Deutschland 3:4 n. E. Paraguay: DFB-Aus im WM-Sechzehntelfinale nach Elfmeterdrama in Boston
Deutschland scheidet bei der WM 2026 im Sechzehntelfinale gegen Paraguay aus: 1:1 nach Verlaengerung, 3:4 im Elfmeterschiessen, Tah-Tor in der 102. annulliert.
Von Lukas Brandt 30. Juni 2026
Deutschland ist bei der WM 2026 bereits im Sechzehntelfinale ausgeschieden. Die DFB-Elf verlor das R32-Spiel gegen Paraguay am 29. Juni 2026 im Gillette Stadium in Foxborough bei Boston mit 3:4 im Elfmeterschiessen, nachdem es nach 90 Minuten 1:1 (0:1) und nach Verlaengerung weiterhin 1:1 stand. Julio Enciso hatte Paraguay in der 42. Minute in Fuehrung gebracht, Kai Havertz glich in der 54. Minute per Kopf aus. Ein vermeintliches 2:1 durch Jonathan Tah in der 102. Minute wurde nach VAR-Pruefung des marokkanischen Schiedsrichters Jalal Jayed annulliert. Im Elfmeterschiessen scheiterten Havertz, Tah und Nick Woltemade, Jose Canale verwandelte den entscheidenden paraguayischen Versuch. Bundestrainer Julian Nagelsmann schloss einen Ruecktritt aus.
Das Elfmeterschiessen: Drei DFB-Fehlschuesse besiegeln das Aus
Es war das erste WM-Elfmeterschiessen der DFB-Geschichte, das die deutsche Mannschaft nicht gewinnen konnte. Vier vorherige Versuche bei Weltmeisterschaften hatte Deutschland alle gewonnen: 1982 gegen Frankreich im Halbfinale von Sevilla, 1986 gegen Mexiko im Viertelfinale, 1990 gegen England im Halbfinale von Turin, 2006 gegen Argentinien im Viertelfinale von Berlin. Foxborough ist die fuenfte Station, und die erste Niederlage.
Joshua Kimmich verwandelte den ersten deutschen Versuch sicher, danach scheiterte Havertz. Jamal Musiala traf, Tah schoss anschliessend ueber die Latte. Nadiem Amiri verwandelte, dann setzte Woltemade den letzten DFB-Versuch nicht in den Kasten. Manuel Neuer entschaerfte den Versuch von Fabian Balbuena auf der paraguayischen Seite, hatte aber bei den uebrigen vier Schuetzen keine Chance, weil die Paraguayer flach und scharf in die Ecken trafen. Jose Canale traf zum 4:3 fuer den Aussenseiter. Damit endet die Turnier-Reise der DFB-Elf bereits in der ersten K.-o.-Runde, nach den Gruppenphase-Auftritten gegen Curacao (7:1, Spielbericht), die Elfenbeinkueste und Ecuador in Gruppe E, die das DFB-Team als Tabellenfuehrer abgeschlossen hatte.
42. Minute: Enciso bestraft eine Neuer-Faustabwehr
Paraguay hatte in den ersten 30 Minuten nicht nur defensiv verteidigt, sondern gegen die DFB-Elf ueberraschend offensiv begonnen. Die Fuehrung in der 42. Minute fiel nach einer schlecht verarbeiteten Hereingabe in den deutschen Strafraum. Neuer faustete den Ball nach kurzer Ecke direkt in den Sechzehnerraum statt zur Seite, die Abwehr stand zu hoch, der Ball landete bei Julio Enciso, der den Ball aus rund 18 Metern flach ins lange Eck drosch.
Es war Paraguays erstes WM-Tor gegen Deutschland ueberhaupt: Beide Teams hatten bei einer Weltmeisterschaft zuvor nie aufeinandergetroffen. Halbzeit-Stand 0:1, und in den ersten 45 Minuten kam von der DFB-Elf gegen das tief stehende paraguayische Mittelfeld erkennbar wenig: Hereingaben von rechts trafen niemanden, Musiala war an diesem Abend nicht startelftauglich gewesen, Wirtz hatte erst in der Schlussphase der ersten Halbzeit Spielanteile.
