Keidel und der Anruf: 'Ob er mich verarscht' - Klopps Elversberg-Debuetant erzaehlt
Felix Keidel erzaehlt erstmals, wie er von seiner Klopp-Nominierung erfuhr - erst Co-Trainer Frantz, dann Klopps eigener Anruf mit einer klaren Ansage ans Duzen.
Von Lukas Brandt 22. September 2026
Es ist Dienstagnachmittag, 15. September 2026, kurz vor Trainingsbeginn beim SV Elversberg im Saarland. Der 23-jaehrige Sechser Felix Keidel bekommt einen Anruf. Nicht von Bundestrainer Juergen Klopp persoenlich, sondern von dessen Co-Trainer Mike Frantz. Der Elversberger, seit anderthalb Jahren beim Bundesliga-Aufsteiger unter Vertrag, glaubt zuerst an einen schlechten Scherz. Die Reaktion, die er eine Woche spaeter im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk auf Sportschau-Regional wiedergeben wird, sitzt: “Da habe ich ihn zuerst gefragt, ob er mich verarscht.”
Es ist die erste personifizierte Debuetanten-Erst-Reaktion in Klopps Nations-League-Kader-Zyklus. Nach der Vorabmeldung vom 16. September, die die Berufung 21 Stunden vor der offiziellen Kaderansage im DFB-Campus antizipierte, und nach der offiziellen Kaderansage vom 17. September mit 44 Namen in zwei Bloecken liefert Keidel damit die menschliche Ebene hinter der Ueberraschungs-Personalie - und mit ihr einen ersten unmittelbaren Einblick in Klopps Personalfuehrungs-Handwerk beim DFB-Team.
Der Anruf am Dienstag vor dem Elversberg-Training
Der zeitliche Ablauf, den Keidel dem BR-Reporter schildert, sitzt eng am Elversberger Trainingsalltag. Am Dienstag, 15. September 2026, kurz vor der Nachmittagseinheit, greift Mike Frantz zum Hoerer - der ehemalige Freiburger und Hannoveraner Profi, den Klopp im August 2026 als Co-Trainer in seinen DFB-Stab holte. Es ist der erste Anruf des DFB-Trainerteams an den Elversberger Sechser. Es ist zugleich der erste Anruf des DFB-Trainerteams an einen Spieler des SV Elversberg in der A-Team-Geschichte des Vereins.
Keidels Unglaeubigkeit an diesem Nachmittag ist nachvollziehbar. Der 23-jaehrige stand in der Vorwoche in keiner der vorbereitenden Kandidatenlisten der grossen deutschen Fussballmedien; die kicker-Formkurven und die Sportschau-Uebersicht “Wer fuer den DFB-Kader von Juergen Klopp infrage kommt” vom 14. September fuehrten ihn nicht in ihrer engeren Auswahl. Bis zur Vorabmeldung am Mittwochvormittag lag seine oeffentliche Klopp-Berufungswahrscheinlichkeit praktisch bei null. Dass ausgerechnet der DFB-Co-Trainer am Dienstagnachmittag durchklingelt, muss aus Keidels Perspektive tatsaechlich wie ein Kabinen-Scherz eines Elversberger Mitspielers klingen, der einen Ingolstadt-Alumnus mit einer nachgeahmten DFB-Stimme aufziehen will.
Erst als Frantz die Nominierungs-Details wiedergibt und Keidel klar wird, dass die Stimme am anderen Ende des Hoerers keine gespielte ist, kippt die Situation. Das Elversberger Training laeuft an; Keidel spricht spaeter am Tag mit seinem Umfeld. Am Abend meldet sich Klopp persoenlich.
Klopps Follow-up-Telefonat und die “Du-Juergen”-Anordnung
Der zweite Anruf des Tages, dieses Mal vom Bundestrainer selbst, klaert die formale Ebene - und Klopp klaert sie in einer Art, die typisch ist fuer seinen Personalfuehrungs-Stil aus den Mainzer und Dortmunder Jahren. Sinngemaess, wie Keidel den Wortlaut im BR-Interview wiedergibt, sagt der Bundestrainer: “Das Sie kannst du lassen, es heisst du und Juergen.”
Es ist eine bewusst gesetzte Anordnung. In der DFB-Geschichte hatten Bundestrainer wie Joachim Loew oder Julian Nagelsmann sehr unterschiedliche Praktiken; die Sie-Anrede zwischen Bundestrainer und Debuetant war lange Zeit die Norm, wurde spaeter individuell aufgeloest, aber selten in einem eroeffnenden Telefonat vom Trainer selbst so kategorisch beendet wie hier. Klopp macht in seinem allerersten Anruf an Keidel klar: Die Hierarchie-Distanz zwischen Trainerstuhl und Debuetant existiert nicht als konservierbare Formalie. Sie loest sich mit Satz zwei des ersten Anrufs auf.
