Klopp beim DFB: Zwanziger und Fan-Verband warnen vor Red-Bull-Doppelrolle - Neuendorf und Watzke fliegen nach New York
Ex-DFB-Praesident Theo Zwanziger nennt Klopps geplante Doppelrolle Bundestrainer und Red-Bull-Werbebotschafter ein voelliges No-Go. Fan-Verband Unsere Kurve warnt vor Kniefall vor dem Kapital.
Von Lukas Brandt 10. Juli 2026
Vier Stunden vor Anpfiff des WM-Viertelfinales Spanien gegen Belgien im SoFi Stadium von Inglewood, sieben Tage nach dem bestaetigten Ruecktritt von Julian Nagelsmann und einen Tag nach Rudi Voellers Ruf an die Weltmeister von 2014, erreicht die Klopp-Personalie beim DFB die Politik-Ebene. DFB-Praesident Bernd Neuendorf und DFB-Vize Hans-Joachim Watzke fliegen am Wochenende nach New York, um mit Juergen Klopp die Details des Bundestrainer-Engagements zu besprechen. Gleichzeitig warnen der Fan-Verband “Unsere Kurve” und Ex-DFB-Praesident Theo Zwanziger vor der Doppelrolle, mit der der DFB die Abloese sparen will: Klopp soll parallel zum Bundestrainer-Amt Werbebotschafter fuer die Red Bull GmbH bleiben. Zwanziger nennt das im FAZ-Interview ein “voelliges No-Go”. “Unsere Kurve” spricht von einem “Kniefall vor dem Kapital”.
”Kniefall vor dem Kapital” - was der Fan-Verband kritisiert
Thomas Kessen, Sprecher des Fan-Verbands “Unsere Kurve”, hat sich am 10. Juli 2026 in einem Statement zu den Verhandlungen zwischen dem DFB und Klopp geaeussert. Der DFB-Plan, Klopp trotz Wechsel als Werbebotschafter bei Red Bull zu belassen, sei “ein weiterer Kniefall vor dem Kapital”. “Unsere Kurve” fasst mehrere aktive Fan-Verbaende und Ultra-Gruppen unter einem Dach zusammen und gilt als eine der lautesten kritischen Stimmen gegen die Kommerzialisierung des deutschen Fussballs.
Kessens zweiter Satz zielt auf die Werte des DFB: “Anstatt die Besonderheiten des deutschen Fussballs als Staerke zu begreifen und auf diesem Fundament nachhaltig Erfolge zu bauen, strebt man nach schnellen Ergebnissen und ist bereit, mit viel Geld und Integritaet dafuer zu zahlen.” Die Formulierung wiederholt das Argument, das seit Jahren zwischen den aktiven Fanszenen und den DFL-Verantwortlichen umlaeuft: 50+1, keine Investorendeals, keine Retorten-Klubs.
Der scharfste Satz betrifft Klopp persoenlich. Kessen zitiert Klopps eigenes Selbstbild und dreht es gegen die Doppelrolle: “Wer sich in Mainz und Dortmund bodenstaendig gab und selbst in Liverpool noch als the normal one vorstellte, der passt nicht zum Feind des Volkssports Fussball - dem RB-Konzern.” Klopp hatte sich bei seiner Antrittspressekonferenz beim FC Liverpool im Oktober 2015 selbst als “the normal one” bezeichnet - eine bewusste Anspielung auf Jose Mourinhos “special one”-Auftritt in Chelsea 2004 und heute Teil der offiziellen Klopp-Legende. Genau dieses Selbstbild sei mit einer Rolle als Werbegesicht der Red Bull GmbH nicht mehr vereinbar, so Kessen.
”Ein voelliges No-Go” - Zwanziger im FAZ
Deutlich weiter geht Theo Zwanziger, DFB-Praesident von 2006 bis 2012, in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, das am 10. Juli 2026, 13:45 Uhr, online ging. Zwanziger nennt das geplante Werbebotschafter-Modell dreimal in dem Interview beim Namen: “ausgeschlossen”, “ein voelliges No-Go”, stattdessen brauche es eine “saubere Loesung”.
Sein Kernargument dreht sich um Loyalitaet. “Der Bundestrainer kann nicht zwei Huete tragen”, sagt Zwanziger. “Haette er zwei Loyalitaeten.” Einerseits solle Klopp die maximale sportliche Leistung fuer die deutsche Nationalmannschaft abliefern, andererseits solle er Red Bull mit seinem Namen und seinem Bildrecht Gewinn bringen. Die beiden Interessen widersprechen sich in Zwanzigers Lesart nicht nur potenziell, sondern strukturell.