54. Minute: Havertz koepft auf Wirtz-Flanke den Ausgleich
Nagelsmann tauschte zur Pause Felix Nmecha gegen Leon Goretzka, doch der Ausgleich kam neun Minuten nach Wiederbeginn aus dem gewohnten Wirtz-Havertz-Zusammenspiel. Florian Wirtz brachte den Ball aus dem rechten Halbfeld mit Aussenrist in die Mitte, diesmal mit genauer Anpassung an den Lauf von Havertz. Der Stuermer setzte sich gegen den paraguayischen Innenverteidiger durch und liess den Ball flach ueber den Kopf des Torwarts ins lange Eck rutschen. Das 1:1 in der 54. Minute schien die DFB-Elf in das Spiel zurueckzubringen, das sie zuvor nie beherrscht hatte.
Es blieb der einzige deutsche Treffer in 120 Minuten. Brown war an Encisos Fuehrungstreffer mit-verantwortlich gewesen, holte sich in der zweiten Halbzeit aber Abstand auf der linken Seite und kam zu zwei guten Hereingaben. Wirtz war nach dem Spiel das einzige Aktivposten-Zeugnis aus der DFB-Einzelkritik wert. Der Rest des Teams bekam das von der ARD vergebene Praedikat “Totalausfall”.
102. Minute: Tah-Tor wird wegen Anton-Foul am Torwart annulliert
Die Schluesselszene der Verlaengerung folgte in der 102. Minute. Nach einer kurzen Ecke von Goretzka stieg Tah am Fuenferaum hoch und koepfte den Ball ins paraguayische Tor. Die DFB-Bank stuermte aufs Spielfeld, die rund 65.000 Zuschauer im Gillette Stadium feierten das vermeintliche 2:1.
Schiedsrichter Jalal Jayed nahm die Pfeife dann jedoch in die Hand, ging an den VAR-Monitor und annullierte den Treffer nach Hinweis seiner nicaraguanischen Video-Assistentin Tatiana Guzman. Die Begruendung lautete: Waldemar Anton, der in der 79. Minute fuer Antonio Ruediger ins Spiel gekommen war, habe Torwart Orlando Gill aktiv gestoert. Die Sportschau-Schiedsrichterexpertise sah die Entscheidung umgehend als Fehlentscheidung an. Anton habe nur passiv im Fuenfmeterraum gestanden und keinen Koerperkontakt mit dem Torwart aufgenommen. Eine ebenfalls von Jayed geleitete VAR-Pruefung beim DFB-Auftakt gegen Curacao am 14. Juni in Houston war zugunsten der DFB-Elf ausgefallen, damals erklaert von VAR Shaun Evans. Es war Jayeds zweiter DFB-Einsatz bei diesem Turnier.
Nagelsmanns Doppel-Sechs, sieben Wechsel und der DFB-Totalausfall
Nagelsmann hatte das Sechzehntelfinale mit der gewohnten Doppel-Sechs Pavlovic/Nmecha begonnen und Musiala in die Startelf zurueckgeholt. Im Sturm spielte das vorderste Trio Wirtz, Undav und Havertz, in der Defensive standen Kimmich auf rechts, Tah und Ruediger zentral, Nathaniel Brown links. Neuer blieb in seinem letzten Turnier die Nummer eins.
Sieben Wechsel nutzte Nagelsmann ueber die regulaere Spielzeit und die Verlaengerung verteilt. Zur Pause kam Goretzka fuer Nmecha, in der 63. Minute Musiala fuer Deniz Undav, in der 79. Minute Anton fuer Ruediger, in der 88. Minute Woltemade fuer Leroy Sane. In der Verlaengerung tauschte der Bundestrainer Amiri und Malick Thiaw ein. Die Einzelkritik der ARD-Sportschau benotete acht von elf Startelf-Spielern mit “ausreichend” oder schlechter, Wirtz und Tah waren die einzigen Lichtblicke. Undav kam in 63 Minuten auf nur zehn Ballkontakte, Sane war “bemueht”, die deutsche Offensive wirkte ueber 90 Minuten chronisch unter-besetzt.
Schiedsrichter Jalal Jayed: Marokko-Schiri zum zweiten Mal bei einem DFB-Spiel
Jalal Jayed war der erste marokkanische Hauptschiedsrichter, der bei dieser WM zwei deutsche Spiele leitete. Beim Auftakt gegen Curacao am 12. Juni hatte er noch zugunsten der DFB-Elf in einer aehnlichen Situation entschieden (damalige Erklaerung von VAR Shaun Evans). Im Sechzehntelfinale fiel das Pendel in die andere Richtung. Jayeds Auftritt war ansonsten zurueckhaltend: Er pfiff in 120 Minuten keine Gelbe Karte, eine fuer einen K.-o.-Spiel mit Verlaengerung ungewoehnlich niedrige Zahl.
