DFB-Offensive im Zahlencheck: Was die Zahlen seit EM 2024 verraten
Wer trifft, wer legt auf, wer schießt am effizientesten? Die neun DFB-Offensivspieler für die WM 2026 im reinen Zahlencheck - von Havertz bis Undav.
Von Lukas Brandt 29. Mai 2026
Drei Tage vor dem ersten WM-Test in Mainz gegen Finnland fragen sich in Herzogenaurach nicht nur die Reporter, wer am 14. Juni in Houston gegen Curaçao spielt. Auch in der DFB-Statistik-Abteilung läuft die Maschine: Wer trifft eigentlich? Wer legt auf? Wer schießt aus dem Spiel heraus und wer aus der Standardsituation? Unter Julian Nagelsmann hat die Nationalmannschaft in 31 Partien 70 Tore geschossen - 2,3 pro Spiel. Das ist eine starke Zahl. Aber sie sagt erst dann etwas, wenn man weiß, wer sie geliefert hat. Wir haben die Spurensuche auf die neun Offensivspieler im WM-2026-Kader von Nagelsmann eingegrenzt.
Die Tor-Tabelle: Havertz vor Wirtz, dann Sané
Seit der EM 2024 hat Kai Havertz im DFB-Trikot 18 Tore erzielt. Das ist der Höchstwert in der Mannschaft und der Grund, warum sein verspäteter Anschluss ans DFB-Trainingslager - er spielt am 30. Mai mit Arsenal das Champions-League-Finale in München - in der DFB-Auswahl mehr Aufmerksamkeit auslöst als eine reine Terminfrage. Hinter ihm steht Florian Wirtz mit 10 Toren, knapp vor Leroy Sané (9). Jamal Musiala kommt auf 8 Tore - mit einer Einschränkung, denn dazwischen liegt die schwere Verletzung aus der Klub-WM 2025, die ihn monatelang aus dem Spielbetrieb genommen hat.
Drei Spieler im DFB-Kader stehen damit zweistellig oder knapp darunter; alle drei sind als Stammkräfte für den WM-Auftakt eingeplant. Dahinter wird die Tabelle dünner: Deniz Undav (4) und Nick Woltemade (4) folgen mit identischer Trefferzahl, gefolgt von Nadiem Amiri (1). Für Maximilian Beier und Lennart Karl gibt es noch keine A-Länderspieltore, weil beide erst kurz vor der WM aus den U-Mannschaften beziehungsweise als Spätzünder in den Kader gerückt sind. Den Sonderfall Lennart Karl haben wir bei der Kader-Nominierung eingeordnet.
Die Vorlagen-Tabelle: Wirtz ist der Spielmacher
Bei den Assists kippt das Bild. Florian Wirtz führt mit 13 Vorlagen die DFB-Statistik souverän an - kein anderer Offensivspieler kommt in die Nähe. Havertz und Musiala teilen sich mit je 9 Vorlagen den zweiten Platz, dahinter folgen Sané (8) und Undav, Woltemade und Amiri mit je einer.
Die Verteilung zeigt das Nagelsmann-Konzept als Zahl: Wirtz ist der designierte Halbraum-Lieferant; er ist der Spieler, dessen Pässe Tore werden. Wer den DFB-Sturm um Wirtz herumbaut, hat die Schnittstellenpässe automatisch im System. Sané spielt die Tiefe an und ist selbst Abschlussspieler, Havertz ist der hybride Anker - mit 18 Toren plus 9 Vorlagen kommt er auf 27 unmittelbare Torbeteiligungen, Wirtz auf 23. Das sind Werte auf Top-Niveau für eine Doppelsaison mit englischer Liga und Champions-League-Belastung.
Effizienz: Undav schießt seltener und trifft öfter
Die spannendste Spalte ist nicht die mit den absoluten Toren, sondern die mit den Schüssen pro Tor. Hier zeigt sich, wer im DFB-Trikot bei seinen wenigen Chancen tatsächlich liefert.
- Deniz Undav: 3,3 Schüsse pro Tor, 70 Minuten pro Tor. Sieben Länderspiele, vier Tore - das ist die mit Abstand höchste Effizienz im Kader. Die Stichprobe ist klein und die Werte sind dadurch verzerrt, aber der Trend ist klar: Undav verschwendet kaum eine Aktion. Genau das macht ihn vor der WM zum Joker, der aus dem Stand Spiele drehen kann.
- Nick Woltemade: 3,5 Schüsse pro Tor, 173 Minuten pro Tor. Ähnlich effizient wie Undav, aber mit der doppelten Einsatzzeit pro Treffer. Newcastle hat Woltemade in der Premier League selten in den Sechzehner gebracht; im DFB-System mit kürzeren Wegen zum Tor sieht das anders aus, wie wir im Sturmprofil für den Finnland-Test ausgeführt haben.
- Nadiem Amiri: 5 Schüsse pro Tor. Auf den ersten Blick stark, aber bei nur einem Tor ist die Quote eher ein Mainzer Ausreißer als ein Trend.
- Havertz: 5,4 Schüsse pro Tor, 162 Minuten pro Tor. Solider Top-Wert für einen Zehner, der nicht nur Strafraum-Stürmer ist.
- Wirtz: 5,5 Schüsse pro Tor, 241 Minuten pro Tor. Wirtz schießt seltener, weil er häufiger den Letzten Pass spielt - die Effizienz pro Abschluss ist trotzdem zweistellig.
