Schweiz - Katar 1:1: Khoukhi schockt Yakins Eidgenossen in der 95. Minute
Bittere Auftakt-Pleite: Trotz 26:7 Schüssen kommt die Schweiz gegen Katar nur zu einem 1:1. Khoukhi köpft in der 95. Minute den Ausgleich für die Lopetegui-Elf.
Von Marco Feldmann 13. Juni 2026
Es ist der erste echte Schock dieser WM 2026. Im Levi’s Stadium in Santa Clara hat die Schweiz ihren Gruppenphasen-Auftakt der Marke “sicherer Pflichtsieg” in der 95. Minute aus der Hand gegeben. Boualem Khoukhi köpfte in der fünften Minute der Nachspielzeit zum 1:1-Endstand ein, Breel Embolos Foulelfmeter aus der 17. Minute reichte nicht. Die Eidgenossen schossen 26 Mal aufs Tor, kamen zu zehn Eckbällen, dominierten Ballbesitz und Räume - und stehen nach Spieltag eins der Gruppe B mit einem mageren Punkt und 1:1 Toren da, gleichauf mit dem Asien-Cup-Sieger Katar und den nach dem 1:1 von Kanada gegen Bosnien-Herzegowina am Vorabend ebenfalls punktgleichen anderen beiden Gruppen-Teams. Die Boulevardpresse hatte schon vor Schlusspfiff den Titel im Kasten: “KATARstrophe zum WM-Auftakt”, schrieb der Schweizer “Blick” über das Schweizer Pendant zur deutschen Reichelt-Schule. Trainer Murat Yakin suchte die Worte in der Mixed Zone und fand: “Entschlossenheit und Killerinstinkt haben gefehlt.”
Das Spiel in Kurzform: Schweiz dominant, Katar effizient
Anpfiff um 21:00 Uhr MESZ, 12:00 Uhr Ortszeit PDT, bei rund 28 Grad in der kalifornischen Mittagshitze. Yakin entschied sich gegen die in den Testspielen erprobte Dreierkette und brachte das 4-3-3, in dem die Schweiz das WM-Quali-Finale gegen Schweden gewonnen hatte: Kobel im Tor, Akanji, Elvedi, Rodriguez und Widmer in der Viererkette, Xhaka, Freuler und Aebischer im Mittelfeld, dazu vorne Ndoye, Embolo und Vargas. Senkrechtstarter Johan Manzambi saß auf der Bank. Katar-Trainer Julen Lopetegui stellte sein Team in einer kompakten 5-4-1-Verteidigungsformation tief vor das eigene Strafraumdach, vorne stand Akram Afif als alleinige Anspielstation.
Die Schweiz machte sofort Druck. Erste Großchance in der 9. Minute durch Vargas, der nach einem Steckpass von Xhaka am katarischen Schlussmann Mahmoud Abunada scheiterte. Acht Minuten später dann der Foulelfmeter: Freuler tankte sich durch die Zwischenräume des katarischen Mittelfelds, Embolo spielte ihn auf, Freuler kam zum Abschluss - und wurde beim Versuch, den Ball am herauseilenden Abunada vorbeizulegen, von dessen ausgefahrenem Bein gefoult. Schiedsrichter Anthony Taylor zeigte sofort auf den Punkt. Die TV-Bilder ließen erkennen, dass Freuler bei Embolos Pass im Abseits gestanden hatte. Der VAR im Kölner Studio - hier nach FIFA-Regelwerk in Frankfurt - meldete sich nicht. Embolo trat an und verwandelte ins linke Eck, Abunada war in die Mitte gegangen.
17. Minute: Embolos Elfmeter und die strittige Vorgeschichte
Es war Embolos viertes Tor im Schweizer Nationaltrikot bei einer WM-Endrunde, das erste seit dem 1:0 gegen Kamerun in Al-Wakra bei der WM 2022. Der 28-jährige Stürmer von der AS Monaco, der wegen der späten US-Einreise-Genehmigung noch bis Freitagmorgen in der Schwebe gehangen hatte, drehte ohne große Geste zur eigenen Bank ab. Trainer Yakin klatschte zweimal kurz - die Erleichterung war da, das Spiel aber lange nicht entschieden.