Fuer einen 23-jaehrigen aus dem Bundesliga-Aufsteiger-Kader ist das ein starkes Signal. Es ist zugleich eine Konsistenz zur oeffentlichen Klopp-Kaderansage vom 17. September, in der der Bundestrainer wiederholt betonte, er wolle seine Spieler kennenlernen - “wirklich kennenlernen, nicht per E-Mail”. Die Duz-Ansage im Erst-Telefonat ist die operative Umsetzung dieser Formel auf der Ebene des einzelnen Debuetanten.
Was das Zitat ueber Klopps Personalfuehrung sagt
Zwei Signale liegen in diesen beiden Anrufen. Das erste: Klopp arbeitet mit einem klar strukturierten Trainerteam-Prozess, in dem der Co-Trainer die Erst-Ansprache uebernimmt und der Cheftrainer die Personalisierungs-Ebene selbst besetzt. Frantz ist nicht Ueberbringer der Botschaft, weil Klopp keine Zeit haette; Frantz ist Ueberbringer, weil das Protokoll des Trainerstabs die Rollen so verteilt. Das zweite: Klopp verwendet den zweiten Anruf nicht fuer taktische Einordnungen oder Erwartungshaltungs-Rhetorik, sondern fuer die Anrede. Er waehlt eine Geste, die den Spieler in seinem ersten Kontakt entlastet, nicht belastet.
Beide Signale passen in das Bild, das Klopp seit seinem Amtsantritt am 15. August 2026 nach der Nagelsmann-Entlassung im Zuge des WM-Sechzehntelfinal-Ausscheidens gegen Paraguay oeffentlich kultiviert. Der Bundestrainer will das Verhaeltnis zu den Spielern kurz halten, aber nicht kumpelhaft. Er will Autoritaet, aber nicht per Distanz. Die Keidel-Anekdote ist der erste anekdotisch belegte Datenpunkt fuer diese Haltung im DFB-Alltag. Bis zum 22. September war die Klopp-Personalfuehrungs-Beobachtung eine Frage der Programmatik; ab dem 22. September ist sie eine Frage der belegten Praxis.
Kader 2 statt Kader 1: die Oktober-Ansetzung
Keidels konkrete Einsatzperspektive liegt nicht in der ersten Woche, sondern in der zweiten. Der 44-Spieler-Kader ist in zwei Bloecke aufgeteilt: Kader 1 fuer die September-Partien am 24.09. in Amsterdam gegen die Niederlande und am 27.09. in Augsburg gegen Griechenland; Kader 2 fuer die Oktober-Partien am 01.10. in Muenchen gegen Serbien und am 04.10. in Thessaloniki gegen Griechenland (Rueckspiel). Keidel steht in Kader 2.
Fuer den Erst-Nominierten hat die Kader-2-Zuweisung mehrere praktische Vorteile. Er reist nicht bereits am Montag nach Herzogenaurach, sondern erst gegen Ende der Woche, was ihm einen zusaetzlichen Bundesliga-Spieltag mit dem SV Elversberg ermoeglicht. Er trifft im Trainingslager auf ein ruhigeres Umfeld ohne den Erwartungsdruck des prominenten Amsterdam-Debuts. Und er hat die Gelegenheit, sich in den zehn Tagen zwischen den beiden Bloecken durch die Bundesliga-Auftritte fuer den Muenchener und Thessaloniki-Kader zu empfehlen, ohne dass eine schwaechere Trainingsleistung sofort Konsequenzen fuer die September-Ansetzung haette.
Klopps Rotation-Struktur schafft damit fuer Debuetanten wie Keidel eine taktisch weiche Einfuehrungs-Zone, wie sie am Vortag bereits im Kader-Tausch mit Karim Adeyemi und Lennart Karl (Karl von Kader 1 in Kader 2 aus Debuetanten-Ruecksicht) dokumentiert wurde. Die Adeyemi-Karl-Verschiebung vom 21. September und die Keidel-Interview-Selbstverortung im Kader 2 sind zwei Seiten desselben Klopp-Personalfuehrungs-Grundsatzes: Debuetanten kommen im geschuetzten Rahmen, Etablierte tragen die belastungsintensiven Prestige-Partien.
Der 4:3-Torschuetze vor der Nominierung
Der taktische Zufall wollte es, dass Keidel unmittelbar vor dem Frantz-Anruf ein Bundesliga-Tor erzielte. Am Sonntag, 13. September 2026 - zwei Tage vor dem Anruf am Dienstagnachmittag - traf der Sechser im 4:3-Auswaertssieg der Elversberger bei Borussia Moenchengladbach in der 80. Minute zum zwischenzeitlichen 6:3-Stand. Es war Keidels erstes Bundesliga-Tor.
