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WM 2026

FIFA räumt Technik-Panne ein: Vor Schweizer Elfmeter gegen Katar fehlte die Abseits-Animation

FIFA-Stellungnahme zur WM-2026-Premiere: Die halbautomatische Abseits-Animation vor Embolos Elfmeter gegen Katar wurde nicht erzeugt. Die Linien zeigten kein Abseits.

Von Marco Feldmann 14. Juni 2026

Es war die zweite VAR-Geschichte bei dieser WM, und sie passierte 24 Stunden nach der ersten. Während im Eröffnungsspiel USA gegen Paraguay noch ein VAR-Hinweis einen Elfmeter herbeiführte, der ohne Studiobesuch nicht gefallen wäre, beschäftigt die Gruppenphase der WM 2026 am Folgetag eine umgekehrte Frage: Warum hat das halbautomatische Abseits-System vor Breel Embolos Foulelfmeter in der 17. Minute des Auftaktspiels Katar gegen die Schweiz keine Animation für das Stadion und die TV-Bilder erzeugt? Die FIFA hat darauf in der Nacht zum 14. Juni 2026 reagiert - und eine technische Panne eingeräumt.

Was passiert war: Embolo-Steckpass, Freuler-Lauf, Abunada-Foul

In der 17. Minute des Auftaktspiels im Levi’s Stadium bei Santa Clara legte Breel Embolo für Remo Freuler in den Strafraum auf. Freuler ging ins Eins gegen Eins mit dem katarischen Schlussmann Mahmud Abunada, der den Schweizer mit ausgestrecktem Bein zu Fall brachte. Schiedsrichter Anthony Taylor zeigte sofort auf den Elfmeterpunkt, der eingewechselte VAR im zentralen Schiedsrichter-Center meldete sich nicht; Embolo trat an und verwandelte ins linke Eck zur Schweizer Führung.

Aufmerksame Beobachter im Stadion und an den TV-Schirmen hatten in der Zwischenzeit aber eine Frage. Bei der Steckpass-Aktion eine halbe Sekunde vor dem Foul stand Freuler nach Augenmaß auf einer Linie mit dem letzten Verteidiger Katars - eine Szene, die nach gewohntem WM-Standard die halbautomatische Abseitserkennung (SAOT) mit ihren 3-D-Spieleravataren automatisch an Stadion-Würfel und TV-Regie ausspielt, ob nun Abseits oder nicht. In diesem Fall blieb der Bildschirm dunkel; die SAOT-Linien wurden in der Übertragung nicht eingeblendet, im Levi’s Stadium nicht an den Würfeln gezeigt. Der Eindruck, der VAR habe schlampig gearbeitet, war geboren.

FIFA-Stellungnahme in der Nacht: “Linien ergaben keine Abseitsposition”

Die FIFA reagierte rasch. In einer schriftlichen Stellungnahme, die in der Nacht zum 14. Juni 2026 an die internationale Presse ging, räumte der Weltverband ein, dass die übliche Animation in dieser Szene nicht erzeugt wurde - und betonte gleichzeitig, dass der Check selbst korrekt verlief. Der entscheidende Satz lautet wörtlich:

“Die vom VAR zur Überprüfung der Positionen der betreffenden Spieler verwendeten Linien ergaben in keiner der beiden Situationen unmittelbar vor der Elfmeterentscheidung, dass sich der Angreifer in einer Abseitsposition befand.”

Es ist eine erstaunlich klare Erklärung, die den eigenen Fehler benennt und gleichzeitig das Vertrauen in das Schiedsrichter-Aufgebot stützt. Die FIFA spricht von zwei Situationen, die kurz vor der Elfmeterentscheidung geprüft wurden - vermutlich Embolos Steckpass und ein zweiter Ablauf in der Strafraumszene davor. Beide Checks ergaben dem Wortlaut zufolge: kein Abseits.

Was sind “die Linien”?

Die halbautomatische Abseitserkennung der WM 2026 arbeitet mit den oben beschriebenen 3-D-Spieleravataren, die aus den vor dem Turnier erstellten Körperscans gespeist werden. Aus den Avataren konstruiert die Software die “virtuellen Linien” - die Außenkante des Angreifers (in dieser Szene Freuler) und die Außenkante des letzten Verteidigers Katars vor dem Schweizer. Wenn die Linien sich überschneiden, lebt der Angreifer; wenn die Angreifer-Linie weiter vorne steht, wird Abseits gemeldet. Beim Schweizer Elfmeter schlug das System dem zentralen Schiedsrichter-Center zwei Mal “kein Abseits” zurück. Die fehlende Animation ist nicht Teil der Entscheidungsschleife, sondern Teil der Kommunikation - die 3-D-Visualisierung der Linien für Stadionwürfel und TV-Regie.

