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WM 2026

DFB-Neuendorf und Watzke gegen Infantinos Investoren-Coup: 'Ueberaus bedenklich', '10-Milliarden-Angriff'

DFB-Chef Neuendorf nennt Infantinos 10-Milliarden-Investorenplan 'ueberaus bedenklich', Watzke von 'absolutem Angriff' - Institutionelle Doppel-Eskalation vor UEFA-Sitzung Donnerstag.

Von Marco Feldmann 29. Juli 2026

Bernd Neuendorf am 31. Mai 2026 in der MEWA Arena Mainz vor Deutschlands 4:0-Testspielsieg gegen Finnland. Zwei Monate spaeter positioniert sich der DFB-Praesident aus dem Spobis-Kongress in Hamburg gegen Gianni Infantinos 10-Milliarden-USD-Investorenplan. Foto: osnapix / Marcus Hirnschal / action press. Foto: Actionpress via SmartFrame

FIFA / POST-WM 2026 · 29.07.2026 · 22:35 UHR - Fuenf Stunden nach Bayern-Sportvorstand Max Eberls “Es ekelt mich”-Interview hat sich der Deutsche Fussball-Bund offiziell zum FIFA-Investorenplan positioniert. DFB-Praesident Bernd Neuendorf nennt Gianni Infantinos Vorstoss “ueberaus bedenklich”; Hans-Joachim Watzke in seiner Doppelfunktion als UEFA-Exekutivkomitee-Mitglied und DFL-Aufsichtsrats-Vize spricht von einem “absoluten Angriff auf den Fussball”. Zeitgleich konkretisiert die FIFA das Paket: rund 10 Milliarden US-Dollar ueber vier Jahre - annaehernd viermal so viel wie bisher. Am Donnerstag, 30. Juli 2026, tagen 55 europaeische Verbaende in Nyon.

Neuendorf im Spobis-Kongress: die DFB-Position im Wortlaut

Neuendorfs Statement fiel in einem denkbar untypischen Rahmen. Der DFB-Praesident hielt sich am Mittwoch, 29. Juli 2026, in Hamburg beim Sport-Business-Kongress Spobis auf und trat dort um 16:22 Uhr UTC vor die Kamera der Sportschau. Um dieser Uhrzeit lag das FIFA-Rundschreiben an die 211 Mitgliedsverbaende gerade wenige Stunden vor, und Eberls BR24Sport-Interview war ebenfalls schon in der Welt.

Der Kern-Satz: “Das finden wir ueberaus bedenklich.” Der Halbsatz ist bewusst mit dem Plural formuliert - “wir” meint den Verband, nicht die Praesidenten-Person - und liegt damit in der Diktion oberhalb des persoenlichen Ekel-Vokabulars, das Eberl waehlt. Neuendorf greift zusaetzlich das Verfahren an: der FIFA-Council sei in die Vorbereitung des Investorenplans nicht einbezogen worden. Damit setzt der DFB-Praesident denselben prozeduralen Vorwurf, den die CONCACAF am gleichen Tag formuliert hat.

Bemerkenswert ist Neuendorfs strategische Erwartung: Eine geschlossene europaeische UEFA-Ablehnung wuerde nach seiner Einschaetzung private Investoren von einer Beteiligung an einer FIFA Forward Enterprise abhalten. Die Aussage ist ein Marker - sie beschreibt einen realistischen Wirkmechanismus (Reputation und Rechte-Risiko) und markiert zugleich die deutsche Vorlaufs-Position fuer die UEFA-Sitzung am Donnerstag. Nyon liest solche Formulierungen als bindenden Deutschland-Vorbehalt.

Watzke als UEFA-Exekutiv- und DFL-Aufsichtsrat: “absoluter Angriff”

Waehrend Neuendorf die Verbands-Ebene formuliert, bringt sich Hans-Joachim Watzke von der Ligen-Ebene ein. Der 66-Jaehrige sitzt seit Mai 2025 im UEFA-Exekutivkomitee und ist zudem stellvertretender Vorsitzender des DFL-Aufsichtsrats sowie DFL-Praesidiumsmitglied. Sein Zitat vom Mittwoch: “Viele im europaeischen Fussball sehen die Plaene der FIFA als absoluten Angriff auf den Fussball an.”

