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WM 2026

Ouahbi und der U20-Weltmeister-Bogen: Marokkos Belgien-Belgier stellt sich Frankreich

Mohamed Ouahbi fuehrt Marokko am 9. Juli gegen Frankreich ins Viertelfinale der WM 2026. Vier Monate im Amt, Belgien-Belgier, U20-Weltmeister-Titel 2025.

Von Marco Feldmann 09. Juli 2026

Atlanta, 24. Juni 2026: Marokkos Cheftrainer Mohamed Ouahbi verfolgt das Gruppe-C-Spiel gegen Haiti im Mercedes-Benz Stadium. Zwei Wochen spaeter fuehrt der 49-Jaehrige die Atlasloewen ins Viertelfinale gegen Frankreich in Boston. Foto: Zuma Press. Foto: Zuma Press via SmartFrame

Am Donnerstag, dem 9. Juli 2026, tritt Marokko im Viertelfinale der Fussball-WM 2026 um 22:00 Uhr MESZ im Gillette Stadium in Boston auf Frankreich. Vier Monate nach der Ablösung von Walid Regragui und drei Wochen vor seinem 50. Geburtstag steht Mohamed Ouahbi in Foxborough auf der marokkanischen Trainerbank. Der Belgien-Belgier mit marokkanischen Wurzeln ist der stille Gegenpol zu Didier Deschamps auf der franzoesischen Seite: vier Monate im A-Team-Amt gegen 14 Jahre, WM-Debuet gegen die 19. K.-o.-Duell-Erfahrung, U20-Weltmeister-Titel gegen Weltmeister-Trophaee. Und doch ist Ouahbi zu Recht in dieser Partie: seine Atlasloewen sind im 3:0 gegen Kanada im Achtelfinale die vielleicht ueberzeugendste K.-o.-Runden-Mannschaft der ersten Wave gewesen.

Die Ausgangslage: QF1 in Boston nach vier Monaten im Amt

Am 5. Maerz 2026 trennte sich der marokkanische Verband nach wochenlanger interner Debatte von Walid Regragui, dem WM-2022-Halbfinal-Held von Katar. Ausloeser war die Finalniederlage beim Afrika-Cup im eigenen Land gegen Senegal im Januar 2026. Zwei Tage spaeter stellte der Verband Mohamed Ouahbi als Nachfolger vor, mit einer der ungewoehnlichen internen Loesungen der juengeren afrikanischen Nationaltrainer-Historie: Statt eines etablierten A-Team-Coaches uebernahm der bisherige U20- und U23-Trainer.

Der Sprung vom Junioren- ins A-Team-Amt binnen einer Ligue-Saison ist im europaeischen Fussball nahezu ausgeschlossen, in Afrika seltener und mit besonderem Legitimationsdruck verbunden. Ouahbi hatte die Legitimation dabei, wie kein anderer marokkanischer Coach seiner Generation: den U20-Weltmeister-Titel vom Herbst 2025 in Chile, den ersten in der marokkanischen Fussballgeschichte. Der Verband kommunizierte den Wechsel mit dem Satz, den Sportschau, Sport1 und Spox uebereinstimmend zitierten: “Die Mannschaft braucht ein neues Gesicht.”

Vier Monate spaeter, an einem Donnerstagabend in Foxborough, steht dieser Wechsel auf dem Pruefstand. Marokko ist als einer der vier CAF-Vertreter der K.-o.-Runde und der klar staerkste im Modell-Ranking in das Viertelfinale eingezogen. In der Gruppe C hinter Brasilien auf Rang zwei durchgelaufen, im Achtelfinale mit dem 3:0 gegen Gastgeber Kanada in Houston souveraen ausser Reichweite. Der naechste Gegner ist der Weltmeister-Bezwinger von 2022 und der aktuell hoechstbewertete K.-o.-Vertreter des Turniers.

Die Belgien-Biografie: 17 Jahre Anderlecht und der Abschied 2021

Mohamed Ouahbi ist am 7. September 1976 in Belgien geboren, hat marokkanische Wurzeln und ist damit einer der klassischen Doppelstaatler der marokkanischen Diaspora - eine Biografie, die sechs seiner aktuellen Feldspieler teilen. 2003, mit 26 Jahren, wechselte er als Nachwuchstrainer zum RSC Anderlecht und begann bei der U9. 17 Jahre lang durchlief er dort die Jugend-Rangordnung, von U10 bis U21, und arbeitete unter zwei Anderlecht-Generationen mit spaeteren belgischen Nationalspielern. Namen aus der Roten Teufel-Aera und der Post-Kompany-Aera durchlief er, ohne sich als Chefcoach der A-Elf zu profilieren - Anderlecht ist im belgischen Fussball die klassische Jugend-Werkstatt, und Ouahbi war einer ihrer stillen Handwerker.

