Bayern beim DFB: Warum der Einfluss des Branchenriesen schwindet
Waehrend Watzke die Klopp-Personalie treibt, ist aus Muenchen kaum ein Wort zu hoeren. Warum Bayerns Einfluss im DFB-Praesidium 2026 schwindet.
Von Lukas Brandt 16. Juli 2026
Wenn am Freitag im Sommer 2026 der Vertragstext fuer den neuen DFB-Bundestrainer unterschrieben wird, sitzt an keinem der beteiligten Tische ein Bayern-Vertreter. Nicht in der Sitzung des DFB-Praesidiums, nicht in der Vorbereitung des Ligaverbands, nicht in der DFB GmbH. Waehrend Hans-Joachim Watzke im Namen von Borussia Dortmund und dem Ligaverband die Klopp-Personalie durchdrueckt, ist aus Muenchen praktisch kein Wort zu hoeren. Die Sportschau hat es am 16. Juli in einer eigenen Analyse formuliert: der FC Bayern ist der “ruhig gestellte Branchenriese” beim DFB - und die Institutionalisierung dieser Ruhe ist keine Zufalls-Konstellation.
Wer wo sitzt: DFB GmbH, Praesidialrat und die Bayern-freie Zone
Ein Blick in die Organe des Verbands macht die Verschiebung sichtbar. Der Aufsichtsrat der DFB GmbH, einer der wichtigsten Kontrollgremien fuer die operativen Verbands-Angelegenheiten, umfasst nach der 2022 vollzogenen Neustrukturierung 13 Mitglieder. Kein einziger stammt aus dem Bayern-Kosmos. Auch der Praesidialrat, in dem die politischen Grundsatzentscheidungen vorbereitet werden, wird von vier Personen dominiert: Bernd Neuendorf als DFB-Praesident (Landesverband Mittelrhein), Watzke (BVB), Oliver Leki (SC Freiburg) und Ronny Zimmermann (badischer Amateur-Landesverband). Muenchen-frei.
Selbst auf der sportlichen Ebene ist die Bayern-Faerbung ausgeduennt. Sportdirektor Rudi Voeller kommt aus dem Muenchner Nord-Kosmos - TSV 1860, nicht der FCB. Sport-Geschaeftsfuehrer Andreas Rettig, dessen Vertrag mit dem 3. Juli endete, war zuvor bei St. Pauli, Freiburg und dem 1. FC Koeln. Und der ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende der DFB GmbH, Ex-Schalke-Vorstand Peter Peters, wurde 2022 durch Watzke abgeloest, ebenfalls ohne Muenchen-Nachfolger.
Bayerns Ex-Kapitaen Bastian Schweinsteiger meldete sich am Freitag zwar mit einer Frage: Habe der DFB tatsaechlich keine Alternative zu Klopp gefunden? Sportschau ordnete die Frage aber als Kommentar eines Fernseh-Experten ein, nicht als Positionierung des FCB. Und selbst wenn: die Frage kam einen Tag zu spaet.
Rummenigge und Hoeness raus: das Machtvakuum nach 2019/2021
Der Zeitraum, in dem diese Verschiebung begann, laesst sich datieren. Uli Hoeness verabschiedete sich 2019 aus dem Amt des Bayern-Praesidenten in den Aufsichtsrat und dort in die Ehrenpraesidentschaft. Karl-Heinz Rummenigge trat als Vorstandsvorsitzender der FC Bayern Muenchen AG mit dem 30. Juni 2021 zurueck. Damit endeten die zwei Personalachsen, die den Zugang der Muenchner zur DFB-Fuehrung ueber Jahrzehnte prinzipiell abgesichert hatten.
Beide gehoerten formal zum Bayern-Aufsichtsrat weiter - Hoeness bis heute, Rummenigge seit 2022 zurueckgekehrt. Aber die operative Bindung an die Verbandsdiskussionen loeste sich. Wer bei Klopp-Personalien am Vortag mit Watzke telefoniert, muss noch Vorstand sein, nicht mehr Rat.
Die persoenlichen Netzwerke wirken nach: Hoeness gilt weiter als einflussreicher Anrufer, wenn ein Bundestrainer diskutiert wird - zuletzt bei der Nagelsmann-Kommunikations-Debatte. Aber Anrufe sind keine Sitzungen. Und die Sitzungen finden in Frankfurt statt, ohne Muenchen-Stimme.