Die Formulierung ist scharf - “absoluter Angriff” ist im Verbands-Vokabular eine Eskalationsstufe unterhalb “Ausschluss-Drohung”, und Watzke setzt sie ohne relativierenden Nebensatz. Das Zitat wiegt aus drei Gruenden: Erstens wegen der UEFA-Exekutivkomitee-Zugehoerigkeit - Watzke spricht damit als jemand, der an der Donnerstag-Sitzung selbst am Tisch sitzt. Zweitens wegen der DFL-Aufsichtsrats-Rolle - er vertritt zugleich die Bundesliga-Vermarktungs-Ebene, die von einer FFE-Struktur unmittelbar betroffen waere. Drittens wegen der personellen Kontinuitaet: Watzke hat als jahrelanger Borussia-Dortmund-Geschaeftsfuehrer eine sportpolitische Signatur, die im internationalen Verbands-Gefuege wahrgenommen wird.

Die Kombination Eberl (Bayern-Sportvorstand) + Neuendorf (DFB-Praesident) + Watzke (DFL/UEFA-Exekutivkomitee) ergibt in wenigen Stunden eine deutsche Institutionen-Kette gegen den FIFA-Plan, die es in dieser Dichte in juengerer Vergangenheit gegen einen amtierenden FIFA-Praesidenten nicht gegeben hat.

Die 10-Milliarden-USD-Konkretisierung

Der FIFA-Investorenplan hat am Mittwoch die zentrale Kenngroesse veroeffentlicht. Das Gesamtpaket umfasst rund 10 Milliarden US-Dollar (etwa 8,8 Milliarden Euro) fuer den Vier-Jahres-Zyklus 2027 bis 2030 - im Vergleich zu aktuell 2,7 Milliarden USD ueber vier Jahre eine annaehernde Vervierfachung.

Die Verteilung ist egalitaer geplant. Jeder der 211 Verbaende erhielte den gleichen Sockelbetrag von rund 20 Millionen USD einmalig; in den Folgezyklen 2031-2034 rund 22 Millionen und 2035-2038 sogar 24 Millionen. Genau diese Egalitaets-Struktur ist die politische Sprengkraft des Modells: Fuer den DFB oder die englische FA mit ihren dreistelligen Millionen-Etats sind 20 Millionen USD einmalig eine substantielle, aber keine transformierende Summe. Fuer einen Verband der Karibik oder Ozeaniens, der jaehrlich mit einem einstelligen Millionen-Etat operiert, sind 20 Millionen USD ein Etat-Multiplikator, der die Existenzfaehigkeit fuer Jahre absichert.

Infantino verteidigte den Plan am Nachmittag mit dem Argument, es sei eine “vollkommen demokratische Entscheidung in den Haenden der Mitgliedsverbaende”. Die Formulierung ist praezise gewaehlt: Sie schiebt die Verantwortung fuer den Beschluss auf die 211 Verbaende, die bis zum 19. September 2026 schriftlich zustimmen sollen. Eine einfache Mehrheit von 106 der 211 reicht - dann tritt die FIFA Forward Enterprise zum 1. Januar 2027 in Kraft, rechtzeitig zum Vermarktungs-Zyklus fuer die naechste Klub-WM 2029 und die WM 2030 in Portugal, Spanien und Marokko.

CONCACAF, AFC, CAF: warum die Mehrheit trotzdem in Infantinos Richtung kippen koennte

Die kontinentalen Positionen sind am Mittwochabend erst teilweise vernehmbar - aber die vorlaeufige Landkarte macht klar, warum Neuendorfs “geschlossene UEFA-Ablehnung” keine Selbstlaeufer-These ist.