VAR-Hauptpunkt bleibt die annullierte Tah-Szene. Die Sportschau-Schiri-Expertise stellte den Entscheidungs-Mechanismus an sich nicht in Frage, sondern nur die Bewertung des Anton-Verhaltens. Der DFB hat noch keine offizielle Stellungnahme abgegeben, ein Vorgehen gegen die Entscheidung ist regelseitig auch nicht moeglich.
Nagelsmann: “Bin keiner, der weglaeuft”
Bundestrainer Julian Nagelsmann stellte sich nach dem Spiel den ARD-Mikrofonen und reagierte auf die Frage nach seiner Zukunft mit dem Satz: “Bin keiner, der weglaeuft.” Es waere mehr drin gewesen, sagte er, “wir haetten gerne im Achtelfinale Frankreich gespielt”. Frankreich trifft in dieser Sechzehntelfinal-Runde noch auf Schweden, der Sieger waere im Achtelfinale am 5. Juli auf den deutschen Sieger getroffen.
Nagelsmanns Vertrag mit dem DFB laeuft regulaer bis Sommer 2028. Eine vorzeitige Trennung waere eine Entscheidung des DFB-Praesidiums um Sportdirektor Andreas Rettig. Die oeffentlichen Forderungen nach einem Bundestrainer-Wechsel waren in den vergangenen Wochen noch verhalten ausgefallen, weil das Gruppenphase-Ergebnis der DFB-Elf auf dem Papier ueberzeugt hatte: 7:1 gegen Curacao, ein Sieg gegen die Elfenbeinkueste, ein Sieg gegen Ecuador. Das Sechzehntelfinale gegen ein Paraguay, das in seiner Gruppe als Vierter durchgekommen war, hatte als sportliche Pflichtaufgabe gegolten.
Historische Einordnung: Erstes verlorenes WM-Elfmeterschiessen der DFB-Geschichte
Bis Foxborough hatte Deutschland bei Weltmeisterschaften vier Elfmeterschiessen ausgetragen, jedes davon gewonnen. 1982 holte Toni Schumacher mit zwei Paraden gegen Frankreich den Einzug ins Finale, 1986 hielt Schumacher erneut gegen Mexiko im Viertelfinale, 1990 setzten sich Olaf Thon, Andreas Brehme, Stefan Reuter und Karlheinz Riedle gegen England im Halbfinale durch, 2006 vereitelte Jens Lehmann mit dem beruehmten Zettel die Hoffnungen Argentiniens.
Foxborough ist Station Nummer fuenf, und die erste Niederlage. Neuer parierte zwar den Versuch von Fabian Balbuena, der Effekt war fuer die DFB-Elf aber nicht reichend. Die historische Lesart wird die deutsche Fussball-Debatte in den kommenden Wochen praegen, in einer Kette aus Vorrunden-Aus 2018 (gegen Suedkorea), Vorrunden-Aus 2022 (gegen Costa Rica und Spanien) und Sechzehntelfinal-Aus 2026 (gegen Paraguay).
Was vom WM-Sommer 2026 uebrig bleibt
Der DFB-Tross fliegt im Laufe des 30. Juni von Winston-Salem zurueck nach Frankfurt. Im Achtelfinale am 5. Juli haette Deutschland im MetLife Stadium in New York/New Jersey auf den Sieger zwischen Frankreich und Schweden getroffen. Stattdessen wird die Trauer-Aufarbeitung in der heimischen Presse das DFB-Sommer-Thema. Welche Lehre zieht der Verband aus dem fruehesten K.-o.-Aus der DFB-Geschichte? Welche Konsequenzen werden Neuer-Karriere-Ende, Goretzka-Form, Pavlovic-Rolle und die offene Linksverteidiger-Frage Brown vs. Raum nach sich ziehen? Die EM 2028 in Grossbritannien und Irland ist die naechste sportliche Stationsmarke.
Konkret war die Auftritts-Schwankung der DFB-Elf bereits in der Gruppenphase auffaellig gewesen: Das 7:1 gegen Curacao war ein offensives Schaulaufen ohne Gegen-Druck, die Partien gegen die Elfenbeinkueste in Toronto und Ecuador in East Rutherford fuehrten ueber die Form-Analyse der ARD und der Sportschau zu keinem klaren Bild. Das Sechzehntelfinal-Aus bestaetigt damit, was Beobachter in der Vorbereitung beschrieben hatten: eine Mannschaft, deren Offensivkraft an Wirtz und Havertz haengt, deren Sechs nicht stabil ist und deren Linksverteidiger-Routinen Brown im internationalen Vergleich noch nicht zuverlaessig fanden.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.
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