Die schaerfste Passage betrifft die Machtfrage. “Red Bull will Macht gewinnen in den Sport hinein”, sagt Zwanziger. “Durch eine Person mit der neben dem Praesidenten wichtigsten Funktion im deutschen Fussball, vielleicht sogar der allerwichtigsten.” Die zusaetzliche Passage aus dem Interview zur Sponsoren-Frage: “Es muss doch eine Harmonie der DFB-Sponsoren mit den Sponsoren des Bundestrainers bestehen.” Die Nike-Verlaengerung des DFB ab 2027 (100 Millionen Euro jaehrlich bis 2034), der Adidas-Ausstieg zum Ende der aktuellen Saison und die weiteren DFB-Werbepartner (Volkswagen, Deutsche Telekom, Adidas-Nachfolger Nike) muessten mit den Vertragspartnern des Bundestrainers konsistent sein - was mit einer parallelen Rolle bei einem konkurrierenden Marketing-Konzern schwer machbar sei.
Der DFB-Plan - Werbebotschafter ohne Abloese
Hintergrund der Kritik ist die vom DFB bevorzugte Vertragsstruktur. Klopp hat seit 1. Januar 2024 einen Vertrag als “Head of Global Soccer” bei der Red Bull GmbH, der bis 2029 laeuft und rund 8 bis 10 Millionen Euro pro Jahr Grundgehalt umfasst. Red Bull will diesen Vertrag nicht aufloesen - das ist die offizielle Haltung des Konzerns.
Die vom DFB gesuchte Loesung: Klopp uebernimmt das Bundestrainer-Amt, tritt aber weiterhin als Testimonial und Werbebotschafter fuer Red Bull auf. Damit spart der DFB die von Red Bull zunaechst geforderte Abloesesumme von rund 10 Millionen Euro (Sport1-Bericht vom 8. Juli 2026). Der DFB selbst muesste an Klopp voraussichtlich ein Bundestrainer-Gehalt von mindestens 10 Millionen Euro plus Praemien zahlen - der Rahmen ist im Finanzartikel vom 5. Juli 2026 dokumentiert.
Oliver Mintzlaff, Vorstandsvorsitzender der Red Bull GmbH und Klopps direkter Chef seit 2024, hat oeffentlich signalisiert, er wuerde einen Klopp-Wechsel zum DFB “total befuerworten”. Klopp selbst sagte am 4. Juli 2026 in einer MagentaTV-Runde: “Ich weiss, dass Oliver Mintzlaff der deutsche Fussball am Herzen liegt und er dementsprechend auch relativ offen ist fuer diese Gespraeche.” Die Reise von Neuendorf und Watzke nach New York am kommenden Wochenende soll die letzten offenen Punkte klaeren. Watzke schaetzt die Erfolgswahrscheinlichkeit auf “groesser als 50 Prozent” - kein Selbstlaeufer, kein Deal ohne Widerstaende.
Woran sich der Konflikt entzuendet - Red Bull als Erzfeind der Kurve
Die schaerfe der Kritik ist ohne die Vorgeschichte zwischen den aktiven Fanszenen und der Red Bull GmbH nicht verstaendlich. Seit dem Kauf des SSV Markranstaedt 2009 und der Gruendung von RasenBallsport Leipzig 2009/10 gilt Red Bull in der Kurven-Kultur als Symbol fuer den Retorten-Klub, fuer den Verkauf der Vereinsseele an Konzerne. Der Aufstieg von RB Leipzig durch alle Ligen bis in die Bundesliga 2016 und in die Champions League ab 2017 wurde mit systematischen Choreographien, “Kein Fussball den RBs”-Bannern und Boykott-Aufrufen begleitet.
Fuer den Fan-Verband ist Klopps Doppelrolle deshalb nicht nur ein Fall von Interessenskonflikt, sondern ein Symbol. Der DFB-Bundestrainer ist die oeffentliche Repraesentation des deutschen Fussballs - hinter dem Amt steht der DFB als Verband, der die Fussballkultur mittraegt, den 50+1-Grundsatz mit-verteidigt, den Amateurbereich foerdert. Ein Bundestrainer, der zeitgleich Werbegesicht der Red Bull GmbH ist, wuerde diese symbolische Grenze bewusst durchbrechen. Genau das steht hinter Kessens “the normal one”-Argument: Klopp ist als Person das Gegenteil des Konzern-Fussballs, wuerde aber als Werbebotschafter Teil davon werden.
Zwanziger fuegt aus seiner Ex-Praesidenten-Perspektive die verbandspolitische Dimension hinzu. Ein Bundestrainer sei “neben dem Praesidenten die wichtigste Funktion im deutschen Fussball, vielleicht sogar die allerwichtigste”. Die Signalwirkung nach innen (an Landesverbaende, Amateurvereine, Nachwuchsligen) und nach aussen (an DFB-Sponsoren, Medien, Politik) sei mit einer Red-Bull-Doppelrolle nicht in Einklang zu bringen. Das ist derselbe Grundsatz, den Zwanziger 2011 gegen die Meinungsfreiheit von DFB-Funktionaeren in Werbevertraegen durchgesetzt hatte.
