Freigang hofft auf Freispruch: DFB-Verfahren zwei Monate ohne Urteil
Zwei Monate nach der NADA-Bestätigung von drei Meldeversäumnissen wartet Laura Freigang weiter auf ein Urteil. Erstes Statement der DFB-Stürmerin.
Von Nina Hartmann 09. August 2026
Zwei Monate nach der öffentlich gewordenen NADA-Bestätigung von drei Meldeversäumnissen wartet Laura Freigang weiter auf ein Urteil im DFB-Kontrollausschuss-Verfahren. Kurz vor dem Bundesliga-Start der Eintracht am 22. August 2026 hat sich die Frankfurter Kapitänin erstmals ausführlich zum Stand ihrer Doping-Causa geäußert. “Das ist alles noch nicht abgeschlossen und alles noch nicht bestätigt, deshalb ist es eine offene Situation”, sagte die 28-Jährige nach dem 2:0 im Champions-League-Qualifikations-Rückspiel bei Malmö FF, in dem sie beide Frankfurter Tore erzielte. Der DFB hatte zeitgleich mitgeteilt, dass die Ermittlungen wegen “umfangreicher medizinischer und rechtlicher Fragen” weiter andauern.
”Eine offene Situation” - Freigangs erstes ausführliches Statement
Seit ihrem Instagram-Post im Juni, in dem Freigang die drei Meldeversäumnisse als “Unstimmigkeiten bzw. Missverständnisse” bei den täglich zu aktualisierenden Whereabouts-Angaben eingeordnet hatte, war die Stürmerin öffentlich zurückhaltend. Nach dem sportlich starken Auftritt in Malmö sprach sie erstmals in Interview-Länge über das laufende Verfahren. “Ich bin großer Hoffnung und guter Dinge, dass alles gut ausgeht”, sagte Freigang, wie DPA-Berichte in Rhein-Zeitung, Westdeutsche Zeitung und Aachener Zeitung übereinstimmend zitieren.
Zur Frage nach den Malmö-Toren blieb sie sportlich schmal: “Ich bin glücklich, dass ich Tore geschossen habe. Das macht immer Spaß.” Die Zurückhaltung ist erklärbar. Solange das Verfahren läuft und die NADA-Entscheidung inhaltlich nicht kommentiert werden kann, ist jede detailliertere Aussage juristisches Risiko. Der Grundtenor - kein bewusstes Ausweichen, sondern Missverständnisse im System - blieb konsistent zur Juni-Erklärung.
DFB-Kontrollausschuss meldet Verzögerung
Der DFB-Kontrollausschuss hat bestätigt, dass die im Juni eröffnete Prüfung noch nicht abgeschlossen ist. Als Begründung nennt der Verband die Komplexität: umfangreiche Sachverhalte, komplexe medizinische und rechtliche Fragen. Für außenstehende Beobachter ist damit weiter offen, ob die drei Whereabouts-Strikes im Sinne des Verbandsrechts bestätigt werden, ob Verschulden im Rahmen des NADA-Codes zu prüfen ist und in welcher Höhe eine Sanktion in Betracht kommt. Das ursprüngliche Verfahren und die Whereabouts-Regeln hatten wir bei der NADA-Bestätigung im Juni ausführlich eingeordnet.
Der prozedurale Rahmen ist bekannt. Erste Instanz wäre das DFB-Sportgericht, Rechtsmittel gehen ans DFB-Bundesgericht und letztinstanzlich an den CAS in Lausanne. Der Kontrollausschuss ist die Anklagebehörde und muss vor einer Verhandlung eine belastbare Aktenlage haben. Zwei Monate ohne öffentliche Bewegung sind ungewöhnlich, aber nicht ohne Präzedenz: die zeitintensive Prüfung von Whereabouts-Verstößen ist im Fußball unüblich, weil das System auf Einzelsportarten mit engmaschigen Kontrollstrukturen zugeschnitten ist.
Zwischen Champions-League-Toren und Bundesliga-Start
Sportlich hat Freigang die Sommermonate als Kapitänin auf dem Platz genutzt. Neben dem Doppelpack in Malmö erzielte sie beim Vorbereitungs-7:2 gegen den FSV Mainz Tore und trainierte durchgehend mit dem Team. Eintracht-Sportdirektorin Babett Peter, deren Team am 22. August 2026 mit dem Heimspiel gegen den 1. FC Köln in die neue Bundesliga-Saison startet, formulierte den Umgang mit der Situation vorsichtig: “Wir versuchen, Laura in dieser herausfordernden Situation persönlich zu unterstützen.” Der Verein bereite sich “auf jedes Szenario” vor, Details nannte Peter nicht.
