DFB-Bundestag beschliesst Frauen-Bundesliga-Ausgliederung einstimmig - FBL startet 1. Juli 2027 mit Katharina Kiel
Der ausserordentliche DFB-Bundestag hat am 18.09.2026 die Ausgliederung der Frauen-Bundesliga einstimmig beschlossen. Ab 1. Juli 2027 uebernimmt die FBL.
Von Nina Hartmann 18. September 2026
Der deutsche Frauenfussball bekommt eine neue Ordnung. Am Freitag, dem 18. September 2026, hat der ausserordentliche DFB-Bundestag die Ausgliederung der Frauen-Bundesliga einstimmig beschlossen. Ab dem 1. Juli 2027 uebernimmt die FBL - kurz fuer Frauen-Bundesliga - die Ligenorganisation, Vermarktung und Entwicklung des weiblichen Profifussballs in Deutschland in eigener Regie. Erste Praesidentin wird Katharina Kiel, die zugleich einen Sitz im DFB-Praesidium erhaelt. Die Sitzverlegung erfolgt in die ehemalige DFB-Zentrale in Frankfurt am Main.
Es ist der groesste strukturelle Umbruch im deutschen Frauenfussball seit der Gruendung der Bundesliga der Frauen 1990 - und er kommt exakt rund 25 Jahre, nachdem die Maennerklubs ihre Bundesliga aus dem DFB heraus in die Deutsche Fussball Liga ueberfuehrt hatten. Was 2001 den Fussball-Kapitalismus bei den Maennern institutionell zementierte, soll bei den Frauen jetzt vor allem Sichtbarkeit, eigene Vermarktungshoheit und schnellere Entscheidungswege ermoeglichen. Der Zeitpunkt ist bewusst gewaehlt: Die Saison 2026/27 laeuft parallel als letzte volle Ligensaison vor der Frauen-WM 2027 in Brasilien.
Der Beschluss vom 18. September: 233 Delegierte, Einstimmigkeit
Der ausserordentliche DFB-Bundestag tagte an diesem Freitag als virtuelle Versammlung mit 233 stimmberechtigten Delegierten. Auf der Tagesordnung stand der Grundlagen- und Pachtvertrag zwischen dem DFB und der neuen Frauen-Bundesliga-Organisation. Das Votum fiel ohne Gegenstimme aus - eine Einmuetigkeit, die im DFB-Kontext der vergangenen zwei Jahre eher selten war. Sowohl die Landesverbaende als auch die Klubvertreter der Frauen-Bundesliga trugen die Ausgliederung geschlossen.
DFB-Praesident Bernd Neuendorf betonte in seiner Rede vor den Delegierten sinngemaess, der internationale Wettbewerb im Frauenfussball habe sich in den vergangenen Jahren erheblich intensiviert; das gemeinsame Ziel muesse es sein, den deutschen Frauenfussball auf Spitzenniveau strukturell zu verankern. Die Ausgliederung sei die logische Antwort auf die Frage, wie die Bundesliga der Frauen im internationalen Vergleich - vor allem gegenueber der englischen Women’s Super League, die zunehmend Ausbildungsspielerinnen aus Deutschland anzieht - konkurrenzfaehig bleibt.
Grundlagen- und Pachtvertrag ab 1. Juli 2027: die neue duale Struktur
Formal wird ab dem 1. Juli 2027 eine duale Struktur wirksam. Der DFB verpachtet den Spielbetrieb der Frauen-Bundesliga an die neue FBL. Die FBL ihrerseits wird als ordentliches Mitglied im DFB verankert - anders als die DFL im Maennerbereich, die als eigener Verband organisiert ist, bleibt die Frauen-Bundesliga also enger im Verband gebunden. Die Konstruktion soll den strukturellen Umbruch abfedern und zugleich das gemeinsame Interesse - Nationalmannschaft, Ausbildungsstrukturen, Talentschmieden - institutionell verankern.
Die Saison 2026/27 laeuft noch komplett unter DFB-Verantwortung. Der Uebergang der Ligenverantwortung erfolgt nach dem Saisonende am 23. Mai 2027. Die Vorbereitungsphase - Auslosung, Rahmenspielplan, TV-Rechtevermarktung fuer die Saison 2027/28 - wird bereits in Kooperation zwischen der scheidenden DFB-Regie und der neu formierten FBL-Struktur vorbereitet.
