Winston-Salem: Hier wohnt die DFB-Auswahl bei der WM 2026
Die DFB-Auswahl bezieht am 8. Juni 2026 das WM-Basislager Graylyn Estate in Winston-Salem. Wake Forest, R. J. Reynolds und der Empire-State-Building-Bezug.
Von Lukas Brandt 08. Juni 2026
Am Montag, 8. Juni 2026, bezieht die deutsche Nationalmannschaft das Hotel, das in den nächsten fünf Wochen die Adresse ihres WM-Versuchs sein wird: das Graylyn Estate in Winston-Salem, North Carolina. Trainiert wird auf drei Rasenplätzen der Wake Forest University, das erste öffentliche Training ist für 18:00 Uhr Ortszeit angesetzt. Wer wissen will, wo die DFB-Auswahl bei der WM 2026 wohnt und warum die Wahl auf eine 250.000-Einwohner-Stadt im mittleren Süden der USA gefallen ist, bekommt eine Antwort, die mit Tabak, Basketball und einem Vorläufer des Empire State Building zu tun hat.
Graylyn Estate: 60 Zimmer, 87 Hektar, Wake-Forest-Conference-Center
Das Graylyn Estate ist kein normales Hotel. Errichtet zwischen 1928 und 1932 von Bowman Gray Sr., dem damaligen Vorstandsvorsitzenden des Tabakkonzerns R. J. Reynolds, ist die Anlage eine Mischung aus Herrenhaus, Park und exklusivem Konferenzzentrum. Im Hauptgebäude stehen rund 60 Zimmer zur Verfügung, dazu kommen Restaurants, ein abgeschirmter Garten und eine Auffahrt, die den Großteil der amerikanischen Öffentlichkeit ausspart. Seit den 1970er Jahren wird die Anlage von der Wake Forest University als Konferenzhotel betrieben, regulär kostet eine Übernachtung im Hauptgebäude im hohen dreistelligen Dollarbereich.
Für die DFB-Auswahl ist das Estate ideal, weil es zwei Dinge kombiniert, die im US-Hotelmarkt selten zusammenkommen: die nötige Sicherheit für ein WM-Quartier und kurze Wege zu den Trainingsplätzen. Beides entspricht dem Anforderungsprofil, das DFB-Direktor Andreas Rettig und sein Team bei der Quartiersuche im Sommer 2025 formuliert hatten und das in der Sportschau am Sonntag entsprechend beschrieben wurde.
Wake Forest University: drei Rasenplätze und ein Basketball-Erbe
Die Trainingsplätze liegen auf dem Campus der Wake Forest University, einer privaten Universität mit rund 5.500 Studierenden, die seit 1946 in Winston-Salem residiert. Drei Naturrasen-Flächen stehen der DFB-Auswahl zur Verfügung, mit kurzen Wegen zwischen Hotel und Trainingsbereich. Damit sind die zentralen logistischen Probleme der Vorbereitung, die in den letzten Tagen aus Chicago in den deutschen Medien thematisiert worden waren (lange Wege, geteilte Plätze, US-typische Mehrfachnutzung), schlicht nicht mehr da.
Wake Forest ist in den USA vor allem als Basketball-Standort bekannt. Die Universität hat in den vergangenen Jahrzehnten mehrere NBA-Profis ausgebildet, darunter Tim Duncan und Chris Paul. Im Football- und Basketball-betriebenen US-College-Sport ist die Fußball-Infrastruktur eher ein Nebenprodukt, im DFB-Anforderungsprofil reicht sie aber für ein Bundesliga-taugliches Training aus.
”Camel City”: warum die WM in Winston-Salem strandet
Winston-Salem hat 249.545 Einwohner (Volkszählung 2020) und liegt im Piedmont-Triad, der mittleren Region North Carolinas. Die Stadt entstand 1913 aus dem Zusammenschluss von zwei Vorgängerorten: dem 1753 von mährischen Brüdern gegründeten Salem und dem 1849 etablierten Winston, das nach einem lokalen Militär- und Politiker-Namen benannt wurde. Beide Orte sind heute Teil der Stadtgeschichte, die Old-Salem-Altstadt ist ein lebendes Museum.
Was die Stadt geprägt hat, ist aber nicht das mährische Erbe, sondern eine einzige Industrie: Tabak. R. J. Reynolds Tobacco, 1875 gegründet, hat hier zeitweise die größte Zigarettenfabrik der Welt betrieben, mit bis zu 15.000 Beschäftigten und Markenklassikern wie Camel und Winston. Daher der Spitzname “Camel City”. Dazu kam die Wachovia Bank, 1908 lokal gegründet, die bis zum Verkauf an Wells Fargo 2008 zu einem der größten US-Finanzhäuser wuchs. Tabak und Banken, die zwei Branchen, in denen Winston-Salem im 20. Jahrhundert nationale Bedeutung erreicht hat.
In dieser Geschichte spielt auch die Wahl des Basislagers mit. Wer eine Premium-Anlage wie das Graylyn Estate, drei Trainingsplätze auf einem geschützten Universitätscampus und eine fußballerische Anonymität sucht, in der die Mannschaft nicht jeden Tag durch eine Großstadt fahren muss, wird in Winston-Salem fündig. Charlotte oder Atlanta wären präsenter, aber lauter. Winston-Salem ist genau die Größe, die ein Trainerstab um Bundestrainer Julian Nagelsmann fünf Wochen lang aushält.
