DFB-Umbruch: Voeller ruft die Weltmeister von 2014 - Mertesacker bereit, Schweinsteiger offen, Hummels lehnt ab
Rudi Voeller nimmt die Weltmeister von 2014 in die Pflicht: Per Mertesacker signalisiert Bereitschaft, Bastian Schweinsteiger druckt sich nicht, Mats Hummels sagt ab.
Von Lukas Brandt 09. Juli 2026
Sieben Wochen nach dem WM-Aus im Sechzehntelfinale gegen Paraguay, sechs Tage nach dem bestaetigten Ruecktritt von Julian Nagelsmann und mitten in den Verhandlungen mit Juergen Klopp macht Rudi Voeller den naechsten Schritt im DFB-Umbruch. In einem Sportschau-Interview vom 8. Juli 2026 nimmt der 66-jaehrige Sportdirektor die Weltmeister von 2014 offen in die Pflicht. Es geht nicht um Trainingsanzuege und Elfmeterschiessen - es geht um eine ganze Generation, die zwoelf Jahre nach dem Rio-Titel ihr Verhaeltnis zum DFB neu bestimmen soll.
”Die Generation ist in der Pflicht” - was Voeller genau gesagt hat
Voellers Formulierung war beilaeufig, aber unmissverstaendlich. “Die Generation ist auch ein bisschen in der Pflicht, vielleicht mal Verantwortung zu uebernehmen”, sagte er der Sportschau. Und im gleichen Atemzug: “Da gibt es welche, die nach mir oder auch mit mir, Thema werden koennen.” Der Sportdirektor nannte konkret vier Namen - Per Mertesacker, Mats Hummels, Thomas Mueller und Bastian Schweinsteiger. Dazu ein halb ernstes, halb entschuldigendes “Hoffentlich habe ich niemanden vergessen”.
Vier Namen aus dem 23er-Kader von Rio 2014, alle heute Anfang 40 oder juenger 40, alle mit unterschiedlichen Biografien seit dem Karriereende. Zwei davon (Schweinsteiger und Mertesacker) haben in den vergangenen Tagen bereits Interviews gegeben, die Voellers Ruf laut vernehmbar aufnehmen. Einer (Hummels) hat oeffentlich abgesagt. Einer (Mueller) ist noch Spieler in Nordamerika. Die aktuelle Personalfrage im DFB laesst sich damit erstmals nicht nur ueber die Trainerbank buchstabieren, sondern ueber einen ganzen Jahrgang, der zusammen einen WM-Titel gewonnen hat - und dessen sportliche Autobiografie den DFB im Sommer 2026 zurueckwill.
Per Mertesacker (41) - “Stehe zur Verfuegung” nach acht Jahren Arsenal-Academy
Der Rio-Weltmeister mit den 52 A-Laenderspielen und dem Endspiel-Einsatz am 13. Juli 2014 im Maracana war schon vor Voellers Auftritt am weitesten. Am Freitag, 4. Juli 2026, sagte Mertesacker im ZDF-Studio in Foxborough beim Achtelfinal-Wochenende einen einzigen, aber gut vorbereiteten Satz: “Irgendwie mal beim DFB zu arbeiten, dem deutschen Fussball, dem ich auch so viel zu verdanken habe, mal was zurueckzugeben, wenn das gewuenscht ist - dafuer stehe ich natuerlich zur Verfuegung.”
Die Aussage kommt zu einem Zeitpunkt, an dem Mertesacker biografisch frei wird. Nach acht Jahren beim FC Arsenal, davon die letzten Jahre als Leiter der Nachwuchsakademie in London Colney, hat er sein Amt zum Ende der Saison 2025/26 aufgegeben. In der Berichterstattung von sport.de und sport1.de wird die Position des DFB-Sportdirektors am haeufigsten mit ihm verknuepft - jene Rolle, die Voeller selbst nach seinem Vertrag bis zur Europameisterschaft 2028 raeumen wuerde. Mertesacker selbst hat die Sportdirektor-Frage in seiner ZDF-Antwort bewusst nicht bestaetigt und nicht dementiert; er sprach nur allgemein von “beim DFB arbeiten” und “zurueckgeben”. Und er hat eine Zwischenetappe verlangt: erst Urlaub, um die Arsenal-Zeit zu verarbeiten, dann die Entscheidung.