Ob dieses Tor die Klopp-Berufung ausloeste oder ob die Berufung ohnehin geplant war und das Tor die letzte Bestaetigung lieferte, laesst sich aus den vorliegenden Berichten nicht zweifelsfrei rekonstruieren. Fest steht: Zwischen dem 3:2-Anschlusstor der Gladbacher und dem Elversberger Konter, den Keidel abschliesst, liegen exakt 48 Stunden bis zum Frantz-Anruf. Klopps DFB-Trainerstab muss die Partie im Live-Modus oder im nachtraeglichen Analyse-Fenster gesehen haben; die Elversberger Aussenseiter-Partie im Borussia-Park war im Sportschau-Livekonferenz-Fenster prominent und in den kicker-Live-Textticker-Modulen sichtbar gefuehrt.
Wichtiger als der Torschuss war fuer den Klopp-Blick vermutlich die Rolle, in der Keidel die Auswaertspartie ueber 90 Minuten hielt: ballsicher, positionsbewusst, in einem Elversberger Defensiv-Gefuege, das gegen den Ex-Champions-League-Klub Gladbach unter erheblichem Druck stand. Wer 90 Minuten lang die Ordnung in einer Aufsteiger-Mannschaft haelt, die 3:1 hinten liegt und danach drei Tore erzielt, hat eine mentale Grundausstattung, die Klopp seit den Mainzer und Dortmunder Jahren nachweislich schaetzt: Reset, Reaktion, Zug nach vorn.
Vom FC-Ingolstadt-Nachwuchs zur ersten DFB-Berufung eines Elversberg-Profis ueberhaupt
Felix Keidel wurde am 14. Juni 2003 in Duisburg geboren, sein Vater Ralf Keidel war ebenfalls Profi und spaeter Trainer. Die fussballerische Sozialisierung fand nicht im Nachwuchsleistungszentrum eines etablierten Bundesligisten statt, sondern beim FC Ingolstadt 04 - dort durchlief Keidel die Jugendabteilung und feierte am 4. Februar 2023 sein Drittliga-Debuet gegen die zweite Mannschaft von Borussia Dortmund, in der Startelf. Bis zum Sommer 2025 folgten insgesamt 82 Pflichtspiele fuer die Ingolstaedter mit zwei Toren.
Der Wechsel zum SV Elversberg im Juni 2025 - Vertrag bis Sommer 2028 - fiel in eine Phase, in der die Saarlaender die Zweite Liga stabilisiert hatten und Aufwaertspotenzial hatten. Dass die Elversberger im darauffolgenden Zweitliga-Jahr 2025/26 den historischen Aufstieg schafften und Keidel dort seinen Erstliga-Vertrag mit in die neue Liga nahm, war die entscheidende Weichenstellung. In der Zweitliga-Saison 2025/26 kam er auf 27 Einsaetze und zwei Tore fuer die Aufsteiger; in der laufenden Bundesliga-Saison 2026/27 ist der Frantz-Anruf am 15. September nach vier Spieltagen die zweite grosse Weichenstellung binnen dreier Monate.
Fuer den SV Elversberg selbst ist die Nominierung ein historischer Datenpunkt der Vereinsgeschichte. Der Klub aus dem Saarland, gegruendet 1907, spielte noch in der Saison 2021/22 in der Regionalliga Suedwest; der Aufstieg in die 3. Liga folgte 2022, in die 2. Bundesliga 2023, in die Bundesliga 2026. Ein A-Nationalmannschafts-Kader hat den SV Elversberg in seiner 119-jaehrigen Vereinsgeschichte vor Keidel nie beruehrt. Klopps Anruf am Dienstagnachmittag - vermittelt ueber Mike Frantz und operativ vollzogen ueber die Duz-Anordnung des Bundestrainers am Abend - schreibt diese Vereinsgeschichte neu.
Fuer den Klopp-Sichtungs-Perimeter, der seit der Kaderansage vom 17. September mit 44 Namen und 13 Neulingen die breiteste Rekrutierungsspanne der juengeren DFB-Geschichte markiert, liefert Keidels Interview vom 22. September damit den ersten anekdotisch belegten Praxis-Datenpunkt. Der Kader steht, die Bloecke sind zugeordnet, die ersten Anreisen nach Herzogenaurach sind vollzogen. Was noch fehlte: der Blick in den ersten Anruf. Den liefert Keidel jetzt - mit einem Satz, der die Klopp-Aera in ihrer ersten Woche mit einem Bild in die deutsche Fussball-Wahrnehmung schreibt.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.
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