Bekannte Söhne: Tim Duncan, Chris Paul und die NBA-Connection
Die zwei berühmten Söhne, die das Sportschau-Porträt am Sonntag in den Mittelpunkt gestellt hat, sind beides keine Fußballer, sondern Basketballer. Tim Duncan, geboren in St. Croix auf den US-Jungferninseln, hat von 1993 bis 1997 an der Wake Forest University gespielt und wurde später mit den San Antonio Spurs fünfmaliger NBA-Champion. Chris Paul, in Winston-Salem geboren, hat von 2003 bis 2005 ebenfalls bei den Demon Deacons gespielt, ehe er als langjähriger All-Star bei den New Orleans Hornets, Los Angeles Clippers und Phoenix Suns zu einer der prägenden Point-Guard-Karrieren der vergangenen zwei Jahrzehnte wurde.
Aus deutscher Perspektive ist das eine Fußnote, sportlich aber relevanter, als es klingt: das Wake-Forest-Trainingsgelände, auf dem die DFB-Auswahl ab dem 8. Juni täglich arbeitet, ist Teil einer Universität, die sich primär über die Basketball-Halle und das Stadion definiert. Die Fußball-Welt ist in Winston-Salem Gast, nicht Heimspiel. Für die DFB-Auswahl ist das eher hilfreich.
Empire State Building: das Hochhaus, das in Winston-Salem geübt wurde
Die kuriose Architekturgeschichte, die in fast jedem Stadtporträt von Winston-Salem auftaucht: Das Reynolds Building, der 1929 fertiggestellte Hochhausbau im Stadtzentrum, gilt als architektonischer Vorläufer des Empire State Building. Beide Bauten stammen von der New Yorker Architekturkanzlei Shreve & Lamb, die zwei Jahre nach dem Reynolds Building, jetzt unter dem Namen Shreve, Lamb & Harmon, das Empire State Building in Manhattan entwarf (Fertigstellung 1931). In Winston-Salem ist die Geschichte Teil des Stadtmarketings, und seit Jahrzehnten geht angeblich jedes Jahr eine Geburtstagskarte von der Verwaltung des Empire State Building an die Verwaltung des Reynolds Building.
Für die DFB-Auswahl ist das eine Anekdote für die Pressekonferenz, kein sportliches Argument. Aber sie illustriert, was Winston-Salem als WM-Quartier mitbringt: keine Bundesstadt-Aura, aber eine eigene Geschichte, die man der internationalen Presse in zwei Sätzen erklären kann.
Wege nach Houston, Toronto, New Jersey
Sportlich entscheidend für die Wahl Winston-Salems war die Logistik der drei Gruppenspiele in Gruppe E. Am 14. Juni geht es zum WM-Auftakt gegen Curaçao nach Houston (NRG Stadium, 19:00 Uhr MESZ). Am 20. Juni folgt das zweite Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste in Toronto, am 25. Juni das dritte gegen Ecuador im MetLife Stadium in East Rutherford bei New York/New Jersey. Alle drei Spielorte sind von Winston-Salem aus per Charterflug in zwei bis drei Stunden erreichbar, und die Mannschaft kann zwischen den Spielen jeweils zurück ins Basislager fliegen, statt drei verschiedene US-Standorte zu beziehen.
Genau das war für den DFB das Argument, das ein größeres Camp in Chicago oder New York am Ende nicht mitbringen konnte. Die Detailplanung des Fahrplans hatte Bundestrainer Julian Nagelsmann bereits bei der Nominierung des 26er-Kaders am 21. Mai bestätigt; mit der Ankunft im Graylyn Estate ist sie jetzt Realität.
Heute Abend: erstes öffentliches Training um 18:00 Ortszeit
Das erste öffentliche Training in Winston-Salem ist für Montagabend, 18:00 Uhr Ortszeit (Eastern Time), angesetzt. In MESZ entspricht das 00:00 Uhr in der Nacht zu Dienstag, weshalb deutsche Medien die Bilder erst am Dienstagmorgen liefern werden. Erwartet wird, dass Manuel Neuer nach dem Belastungsaufbau in Chicago auf dem Platz steht und dass Assan Ouedraogo erstmals im DFB-Trikot mit der Mannschaft trainiert.
Der Rest der Vorbereitung folgt einer einfachen Routine: morgens Wake-Forest-Plätze, mittags Pressetermine im Estate, abends Teambesprechung im Hauptgebäude. Am 16. Juni steht ein Besuch eines Baseballspiels der Winston-Salem Dash auf dem Plan, des Triple-A-Farmteams der Chicago White Sox, das im selben Stadtteil spielt. Auf dem Weg zum Curaçao-Auftakt ist das die einzige öffentliche Pflichtveranstaltung außerhalb des Trainingsgeländes, die der DFB für die ersten zehn Tage angekündigt hat. Was danach kommt, hängt vom Ergebnis ab.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.
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