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DFB-Team

DFB ohne klassischen Neuner: Wie Nagelsmann den Sturm gegen Finnland aufstellt

Die DFB-Elf testet gegen Finnland ohne klassischen Mittelstürmer. Nagelsmann setzt im WM-Probelauf auf Woltemade und Undav - Havertz fehlt, Leweling rotiert vorne.

Von Lukas Brandt 27. Mai 2026

Deniz Undav (VfB Stuttgart) im DFB-Pokal-Halbfinale gegen Freiburg im April 2026. Beim DFB-Trainingsstart in Herzogenaurach hat ihn Bundestrainer Nagelsmann als unberechenbare Sturm-Option für die WM 2026 gelobt. Foto: Ulrik Pedersen / ZUMA Press via SmartFrame

Am Mittwoch hat sich die DFB-Elf zum WM-Trainingslager in Herzogenaurach eingefunden, am Sonntag folgt der erste echte Härtetest: 20:45 Uhr MESZ in Mainz, Anpfiff zum WM-Test gegen Finnland, live im ZDF. Was nach Pflichtprogramm klingt, ist tatsächlich die erste Antwort auf die Frage, mit der Julian Nagelsmann seit der Kader-Bekanntgabe konfrontiert wird: Wer spielt eigentlich vorne, wenn der DFB keinen klassischen Mittelstürmer dabei hat?

Das Sturm-Quintett für die WM 2026

Im 26er-Kader fehlt der Spielertyp, an den deutsche Fans gewöhnt sind: kein Füllkrug, kein Gomez, kein Bierhoff-Nachfolger als fixer Stoßstürmer. Stattdessen hat Nagelsmann fünf Offensivspieler nominiert, die alle mehrere Positionen abdecken können. Wie wir bei der Vergabe der Rückennummern gesehen haben, ist das auch optisch ablesbar: Jamie Leweling trägt die traditionsreiche 9, Kai Havertz die 7, Nick Woltemade die 11, Maximilian Beier die 14, Deniz Undav die 26.

Für den Finnland-Test heißt das eine konkrete Personalfrage und eine taktische. Personell fehlt mit Havertz der Spieler, der noch am ehesten als Anker-Stürmer gilt - er sitzt am 30. Mai im Champions-League-Finale mit Arsenal gegen Paris in München. Taktisch heißt es: Nagelsmann muss zeigen, ob das Konzept des rotierenden Sturms ohne den Englisch-Meister überhaupt trägt.

Was Nagelsmann zu Woltemade sagt

Mit Nick Woltemade beginnt das Konzept. Der 23-Jährige, im Winter vom FC Köln nach Newcastle gewechselt, hat in der englischen Liga zuletzt nicht überzeugt - bei Eddie Howe oft nur als Joker, das Tor-Konto bescheiden, in den DFB-Medien immer wieder die Frage nach seinem Standing. Nagelsmann hat die Frage am Mittwoch auf der Trainings-Pressekonferenz aufgenommen und ungewöhnlich klar beantwortet. “Er hat gute Spiele bei uns gespielt”, sagte der Bundestrainer. “Die Art, wie wir spielen, kommt ihm zugute. Er hat bei uns einen kürzeren Weg zum Tor als bei Newcastle. Dort war es schwieriger für ihn, in den Strafraum zu kommen. Man muss ihn in gefährliche Abschlusssituationen bringen.”

Übersetzt heißt das: Die DFB-Elf kreiert ihre Chancen durch Tempo aus dem Halbraum, nicht durch Flanken auf einen Strafraum-Mittelstürmer. Woltemade soll im Zentrum die Bewegung halten, kurze Wege zum Abschluss bekommen und die Räume nutzen, die Wirtz und Musiala hinter ihm aufreißen. Gegen Finnland ist er der wahrscheinliche Sturmspitze - allein deshalb, weil Nagelsmann ihn in den vergangenen DFB-Lehrgängen schon mehrfach in der Startelf hatte.

