Ceferin schliesst FIFA-Kandidatur explizit aus: Podcast-Statement waelzt die Anti-Infantino-Nachfolge-Frage um
UEFA-Praesident Aleksander Ceferin schliesst eigene FIFA-Kandidatur im Podcast The Rest Is Politics Leading aus. Prognose: Infantino bekommt Gegenkandidaten. 86 Tage vor Frist.
Von Marco Feldmann 24. August 2026
▍ FIFA · POST-WM 2026 · 24.08.2026 · 05:47 UTC - UEFA-Praesident Aleksander Ceferin hat in einer Ausgabe des Podcasts The Rest Is Politics: Leading eine eigene Kandidatur fuer die FIFA-Praesidentschaftswahl im Maerz 2027 explizit ausgeschlossen. Die Aussagen verbreitete Reuters am Montag; parallel griffen ESPN und weitere internationale Medien die Podcast-Zitate auf. In derselben Ausgabe prognostizierte Ceferin, Amtsinhaber Gianni Infantino werde einen Gegenkandidaten bekommen, wisse aber selbst noch nicht, wen.
Der Zeitpunkt ist verhandlungspolitisch aufgeladen. Genau 86 Tage vor dem Ablauf der Bewerbungsfrist am 18. November 2026 und vier Tage nach der weltweiten Fan-Petition des internationalen Buendnisses um FSE, BAFF, F_in, Unsere Kurve und Queer Football Fanclubs macht die bis dato erwartete Fuehrungsfigur des Anti-Infantino-Lagers oeffentlich, dass sie selbst nicht als Kandidatin zur Verfuegung steht. Damit verschiebt sich die Nachfolge-Frage von “sammelt die UEFA ihre Konfoederation hinter Ceferin” auf “wer aus dem Anti-Infantino-Lager tritt tatsaechlich an”.
Die drei Ceferin-Zitate und was sie transportieren
Der Podcast liefert drei zitierbare Kern-Aussagen.
Erstens der Verzicht auf die FIFA-Kandidatur. Ceferin sagte woertlich: “I love UEFA and I love working here … it’s time also to enjoy life a bit.” Das Zitat verankert den Verzicht nicht in Verband-Politik, sondern in Persoenlichem. Es ist damit schwer angreifbar und nicht rueckziehbar.
Zweitens die Glaubwuerdigkeits-Formel. “My credibility is much, much, much higher if I’m not interested in the position.” Diese Aussage ist die eigentlich verhandlungs-taktische. Sie macht aus dem Verzicht ein Instrument: Ceferin argumentiert, seine Wirksamkeit als Anti-Infantino-Wortfuehrer sei genau dann am hoechsten, wenn er nicht selbst kandidiere. Das ist eine explizite Absage an die intern gehandelte Idee einer Ceferin-Konsens-Kandidatur, wie sie in Teilen der UEFA-Exekutive nach der Nyoner Resolution vom 30. Juli debattiert worden war.
Drittens die Prognose eines Gegenkandidaten. “I think he will have a candidate against him. I don’t know yet who.” Der Satz ist doppel-boedig. Er bestaetigt, dass das Anti-Infantino-Lager an einer Kandidatur arbeitet, und er nimmt gleichzeitig jede persoenliche Verantwortung fuer die Personalie zurueck. Die Formulierung “I don’t know yet who” schliesst die Moeglichkeit einer laufenden vertraulichen Verhandlung nicht aus, entlaesst Ceferin aber aus der oeffentlichen Sprecher-Rolle fuer die Personalie.
86 Tage bis zur Nominierungsfrist: Wer bleibt im Rennen?
Nach dem Ceferin-Verzicht sortiert sich das Feld der Pruef-Kandidaten neu.
