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WM 2026

Marokkos WM-2026-Bilanz: In der erweiterten Weltspitze angekommen, im Viertelfinale gestoppt

Marokko scheidet im WM-2026-Viertelfinale 0:2 gegen Frankreich aus. Zwei WM-Endrunden in Folge unter den letzten Acht, aber der Katar-Coup 2022 bleibt unerreicht - der Rueckblick auf die Bilanz der Atlas-Loewen.

Von Marco Feldmann 10. Juli 2026

Marokkos Trainer Mohamed Ouahbi verfolgt das WM-2026-Auftaktspiel seines Teams gegen Brasilien am 14. Juni 2026 im MetLife Stadium in East Rutherford. 26 Tage spaeter endet Marokkos Turnier mit dem 0:2 gegen Frankreich im Viertelfinale in Foxborough - zwei WM-Turnier-Auftritte hintereinander unter den letzten Acht, aber der Katar-Coup 2022 mit dem Halbfinal-Einzug bleibt unerreicht (Foto: Ulrik Pedersen / Zuma Press). Foto: Ulrik Pedersen / Zuma Press via SmartFrame

Die Loewen des Atlas verlassen die Weltmeisterschaft in Nordamerika im Viertelfinale. Das 0:2 (0:0) gegen Frankreich am Donnerstag, 9. Juli 2026, im Gillette Stadium in Foxborough bei Boston beendet Marokkos WM-2026-Auftritt - vier Wochen und einen Tag nach dem 1:1 gegen Brasilien im MetLife Stadium und drei Runden nach dem Elfmeter-Krimi gegen die Niederlande in Monterrey. Die Zahlen aus Foxborough sind eindeutig: 22 zu 5 Torschuesse fuer Frankreich, allein zur Halbzeit stand das Verhaeltnis bei 13:1. Trainer Mohamed Ouahbi waehlte die Formel, die zu diesem Turnier passt: “Wir muessen anerkennen, dass wir gegen eine grossartige Mannschaft gespielt haben.”

Boston, 0:2: Der Abend, an dem Marokko die Antwort schuldig blieb

Die Ausgangslage vor der Partie war klar: Marokko trat mit dem Auftrag an, das WM-2022-Halbfinal-Ergebnis wenigstens einzustellen. In Foxborough gelang das nicht. Frankreich uebernahm die Kontrolle vom Anpfiff weg. Kylian Mbappe scheiterte in der 27. Minute noch am marokkanischen Torhueter Yassine Bono, der den Foulelfmeter nach einem drei Minuten und 13 Sekunden langen VAR-Check des argentinischen Schiedsrichters Facundo Tello parierte. Dreiunddreissig Minuten spaeter versuchte es Mbappe erneut - diesmal traf er in der 60. Minute vom Punkt zum 1:0. Sechs Minuten spaeter erhoehte Ousmane Dembele auf 2:0.

Was Marokko nicht schaffte: eine offensive Antwort. Ohne den verletzten Ismael Saibari, dem Bayern-Muenchen-Neuzugang und besten marokkanischen Feldspieler der ersten Turnier-Haelfte, fehlte im letzten Drittel jede zwingende Aktion. Der Bogen von Achraf Hakimi rechts blieb nach vorne unauffaellig; Azzedine Ounahi, im 3:0 gegen Kanada in Houston noch mit dem Doppelpack der Runde, kam gegen die franzoesische Konzeption um Aurelien Tchouameni und Adrien Rabiot nicht in seinen Rhythmus. Marokko hatte im gesamten Spiel keinen Torschuss aufs Tor zu verzeichnen, der Bono-Elfer gegen Mbappe war die einzige echte marokkanische Grosschance-Situation der Partie - und die spielte sich vor dem eigenen Tor ab.

Der Turnierpfad: Vom Brasilien-Remis ueber Elfmeterschiessen ins Viertelfinale

Rueckblickend erzaehlt die Kurve dieses Turniers eine differenzierte Geschichte. Marokko kam als Zweiter der Gruppe C in die K.-o.-Runde. Der Weg:

  • 14. Juni, MetLife Stadium (East Rutherford): 1:1 gegen Brasilien - Saibaris Lupfer in der 21. Minute eroeffnete das Turnier, Vinicius Junior glich elf Minuten spaeter aus. Spielbericht.
  • 20. Juni, Gillette Stadium (Foxborough): 1:0 gegen Schottland - Saibaris Blitztor nach 73 Sekunden.
  • 25. Juni, Mercedes-Benz Stadium (Atlanta): 1:0 gegen Haiti - Achtelfinal-Ticket gesichert.
  • 30. Juni, Estadio BBVA (Monterrey): 1:1 (0:0 nach 120 Minuten) gegen die Niederlande, 3:2 im Elfmeterschiessen - Saibari trat den entscheidenden Elfer.
  • 4. Juli, NRG Stadium (Houston): 3:0 gegen Kanada - Ounahi-Doppelpack, Rahimi in der Nachspielzeit.
  • 9. Juli, Gillette Stadium (Foxborough): 0:2 gegen Frankreich - Aus im Viertelfinale.

