert Wahi als zentrales Anlaufpunkt-Element zwischen den schnellen Aussen Simon Adingra und Yan Diomande (RB Leipzig). Beobachter, die im Vormittag noch ueber Pepe, Adingra und Boga als Sturm-Alternativen spekuliert hatten, koennen die Variante mit “falscher Neun” wieder einklappen.
Fuer das DFB-Defensiv-Tandem Antonio Ruediger und Waldemar Anton bedeutet die Wendung mehr Arbeit als bei einem Ivoirien-Sturm ohne klassischen Mittelstuermer. Wahi war im Sommer 2025 von Lens nach Frankfurt gewechselt und im Januar 2026 auf Leihbasis zum OGC Nizza weitergegeben worden; er bringt physische Praesenz und eher Strafraum-Aktivitaet als Tempolaeufe mit. Anton, in der Luft sicherer als Ruediger, duerfte die zentrale Zuordnung uebernehmen.
Offene Fragen: FIFA-Disziplinar, MD3 in Philadelphia
Die Rolle rueckwaerts loest die sportliche Frage, nicht die juristische. Die franzoesische Ermittlung laeuft weiter; The Athletic hatte am 17. Juni vier konkrete Vorwuerfe genannt, von denen der Spielmanipulations-Verdacht nur der oberflaechlichste ist. Auch eine FIFA-Disziplinaruntersuchung bleibt theoretisch moeglich, denn der Weltverband kann Spieler nach Artikel 27 des Disziplinarreglements vorlaeufig suspendieren, wenn ein laufendes Verfahren das Ansehen des Wettbewerbs beruehrt. Bis zur Stunde liegt eine solche Massnahme nicht vor.
Auch fuer das MD3-Spiel der Elfenbeinkueste gegen Curacao am 25. Juni in Philadelphia ist Wahi nun spielberechtigt - allerdings auf US-Boden, was die Einreise-Hindernisse ohnehin entfallen liesse. Spannender wird es im Sechzehntelfinale, falls die Ivorer es schaffen: Drei der vier moeglichen Achtelfinal-Standorte liegen in Kanada (Toronto, Vancouver) oder den USA - ein erneutes Reise-Drama ist also nicht voellig ausgeschlossen, sondern haengt am Status der Ermittlungen Ende Juni.
Wie der DFB ueber Nacht umplanen muss
Fuer Julian Nagelsmann und sein Trainerteam wird der Donnerstagabend doppelt arbeitsreich: Die taktische Vorbereitung auf die Elfenbeinkueste muss in zwei Schritten neu sortiert werden. Die im Tagesverlauf entstandenen Skizzen fuer ein Mittelfeld-zentriertes Spiel ohne Wahi-Anlaufpunkt landen im Papierkorb; stattdessen rueckt die Frage zurueck in den Vordergrund, wie der DFB die klassischen Konter-Situationen absichern will, in denen Wahi der natuerliche Zielspieler nach Ballgewinn ist. Joshua Kimmich hatte am Mittwoch von Winston-Salem aus gewarnt, gegen die Elfenbeinkueste duerfe es kein “Wettrennen” geben. Der Satz gilt jetzt umso mehr, denn der Strafraumstuermer der Ivorer ist wieder Teil der Gleichung.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
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