- Victor Montagliani (CONCACAF-Praesident, Kanadier) ist bislang der einzige oeffentlich benannte Name. Das i-Paper hatte am 31. Juli 2026 seine Erwaegung einer Kandidatur berichtet. Montagliani selbst hat sich zur formellen Bewerbung bislang nicht positioniert. Seine juengste Konfrontations-Positionierung im CFU-Brief vom 21. August, in dem er Infantino von einem CFU-U14-Turnier in Punta Cana ausladen liess, verdichtet das operative Profil einer moeglichen Kandidatur.
- Nasser Al-Khelaifi (PSG, ECA-Vorsitzender, Katar) hat eine eigene FIFA-Kandidatur explizit ausgeschlossen.
- Dariusz Mioduski (PZPN-Vertreter Polen) wird in europaeischen Medien als mittel-europaeische Kompromiss-Figur gehandelt. Ohne eigenes Bekenntnis.
- Lise Klaveness (NFF, Norwegen) fordert offen den Ruecktritt Infantinos, gilt aber wegen ihrer klaren Konfrontations-Linie in Teilen der UEFA als nicht mehrheitsfaehig fuer die Konsens-Nominierung.
Der operative Kern der Anti-Infantino-Front laeuft damit auf ein Zwei-Optionen-Szenario zu. Entweder Montagliani wandelt seine Pruef-Erwaegung in eine formelle Bewerbung um. Oder aus der UEFA emergiert bis zum 18. November ein bislang oeffentlich nicht positionierter Konsens-Name, der die Zwei-Drittel-Huerde im ersten Wahlgang schaffen kann.
Die Wahl-Mathematik nach dem Verzicht
Die FIFA-Statuten sehen fuer die Praesidentschaftswahl 2027 in Marokko zwei Szenarien vor. Bei einem einzigen Gegenkandidaten reicht die einfache Mehrheit der abgegebenen Stimmen. Bei mehreren Gegenkandidaten ist im ersten Wahlgang eine Zwei-Drittel-Mehrheit erforderlich; ab dem zweiten Wahlgang reicht dann eine einfache Mehrheit.
Fuer die Anti-Infantino-Front bedeutet das eine klare Zielfunktion: Ein-Kandidat-Konsens ist die einzige Konstellation, die die Zwei-Drittel-Huerde im ersten Wahlgang nicht braucht. Genau deshalb ist die 86-Tage-Verhandlung bis zum 18. November so eng: Bis dahin muss die Konsens-Personalie stehen, sonst spaltet sich die Anti-Infantino-Stimme auf mehrere Namen auf, und Infantino gewinnt selbst mit einer knappen Mehrheit der 211 Stimmen.
Die aktuelle Verbands-Kartografie stuetzt Infantino im Kern durch die 54 CAF-Verbaende plus Argentinien, Mexiko, Marokko, Katar sowie die kleineren Voll-Unterstuetzer wie Bhutan, die Philippinen, Grenada und St. Kitts und Nevis. Gegen Infantino stehen die 55 UEFA-Verbaende, die 41 CONCACAF-Verbaende und der intern gespaltene AFC-Block. Die exakte Voting-Mathematik bewegt sich damit im Bereich einer knappen Zwei-Drittel-Sperrminoritaet fuer Infantino, wenn die AFC geschlossen anti-Infantino stimmt, und einer sicheren Mehrheit fuer Infantino, wenn die AFC gespalten bleibt.
DFB-Neutralitaet unter erhoehtem Druck
Der DFB haelt seine oeffentliche Nicht-Positionierung zur Personal-Frage weiter aufrecht. DFB-Praesident Bernd Neuendorf und Aufsichtsratsvorsitzender Hans-Joachim Watzke haben mit der Zehn-Milliarden-Formel vom 29. Juli 2026 institutionell gegen den FIFA-Investorenplan Position bezogen und die Nyoner UEFA-Boykott-Resolution einstimmig mitgetragen. Zur Personal-Frage Infantino bleibt der Verband schweigsam.
