Zum Inhalt springen
WM 2026

Jordaniens WM-Kader 2026: Sellami baut auf Al-Taamari, Top-Stürmer Al-Naimat fehlt

Jordanien gibt den 26er-Kader für die WM-Premiere bekannt: Trainer Sellami bringt zwei Europa-Profis, Yazan Al-Naimat fehlt nach Kreuzbandriss. Gruppe J mit Argentinien.

Von Marco Feldmann 02. Juni 2026

Musa Al-Taamari im Jordanien-Trikot beim AFC Asian Cup 2019 gegen Palästina im Mohammed-bin-Zayed-Stadion - sieben Jahre später trägt der Rennes-Profi die Hoffnung der Al-Nashama bei ihrer WM-Premiere (Foto: Zuma Press). Foto: Zuma Press via SmartFrame

Am späten Vormittag des 2. Juni 2026 hat Jamal Sellami in Amman das gemacht, was vor vier Jahren noch wie Science-Fiction klang: einen 26-Mann-Kader für eine Fußball-Weltmeisterschaft benennen. Jordanien spielt erstmals in der Verbandsgeschichte bei einer WM-Endrunde, der Spitzname Al-Nashama (die Tapferen) bekommt seinen größten Auftritt. Sellamis Liste ist klein gewürzt mit Europa - Musa Al-Taamari (Stade Rennes) und der 19-jährige Ibrahim Sabra (Lokomotiva Zagreb) sind die einzigen Profis aus dem europäischen Klubfußball - und sie kommt mit einer schmerzlichen Lücke: Top-Stürmer Yazan Al-Naimat fehlt nach einem Kreuzbandriss aus dem Dezember 2025.

Bekanntgabe in Amman: 26 Namen, eine Premiere

Der jordanische Fußballverband JFA stellte das Aufgebot am Dienstagvormittag in Amman vor. Drei Wochen vor der FIFA-Frist (4. Juni, 18:00 Uhr Ortszeit) ist Jordanien damit eines der ersten asiatischen Teams, das pünktlich liefert. Kapitän ist Innenverteidiger Ihsan Haddad vom heimischen Klub Al-Hussein SC, in dessen Hauptquartier Sellami das Trainingslager nach der Bekanntgabe fortsetzen wird.

Die Liste zeigt eine ungewöhnliche Geografie. Acht der 26 Spieler stehen beim Hauptstadtklub Al-Hussein SC unter Vertrag, drei beim Al-Faisaly Amman, weitere drei beim irakischen Erstligisten Al-Zawraa SC und Al-Karma SC. Nur zwei Profis spielen in Europa. Die übrigen verteilen sich auf Klubs in Katar (Qatar SC, Al-Sailiya), den Vereinigten Arabischen Emiraten (Dibba Al-Fujairah), Malaysia (Selangor FC), Marokko (Raja Casablanca) und Südkorea (FC Seoul). Es ist der wahrscheinlich heim-zentrierteste Kader eines WM-Teilnehmers 2026 - und genau das ist die sportliche Hypothek, die Sellami in den nächsten 14 Tagen abzufedern hat.

Sellami selbst sprach in der Pressekonferenz von einem “Kader der Identität”. Was er damit meinte: die Gewichtung auf den Asien-Cup-Block des Februars 2024, in dem Jordanien überraschend bis ins Finale stürmte und erst dort Katar mit 1:3 unterlag. Sechzehn der 26 nominierten Spieler standen vor zwei Jahren bereits im Asien-Cup-Aufgebot - eine bewusste Setzung gegen den Reflex, in der Premiere ungetestete Talente zu verbrennen.

Yazan Al-Naimat fehlt - Sellamis größte Lücke

Die mit Abstand bitterste Personalie der Bekanntgabe ist eine Streichung aus medizinischen Gründen. Yazan Al-Naimat, 28, der bei Al-Wihdat in Amman und vorher in Saudi-Arabien spielt, hatte sich am 12. Dezember 2025 im Viertelfinale des FIFA Arab Cup gegen den Irak (1:0-Sieg Jordaniens) das vordere Kreuzband im rechten Knie gerissen. Eine OP folgte zwei Tage später in Doha, die anschließende Reha hat Al-Naimat in der jordanischen Hauptstadt absolviert. Ein Comeback vor dem WM-Auftakt am 17. Juni gegen Österreich war medizinisch nicht machbar; die JFA bestätigte am Dienstag die endgültige Streichung.

Al-Naimats Ausfall trifft Jordanien doppelt. Erstens war er der Top-Torjäger der WM-Quali mit acht Treffern in zwölf Spielen der Asien-Phase 3 und 4 - mehr als jeder andere Spieler im aktuellen jordanischen Kader. Zweitens war er der Spieler, mit dem Sellami sein zentrales taktisches Mittel umsetzen wollte: einen kopfballstarken Mittelstürmer als Anspielpunkt für Al-Taamaris Flanken von rechts. Im 4-2-3-1 wird seinen Platz nun voraussichtlich Mahmoud Al-Mardi (Dibba Al-Fujairah) übernehmen - solide, abschlussstark, aber ohne Al-Naimats körperliche Präsenz im Strafraum.

