Baumgartner faellt fuer die WM 2026 aus: Muskelfaserriss beim Aufwaermen
MRT-Bestaetigung am 2. Juni 2026: Christoph Baumgartner hat sich beim Aufwaermen vor dem Tunesien-Test einen Muskelfaserriss zugezogen und verpasst die Fussball-WM 2026.
Von Marco Feldmann 02. Juni 2026
Es war eine Bewegung, die er in seiner Karriere zehntausendmal gemacht hatte. Christoph Baumgartner stand am Montagabend im Wiener Ernst-Happel-Stadion in der Aufwaermphase, drehte sich nach einem Querpass, zog ab - und blieb stehen. Eine Hand zog sich an den rechten Oberschenkel. Wenige Minuten spaeter strich Trainer Ralf Rangnick den Namen aus der Startelf gegen Tunesien, Michael Gregoritsch ersetzte ihn. Die OEFB-Generalprobe gegen Tunesien wurde am Ende mit 1:0 gewonnen. Aber Dienstagvormittag kam aus dem ÖFB-Mannschaftsquartier die Nachricht, die jeden Sieg ueberlagerte. Baumgartner ist raus. Fuer die Fussball-WM 2026, nicht nur fuer den verlorenen Wiener Test.
Die Diagnose: Muskelfaserriss im rechten Oberschenkel
Was ÖFB-Verbandsarzt Thomas Schluemmer und der medizinische Stab am Montag noch als “diffuse Belastungsreaktion” eingestuft hatten, bestaetigte die MRT-Untersuchung am Dienstagvormittag: Baumgartner hat sich einen Muskelfaserriss im rechten Oberschenkel zugezogen. Eine Teilnahme an der WM 2026 ist damit ausgeschlossen.
In der Klassifikation von Muskelverletzungen rangiert der Faserriss zwischen der Zerrung und dem schwerwiegenden Buendelriss. Die typische Heilungsdauer liegt zwischen vier und sechs Wochen vom Tag der Verletzung. Rechnet man den 1. Juni 2026 als Stichtag, waere die fruehestmoegliche Rueckkehr zur Belastung Anfang Juli - und damit nach dem Ende von Oesterreichs Gruppe J am 28. Juni. Selbst die theoretische Option, dass Baumgartner als Verstaerkung fuer eine K.-o.-Runde nachrueckt, hat der OEFB intern verworfen. Eine Nachnominierung ueber den verletzten Spieler hinaus ist nach FIFA-Reglement nicht moeglich; einmal raus, bleibt raus.
Rangnicks Reaktion: “Eine sehr bittere Nachricht”
Der Nationaltrainer fasste seine Stellungnahme am Dienstagmorgen in zwei Saetze:
“Das ist fuer Christoph und fuer uns als Team natuerlich eine sehr bittere Nachricht. Er ist ein wichtiger Spieler und eine zentrale Persoenlichkeit innerhalb unserer Mannschaft.”
Es war eine fuer Rangnicks Verhaeltnisse ungewoehnlich gedaempfte Reaktion. Der OEFB-Coach hatte Baumgartner seit seinem Amtsantritt 2022 als feste Groesse im Mittelfeld eingeplant - mal als rechter Achter im 3-4-3, mal als Zehner in einer 3-4-2-1-Variante. In den letzten zwoelf Pflichtspielen der Quali und der EM-Vorbereitung stand Baumgartner zehnmal in der Anfangsformation. Sein Wert in Rangnicks System lag weniger in einer dominierenden Statistik als in den Pressing-Strafraum-Anlauefen, mit denen Baumgartner Gegnerformationen zerteilte.
Klubseitig laeuft die Saisonbilanz parallel. RB Leipzig verzeichnete Baumgartner in der abgelaufenen Saison mit 17 Toren und neun Vorlagen als zweittorgefaehrlichsten Spieler nach Loïs Openda. Ohne diesen Spieler in der OEFB-Achse stand bei Rangnicks Kader-Bekanntgabe Anfang Mai gar keine Diskussion zur Debatte.
Was Oesterreich jetzt fehlt
In Zahlen: Baumgartner kommt auf 58 Laenderspiele und 19 Tore fuer die OEFB-Elf - eine Quote, die in Oesterreichs Geschichte nur Marko Arnautovic und Toni Polster ueberbieten. Konkret aber zaehlt, wo diese Tore fielen: 14 von 19 entstanden gegen tief stehende oder kompakte Gegner, oft in Spielen, die Oesterreich kontrollierte. Genau dieses Spiel-Profil wartet im Auftakt am 17. Juni in Santa Clara, wo der OEFB-Elf der Asien-Cup-Finalist Jordanien (in Gruppe J) mit einem 5-4-1-Block gegenuebersteht.