Undav - der Joker mit Pflichtspielform

Der zweite Kandidat ist Deniz Undav, und sein Profil ist ein anderes. Der Stuttgarter ist seit Juni 2025 zum ersten Mal wieder in einem DFB-Kader - Nagelsmann hat ihn beim Endschnitt nach der starken Pokal-Saison reaktiviert. Aus den letzten zehn Pflichtspielen für den VfB stehen elf Torbeteiligungen zu Buche, dazu der Einzug ins DFB-Pokal-Halbfinale. Im kicker-Interview zur Trainingsauftakt-PK hat Nagelsmann ihn als “unberechenbar” gelobt - im positiven Sinne, gemeint als die Fähigkeit, sich aus untypischen Räumen Chancen zu schaffen und Abwehrketten aus der Form zu bringen.

Das passt zum Mainz-Test: Finnland verteidigt traditionell tief und kompakt, ein klassischer Strafraum-Stürmer würde sich an der Innenverteidigung aufreiben. Undav kommt aus der Tiefe, dribbelt gerne durchs Zentrum und sucht den Abschluss aus zweiter Reihe. Er ist damit nicht nur der heißeste Joker, sondern auch ein Plan B für Spiele, in denen das DFB-Pressing nicht zum Ballgewinn führt. Eine Einwechselung in Hälfte zwei ist die wahrscheinlichste Variante, ein Start neben Woltemade als Doppelspitze die kleine Sensation.

Wer rückt für den fehlenden Havertz auf?

Mit Havertz fehlt die Variante, die Nagelsmann in der EM 2024 als hängende Spitze ausprobiert hat - jener Stürmer, der den Raum zwischen Mittelfeld und Innenverteidigung füllt. Diesen Job kann gegen Finnland am ehesten Jamie Leweling übernehmen. Der Stuttgarter ist offiziell auf der 9 nominiert, in der Spielanlage aber der breit aufgestellte Allrounder: rechter Flügel, linker Flügel, Mittelstürmer, in der Not auch rechter Außenverteidiger. Sein Vorteil gegen Finnland: Tempo, das sich an einer tiefen Kette messen lässt.

Maximilian Beier ist die zweite Option im Halbraum. Der Dortmunder hat seit Februar konstant für den BVB getroffen und gilt im DFB-Stab als der Spieler mit der besten Position-zu-Tor-Effizienz im Kader. Eine Doppelspitze Woltemade-Beier ist die System-Variante, die Nagelsmann zuletzt im November-Testspiel gegen Italien getestet hat. Realistisch ist gegen Finnland eher: Woltemade beginnt, Beier kommt nach 60 Minuten, Undav in der Schlussphase als Energieinjektion.

Was der Finnland-Test verraten kann

Praktisch ist es das letzte echte Testspiel zu Hause - die zweite Generalprobe am 6. Juni in Hartford gegen die USA ist mehr Aufgalopp im Trainingslager als Probelauf. Wer in Mainz von Beginn an spielt, ist nach Lesart aus dem Stab klar mit der Startelf-Empfehlung für den WM-Auftakt am 14. Juni gegen Curaçao in Houston ausgestattet. Auch personell ist es ein Live-Test: Manuel Neuer fehlt mit Wadenproblemen im Tor, Oliver Baumann hütet den Kasten, was zumindest die Frage des Stammtorwart-Daseins erneut auf den Tisch legt.

Für Woltemade und Undav ist das Mainzer Spiel mehr als Routine. Die letzten 90 Minuten vor dem WM-Flieger sind in der Geschichte der DFB-Elf die Minuten, in denen Trainer ihre Hierarchie zementieren. Den vollständigen Fahrplan bis zum WM-Auftakt haben wir separat aufgelistet. Wer am Sonntag in Mainz vorne spielt, wird zwei Wochen später in Houston die ersten 90 WM-Minuten der DFB-Elf bestreiten - und damit die Antwort auf die Frage liefern, die seit der Kader-Nominierung im Raum steht: ob ein WM-Titel ohne klassischen Mittelstürmer realistisch ist. Eine Antwort, die in der nüchternen Variante über das gesamte Turnier auf der DFB-Pillar-Seite zur WM 2026 mitgeführt wird.

Autor

Lukas Brandt

Redakteur WM & DFB-Team

Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.

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