Die Kombination aus akademischer Kompetenz (Mertesacker hat Nachwuchsleistung, Trainerausbildung und Talent-Scouting am Beispiel Arsenal ueber acht Jahre praktiziert), stiller Kommunikation und Rio-Autoritaet macht ihn zum plausibelsten der vier Namen fuer eine strategische DFB-Rolle - und der einzige, der schon aktiv “verfuegbar” gesagt hat.
Bastian Schweinsteiger (41) - “werde mich nicht druecken”
Der Weltmeister-Kapitaen, der am 13. Juli 2014 im Maracana das Endspiel gegen Argentinien anfuehrte und heute als Fussball-Experte fuer die ARD zur WM 2026 kommentiert, hatte bereits am 2. Juli in der DFB-Krisensitzung in Frankfurt indirekt Farbe bekannt und Klopp fuer das Bundestrainer-Amt ins Gespraech gebracht - ein Schweinsteiger-Satz, der die Krisensitzung damals oeffentlich weit ueber die drei Stunden hinaus praegte.
Am 8. Juli antwortete Schweinsteiger auf die Frage nach einer eigenen DFB-Rolle mit dem knappen Satz “Ich werde mich nicht druecken”. Der Satz ist typisch Schweinsteiger: kein Zusage-Enthusiasmus, aber auch kein Rueckzug. Was das konkret heisst, laesst er offen. Die realistischen Rollen: Botschafter-Funktion oder Beirat, wie sie in der DFL bei Ex-Trainer Ottmar Hitzfeld praktiziert wurde. Ein Sportdirektor-Amt gilt nach der Sportschau-Berichterstattung als weniger wahrscheinlich, weil Schweinsteiger sich in der ARD-Rolle etabliert hat und kein Interesse an einer Full-Time-Funktionaersstelle signalisierte. Fuer den DFB-Umbruch bleibt sein Bekenntnis dennoch wichtig: der Ex-Kapitaen erklaert oeffentlich seine grundsaetzliche Bereitschaft.
Mats Hummels (37) - “Aktuell auf jeden Fall nichts fuer mich”
Der Rio-Weltmeister mit dem Kopfball-Tor beim 1:0 gegen Frankreich im Viertelfinale 2014 hat als einziger der vier bereits klar Nein gesagt. Am 6. Juli 2026, 22:41 Uhr, veroeffentlichte sport1.de sein O-Ton-Interview. Hummels arbeitet nach seinem Karriereende beim AS Rom als TV-Experte fuer Magenta TV und DAZN und begruendete den Rueckzug mit einem Argument, das man im Funktionaersbetrieb selten hoert: Er habe die Ausbildung nicht.
“Ich habe nicht die Ausbildung”, sagte Hummels und schob nach: “Vielleicht wenn wir noch ein Jahrzehnt verstreichen lassen. Aktuell waere das auf jeden Fall nichts fuer mich.” Das ist ehrlicher als die uebliche “Erst mal Familie und Freizeit”-Antwort und trennt bewusst zwischen Prominenz und Qualifikation. Es passt zu Hummels’ oeffentlichem Auftritt seit dem Karriereende: analytisch scharf am TV-Mikrofon, aber ohne Interesse an Umgang mit Verbaenden, Politik und Etats. Fuer den DFB heisst das: eine Rolle in Diagnostik oder Analyse waere denkbar, eine Fuehrungsrolle nicht - und das nach eigener Aussage nicht in dieser Wm-Zyklus-Generation.
Thomas Mueller (36) - noch Spieler in Vancouver
Der Torschuetzenkoenig der WM 2010, Endspiel-Sieger 2014 und dienstaelteste WM-Feldspieler in Rio-Deutschland ist der einzige der vier, der noch spielt. Mueller hat seit Sommer 2025 einen Vertrag beim MLS-Klub Vancouver Whitecaps FC, laufend bis zum 31. Dezember 2026. Waehrend der Wm 2026 arbeitet er parallel als WM-Experte fuer Magenta TV im Studio in Muenchen und Los Angeles.