Rangnick verliert damit den Spieler, der gegen diese Art Gegner am ehesten einen Strafraum-Stich liefert. Marcel Sabitzer (Borussia Dortmund) hatte zuletzt eher die Tiefen-Achter-Rolle gespielt, Konrad Laimer (Bayern Muenchen) die Box-to-Box-Rolle. Baumgartner war der Spieler dazwischen, das taktische Filetstueck.
Wer ersetzt Baumgartner? Drei Optionen
Der OEFB hat angekuendigt, die Nachnominierung diese Woche vorzunehmen. Die FIFA-Frist fuer Aenderungen am Aufgebot laeuft bis vier Stunden vor dem ersten Gruppenspiel - im Fall Oesterreichs also bis zum 17. Juni um 02:00 Uhr MESZ. Drei Varianten sind aus dem erweiterten Kader und der Saison 2025/26 zu sehen.
Variante eins - Paul Wanner als Achter. Der Eintracht-Frankfurt-Spieler stand am Montag gegen Tunesien fuer Xaver Schlager auf dem Platz und harmonierte schnell mit Sabitzer. Wanner ist der natuerliche Baumgartner-Erbe im OEFB-System - dynamisch nach vorne, Strafraum-affin, presst gegen den Ball. Wahrscheinlich faellt diese Option zu.
Variante zwei - Yusuf Demir als kreatives Element. Der LASK-Spielmacher, in der oesterreichischen Bundesliga viertbester Vorlagengeber der Saison, war von Rangnick erstmals im Maerz beobachtet worden und stand nicht im finalen 26er-Aufgebot. Mit einer Nachnominierung waere er der kreative Schluesselpass-Spieler - hilfreich gegen Argentinien, schwieriger gegen Jordaniens 5-4-1.
Variante drei - Christoph Daferner als Stuermer-Plus-Variante. Der Sturm-Graz-Stuermer, in der vergangenen Bundesliga-Saison Torschuetzenkoenig mit 22 Treffern, koennte als zusaetzlicher Strafraum-Spieler nachgenannt werden. Rangnick muesste die Achterposition dann ueber Sabitzer und Florian Grillitsch (1899 Hoffenheim) abdecken - eine Loesung, die das System verschiebt, aber zusaetzliche Tore garantiert.
Aus dem OEFB-Quartier ist zu hoeren, dass Variante eins (Wanner-Aufrueckung) und eine Aussenstuermer-Nachnominierung favorisiert werden. Die finale Entscheidung soll am Mittwoch oder Donnerstag kommuniziert werden.
Was das fuer Gruppe J bedeutet
Oesterreichs Realismus in Gruppe J wackelt nicht. Mit oder ohne Baumgartner: Argentinien ist der klare Gruppenfavorit, gegen Jordanien und Algerien spielt Oesterreich um den Sechzehntelfinal-Einzug. Die Differenz liegt im Detail. Mit Baumgartner haette Rangnick gegen Jordanien einen Achter im Strafraum gehabt, der den Block aufreisst. Ohne ihn wird Oesterreich mehr auf Flanken und Standards gegen Jordanien angewiesen sein - eine Variante, die das Spiel laenger offen haelt.
Die DACH-Bewertung der WM 2026 hatte Oesterreich vor Baumgartners Ausfall als spielstaerkste Aussenseiter-Variante des Trios eingestuft. Diese Einordnung bleibt mit Wanner-Variante intakt, sinkt aber im Mehrwert: Vier zusaetzliche Tore in der Gruppenphase, die mit Baumgartner moeglich erschienen, sind ohne ihn schwerer zu organisieren.
Der Fahrplan - was jetzt kommt
- 2. Juni 2026 - MRT-Bestaetigung, OEFB-Mitteilung, Baumgartner reist zur Reha nach Leipzig
- 3.-4. Juni 2026 - Nachnominierung wird vom OEFB kommuniziert, FIFA-Meldung
- 4.-5. Juni 2026 - Abreise des OEFB-Kaders ins Trainingslager Santa Clara
- 17. Juni 2026, 06:00 MESZ - WM-Auftakt gegen Jordanien, Levi’s Stadium
- 22. Juni 2026, 19:00 MESZ - Argentinien, AT&T Stadium, Dallas
- 28. Juni 2026, 04:00 MESZ - Algerien, Arrowhead Stadium, Kansas City
Es ist die zweite Hiobsbotschaft fuer einen DACH-Kader binnen einer Woche - nach Anton Stachs Stadion-Verletzung in Leeds verliert nun auch Rangnick einen Schluesselspieler. Die oesterreichische Nationalmannschaft hat fuenfzehn Tage, eine spaete WM-Vorbereitung neu zu sortieren - und einen jungen Spielmacher in eine Rolle zu draengen, fuer die Baumgartner sechs Jahre lang die Norm war.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
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