Sechs Spiele, drei Siege in 90 Minuten, ein Sieg im Elfmeterschiessen, ein Unentschieden, eine Niederlage. Bilanz: sieben Turniertreffer, drei Gegentore. Der Kanada-Auswaertssieg mit dem Ounahi-Doppelpack war der klarste marokkanische Sieg der Ausscheidungs-Runde; das Elfmeterschiessen gegen die Niederlande der psychologisch wichtigste Moment. Die 0:2-Niederlage in Foxborough war die erste marokkanische Vorstellung des Turniers, in der die Loewen die Kontrolle verloren.

Rueckschritt oder Konsolidierung? Katar 2022 als schwerer Vergleich

Der Vergleich mit Katar 2022 ist unvermeidlich, und er ist bitter. Vor vier Jahren erreichte Marokko unter Walid Regragui das Halbfinale und schlug auf dem Weg dorthin Belgien, Spanien und Portugal - eine Serie, die es fuer ein afrikanisches Team in dieser Form nie zuvor gab. In Nordamerika kam die Regragui-Nachfolge, Mohamed Ouahbi - der Ex-Anderlecht-Nachwuchsleiter, U20-Weltmeister-Trainer 2025 - eine Runde frueher raus.

Und doch ist dieses Turnier keine Widerlegung des marokkanischen Anspruchs. Die kicker-Lesart am Freitag-Morgen 10. Juli traf den Kern: “Marokko zaehlt zur erweiterten Weltspitze - und ist doch nicht gut genug.” Der Anschluss an die klassische Top-Sechs ist strukturell da - der aktuelle FIFA-Weltranglisten-Platz acht ist historisch die hoechste Platzierung einer afrikanischen Auswahl, die 2022 erstmals erreichte Halbfinal-Marke ist keine Eintagsfliege mehr geblieben, sondern hat mit dem 2026er-Viertelfinal-Einzug einen Nachhall bekommen. Marokko ist das erste afrikanische Team der WM-Geschichte, das zwei WM-Endrunden hintereinander unter den letzten Acht abschloss.

Was in Foxborough sichtbar wurde: die Distanz zur Frankreich-Klasse ist noch spuerbar. Ohne Saibari fehlt die Kreativitaet zwischen den Linien; Ounahi allein reicht nicht, wenn der Gegner den Ball einige Minuten am Stueck behaupten kann. Die tiefe Konter-Absicherung der Regragui-Ausgabe von 2022 kam in Foxborough gegen die franzoesische Ballzirkulation um Rabiot und Tchouameni nicht in die gewuenschten Ballgewinne. Ouahbi-Marokko ist eine offener spielende Ausgabe als das Regragui-Team - und im Viertelfinale gegen den Titelanwaerter Frankreich zeigte sich, dass ihr die Struktur fuer das Gross-Ereignis noch nicht mit letzter Konsequenz sitzt.

Ouahbis “Koepfe hochnehmen”: Der Blick von der Bank

Ouahbi trat nach der Partie mit den geordneten Zeilen eines Trainers vor die Mikrofone, der weiss, dass die naechste Aufgabe schon in der Kader-Planung fuer die Freundschafts-Herbst-Fenster beginnt. “Wir sind sehr enttaeuscht”, sagte er. “Aber wir muessen versuchen, unsere Koepfe hochzunehmen, denn wir haben alles gegeben.” Auf die Frage nach dem naechsten Ziel: “Erneut den Afrika-Cup gewinnen. Darum geht es bei jedem Turnier.”

Fuer Ouahbi war die WM 2026 die erste WM-Endrunde auf der A-Trainer-Bank. Der 47-Jaehrige aus Molenbeek uebernahm im Maerz 2026 von Regragui und stand bei der Bekanntgabe unter dem Vorbehalt, das Katar-Ergebnis moeglichst nicht zu unterbieten. Das ist am 9. Juli gescheitert - aber die Bewertung seines Auftritts steht bereits am 10. Juli anders da als um Mitternacht. Der 3:0-Auswaertssieg gegen den Ausrichter Kanada im Achtelfinale, der Elfmeter-Krimi gegen die Niederlande und der Gruppen-Zweite-Platz hinter Brasilien geben ihm das Fundament, das Ouahbi selbst am liebsten so einordnet: “Wir haben fantastische junge Spieler und koennen uns noch weiterentwickeln.”