Die Pipeline, die die internen Linien in das publizierbare 3-D-Bild übersetzt, ist also der Engpass gewesen. Genau das nennt die FIFA “technische Panne”. Damit ist ein Begriff geprägt, der die nächsten Spieltage begleiten wird - sobald eine Szene auch nur ansatzweise an die Schweiz-Katar-Premiere erinnert, wird die Frage nach der ausgespielten Animation reflexhaft im sozialen Netz auflaufen.

Die zweite VAR-Diskussion in 24 Stunden

Bemerkenswert ist auch der Kontext. Im Eröffnungsspiel USA gegen Paraguay hatte VAR-Referee Danny Makkelie den niederländischen Schiedsrichter Allard Lindhout in der 41. Minute zum Studio gerufen, der das vermeintliche Foulspiel von Paraguays John Ream an Miguel Almiron im Strafraum neu bewertete und auf Elfmeter entschied - die VAR-Premiere bei dieser WM. Innerhalb von 24 Stunden steht das System damit zum zweiten Mal im Mittelpunkt: in der USA-Szene um die Korrektur einer Schiedsrichter-Entscheidung, in der Schweiz-Katar-Szene um die ausgebliebene Bestätigung einer Entscheidung, die der Pfeifende auf dem Platz gar nicht angefordert hatte.

Aus FIFA-Sicht ist das die schwierigere Konstellation. Bei der USA-Szene konnte der Verband zeigen, dass das System tut, wofür es gebaut wurde. Bei der Schweiz-Katar-Szene musste der Verband zugeben, dass ein Teil des Systems versagt hat - und im selben Atemzug versichern, dass der andere Teil funktioniert hat. Es ist eine Kommunikationsaufgabe.

Transparenz vs. Bilder im Stadion

Vor der WM hatte Schiedsrichter-Chef Pierluigi Collina in mehreren Briefings angekündigt, dass die FIFA die neue Schiedsrichter-Bodycam und die SAOT-Animationen einsetzen werde, um VAR-Entscheidungen nachvollziehbarer zu machen. Die Schweiz-Katar-Episode zeigt, was passiert, wenn das Versprechen technisch hakt: Selbst eine “korrekte” Entscheidung, in Hand der eigenen Daten gefasst, läuft Gefahr, im Stadion und auf Social Media als “Skandal-Elfer” stehen zu bleiben, weil das Bild fehlt, das die Entscheidung erklärt.

Die FIFA-Stellungnahme der Nacht ist insofern bemerkenswert. Sie ist die transparenteste Erklärung, die der Weltverband bei einem WM-Spieltag bisher veröffentlicht hat - nicht erst auf Nachfrage, nicht erst Stunden später, sondern in den frühen Morgenstunden des Folgetags und unter klarem Eingeständnis eines verbandseigenen Fehlers. Ob das Vertrauen in das System trägt, hängt nicht an dieser einen Stellungnahme; es hängt daran, dass die SAOT-Pipeline ab dem zweiten Spieltag fehlerfrei läuft. Die nächste Bewährungsprobe wartet schon: Schweden gegen Tunesien am 15. Juni, Belgien gegen Ägypten am 15. Juni, Spanien gegen Kap Verde am 15. Juni - vier Spiele mit hoher VAR-Wahrscheinlichkeit pro Halbzeit. Die FIFA wird sich daran messen lassen müssen, ob es bei der einen Panne bleibt - und ob die nächsten Animationen pünktlich auf dem Stadion-Würfel landen.

Was bleibt: Embolos Elfmeter zum 1:0 ist nach FIFA-Lesart regelkonform. Die Schweizer Auftakt-Bilanz, das 1:1 nach Khoukhis Ausgleich, bleibt bestehen. Und das halbautomatische Abseits-System hat am ersten WM-Spieltag 2026 eine erste Lehrstunde erteilt - in zwei Stufen: Es kann das Spiel beschleunigen, wenn es funktioniert. Und es kann das Spiel kommunikativ aushebeln, wenn nur die Animation ausbleibt.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

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