Der Schweizer Boulevard hatte vor Anpfiff lange auf diesen Moment hingearbeitet: Embolo, der nach 18 Monaten Kreuzbandriss-Ausfall erst im Frühjahr 2025 in die Nationalelf zurückgekehrt war, schoss das erste Schweizer WM-Tor seit der Endrunde in Katar. Was er und mit ihm alle weiß-roten Trikots aber nicht ahnten: Der Auftakt-Treffer wäre 78 Minuten lang die einzige Antwort der Eidgenossen auf eine kompakte Lopetegui-Mauer.
Vargas an die Latte, Ndoye über das Tor: die zweite Halbzeit
Nach dem 1:0 dominierte die Schweiz das Spiel optisch komplett, ohne die Tordifferenz zu erhöhen. Vargas traf in der 41. Minute aus halblinker Position die Latte, Ndoye verzog in der 53. Minute aus zehn Metern. Eine Direktabnahme von Xhaka in der 58. Minute lenkte Abunada mit einer Fußabwehr um den Pfosten. Der 33-jährige katarische Schlussmann von Al-Sadd, der erst seit 2024 die Nummer eins ist, präsentierte sich als entscheidender Faktor des Spiels und hielt seinem Team mit mindestens fünf Top-Paraden den späten Punkt fest.
Yakin reagierte in der 63. Minute und wechselte den Eintracht-Frankfurt-Senkrechtstarter Manzambi für Aebischer ein. Der 20-Jährige brachte sofort Tempo in den Halbraum, leitete in der 71. Minute eine sehenswerte Kombination mit Xhaka und Embolo ein, die Embolo am ausgestreckten Bein eines katarischen Innenverteidigers scheitern ließ. In der 84. Minute der Höhepunkt der Manzambi-Show: ein Steckpass aus dem Stand auf Embolo, der frei vor Abunada zum Abschluss kam, an dessen rechtem Bein aber zum dritten Mal an diesem Abend scheiterte. “Klasse-Pass von Johan”, schrieb das Sportschau-Team anschließend.
90+5: Khoukhis Kopfball, Kobel ohne Chance
Was kommen sollte, war für die Schweizer Tribüne kaum vorstellbar. In der 90.+5. Minute, nach einem hohen Ball aus der katarischen Hälfte, verlängerte Afif den Ball auf die rechte Seite zu Edmilson Junior. Der Belgo-Katarer von Al-Duhail flankte mit der Aussenseite des linken Fußes hoch in die Schweizer Box. Akanji ging zur Flanke heraus, traf den Ball nicht sauber - dahinter stand Boualem Khoukhi vollkommen frei. Der 35-jährige Innenverteidiger von Al-Arabi, der bei Spielbeginn auf der katarischen Bank gesessen hatte und erst zur 78. Minute eingewechselt worden war, köpfte aus fünf Metern wuchtig ins linke Eck. Gregor Kobel, der starke Schlussmann von Borussia Dortmund, sah die Kugel spät, kam mit der linken Hand noch hin, konnte den Einschlag aber nicht mehr verhindern.
1:1. Sekundenstille, dann Jubel auf der katarischen Bank - kollektiv, fünfzehn Spieler liefen Khoukhi entgegen. Auf den Schweizer Rängen blieb es leise. Anthony Taylor pfiff ab. Es war der erste WM-Punkt der katarischen Verbandsgeschichte, der erste WM-Treffer eines katarischen Spielers seit dem 2:0 von Muntari gegen Senegal im November 2022 - und der vielleicht schmerzhafteste Auftakt-Patzer eines Schweizer Nationalteams seit dem 1:1 gegen Norwegen bei der EURO 2008 im eigenen Land.
”Killerinstinkt hat gefehlt”: Yakins Bilanz, Lopeteguis Plan
In der Mixed Zone wirkte Yakin gefasst, fast trocken. “Wir haben über 90 Minuten dominiert. Wir hatten die Chancen, wir hatten den Ballbesitz. Aber Entschlossenheit und Killerinstinkt haben gefehlt”, sagte der 51-jährige Nationaltrainer. Kobel ergänzte am ARD-Mikrofon: “Es fehlte die Konsequenz und Präzision. So ein Spiel musst du nach 60 Minuten zumachen.” Akanji nahm die Schuld an der Ausgleichs-Szene auf sich: “Den Ball muss ich klären. Das war meiner.”