- Sané: 8,4 Schüsse pro Tor, 294 Minuten pro Tor. Sané schießt am häufigsten aus der Distanz, was die Quote nach unten zieht. Bei Galatasaray ist das Muster identisch.
- Musiala: 8,3 Schüsse pro Tor, 298 Minuten pro Tor. Bei Musiala ist die Quote durch die monatelange Pause nach der Klub-WM-Verletzung schwer einzuordnen; vor dem Ausfall lag sie deutlich besser.
Die Wirtz-Frage: zehn Tore in 30 Spielen reichen nicht ganz
Die Statistik hat eine eingebaute Anschlussfrage. Wenn Wirtz mit 13 Vorlagen der Spielmacher ist und mit 10 Toren in rund 30 DFB-Einsätzen auf eine Drittel-Quote kommt - braucht die DFB-Offensive dann nicht doch jemanden, der noch mehr eigene Treffer beisteuert? In der EM 2024 standen für Wirtz drei Tore in fünf Spielen zu Buche, also auf Niveau, das sich auf eine ganze Saison hochrechnen ließe. Nach der EM ist die Quote sichtbar zurückgegangen, weil Wirtz im neuen Verein Liverpool die Rolle des Verbindungsspielers gegen Mohamed Salah und Cody Gakpo erst neu aushandeln musste. Für die WM ist die offene Frage, ob Nagelsmann ihn höher und freier einsetzt - oder ob er bei Havertz als zentraler Abschlussspieler bleibt.
Antworten darauf wird der erste Test in Mainz noch nicht liefern. Havertz fehlt wegen des Champions-League-Finales mit Arsenal, Wirtz dürfte gegen Finnland im offensiven Mittelfeld beginnen. Erst gegen die USA am 6. Juni und endgültig beim WM-Auftakt gegen Curaçao wird das Personal-Puzzle vollständig sein. Die Belastung im Schlüsselbereich haben wir im Hintergrund-Form-Check zur DFB-Offensive um Bischof, Ginter, Wirtz und Musiala abgebildet.
Die Newcomer: Karl, Beier - kaum Daten, viel Vertrauen
Bei Lennart Karl (Bayern) und Maximilian Beier (BVB) endet der Zahlencheck schnell, weil die Datenbasis fehlt. Beide haben in der laufenden Saison im Verein geliefert - Karl mit Champions-League-Toren als Bayern-Talent, Beier mit konstanten Bundesliga-Beteiligungen für Dortmund. Im DFB-Trikot sind sie aber Joker auf Bewährung. Nagelsmann hat sich mit der Nominierung beider gegen die nominell effizienteren Veteranen entschieden und das in den Pressekonferenzen mit Tempo, Pressing-Bereitschaft und Polyvalenz begründet. Die WM-Trikotnummern haben sich passend dazu sortiert: Karl die 26, Beier die 14, beide klassische Joker-Nummern.
Konkrete Tor-Erwartungen an die beiden vor der WM sind statistisch nicht belastbar. Die Frage ist, ob Karl es schafft, in einer Vorrunden-Schlussphase fünf Minuten lang den Unterschied zu machen - und ob Beier von der Seite kommend eine Standardsituation veredelt. Erfahrungswerte gibt es keine, deshalb fehlen sie auch in der Sportschau-Übersicht.
Was die Zahlen für Finnland und Curaçao bedeuten
Die Sportschau-Zahlen, von denen dieser Beitrag ausgeht, beschreiben einen DFB-Sturm, der mit Havertz, Wirtz, Sané und Musiala vier zweistellige Tor-Lieferanten plus zwei effiziente Joker (Undav, Woltemade) bringt. Das ist auf dem Papier ein Niveau, das mit Spanien und Frankreich mithalten kann.
Die Vorbehalte stehen aber im Text der Sportschau-Reporter direkt daneben: Musialas Rückkehrform ist noch nicht stabil, Wirtz’ eigene Trefferquote hat seit dem Vereinswechsel zu Liverpool gelitten, Undav muss aus der Vereinsform die Nationalmannschaft mit einnehmen, und beim klassischen Mittelstürmer hat der DFB-Kader strukturell auf Flexibilität gesetzt. Gegen Finnland am 31. Mai in Mainz wird Nagelsmann erstmals zeigen, welches Quartett aus diesen neun Namen die Startelf trägt. Erste Indizien gibt die Aufstellung. Die statistische Verteidigung der 2,3 Tore pro Spiel beginnt erst danach - im Auftaktspiel gegen Curaçao, in einer Gruppe, die wir auf der DFB-Team-Seite zur WM 2026 eingeordnet haben.
Eines lässt sich aus den Zahlen aber bereits ableiten: Ohne Havertz auf dem Platz fehlt der Mannschaft der Tor-Anker, ohne Wirtz fehlt der Vorlagengeber, ohne Sané fehlt die Distanzwaffe. Drei Spieler bestreiten 37 der 70 Nagelsmann-Tore (53 Prozent) gemeinsam. Wer im DFB-Sturm Verletzungen kompensieren will, muss bei den Effizienz-Quoten von Undav und Woltemade ansetzen - oder bei Musialas Comeback-Form. Beides ist machbar. Garantiert ist beides nicht.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.