Die FBL-GmbH als Betriebsgesellschaft: Ligenorganisation, Vermarktung, Entwicklung
Operative Traegerin der Liga wird eine neu zu gruendende FBL-GmbH als Betriebsgesellschaft. Ihr Aufgabengebiet umfasst die drei zentralen Bereiche Ligenorganisation, zentrale Vermarktung und strategische Entwicklung des Frauen-Profifussballs. Die FBL-GmbH ist damit funktional das Frauen-Aequivalent zur DFL GmbH auf Maennerseite - mit dem Unterschied, dass ihr Auftragsvolumen absolut deutlich kleiner ist, die Wachstumsdynamik dafuer relativ steiler.
Die Suche nach einer hauptamtlichen Geschaeftsfuehrung laeuft. Der Kandidat oder die Kandidatin fuer die Fuehrung der neuen FBL-GmbH wird ueber eine externe Ausschreibung gesucht - ein bewusstes Signal, dass die neue Liga sich professionell und nicht ueber die klassische DFB-Personalachse aufstellen will. Die Ausschreibung richtet sich an Kandidaten mit Erfahrung in Ligenvermarktung, Media-Rechten und Verbandsdiplomatie. Wann eine Entscheidung faellt, ist offen; realistisch duerfte die Position bis zum Fruehjahr 2027 besetzt werden, damit die operative Uebergabe zum Stichtag reibungslos funktioniert.
Katharina Kiel wird erste FBL-Praesidentin: Sitz im DFB-Praesidium
Praesidentin der neuen FBL wird Katharina Kiel. Sie erhaelt qua Amt einen Sitz im DFB-Praesidium und bindet die neue Liga damit institutionell an den Verband. Diese Konstruktion sichert der FBL Mitspracherecht an den grossen DFB-Weichenstellungen - vom Ligensystem-Umbau bis zum Nationalmannschafts-Rahmen - und dem DFB umgekehrt einen direkten Draht in die operative Liga-Fuehrung.
Fuer die interne Machtbalance im deutschen Fussball ist der Schritt bemerkenswert: Zum ersten Mal seit der Gruendung des DFB 1900 sitzt eine Vertretung des Frauenfussballs qua Amt und nicht qua Delegation gleichberechtigt am Praesidiumstisch. Der Bezug zu den Governance-Debatten der vergangenen Wochen - von Watzkes Ruecktrittsforderung an FIFA-Chef Infantino bis zu Neuendorfs Thessaloniki-System-zerruettet-Statement - ist unuebersehbar. Der DFB nutzt die Phase eines aussenpolitischen Governance-Umbruchs, um innenpolitisch eine strukturelle Weichenstellung mit Signalwirkung zu setzen.
Sitz Frankfurt und die externe Vollzeit-Geschaeftsfuehrer-Suche
Rein raeumlich zieht die neue Liga in die ehemalige DFB-Zentrale in Frankfurt am Main ein - das Gebaeude, das der Verband nach dem Umzug in das neue DFB-Campus-Areal freigezogen hat. Die Nutzung dieser Adresse ist mehr als eine praktische Loesung: Sie ist ein Symbol dafuer, dass die neue FBL organisatorisch aus der DFB-Historie herauswaechst, ohne diese Historie zu verlassen. Zugleich signalisiert die Frankfurter Ansiedlung Naehe zum Verband, zu den Frauen-Nationalmannschaftsstrukturen und zu den zentralen Medienrechtepartnern.
Die Personaldecke bleibt zunaechst schlank. Neben der Praesidentin und der zu besetzenden hauptamtlichen Geschaeftsfuehrung baut die FBL-GmbH ein Kernteam fuer Ligenorganisation, Vermarktung und Kommunikation auf. Die genaue Grosse und Struktur des Teams wird die neue Geschaeftsfuehrung mit dem Praesidium abstimmen.
Klubversammlung 30. November: die offene Playoff-Frage und der Bayern-Wolfsburg-Widerstand
Ein noch offener Punkt der neuen Liga-Struktur ist das kuenftige Meisterschaftsformat. Innerhalb der FBL wird ueber ein Playoff-Modell diskutiert, das die zuletzt sportlich einseitige Meisterschaft (Bayern-Meister mit 16 Punkten Vorsprung, davor VfL Wolfsburg in Serie) attraktiver und spannender machen soll. Titelverteidiger FC Bayern Muenchen und der VfL Wolfsburg - zusammen die Meister der vergangenen 14 Spielzeiten - stehen dem Modell reserviert bis ablehnend gegenueber.