Der Ceferin-Verzicht erhoeht den Druck auf diese Neutralitaets-Linie. Solange eine Ceferin-Konsens-Kandidatur als moegliches Ergebnis der internen UEFA-Verhandlung im Raum stand, konnte der DFB in Erwartung dieser Loesung passiv bleiben. Nach dem oeffentlichen Verzicht wird jede weitere UEFA-Konsultation zu einer aktiv gestaltbaren Personal-Suche. Die drei Optionen, die Neuendorf bis heute offen haelt (Zustimmung zu einem UEFA-Konsens-Kandidaten, Werben fuer eine mittel-europaeische Kompromiss-Figur wie Mioduski, taktisches Abwarten bis zur Nominierungs-Frist), muessen jetzt gegen die 86-Tage-Klemme gerechnet werden.
Kalender bis 18. November: Was die naechsten zwoelf Wochen entscheiden
Die naechsten zwoelf Wochen bis zur Nominierungsfrist strukturieren sich in vier Etappen.
- Wochen 1 bis 3 (bis Mitte September): UEFA-Exekutive-Konsultationen zur Personalie. Ceferin arbeitet als Wortfuehrer, nicht als Kandidat. Bruesseler und Nyoner Nebengespraeche mit den nicht-europaeischen Anti-Infantino-Verbaenden.
- Wochen 4 bis 6 (Mitte September bis Anfang Oktober): Die U20-Frauen-WM in Polen beginnt am 5. September. Erste FIFA-Turnier-Buehne nach dem Machtkampf-Beginn. Positionierungs-Fenster fuer die Konfoederations-Praesidenten.
- Wochen 7 bis 9 (Oktober bis Anfang November): U17-Frauen-WM in Marokko (17. Oktober bis 7. November) auf Wahlgebiet-Boden. Symbolisch aufgeladen. Vermutlich die Buehne, auf der Infantino seine Wahlkampf-Kernkraft-Region CAF zu bespielen versucht.
- Woche 10 bis 12 (Anfang bis 18. November): Endgueltige Personal-Konsolidierung der Anti-Infantino-Front. Formeller Bewerbungs-Termin am 18.11.2026 um 24:00 Uhr MEZ.
Nach dem Fristablauf beginnt ein viermonatiges Wahlkampf-Fenster bis zur Wahl am 18. Maerz 2027 in Rabat. In diesem Fenster laeuft mit der U17-WM der Maenner in Katar (19. November bis 13. Dezember 2026) noch ein FIFA-Nachwuchs-Turnier als Wahlkampf-Buehne.
Ausblick: Vom Sprecher zum Kandidaten-Macher
Ceferin definiert sich mit dem Podcast-Auftritt oeffentlich um. Bis zum 24. August 2026 war er der bis dato erwartete Kandidat der Anti-Infantino-Front. Ab dem 24. August ist er formell der Kandidaten-Macher: der Wortfuehrer, der die Personalie nicht selbst spielt, sondern die Nominierung eines Dritten verhandelt und oeffentlich absichert.
Die operative Funktion einer solchen Rolle ist im Verbands-Wahlkampf nicht neu; sie liegt zwischen der reinen Sprecher-Rolle und der aktiven Wahlkampf-Fuehrung. Konkret erwartbar sind in den naechsten Wochen bilaterale Ceferin-Gespraeche mit den Praesidenten von CONCACAF (Montagliani), AFC-Reform-Fraktion und den grossen europaeischen Nationalverbaenden inklusive des DFB. Fokus: die Personal-Konsolidierung.
Am Ende der 86-Tage-Klemme steht die Entscheidung, ob die Anti-Infantino-Front mit einem oder mit mehreren Kandidaten in die Wahl geht. Der Ceferin-Verzicht ist die erste harte Setzung in dieser Rechnung. Er streicht den einen Namen, den bislang alle Gesprings-Wetten getragen haben. Ab dem 25. August 2026 arbeiten sich alle anderen Namen nach vorne.
Weiterfuehrend: Der FIFA-Kongress-2027-Kalender bis zur Nominierungsfrist und die aktuelle Post-WM-Governance-Chronik im News-Feed. Uebergreifend: Hub /wm-2026/.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
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