Die “jedes Szenario”-Formel ist keine Floskel. Freigang ist nach Kaderplanung und Marktwert die zentrale Angreiferin im Umbruch nach dem Abgang von Trainerin Niko Arnautis (Wechsel zu Bayer Leverkusen) und dem sportlichen Neuaufbau unter Trainer Nils Nielsen. Fällt sie durch eine Sperre aus, muss die Eintracht die Toranteile in der Bundesliga und in der Champions-League-Gruppenphase neu verteilen - Optionen dafür sind vorhanden, aber jede ist ein Kompromiss gegenüber der Verfügbarkeit der Kapitänin.
Was die Hängepartie für Wücks Brasilien-Plan bedeutet
Für Bundestrainer Christian Wück ist die Verzögerung im Verfahren die operativ schwierigste Variante. Nach dem 2:0-Sieg der DFB-Frauen gegen Norwegen am 5. Juni 2026 in Köln, mit dem das Ticket für die Frauen-WM 2027 in Brasilien gelöst wurde, hatte er signalisiert, dass er Freigang aktuell nicht in der ersten Reihe seiner Stürmerinnen sehe. Für die kommenden Lehrgänge im Herbst 2026 - die den Auftakt der WM-Vorbereitung für Brasilien 2027 bilden - hat er zwei Szenarien zu planen: die Möglichkeit, dass ein Freispruch Freigang binnen Tagen wieder nominierbar macht, und die Möglichkeit, dass eine reduzierte Sperre von zwölf Monaten die WM-Vorbereitung vollständig überlagert.
Die offensive Rotation der DFB-Frauen hat sich in der Zwischenzeit strukturell verändert. Lea Schüller bleibt gesetzt, Klara Bühl und Jule Brand halten die Außenpositionen, Marie Müller hat sich mit dem Debüttreffer gegen Norwegen im Zentrum als Option etabliert. Parallel dazu fließen Verstärkungen in den Kader: Kathrin Hendrichs Rückkehr aus der NWSL zum 1. FC Köln ist ein anderer Baustein derselben Vorbereitungslogik. Freigang war 2024 Bronze-Spielerin von Paris und hatte sich nach der EM 2025 in der Schweiz als Wechselstürmerin etabliert. Ihre Wiederkehr in den Kreis hängt jetzt nicht mehr nur an sportlichen Kriterien.
Wie das Verfahren jetzt formal weiterläuft
Der DFB-Kontrollausschuss prüft im Vorermittlungsverfahren, ob die drei Meldeversäumnisse tatsächlich vorliegen und ob die individuellen Umstände Verschuldensminderungen zulassen. Nach Abschluss dieses Verfahrens entscheidet der Ausschuss, ob Anklage vor dem DFB-Sportgericht erhoben wird. Erst dann folgt eine mündliche Verhandlung, in der die Verteidigung die Whereabouts-Dokumentation und die konkreten Kontrollversuche jeweils angreifen kann - Verspätungen bei Filing Failures, Erreichbarkeitsfragen bei Missed Tests, Systemdokumentation bei technischen Ausfällen.
Bei einer bestätigten dreifachen Verletzung der Whereabouts-Pflicht sieht Artikel 10.3.2 des NADA-Codes eine Regelsperre von zwei Jahren vor, reduzierbar auf zwölf Monate bei nachgewiesenem geringen Verschulden. Ein Freispruch wäre möglich, wenn eines oder mehrere der drei Versäumnisse aus den Akten gekippt würden - dann fiele der Tatbestand des Zwölf-Monats-Fensters weg. Die letztverbindliche Aufklärung dieses Punkts ist das, was der DFB in seiner Mitteilung als “umfangreiche medizinische und rechtliche Fragen” beschreibt.
Für den DFB-Kalender heißt das: Vor der ersten Länderspielpause im September sind Nominierungsentscheidungen weiterhin ohne Freigang zu treffen. Ob die Frankfurter Kapitänin für die Winterlehrgänge oder für die eigentliche Turnier-Vorbereitung 2027 wieder ein Thema ist, entscheidet in den kommenden Wochen der Kontrollausschuss - nicht Wück, nicht die Eintracht, und auch nicht die aktuelle CL-Form von Freigang. Die vollständige Übersicht der DFB-Frauen in der WM-Qualifikation für Brasilien 2027 zeigt, dass die sportliche Ausgangslage vor der zweiten Quali-Phase geordnet ist. Die personelle bleibt es zunächst nicht.
Autor
Nina HartmannRedakteurin Frauenfußball & Analyse
Nina Hartmann deckt den Frauenfußball ab - von der Frauen-WM 2027 in Brasilien bis zu den DFB-Frauen - und liefert daten- und taktikgetriebene Analysen zu großen Turnieren.
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