Karl-Ersatz für die WM 2026: Assan Ouédraogo nachnominiert
Lennart Karl fällt mit Muskelbündelriss für die WM 2026 aus. Bundestrainer Nagelsmann nominiert Assan Ouédraogo (RB Leipzig) für den DFB-Kader nach.
Von Lukas Brandt 05. Juni 2026
Es ist ein Freitagabend, mit dem in Chicago niemand geplant hatte. Vor dem Abflug aus Frankfurt war die Wade von Manuel Neuer das Sorgenthema der DFB-Reise, der Kapitänsstatus die offene Frage. Seit dem Donnerstagabend ist die Sorge eine andere: Lennart Karl, der 18-jährige Bayern-Profi, fällt nach einem Muskelbündelriss im linken vorderen Oberschenkel für die komplette WM 2026 aus. Und Bundestrainer Julian Nagelsmann zieht eine Personalie aus dem Hut, die kaum jemand auf der Liste hatte: Assan Ouédraogo, 20 Jahre alt, Mittelfeldspieler von RB Leipzig.
Karls Diagnose: Muskelbündelriss im linken vorderen Oberschenkel
Die Bildgebung am Freitagmorgen liefert die endgültige Lesart der unangenehmsten Trainingsszene dieser US-Reise. Der DFB bestätigt, was die ersten Berichte vom Donnerstagabend bereits befürchten ließen: Muskelbündelriss, linker vorderer Oberschenkel. Eine konservative Therapie reicht nicht aus, um Karl im Turnierverlauf zurückzuholen; die DFB-Ärzte rechnen mit einer Reha von mindestens sechs Wochen. Damit ist der erste WM-Traum des Münchner Youngsters geplatzt - rund 100 Stunden vor dem Eröffnungsanpfiff der Weltmeisterschaft.
Nagelsmann verzichtete am Freitag in Chicago auf jede Verklausulierung. “Es tut mir wahnsinnig leid für Lenny. Es ist für ihn und uns alle ein großer Schock”, sagte der Bundestrainer und verwies darauf, dass Karl im vergangenen Test gegen Finnland (4:0) seinen Startelf-Einstand absolviert und überzeugt hatte. Karl bleibt vorerst bei der Mannschaft, fliegt aber am Wochenende zurück nach Deutschland, um die Reha am Münchner Säbener-Trainingsgelände zu beginnen.
Nagelsmanns Entscheidung: warum Ouédraogo, nicht El Mala
Die Nachnominierungsregel der FIFA ist eindeutig - bis 24 Stunden vor dem ersten Gruppenspiel der Mannschaft darf der DFB einen Ersatzspieler melden. Praktisch heißt das für die Auswahl: Frist bis Samstag, 13. Juni 2026, 19:00 Uhr MESZ, also einen Tag vor dem Auftakt gegen Curaçao in Houston. Die Details der FIFA-Nachnominierungsregel haben wir hier aufgeschlüsselt.
Trotz dieser komfortablen Frist gab Nagelsmann die Entscheidung noch am Freitag bekannt - es soll keine Hängepartie geben, der Ersatzspieler soll möglichst früh ins Trainingslager nach Winston-Salem einsteigen. Drei Profile standen intern hoch im Kurs: Said El Mala (1. FC Köln), der bei der Kaderverkündung am 21. Mai knapp gestrichen worden war, die taktische Aufrückung von Aleksandar Pavlovic auf die Acht und schließlich Ouédraogo. Der DFB-Bundestrainer entschied sich für die dritte Variante. Nagelsmann begründete den Zugriff so: “Assan hatte ähnlich wie Lenny einen klasse Einstand bei uns. Er ist ebenfalls hoch talentiert.”
Die Lesart hinter dem Zitat: Karl war als Tempo- und Tiefenspieler für die Schlussphasen enger Spiele eingeplant, Ouédraogo bringt ein vergleichbar mutiges Offensivprofil mit - allerdings aus einer zentraleren Rolle heraus. Pavlovic bleibt damit auf der Sechs der naheliegende Backup für Joshua Kimmich, El Mala der Pechvogel, der zum zweiten Mal binnen 16 Tagen knapp am Aufgebot vorbeischrammt.