Ein Lichtblick bleibt: Sellami hat in der letzten Test-Phase im Mai gegen die Schweiz (1:4-Niederlage in Zürich) das System auf zwei Stürmer umgestellt und damit dokumentiert, dass er Al-Naimats Rolle nicht eins zu eins ersetzen will. Im Doppelsturm könnten neben Al-Mardi auch Ali Olwan (Al-Sailiya) oder der junge Mohammad Abu Zrayq (Raja Casablanca) zum Einsatz kommen.

Musa Al-Taamari und Ibrahim Sabra - Jordans zwei Europa-Profis

Die kreative Achse des Aufgebots läuft über Musa Al-Taamari, 29 Jahre alt, Rechtsaußen, seit Februar 2025 beim französischen Erstligisten Stade Rennes. Al-Taamari ist der einzige Spieler im Aufgebot aus einer Top-5-Liga und der einzige mit Erfahrung in einem internationalen Klubwettbewerb - er stand 2023/24 für den OSC Lille in der Europa Conference League und in der Saison 2025/26 für Rennes in der UEFA Europa League. Bei Rennes erzielte er in der vergangenen Ligue-1-Saison 14 Pflichtspielsaisontreffer aus dem rechten Halbraum - darunter ein viel beachteter Treffer im Februar 2026 gegen Paris Saint-Germain.

Für Jordanien spielt Al-Taamari seit 2017 (61 Länderspiele, 18 Tore Stand vor dem Sellami-Lehrgang). Im Asien-Cup 2024 war er der entscheidende Spieler des Turnierwegs - mit zwei Toren im Achtelfinale gegen den Irak und einer Vorlage im Halbfinale gegen Südkorea. Sellami plant ihn auf der Halbposition rechts mit Lizenz zum Halbraum-Dribbling.

Der zweite Europa-Profi ist eine Überraschung. Ibrahim Sabra, 19, Stürmer bei NK Lokomotiva Zagreb in der kroatischen 1. HNL, ist der Talent-Wildcard des Aufgebots. Er war im März 2024 als 17-Jähriger vom palästinensischen Klub Markaz Balata in das Lokomotiva-Nachwuchszentrum geholt worden, hat dort die U19 mit zehn Treffern als Topscorer abgeschlossen und in der Saison 2025/26 sein Profi-Debüt in der ersten kroatischen Liga gegeben. Sellami hat ihn als 26. Spieler an Bord, primär für Einsatzminuten in einem möglichen letzten Gruppenspiel gegen Argentinien, sollte das Achtelfinale schon entschieden sein.

Trainer Jamal Sellami: marokkanische Schule, seit Juni 2024 im Amt

Der Trainerwechsel im Sommer 2024 war eine Folge der Asien-Cup-Final-Niederlage im Februar desselben Jahres. Hussein Ammuta, der erste marokkanische Sellami-Vorgänger, hatte Jordanien sensationell bis ins Finale geführt - aber im Anschluss in der WM-Quali Phase 3 einen Fehlstart hingelegt. Der JFA-Präsident entschied sich für einen Trainerwechsel innerhalb der marokkanischen Trainerschule: Jamal Sellami, der bei Wydad Casablanca zweimal die marokkanische Meisterschaft (2017, 2019) und einmal die CAF Champions League (2017) gewonnen hatte, übernahm im Juni 2024.

Sellami gilt als pragmatischer Defensiv-Coach. Bei Wydad spielten seine Mannschaften regelmäßig mit nur einem nominellen Stürmer, dafür mit zwei kämpferischen Sechsern und einer engen Vierer-Kette. Standardsituationen sind sein Lieblings-Werkzeug: In der WM-Quali-Phase 4 erzielte Jordanien fünf seiner neun Tore nach Ecken oder Freistößen. Das ist auch für die WM-Vorrunde die wahrscheinlichste Konstellation: ein tiefer Block gegen Argentinien, eine kämpferische Liga-Gleichaltrigen-Begegnung gegen Österreich und ein offenes Va-Banque-Match gegen Algerien.

Vom Asien-Cup-Finale 2024 zur WM 2026

Wer Jordaniens Geschichte verstehen will, muss zum 3. Februar 2024 zurück. An jenem Tag stand die Nationalmannschaft des Königreichs erstmals in einem Asien-Cup-Finale, geführt von Captain Haddad und Al-Taamari, der im Halbfinale gegen Südkorea zwei Tore erzielt hatte. Im Finale traf Jordanien auf Gastgeber Katar und unterlag mit 1:3 - aber das Turnier hatte den Reset gebracht. Plötzlich war es realistisch, dass die Al-Nashama die WM-Quali bestehen.

