Brasilien 6:2 gegen Panama: Sechs verschiedene Torschützen im Maracana, aber auch zwei Gegentore vor der WM 2026
Brasilien schlägt Panama im Maracana 6:2 - sechs verschiedene Torschützen, zwei Gegentore. Was Ancelottis Selecao zehn Tage vor dem WM-Auftakt gegen Marokko mitnimmt.
Von Marco Feldmann 01. Juni 2026
Das letzte Heimspiel vor der WM 2026 wurde für Brasilien zur Maracana-Gala mit zwei Schönheitsfehlern. Sechs verschiedene Torschützen, 6:2 gegen Panama, 72.140 Zuschauer in Rio - die Schlagzeile, die der kicker später formulierte, war einfach: “Rekord-Weltmeister in guter Frühform”. Wer das Spiel aber bis zum Schluss sah, weiß: Carlo Ancelotti hat zehn Tage vor dem Auftakt gegen Marokko mehr Antworten in der Offensive als in der Defensive. Und genau diese Unwucht ist die Geschichte dieses Abends.
Das Ergebnis: Maracana-Gala mit zwei Schönheitsfehlern
Anstoß im Estadio Jornalista Mario Filho um 23:30 Uhr Ortszeit Rio, das entspricht der Nacht zum 1. Juni nach deutscher Zeit. Schiedsrichter war ungewöhnlicherweise ein Deutscher - Daniel Schlager leitete das Spiel. 72.140 Zuschauer im wohl berühmtesten Fußballstadion der Welt sahen die Selecao in einer Konstellation, in der man Brasilien lange nicht gesehen hat: in 4-2-3-1, mit Casemiro und Bruno Guimaraes als Doppelsechs, mit Alex Sandro links hinten, dem 22-jährigen Wesley als Rechtsverteidiger, einer Innenverteidigung Bremer / Leonardo Pereira und einer Offensive Vinicius / Raphinha / Luiz Henrique hinter Sturmspitze Matheus Cunha.
Brasilien führte nach 120 Sekunden, ließ Panama dann zum 1:1 kommen, ging zur Pause 2:1 in Führung - und brach den Gegner im zweiten Durchgang mit vier Toren in 28 Minuten. Das Endergebnis 6:2 liest sich wie das nüchterne Resultat einer kontrollierten Generalprobe. Aber zwei Details verzerren das Bild: Ein Eigentor und ein später Treffer gegen die zweite Linie. Beide gehen auf Strukturschwächen zurück, die Ancelotti bis zum 14. Juni nicht mehr ausräumen wird.
Sechs verschiedene Torschützen - Ancelottis Offensiv-Tiefe in einem Spiel
Die offensive Lesart des Abends ist die positive. Vinicius Junior brauchte zwei Minuten, um zum 1:0 abzuschließen - Vorlage Casemiro. Es war Casemiros Verbindungsspiel, das Brasilien überhaupt erst in die Lage versetzte, gegen die tiefe Panama-Defensive Kombinationen aufzuziehen, und so passte es, dass der ehemalige Real-Profi vor der Pause auch das 2:1 selbst markierte (Vorlage Vinicius).
Im zweiten Durchgang rotierte Ancelotti vier Mal - und jeder der vier Neuen traf:
- Rayan (53.) - Joker vom Vasco da Gama, A-Kader-Debütant in dieser Phase.
- Lucas Paqueta (60.) - der West-Ham-Mittelfeldspieler stand 30 Minuten auf dem Feld.
- Igor Thiago (63.) - Premier-League-Stürmer von Brentford, lange Zeit nicht in der Selecao gesetzt, jetzt im erweiterten WM-Kader.
- Danilo (81.) - der 34-jährige Routinier vom CR Flamengo machte das 6:1.
Vier Tore von vier Einwechselspielern, dazu Vinicius und Casemiro aus der Startelf. Sechs verschiedene Torschützen in 81 Minuten - das ist die Botschaft, die Ancelotti in die Kabine mitnahm: Die Tiefe seines 26er-Kaders ist da. Der Italiener hat in der Selecao unter seiner Führung bewusst die Bank verbreitert, statt sich auf eine eindimensionale Star-Achse zu verlassen.
Die zwei Panama-Tore - das ungelöste Defensiv-Problem
Die andere Lesart ist unbequemer. Brasilien hat zwei Gegentore kassiert - gegen eine Mannschaft, die in der FIFA-Weltrangliste auf Rang 39 steht, also rund 35 Plätze hinter dem Rekord-Weltmeister.
Das 1:1 in der 14. Minute war ein Eigentor: Matheus Cunha rutschte bei einem Bárcenas-Flankenball ins eigene Netz. Das passiert. Aber der Hergang - Panama findet in der Anfangsphase Räume auf den Außenbahnen, weil Wesley und Alex Sandro hoch stehen und die Doppelsechs nicht konsequent absichert - ist eine Schwäche, die Marokko mit seinen schnellen Außenstürmern Ziyech und Saiss am 14. Juni gnadenlos ausnutzen würde.