Die CONCACAF (Nord- und Mittelamerika plus Karibik, 41 Mitglieder inkl. USA, Kanada und Mexiko als WM-2026-Gastgeber) hat prozedurale Bedenken formuliert, insbesondere zur fehlenden FIFA-Council-Vorbefassung. Das ist prozessual, aber nicht inhaltlich abschlaegig - und in einer geheimen schriftlichen Abstimmung durchaus offen fuer taktische Zustimmung, wenn die Bonuszahlungen konkret werden.

Die AFC (Asien, 47 Mitglieder inkl. Saudi-Arabien und Katar) hat sich in einem knappen Statement “enttaeuscht” ueber die intransparente Vorlage geaeussert. Auch hier ist das Signal prozessual, nicht substantiell - und Saudi-Arabien als WM-2034-Gastgeber hat eigene Interessen im FIFA-Vermarktungs-Modell, die nicht zwingend gegen den Plan sprechen.

Die CAF (Afrika, 54 Mitglieder) zeigt hingegen bereits jetzt Offenheit. Fuer viele afrikanische Verbaende sind die versprochenen Millionen-Sockelbetraege eine bedeutende Etats-Entlastung. Die OFC (Ozeanien, 11 Mitglieder) hat sich bislang nicht positioniert, gilt aber traditionell als infantinofreundlich.

Ein Sportschau-Analyse-Beitrag verweist zudem darauf, dass ein finnischer Funktionaer bereits offen fuer eine Infantino-Wiederwahl 2027 wirbt - trotz aller Zweifel-Rhetorik. Die Voting-Mathematik ist damit klar: Selbst wenn die UEFA (55 Mitglieder) geschlossen ablehnt, muessten CONCACAF, AFC und CAF gemeinsam mit UEFA in einer aeussersten Konstellation abstimmen, um die 106-von-211-Mehrheit zu blockieren. Umgekehrt reicht Infantino eine breite Zustimmung aus AFC, CAF und OFC plus einige CONCACAF-Verbaende, um die Mehrheit zu erreichen.

Die UEFA-Sitzung Donnerstag: 55 Verbaende, Boykott auf der Tagesordnung

Die europaeische Antwort formiert sich am Donnerstag, 30. Juli 2026. Alle 55 europaeischen UEFA-Mitgliedsverbaende tagen in Nyon in einer Dringlichkeitssitzung. Auf der Tagesordnung steht laut Sportschau-Recherche unter Berufung auf Sky, ESPN und Bloomberg ausdruecklich auch ein moeglicher WM-Boykott - also die Option, dass europaeische Nationalteams sich nicht an einer nach FFE-Modell strukturierten Weltmeisterschaft beteiligen.

Die UEFA hat den FIFA-Plan bereits im Vorfeld als Ueberschreiten einer “roten Linie” bezeichnet und ihn in einem knappen Statement kommentiert: “Das sagt bereits alles, was man ueber diesen Plan wissen muss.” Die Zurueckhaltung im Wort ist Absicht - Nyon vermeidet die Zuspitzung, bevor die Sitzung Donnerstag ein formelles Mandat verabschiedet hat.

Fuer den DFB ist die Ausgangslage klar. Neuendorfs “ueberaus bedenklich” und Watzkes “absoluter Angriff” liegen als Verbands- und UEFA-Exekutiv-Vorbehalt auf dem Tisch. Eberl als Bayern-Sportvorstand hat den kommunikativen Ton gesetzt. Die Frage in Nyon lautet nun nicht mehr, ob die europaeische Reaktion scharf ausfaellt - sondern ob sich die 55 UEFA-Verbaende auf eine geschlossene Boykott-Konditionierung einlassen, die ueber verbale Aufhebungen hinausgeht.

Der Zeithorizont ist eng. Zwischen der UEFA-Sitzung Donnerstag und der FIFA-Frist am 19. September 2026 liegen sieben Wochen - Zeit, in der sich die europaeische Position konsolidieren, die kontinentale Landkarte verhaerten und das Verhaeltnis zwischen FIFA-Praesident Infantino und den nationalen Verbaenden grundsaetzlich neu justieren wird. Die WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko ist seit 10 Tagen abgepfiffen - und liefert bereits die erste Governance-Krise des Post-Turnier-Zyklus.

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Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

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