Was der DFB und Klopp jetzt antworten muessen
Die Kritik von Zwanziger und “Unsere Kurve” landet zeitlich exakt in dem Fenster, in dem der DFB die Kompromiss-Struktur mit Red Bull noch neu justieren koennte. Neuendorf und Watzke fliegen nach New York, ohne dass der Vertragstext steht. Drei Fragen liegen dabei auf dem Tisch:
Erstens: Sponsoren-Harmonie. Der DFB hat mit Nike ab 2027 einen bis 2034 laufenden Ausruestervertrag ueber 100 Millionen Euro pro Jahr geschlossen - das ist der finanzielle Rueckhalt des DFB-Umbruchs. Weitere DFB-Vertragspartner sind unter anderem Volkswagen, Deutsche Telekom (MagentaTV), Ergo Versicherung und Real. Eine parallele Rolle Klopps bei Red Bull wuerde bedeuten, dass der Bundestrainer Werbegesicht eines Konkurrenten der DFB-Getraenkepartner ist. Die Sponsoren-Harmonie ist genau der Punkt, den Zwanziger im FAZ-Interview anspricht.
Zweitens: Aussenwirkung. Wenn Klopp als Bundestrainer eine Pressekonferenz gibt und dabei mit einer Red-Bull-Kappe oder in Red-Bull-Kleidung erscheint, kollidiert das mit dem DFB-Auftritt. Sport1 hat am 9. Juli 2026 unter dem Titel “Klopp als Bundestrainer mit Red-Bull-Kappe?” genau dieses Bild aufgemacht. Die Anschluss-Frage: Wie will der DFB definieren, welche Werbeauftritte Klopp als Werbebotschafter noch bespielen darf und welche nicht? Ohne klare Trennung wird jede Aufnahme des Bundestrainers zum Streitfall.
Drittens: Zeitachse. Bis zum 24. September 2026, dem ersten Nations-League-Pflichtspiel gegen die Niederlande in Amsterdam, muss die Personalie stehen. Der Aufbau eines Trainerteams (Rudi Voeller bleibt bis Euro 2028 Sportdirektor, Per Mertesacker als moeglicher Sportdirektor-Nachfolger, ein neuer Sport-Geschaeftsfuehrer als Rettig-Nachfolger, ein Klopp-Assistent) braucht Wochen. Wenn Zwanziger und der Fan-Verband die Doppelrollen-Loesung oeffentlich blockieren und Alternativen (klarer Rueckzug Klopps bei Red Bull, echte Vertragsaufloesung mit Abloese) zu lange dauern, geraet der Amsterdam-Termin unter Druck.
Der Verdacht in der Kurve und bei den Ex-Funktionaeren ist deutlich: Wenn der DFB die Doppelrolle durchsetzt, hat er die Klopp-Personalie zwar geloest, aber die Glaubwuerdigkeit des Amtes beschaedigt. Wenn der DFB dagegen auf die Abloese oder eine klare Vertragsaufloesung besteht, muss er entweder einen zweistelligen Millionenbetrag zahlen oder das ganze Klopp-Modell noch einmal aufmachen. Beide Szenarien haben Kosten. Genau darin liegt der politische Kern der New-York-Reise: Der DFB muss entscheiden, welche Kosten er zu tragen bereit ist.
Wie es weitergeht
Neuendorf und Watzke starten die Gespraeche mit Klopp am kommenden Wochenende in New York. Parallel finden die WM-Halbfinals am 14. und 15. Juli statt (Dallas und Atlanta), das Finale am 19. Juli in East Rutherford. Klopp arbeitet weiter als MagentaTV-Experte und ist dementsprechend bis zum Finale in den USA. Eine Verkuendung koennte deshalb fruehestens Anfang der Woche vom 20. Juli erfolgen - realistischer ist Ende Juli oder Anfang August, sobald Klopp seine TV-Verpflichtungen abgeschlossen hat und die Vertragsstruktur mit Red Bull steht.
Fuer den DFB heisst das: Neun Wochen zwischen Wochenendreise und Amsterdam-Auftakt. Und mitten in dieser Zeit die politische Herausforderung, die Zwanziger und Kessen jetzt gestellt haben - eine Loesung, die den Konflikt zwischen sportlicher Personalentscheidung und institutioneller Glaubwuerdigkeit aufloest. Fuer die deutsche Fussball-Oeffentlichkeit ist es die erste grosse Debatte, in der das WM-Aus vom 30. Juni 2026 in Los Angeles hinter der eigentlichen Struktur-Debatte verschwindet.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.
Mehr aus DFB-Team
DFB-Umbruch: Voeller ruft die Weltmeister von 2014 - Mertesacker bereit, Schweinsteiger offen, Hummels lehnt ab
09.07.2026
DFB-TeamMusiala nach WM-Aus operiert: Metallplatte raus, Bayerns Entwarnung fuer den Saisonstart
06.07.2026
DFB-TeamDFB-Finanzen nach dem WM-Aus: was der Trainerwechsel den Verband kostet
05.07.2026