Das 2:6 in der 84. Minute durch Carlos Harvey war ein Konter gegen eine Brasilien-Defensive, in der zu dem Zeitpunkt nur noch Alisson und Danilo aus der ersten Elf standen. Ein Test-Tor, aber eins, das die Hierarchie hinten weiter zementiert: Ohne Marquinhos und Gabriel Magalhaes verliert Brasilien Kompaktheit. Beide standen am Sonntag nicht im Aufgebot - Ancelotti hat sie für die finale Vorbereitungs-Etappe in den USA aufgespart.
Vinicius, Raphinha, Cunha - die Achse stand, Neymar nicht
Die wahrscheinliche WM-Offensive der Selecao präsentierte sich erstmals geschlossen: Vinicius Junior, Raphinha und Matheus Cunha, hinter ihnen Casemiro und Bruno Guimaraes. Diese fünf werden mit hoher Wahrscheinlichkeit auch am 14. Juni gegen Marokko in der Startelf stehen. Vinicius war der gefährlichste Brasilianer der ersten Halbzeit, Raphinha pendelte aktiv zwischen Halbraum und Außenbahn, Cunha agierte als beweglicher Mittelstürmer und nahm Bälle ab - sein Eigentor war pures Pech.
Neymar saß zunächst auf der Bank. Der Rückkehrer, dessen Nominierung Ancelotti am 18. Mai bei einer Gala in Rio verkündet hatte, bekam in der zweiten Halbzeit kurze Einsatzminuten, blieb aber im Hintergrund. Es ist die Inszenierung, die der Italiener bewusst wählt: Neymar als Edeljoker, nicht als gesetzte Anfangself-Größe. Genau das hatte er nach der Nominierung angekündigt - “spielfit machen, ohne ihn zu überfordern” - und genau so läuft die Maracana-Generalprobe ab.
Was das für Brasiliens WM-Auftakt gegen Marokko heißt
Brasilien startet die Gruppe C am Sonntag, 14. Juni 2026 um 0:00 Uhr MESZ im MetLife Stadium gegen Marokko. Das ist der WM-Halbfinalist von 2022, der mit Hakimi, Saiss und Bono ein Defensiv-Gerüst hat, das in Katar Spanien und Portugal entzaubert hat. Wer 6:2 gegen Panama spielt, kann gegen Marokko trotzdem in Probleme geraten - wenn die Verbindung zwischen Außenverteidigung und Doppelsechs nicht enger wird. Das ist Ancelottis Hausaufgabe in den verbleibenden zehn Tagen.
Die zwei weiteren Gruppenspiele in den USA: Haiti am 20. Juni um 3:00 Uhr MESZ in Philadelphia und Schottland am 25. Juni um 0:00 Uhr MESZ in Miami. Auf dem Papier muss die Selecao Gruppe C gewinnen. Das Maracana-Bild des Abends sagt: Sie kann das - sofern sie das 1:1 aus der 14. Minute nicht zur Gewohnheit werden lässt.
Panamas WM-Generalprobe: Christiansens Lehren
Auf der anderen Seite stand der Verlierer, der nicht ganz verloren hat. Thomas Christiansen - der dänisch-spanische Trainer mit Bochumer Bundesliga-Vergangenheit, der Panamas WM-Kader vor wenigen Tagen benannte - durfte trotz 2:6 ein paar Pluspunkte mitnehmen: Panama kam zu neun Torabschlüssen aufs Tor und hielt 45 Prozent Ballbesitz. Gegen Brasilien.
Für Panama ist die WM-Vorrunde in Gruppe L eine andere Welt: England, Kroatien und Ghana spielen physischer und vertikaler als die brasilianische Offensive. Wenn Christiansen aus dem Maracana-Spiel eine Lehre zieht, dann diese - tief stehen reicht gegen die Selecao kurzfristig, gegen Kroatien wird das mit Sicherheit nicht reichen.
Brasiliens nächste Schritte bis zum 14. Juni
Brasilien fliegt jetzt direkt in das WM-Quartier in den USA. Eine letzte interne Trainingseinheit unter Wettkampfbedingungen ist eingeplant, ein weiteres Länderspiel nicht. Damit ist der Maracana-Abend das letzte Bild, das die Welt von der Selecao vor dem Marokko-Auftakt hat. Sechs verschiedene Torschützen, eine offensive Tiefe wie selten - und zwei Gegentore, die Ancelottis Defensiv-Hausaufgabe genauso scharf umreißen wie das Endergebnis seine Offensiv-Optionen.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.