Kahn und Salihamidzic: warum die Nachfolger nicht durchgekommen sind
Der eigentliche Bruch kam mit den ersten Rummenigge-Nachfolgern. Oliver Kahn als Vorstandsvorsitzender und Hasan Salihamidzic als Sportvorstand wurden von Bayern am 27. Mai 2023 nach den Turbulenzen um das Ausscheiden im Champions-League-Viertelfinale und den knappen Bundesliga-Titel abberufen. Die Sportschau-Analyse formuliert es hart: sportpolitisch waren beide “Leichtgewichte” gewesen, weil sie den Verbands-Kontakt nicht in dem Ausmass gehalten hatten, den Hoeness und Rummenigge vorlebten.
Ihre Nachfolger - Herbert Hainer als Aufsichtsratsvorsitzender (bereits seit November 2019 im Amt) und Max Eberl als Sportvorstand ab Maerz 2024 - sind operativ eingespannt. Eberl kommt aus dem Borussia-Moenchengladbach- und RB-Leipzig-Kosmos, hat also gerade nicht den lebenslangen DFB-Draht, den ein Hoeness mitbrachte. Und Hainer, ehemaliger Adidas-Vorstandsvorsitzender, ist als Wirtschaftsfigur wirksam, nicht als Trainerfindungs-Politiker.
Die Konsequenz: waehrend fruehere Bundestrainer-Auswahlen aus Muenchen mit “wir wollen X” oder “wir warnen vor Y” begleitet wurden, blieb der Kanal am 2. Juli 2026 stumm. Weder befuerwortend zu Klopp - der bekanntlich null Arbeitstage bei Bayern hinter sich hat - noch ablehnend.
Klopp ohne Bayern-Widerstand: der Prozess ist der Beweis
Der Klopp-Deal ist selbst ein Indiz. Fuer die traditionelle Muenchner Achse waere Klopp ein Sensibilisierungs-Fall gewesen. Rummenigge nannte ihn 2015 in einer legendaeren Sitzung “einen im Kern nicht zu Bayern passenden Trainer”, Hoeness kritisierte in der Klopp-BVB-Zeit oeffentlich die Dortmunder Politik. Ein aktives Bayern haette nicht widersprochen, aber wenigstens den Prozess mit einer Muenchen-Bedingung versorgt - etwa dem Wunsch, dass die Bayern-Bundesliga-Interessen zu Testspielen und Trainings-Terminen abgesichert werden.
Nichts davon geschah. Der DFB-Klopp-Prozess der vergangenen zwei Wochen - vom Nagelsmann-Ruecktritt am 3. Juli ueber die Red-Bull-Debatte bis zum Klopp-Werbebotschafter-Verzicht am 15. Juli - lief ohne oeffentlich sichtbare Muenchen-Rueckkopplung ab. Der laut werdende Widerstand kam aus den Landesverbaenden, nicht von der FCB-Spitze.
Das ist eine Aussage. Ein Klub, der 2013 den DFB-Praesidenten praktisch mitbestimmen konnte, ist 2026 waehrend der wichtigsten Trainerpersonalie eines Jahrzehnts strukturell nicht mehr eingebunden.
Mertesacker als Voeller-Nachfolge: der letzte Sargnagel
Die Sportschau-Analyse hat noch einen zweiten Datenpunkt aufgelegt: Rudi Voeller wird als Sportdirektor absehbar aufhoeren, sein Vertrag laeuft mit dem Ende der WM-Kampagne aus. Als aussichtsreichster Nachfolger gilt Per Mertesacker, aktuell Nachwuchsdirektor beim FC Arsenal. Mertesacker war Weltmeister 2014, ist mit 41 Jahren im richtigen Alter, wirkt medial verbindlich - und hat als Aktiver nie fuer Bayern gespielt: Hannover 96, Werder Bremen, Arsenal.
Die Symbolik ist deutlich. Ein Voeller-Erbe ohne Bayern-Vergangenheit wuerde die historische Muenchen-DFB-Achse aus den Aeren Beckenbauer, Voegts, Franz und Rummenigge institutionell endgueltig aufloesen. Aus einem “wir haben immer wen sitzen” wird ein “wir wissen erst durch die Pressemitteilung, was der DFB entschieden hat”.
Das ist keine Krise fuer den FC Bayern. Sportlich und finanziell ist der Klub weiter die dominierende Marke im deutschen Fussball. Aber die zentrale sportpolitische Frage der WM-2026-Nachbereitung - wer wird Bundestrainer, mit welchem Profil, gegen welche Vorbehalte - wird in einer Kammer beantwortet, in der Muenchen nicht sitzt. Die Ruhe ist nicht die Antwort. Die Ruhe ist die Diagnose.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.
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