Die Entscheidung ueber Format und Modus faellt bei einer Klubversammlung der Frauen-Bundesliga am 30. November 2026. Mehrere Modelle stehen zur Debatte: reines Playoff-System nach der regulaeren Saison, Championship-Round nach US-amerikanischem Muster oder ein Beibehalten des klassischen Bundesliga-Modus mit optionaler Erweiterung um ein Meisterschafts-Finale. Wie das Ergebnis auch aussehen wird, es ist der erste bedeutende Streitpunkt, an dem die neue FBL zeigen muss, ob die neue Struktur zu tragfaehigen Kompromissen findet.
Parallele zur 2001er DFL-Ausgliederung: 25 Jahre nach den Maennern
Der Vergleich zur Ausgliederung der Maenner-Bundesliga in die DFL im Jahr 2001 draengt sich auf - und die Parallelen sind mehr als kalendarisch. Auch damals war der zentrale Treiber die Emanzipation der Ligavermarktung von den Verbandsstrukturen: Die DFL entstand, weil die Klubs autonome Verhandlungsmacht ueber TV-Rechte, Sponsoring und Marketing wollten und der DFB dem strukturell nicht mehr gerecht wurde. 25 Jahre und mehrere Milliarden-Deals spaeter ist die DFL die groesste Fussball-Ligaorganisation Kontinentaleuropas.
Die Ausgangslage bei den Frauen 2026 ist quantitativ deutlich kleiner, dynamisch aber vergleichbar. Die englische Women’s Super League hat mit ihrer Ausgliederung 2024 und einem Vier-Jahres-TV-Vertrag mit Sky und BBC ueber 65 Millionen Pfund pro Saison einen Massstab gesetzt, an dem sich die kuenftige FBL orientiert. Der Rekord-Transfer Lisa Baum von RB Leipzig zum FC Arsenal fuer 600.000 Euro im Juli 2026 und die Wechsel von Elisa Senss, Georgia Stanway, Selina Cerci und Nicole Anyomi Richtung England markieren den Handlungsdruck.
Was die Ausgliederung fuer die Vorbereitung auf die Frauen-WM 2027 bedeutet
Zeitlich faellt die Ausgliederung zum 1. Juli 2027 mit der unmittelbaren Vorbereitungsphase auf die Frauen-WM 2027 in Brasilien zusammen. Bundestrainer Christian Wueck fuehrt sein Team seit 2025 durch die Nations-League- und WM-Quali-Zyklen und wird die WM-Kaderauswahl aus der laufenden Frauen-Bundesliga-Saison 2026/27 ableiten. Wenn ab Juli 2027 die neue Liga-Struktur wirksam wird, laufen die letzten Testspiele vor der WM parallel - das Turnier selbst startet im Sommer 2027 in Brasilien.
Fuer die DFB-Kaderauswahl hat die Ausgliederung mittel- bis langfristig Konsequenzen. Wenn die neue FBL mehr Medien- und Sponsoring-Ressourcen mobilisiert, koennte das die Abwanderung nach England perspektivisch bremsen und die Wettbewerbsintensitaet innerhalb der Liga - und damit indirekt die Ausbildungsqualitaet fuer die Nationalmannschaft - erhoehen. Kurzfristig bleibt aber der Befund: Die Saison 2026/27 laeuft noch unter alten Bedingungen, und der WM-Kader fuer Brasilien wird im wesentlichen aus dieser letzten DFB-Regie-Saison zusammengestellt.
Der 18. September 2026 markiert damit weniger einen abrupten Umbruch als einen bewusst gesetzten Startpunkt einer neuen strategischen Phase im deutschen Frauenfussball. Wie tragfaehig die neue Struktur ist, wird sich in den kommenden Monaten in drei konkreten Testfaellen zeigen: der Besetzung der hauptamtlichen Geschaeftsfuehrung, der Playoff-Entscheidung am 30. November und der Aushandlung der ersten grossen Medienrechte-Periode unter FBL-Regie.
Autor
Nina HartmannRedakteurin Frauenfußball & Analyse
Nina Hartmann deckt den Frauenfußball ab - von der Frauen-WM 2027 in Brasilien bis zu den DFB-Frauen - und liefert daten- und taktikgetriebene Analysen zu großen Turnieren.
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