In der Phase 3 (Februar 2024 bis Juni 2025) wurde Jordanien in Gruppe B Dritter hinter Südkorea und dem Irak - das reichte für die Phase 4. Dort traf das Team auf Saudi-Arabien und Bahrain; durch zwei 1:0-Siege und ein 0:0 gegen Saudi-Arabien sicherte sich Jordanien den direkten WM-Platz und brauchte nicht in das interkontinentale Playoff zu gehen, das schließlich der Irak ausspielte. Das letzte entscheidende Spiel war ein 1:0 gegen Saudi-Arabien am 5. Juni 2025 in Amman - vor 25.000 Zuschauern im King-Abdullah-II-Stadion, mit dem Tor von Al-Taamari nach Vorarbeit von Al-Naimat. Es ist der historische Moment, auf den jeder Spieler im aktuellen Kader stolz verweist.

Gruppe J mit Argentinien, Österreich, Algerien - der Spielplan in MESZ

Jordanien trifft in Gruppe J auf Argentinien, Österreich und Algerien. Auf dem Papier ist die Gruppe klar: Argentinien ist Titelverteidiger, Österreich nach starken Tests Mitfavorit auf Platz zwei, Algerien der direkte Konkurrent um Platz drei. Die FIFA-Weltranglisten-Vergleichswerte: Argentinien 1, Österreich 21, Algerien 33, Jordanien 64.

SpieltagGegnerAnstoß (MESZ)Spielort
1ÖsterreichMi 17.06.2026, 06:00San Francisco Bay Area
2AlgerienDi 23.06.2026, 05:00San Francisco Bay Area
3ArgentinienSo 28.06.2026, 04:00Dallas

Aus jordanischer Sicht ist die Reihenfolge ungünstig. Das Auftaktspiel gegen Österreich ist zugleich das schwerste Spiel um Platz zwei - eine Niederlage zum Start würde den Druck auf das Algerien-Spiel maximal erhöhen. Das Argentinien-Spiel ist der Abschluss-Test, in dem Sellami im Falle eines schon entschiedenen Achtelfinaleinzugs (für oder gegen Jordanien) Spieler wie Sabra werden kann. Den vollständigen Überblick in deutscher Zeit liefert die zentrale MESZ-Tabelle; der komplette WM-Spielplan zeigt alle 104 Begegnungen.

Drei offene Fragen bis zum Auftakt am 17. Juni

Erstens: Welches System spielt Sellami? Die 4-2-3-1-Variante mit Al-Taamari im rechten Halbraum war bis November 2025 das Gerüst. Mit Al-Naimats Ausfall könnte er auf ein 4-4-2-Diamant oder ein 5-3-2 wechseln - in den Tests gegen Tunesien (0:0) und die Schweiz (1:4) hat er beides ausprobiert.

Zweitens: Wer ist die Nummer eins im Tor? Drei Torhüter stehen im Kader: Yazeed Abulaila (Al-Hussein SC), Abdallah Al-Fakhouri (Al-Wihdat) und Nour Bani Attiah (Al-Faisaly). Abulaila war im Asien-Cup gesetzt, hat in der WM-Quali aber zweimal patzen müssen. Die Konkurrenz ist offen.

Drittens: Wie reagiert Sellami auf die Hitze und Höhe in Texas? Das letzte Gruppenspiel gegen Argentinien in Dallas wird bei voraussichtlich über 35 Grad ausgetragen. Sellami hat das Trainingslager bewusst von Amman (Mai/Juni: 28-32 Grad) auf Phoenix (Akklimatisation, ab 8. Juni) gelegt - das einzige Detail, das die JFA bislang öffentlich zur Logistik bestätigt hat.

Zur Einordnung der globalen Kader-Welle: Im selben Zeitfenster haben weitere Verbände ihre 26 nominiert. Aus Gruppe J ist Österreichs Kader unter Rangnick seit Tagen bestätigt, Argentinien fährt mit Messi und Scaloni in die Premiere als Titelverteidiger. Auch die anderen WM-Debütanten haben geliefert - dazu liefert die Debütanten-Übersicht die Einordnung.

Mehr zur Mannschaft, ihrer Geschichte und ihrem WM-Quali-Weg auf der Team-Übersicht Jordanien. Was am 2. Juni in Amman bekannt wurde, ist mehr als eine Liste mit 26 Namen: Es ist Sellamis sportliche Antwort auf die Frage, die seit dem Asien-Cup-Finale 2024 über dem jordanischen Fußball schwebt - was passiert, wenn aus einer Außenseiter-Geschichte ein echtes WM-Team werden soll.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

Mehr aus WM 2026