Auf der Gegenseite zelebrierte Lopetegui den Punkt wie einen Sieg. Der 59-jährige Spanier, der nach seinen Stationen bei Real Madrid, FC Sevilla und West Ham im Frühjahr 2025 die katarische Auswahl übernommen hatte, lobte vor allem Abunadas Paraden und Khoukhis Eckball-Stärke. “Die Schweiz ist eine viel bessere Mannschaft als wir. Aber wir haben den Plan über 95 Minuten umgesetzt. Das ist der erste WM-Punkt unserer Geschichte”, sagte er und grinste. Sein nächster Termin: das Duell mit Kanada am 19. Juni in Vancouver.
”Mahnmal aller Favoriten” - was das Remis für Deutschland, Brasilien und Co. bedeutet
Die deutschen Reporter im Levi’s Stadium dachten beim Abpfiff sofort an die DFB-Elf. In rund 22 Stunden steht das Auftaktspiel von Julian Nagelsmanns Team gegen Curaçao im NRG Stadium von Houston an - ein nominell ähnliches Pflichtspiel gegen einen Außenseiter aus der Karibik. Sebastian Hochrainer, der auf sportschau.de den Spielbericht und den Kommentar in Doppelschicht schrieb, fand das Bild des “Mahnmals aller Favoriten”: “Die anderen Trainer werden in der Kabine ein leichtes Leben haben, sie haben jetzt ein Beispiel, an dem sie ihren Spielern zeigen können: Es kann gegen jeden Gegner passieren.”
Auch das Brasilien-Spiel gegen Marokko, das parallel im SoFi Stadium von Inglewood lief, war beim Schweizer Schlusspfiff noch nicht entschieden - die Selecao stand zu diesem Zeitpunkt 0:1 zurück. Wenn die Auftakt-Phase dieser WM 2026 eines deutlich gemacht hat: Die nominelle Stärke auf dem Papier - die Schweiz war bei den Buchmachern klarer Favorit, Brasilien sogar Top-Favorit der Gruppe C, Kanada Mit-Gastgeber - übersetzt sich in dieser 48er-WM nicht automatisch in drei Punkte. 32 Teams sind nach der Gruppenphase weiter, die Spielzeit gegen die nominell schwächeren Gegner war früher die Bonus-Komfortzone vor den großen Duellen. Dieses Auftakt-Wochenende zeigt: Selbst der vermeintliche Pflichtsieg ist im neuen Format keine Sicherheit mehr.
Statistik-Spiegel und der Blick auf das Bosnien-Duell
Die nackten Zahlen unterstreichen das Ausmaß der Schweizer Auftakt-Pleite: 26:7 Schüsse, 10:3 Eckbälle, rund 70 Prozent Ballbesitz, 631:287 angekommene Pässe. Katar kam in den ersten 45 Minuten zu zwei nennenswerten Abschlüssen über Edmilson Junior, beide blockten Akanji und Rodriguez vor Kobels Tor. Nach der Pause war Khoukhis Kopfball der einzige Schuss aufs Tor.
Was bleibt für Yakin? Ein offenes Endspiel um die K.o.-Runde gegen Bosnien-Herzegowina am Donnerstag, 18. Juni, 21:00 Uhr MESZ im SoFi Stadium von Los Angeles. Vier Tage zur Aufarbeitung, vier Tage für die Frage, ob Yakin doch in die Dreierkette wechselt, vier Tage für die taktische Antwort auf eine Gruppe, in der das Spielplan-Heute-Spätspiel zum frühen Endspiel geworden ist. Die letzten zwei Schweizer Achtelfinals - 2022 in Katar, 2024 bei der EURO - endeten gegen Portugal und Italien jeweils im frühen K.o. Die “Goldene Generation” um Xhaka, Akanji und Elvedi hat noch eine WM-Chance. Dieser Samstagabend in Santa Clara war nicht der Anfang, den sie gebraucht hätte.
Autor
Marco FeldmannRedakteur Internationaler Fußball
Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.
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