Eine Funktionaersrolle beim DFB waere fruehestens im Januar 2027 nach Vertragsende in Vancouver ein Thema - und auch das nur, wenn Mueller die aktive Karriere dann tatsaechlich beendet. Klopp koennte ihn als Trainer- oder Kader-Berater fuer die Nations-League-Saison 2026/27 und die WM-Quali fuer 2030 andocken, wenn er ihn haben will. Zumindest die Voeller-Erwaehnung war das Signal an Mueller, dass die Tuer offen ist. Muellers Reaktion darauf steht noch aus.
Was der DFB konkret sucht - Sportdirektor, Botschafter, Trainerstab
Der operative DFB-Umbruch hat drei Schichten. In der ersten geht es um den Bundestrainer: Klopp verhandelt seit dem 3. Juli 2026 offiziell mit Neuendorf, Watzke und Voeller, sein aktueller Head-of-Global-Soccer-Vertrag bei Red Bull laeuft bis 2029 und liegt noch quer. In der zweiten Schicht braucht der DFB einen neuen Sport-Geschaeftsfuehrer als Nachfolger fuer Andreas Rettig, der nach dem Streit um die WM-Praemie und dem WM-Aus nicht verlaengert. Und in der dritten Schicht - der laengsten - geht es um die Nachfolge Voellers als Sportdirektor nach Euro 2028 und um eine mittelfristige Erneuerung der DFB-Fuehrung mit Personal, das den DFB glaubwuerdig verkoerpert. Genau in diese dritte Schicht sortieren sich Voellers Rufe nach den Rio-Weltmeistern ein.
Fuer Mertesacker heisst das: heisser Kandidat fuer die Sportdirektor-Nachfolge, mit einer Vorlaufzeit bis Sommer 2028. Fuer Schweinsteiger: Beirat, Botschafter oder eine hybride Rolle zwischen ARD-Expertise und DFB-Aussenauftritt. Fuer Mueller: erst nach dem MLS-Vertragsende in Vancouver denkbar, wahrscheinlich naeher am Trainerstab oder Kader-Management als am Verband. Fuer Hummels: aktuell keine Rolle vorgesehen. Und noch einer, den Voeller in seinem Aufruf indirekt mit meinte, ohne ihn zu nennen: Philipp Lahm, der als Turnierdirektor der Heim-EM 2024 die operative Blaupause fuer eine solche Funktionaersrolle geliefert hat. Voeller haelt sich hier bedeckt, aber die Sportschau-Redaktion hat Lahm in ihrer Weltmeister-Uebersicht bewusst nicht ausgeschlossen.
Zeitplan bis Amsterdam am 24. September
Der harte Termin steht fest. Am 24. September 2026 beginnt in Amsterdam die Nations League der Saison 2026/27 mit dem Auftakt gegen die Niederlande. Bis dahin muss die Trainerpersonalie um Klopp stehen und ein Uebergangs-Sportgeschaeftsfuehrer im Amt sein. Voellers Ruf an die Rio-Kohorte zielt darauf nicht - er zielt auf die mittelfristigen Rollen mit Vorlaufzeit bis Euro 2028 und darueber hinaus. Aber der Umbruch braucht auch dieses Signal: dass Verbandsspitze und Weltmeister-Autoritaet in einer Linie stehen, nicht wie in den vergangenen Jahren getrennt.
Am naechsten kommt derzeit Mertesacker. Sein “Stehe zur Verfuegung” ist der bislang konkreteste Satz aus der Rio-Generation, und seine Arsenal-Vita gibt der DFB-Fuehrung ein Kandidatenprofil, das ausserhalb des sonst ueblichen Voeller-Klopp-Watzke-Zirkels frisch klingt. Am zweitnaechsten steht Schweinsteiger. Und am weitesten weg - freiwillig - ist Hummels. Voeller hat mit dem 8. Juli 2026 der Rio-Generation den Ball vor die Fuesse gelegt. Die vier Namen wissen jetzt, dass sie gefragt sind. Was sie zurueckspielen, wird die naechsten Monate zeigen.
Autor
Lukas BrandtRedakteur WM & DFB-Team
Lukas Brandt schreibt seit Jahren über große Turniere und die deutsche Nationalmannschaft. Für fussballweltmeisterschaft.online begleitet er die WM 2026, den DFB-Kader und die K.-o.-Phase mit Vorberichten, Analysen und Spielberichten.