Bouaddi, Saibari, Bono - drei Namen fuer den Zwischenstand

Wenn dieses Turnier fuer Marokko eine Erzaehlung hat, dann laeuft sie ueber drei Namen. Ayyoub Bouaddi (18, RC Lens), im Foxborough-Viertelfinale zum zweitjuengsten Spieler in der WM-Viertelfinal-Geschichte geworden - geboren im franzoesischen Senlis noerdlich von Paris, seit seinem Wechsel zu Marokko im Sommer 2025 das Symbol der neuen Ouahbi-Achse in der Zentrale. Sein Turnier-Auftritt war eine Reifepruefung, sein Einsatz in der 74. Minute in Foxborough eine bewusste Wechsel-Botschaft: Dieser Spieler ist der naechste Zyklus.

Ismael Saibari (24, Bayern Muenchen - Transfer offiziell am 8. Mai 2026 aus Eindhoven) - der Beste im Turnier, wenn er auf dem Platz war. Fuer die Bayern-Perspektive der Saison 2026/27 bedeutet die WM 2026 einen Turbolader-Effekt. Fuer Marokko heisst der Ausfall im entscheidenden Spiel, dass die naechste Ausgabe der Atlas-Loewen um Saibari herum gebaut wird, nicht nur um Hakimi.

Yassine Bono (35, Al-Hilal) - die Konstante des Turniers. Die Parade gegen Mbappes Foulelfmeter in der 27. Minute in Foxborough war seine grosse Einzel-Vorstellung dieses Viertelfinales, im Sechzehntelfinal-Elfmeterschiessen gegen die Niederlande fuehrte er Marokko zum 3:2-Erfolg. Keine Chance dann beim Foxborough-Doppelschlag Mbappe-Dembele in der 60. und 66. Minute. Bono ist der Halbfinal-Torwart 2022 und der Viertelfinal-Torwart 2026, das Bindeglied zwischen den Zeitrechnungen. Ob er 2030 im Heim-Turnier noch dabei ist, entscheidet der Kader-Zyklus - der 35-Jaehrige waere dann 40.

2027 Afrika-Cup, 2030 Heim-WM: Der naechste Zyklus beginnt schon

Der marokkanische Kalender kennt keine lange Pause. Im September 2026 starten fuer Marokko die Freundschafts-Fenster fuer die Vorbereitung auf den Afrika-Cup 2027, der von Marokko gemeinsam mit Kenia, Tansania und Uganda ausgetragen wird - Marokko als Titelverteidiger der 2025er-Ausgabe im Heim-Turnier zu einem der Favoriten. Und dann kommt das Gross-Ereignis: die WM 2030, die Marokko gemeinsam mit Spanien und Portugal ausrichtet - mit den drei Eroeffnungsspielen zusaetzlich in Uruguay, Argentinien und Paraguay als Anspielung auf die WM-Jubilaeums-Ausgabe 1930 in Montevideo.

Als erstes afrikanisches Land, das als Co-Gastgeber die WM ausrichtet, hat Marokko einen strukturellen Vorlauf, den die Bilanz der WM 2026 nur betont. Vier Stadion-Grossprojekte - Casablanca (Stade Hassan-II, 115.000 Plaetze geplant), Rabat, Marrakesch, Tanger - laufen in unterschiedlichem Bau-Stand; die Ouahbi-Achse Bouaddi-Saibari-Hakimi-Ounahi ist zwischen dem Afrika-Cup 2027 und dem Heim-WM 2030 in ihrer besten Alters-Bandbreite. Sollte die naechste Ausgabe der Atlas-Loewen zum Heim-Publikum antreten, waere der Katar-Coup 2022 ein weiterer Referenz-Punkt: 2018 in Russland reichte es nicht ueber die Gruppenphase hinaus, 2022 in Katar bis ins Halbfinale, 2026 in Nordamerika bis ins Viertelfinale - 2030 im eigenen Land. Die Kurve laesst Raum fuer die Antwort.

An diesem Freitag-Morgen sind es andere Zeilen, die die marokkanische Sportpresse tragen. Enttaeuscht, aber nicht demoralisiert. Foxborough war der Abend, an dem Marokko die franzoesische Klasse zu spueren bekam und ohne Antwort blieb. Das Turnier war der Rueckblick auf drei Wochen, in denen Ouahbis Auswahl die erweiterte Weltspitze bestaetigte, ohne den zweiten Kata-Coup nachzulegen. Fuer den 47-Jaehrigen aus Molenbeek beginnt der naechste Zyklus in der Trainingswoche vor dem September-Fenster. Fuer Marokko bleibt der 10. Juli 2026 der Tag, an dem die neue Wahrheit auszusprechen war: In der erweiterten Weltspitze angekommen. Und noch nicht ganz gut genug.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

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