Nagelsmann-Ruecktritt bestaetigt: DFB verhandelt mit Klopp, Rettig verlaengert seinen Vertrag nicht
Julian Nagelsmann tritt als Bundestrainer zurueck. Der DFB verhandelt mit Juergen Klopp, Sport-Geschaeftsfuehrer Rettig verlaengert nicht. Alle Fakten zum 3. Juli.
Von Lukas Brandt 03. Juli 2026
Vier Tage nach der DFB-Krisensitzung in Frankfurt ist die Trainerfrage in Deutschland entschieden. Julian Nagelsmann ist am Freitagvormittag als Bundestrainer zurueckgetreten - laut Sportschau meldete der DFB die Vertragsaufloesung um 11:57 Uhr. Der Verband bestaetigte im selben Zug, dass er nun das Gespraech mit Juergen Klopp sucht. Und die Personalfolgen des WM-Aus im Sechzehntelfinale gegen Paraguay reichen weiter: Sport-Geschaeftsfuehrer Andreas Rettig verlaengert seinen Vertrag nicht, das Trainerteam wird komplett neu aufgestellt.
Was der DFB am Freitag verkuendet hat
Die offizielle Mitteilung des DFB liest sich knapp und protokollarisch. Praesident Bernd Neuendorf lieferte den Kern: Der Verband hat die “sofortige Aufloesung des Vertragsverhaeltnisses” mit Bundestrainer Julian Nagelsmann beschlossen. Neuendorf danke “ausdruecklich fuer die seit September 2023 geleistete Arbeit”. Sportdirektor Rudi Voeller, der am Nagelsmann-Sofortende noch am 29. Juni mit seinem Halbsatz “noch ueberzeugt, dass er wahrscheinlich der Richtige ist” den oeffentlichen Rueckhalt formuliert hatte, trug die Entscheidung nun mit.
Die zeitliche Reihenfolge ist wichtig fuer die Einordnung. Am Donnerstag hatte die DFB-Spitze mit Nagelsmann in der Frankfurter Zentrale rund drei Stunden ueber das WM-Aus verhandelt. Am Ende dieser Sitzung, so berichtet die Sportschau, habe Nagelsmann selbst um die Vertragsaufloesung gebeten. Am Freitag stimmte das DFB-Praesidium dieser Bitte zu und veroeffentlichte gemeinsam mit Nagelsmann die Mitteilung. Aus der oeffentlichen Debattenlage der letzten Tage - Ruecktritt oder Weiter mit Nagelsmann - ist damit das erste Szenario Realitaet geworden, formal in Gestalt eines von Nagelsmann initiierten Ruecktritts, faktisch im Ergebnis identisch mit einer Trennung.
”Frischer Anstoss” - Nagelsmanns Abschieds-Statement und die Zahlen
Nagelsmann liess sich in der Mitteilung mit einem einzigen Satz zitieren: “Mein oberstes Ziel war immer der Erfolg der Mannschaft. Nach einer solch bitteren Enttaeuschung braucht sie einen frischen Anstoss.” Das ist bemerkenswert weit weg von seiner Interview-Position vom 29. Juni in Foxborough - “Bin keiner, der weglaeuft” - und noch deutlicher weg von der Sitzungs-Haltung vom Donnerstag, in der er laut Sportschau-Recherche “reuelos” auftrat.
Nagelsmanns Bilanz als Bundestrainer laesst sich in drei Etappen erzaehlen: der bejubelte Sofortstart im Herbst 2023 nach Hansi Flick, der Heim-EM-Sommer 2024 mit dem Viertelfinal-Aus gegen Spanien (nach dem sein “Dann halt Weltmeister” zum Marker wurde), der WM-2026-Zyklus mit Auslosung im Dezember 2025 und der WM-Endstation im Sechzehntelfinale gegen Paraguay. Die Sportschau-Analyse zum Freitag benennt die Rueckholung von Manuel Neuer als den Wendepunkt der Amtszeit: “Sportlich noch nachzuvollziehen, aber in der Aussendarstellung gab Nagelsmann ein aeusserst schlechtes Bild ab.” Dass Neuer nach dem Elfmeter-Aus gegen Paraguay sein Karriereende beim DFB verkuendete, lief bereits neben Nagelsmanns Ende her.
Die Punkte-Rangliste aller Bundestrainer fuehrt Nagelsmann auf Rang fuenf - vor Joachim Loew, aber hinter Sepp Herberger, Franz Beckenbauer, Helmut Schoen und Erich Ribbeck. Kein katastrophaler Wert, aber auch keiner, der ein WM-Sechzehntelfinal-Aus mit vier Punkten aus drei Vorrunden-Spielen politisch traegt.
Klopp-Verhandlungen: Bereitschaft signalisiert, Red-Bull-Vertrag im Weg
Der DFB-Satz, mit dem der zweite Teil der Presseerklaerung eingeleitet wird, ist bewusst zurueckhaltend formuliert: “Hinsichtlich der Neubesetzung des Trainerpostens wird die DFB-Spitze nunmehr das Gespraech mit Juergen Klopp suchen. Er hat bereits seine grundsaetzliche Bereitschaft zur Uebernahme des Postens signalisiert.” Das ist noch kein Vertrag, aber deutlich mehr als das, was Klopp am 14. Juni als ARD-Experte am Gillette Stadium formuliert hatte - “Es ist nicht der Moment.”