Wer ist Assan Ouédraogo? Vom Schalke-Wunderkind zum Leipzig-Achter
Geboren am 9. Mai 2006 in Mülheim an der Ruhr, mit burkinischen Wurzeln, begann Ouédraogo seine Karriere bei TuS Union 09 Mülheim und wechselte 2014 in die Knappenschmiede von Schalke 04. Am 28. Juli 2023 debütierte er für die Königsblauen in der 2. Bundesliga - im Alter von 17 Jahren, 2 Monaten und 19 Tagen. Damit war er der jüngste Bundesligaspieler und der jüngste Torschütze in der Vereinsgeschichte von Schalke. Die alten Rekorde von Volker Abramczik und Julian Draxler waren damit Geschichte.
Im Sommer 2024 zog Ouédraogo nach Leipzig. Rund 10 Millionen Euro Ablöse, Fünfjahresvertrag, ein klares Profil als linksfüßiger Zehner oder Achter mit Box-to-Box-Akzent. Eine konkrete Offerte des FC Bayern lehnte der damals 18-Jährige ab und begründete den Schritt später mit der besseren Entwicklungsumgebung. “Junge Spieler machen bei RB Leipzig die größten Sprünge”, sagte er in einem Vereinsinterview im Sommer 2024.
In der Saison 2025/26 gehörte Ouédraogo bei den Leipzigern zur erweiterten Stammelf - bis ihn zwei Knieverletzungen über große Teile der Rückrunde ausbremsten. Sein Tor zum 0:5 beim 6:0 in Augsburg im Oktober 2025 (auf dem Foto oben) markierte die wohl bekannteste Szene seiner bisherigen Bundesliga-Saison.
Eine A-Nation-Akte: ein Spiel, ein Tor, zwei Knie-Comebacks
Sein A-Länderspiel-Debüt gab Ouédraogo am 17. November 2025 in der WM-Qualifikation gegen die Slowakei. Beim 4:1-Sieg traf er in der Schlussphase zum Endstand, kam danach allerdings nicht mehr zum Einsatz - die genannten Knie-Reha-Phasen folgten Anfang 2026 und im März/April 2026. Anfang April kehrte Ouédraogo bei RB Leipzig zurück, spielte in den letzten Saisonwochen wieder konstant und bestätigte mit drei Torbeteiligungen seine Form rechtzeitig vor dem WM-Ablauf.
Der DFB-Bundestrainer hatte ihn bei den Tests im Mai zwar nicht nominiert, aber laut Sportschau-Insidern auf der “engsten Beobachtungsliste” geführt. Genau das macht die Nachnominierung trotz der überraschenden Außenwirkung intern erklärbar: Ouédraogo war nie aus dem Trainerstab-Blickfeld verschwunden.
Was der Wechsel taktisch bedeutet
Karls geplantes Einsatzfenster waren die Schlussphasen - als Tempodribbler über die rechte Halbposition, parallel zu Florian Wirtz und Jamal Musiala. Ouédraogo wird das eins-zu-eins kaum kopieren können; sein Stärkenprofil sitzt zentraler, gewinnt zweite Bälle, schiebt mit Risiko an. Für das Spiel gegen Curaçao ist das zweitrangig - der Auftakt gegen den Außenseiter wird über Wirtz/Musiala/Havertz entschieden, Karl wäre ohnehin Bankoption gewesen.
Wichtiger wird die Personalie ab dem zweiten Gruppenspiel gegen Elfenbeinküste am 20. Juni in Toronto und dem dritten Spiel gegen Ecuador am 25. Juni. Spätestens hier wird der Bundestrainer Wechsel in der zweiten Halbzeit brauchen, die das Spielprofil verändern - und Ouédraogos Achter-Rolle gibt ihm eine andere Karte als Karls Pace.
Die formale Meldung bei der FIFA ist noch am Freitagabend erfolgt; Ouédraogo reist am Samstag direkt nach Winston-Salem in das offizielle WM-Basislager. Damit hat der DFB die schwarze Trainingswoche in Chicago zumindest verwaltet - sportlich überholt das Thema die angespannte Wade von Manuel Neuer für einen Tag. Spätestens am Samstagabend gegen die USA dürfte das nächste DFB-Thema die Schlagzeile bestimmen.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.