Der zeitliche Abstand zwischen “Es ist nicht der Moment” (Anfang WM) und “grundsaetzliche Bereitschaft” (nach WM-Aus des DFB) ist rund drei Wochen. Klopp selbst hat sich in diesem Zeitraum nicht oeffentlich neu positioniert; die neue Signalisierung sind offenbar Gespraeche im Hintergrund. Was dazwischen liegt, ist der komplette Verlauf der ersten Nagelsmann-Zukunfts-Debatte mit Voellers Halb-Verteidigung, Bastian Schweinsteigers Klopp-Prognose und der Frankfurter Sitzung.
Was die Verhandlungen weiter zieht, hat die Sportschau am Freitag zusammengefasst. Klopps aktueller Vertrag als Head of Global Soccer bei Red Bull laeuft bis 2029. Red-Bull-Chef Oliver Mintzlaff gilt als “harter Verhandler” und dementiert bislang, dass Klopp bei einem DFB-Angebot einfach aus dem Vertrag ausgeloest werden koennte. Klopps Berater Marc Kosicke ist ebenfalls kein Freund schneller Kompromisse. Und die Gehaltsdimension liegt oberhalb dessen, was der DFB Nagelsmann gezahlt hat: Klopp soll bei Red Bull einen “zweistelligen Millionen”-Betrag pro Jahr verdienen, waehrend Nagelsmann als bislang bestbezahlter Bundestrainer aller Zeiten galt.
Ein weiteres kurioses Detail: Klopp arbeitet aktuell fuer Magenta TV als WM-Experte fuer die K.-o.-Phase. Ein neuer Bundestrainer, der parallel als TV-Experte laufende WM-Spiele analysiert, waere fuer den DFB “schwer vorstellbar” - so formuliert es die Sportschau. Das heisst: eine Vertragsunterschrift vor dem WM-Finale am 19. Juli in MetLife ist unwahrscheinlich, danach beginnt der eigentliche Verhandlungs-Sprint.
Rettig-Nichtverlaengerung und Co-Trainer-Wechsel: die zweite und dritte Konsequenz
Zeitgleich mit dem Nagelsmann-Ende teilte der DFB mit, dass der Vertrag von Andreas Rettig als Sport-Geschaeftsfuehrer nicht verlaengert wird. Rettig selbst begruendete das laut kicker mit “persoenlichen Gruenden”. Der ehemalige DFL-Geschaeftsfuehrer und Kaiserslautern-Manager war im September 2024 in die DFB-Fuehrung geholt worden, um die sportliche Leitung neben Voeller neu zu ordnen. Nach einem knapp zwei Jahre alten Amt geht mit ihm die zweite Fuehrungspersonalie im Umfeld der WM-Aufarbeitung. Die Nachfolge ist offen; der DFB nannte keinen Zeitplan.
Die dritte Personalie betrifft das Trainerteam. Nagelsmanns Co-Trainer - unter ihnen Sandro Wagner, der zuletzt bei der WM als Assistent auf der Bank sass - verlassen mit dem Bundestrainer die DFB-Auswahl. Als moeglicher neuer Chef-Assistent wird laut kicker Peter Krawietz gehandelt: Klopps langjaehriger Co-Trainer aus Mainz-, Dortmund- und Liverpool-Zeiten, seit 2024 selbstaendig als Video-Analyst. Krawietz waere die logische Personalie, wenn Klopp den Bundestrainer-Job uebernimmt - was den Ruecktritt Nagelsmanns und die Klopp-Verhandlung noch enger verzahnt.
Zeitfenster bis 24. September: der neue Bundestrainer muss vor dem Nations-League-Start stehen
Die harte Deadline heisst 24. September 2026. An diesem Tag beginnt in Amsterdam mit dem Nations-League-Auftakt gegen die Niederlande das erste Pflichtspiel-Fenster nach der WM. Weitere Nations-League-Spiele folgen am 27. September in Belgrad gegen Serbien und am 12. und 15. Oktober gegen Griechenland (Doppel). Bis zum 24. September muss der DFB seinen neuen Bundestrainer haben - realistisch braucht der Verband die Personalie deutlich frueher, um Kader-Nominierung (etwa 14. September) und ein Trainingslager vorzubereiten.
Der Vorlauf ist damit knapp, aber machbar. Als Vergleich: nach dem Katar-Vorrunden-Aus 2022 trennte sich der DFB im September 2023 von Hansi Flick und praesentierte Nagelsmann binnen einer Woche. Selbst wenn die Klopp-Verhandlungen bis Ende Juli laufen und im August ein Vertrag unterschrieben wird, bleibt genug Zeit fuer Amsterdam. Alternativen sind bislang oeffentlich nicht benannt - der DFB schreibt im Statement ausschliesslich von Gespraechen mit Klopp.
Fuer die Mannschaft bedeutet das eine mindestens zweimonatige Uebergangszeit ohne festen Chef auf der Bank. Der DFB-Kader der Zukunft - Frage nach Neuer-Nachfolge, nach Kimmichs Instagram-Meldung und der Player-to-Watch-Generation - wartet damit erstmal auf einen Trainer, der ihn nominiert. Der 3. Juli 2026 ist der Tag, an dem drei Personalien gleichzeitig in Bewegung geraten sind: Nagelsmann geht, Rettig geht, ein Klopp-Wechsel wird moeglich. Fuer die deutsche WM-2026-Bilanz ist das mehr Aufarbeitung an einem Tag als in den fuenf Tagen davor zusammen.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.
Mehr aus DFB-Team
DFB-Krisensitzung mit Nagelsmann in Frankfurt: drei Stunden, offene Fragen und ein Schweinsteiger-Satz zu Klopp
02.07.2026
DFB-TeamNach dem WM-Aus: So geht es für das DFB-Team 2026 weiter
02.07.2026
DFB-TeamDFB-Kader der Zukunft nach dem WM-Aus 2026: Diese Namen sollen den Neuaufbau tragen
02.07.2026