2021, nach 17 Jahren, kuendigte er seinen Abschied vom Verein an. Ein interner Neuaufbau der Anderlecht-Jugendabteilung stand an, Ouahbi entschied sich fuer den Schritt in die A-Team-Naehe seines zweiten Heimatlandes. Bereits im Maerz 2022 - zeitgleich mit Regraguis A-Team-Berufung - berief ihn der marokkanische Verband zum Cheftrainer der U20-Auswahl. Vier Jahre spaeter stehen beide Nachwuchsbrueder in einem Zusammenhang, den 2022 niemand vorhergesagt haette: Der eine hat einen U20-Weltmeister-Titel gewonnen und das A-Team-Amt uebernommen, der andere hat den WM-2022-Halbfinal-Bogen gefahren und danach das Amt verloren.

Der U20-Weltmeister-Bogen: Chile 2025 als Legitimation

Der Herbst 2025 in Chile war das Ereignis, das die Regragui-Ouahbi-Wende ausloeste. Bei der FIFA-U20-Weltmeisterschaft fuehrte Ouahbi die marokkanische Junioren-Auswahl zum ersten U20-Titel der marokkanischen Fussballgeschichte und zugleich zum ersten U20-Titel eines nordafrikanischen Verbandes. Im Finale schlug sein Team, geladen mit den Namen der marokkanischen Diaspora-Nachwuchsgeneration, den Turnier-Rueckendecker Argentinien - jenen Verband, der die U20-WM-Historie mit sechs Titeln dominiert.

Fuer den marokkanischen Verband war der Chile-Titel mehr als ein Junioren-Erfolg. Er markierte den Uebergang eines Nachwuchsjahrgangs, der in Ouahbis Anderlecht-Zeit gepraegt worden war und der jetzt in die A-Kaderplanung dringt. Adam Aznou (Bayern Muenchen), Ayyoub Bouaddi (OSC Lille), Ismael Saibari (bis Sommer 2026 PSV Eindhoven, jetzt Bayern), Bilal El Khannouss (Leicester City): Alle vier stehen zwischen der U20-Vergangenheit und der aktuellen A-Team-Rolle. Ouahbis Legitimation als A-Team-Coach war damit zwei Dinge in einem: der Junioren-Titel selbst und der Zugriff auf den Nachwuchsjahrgang, den er kannte.

Die taktische Handschrift: 4-3-3 ohne Sturmspitze und Diaz als Zehner

Ouahbis Marokko spielt seit dem Turnierauftakt gegen Brasilien am 13. Juni ein 4-3-3 ohne klassische Sturmspitze. Das ist eine der Setup-Neuheiten der marokkanischen A-Team-Aera und ein Bruch mit dem Regragui-typischen 4-1-4-1 mit En-Nesyri oder El Kaabi als Zielspieler. Brahim Diaz (Real Madrid), der im Vorbeirot ehe als linker Fluegel gehandelt worden war, rueckt in die zentrale Zehner-Rolle - vier Vorlagen in vier Turnier-Spielen sprechen fuer die Konzept-Passung.

Vor ihm formiert sich das Trio Ounahi - Diaz - Ziyech wechselnd, mit Rahimi als linker Aussenkraft und dem Ounahi-Doppelpack aus dem Achtelfinale gegen Kanada als bisheriger Turnier-Torschuetzenliste-Fuehrung Marokkos. Die defensive Doppel-Sechs bilden der 24-jaehrige Neil El Aynaoui von der AS Roma und der 18-jaehrige Ayyoub Bouaddi vom OSC Lille - jene beiden Nachwuchskraefte, die Ouahbi aus dem U20- und U23-Bereich mitgenommen hat. Bouaddi ist der zweitjuengste Feldspieler des gesamten Marokko-WM-Kaders und einer der drei juengsten Viertelfinalisten des gesamten Turniers.

Auf der rechten Seite bildet Achraf Hakimi (Paris Saint-Germain) mit Diaz das Diaz-Hakimi-Tandem - eine Konstante der marokkanischen Aussenbahn-Offensive der letzten zwei Jahre und laut der taktischen Vorschau des Marokko-Frankreich-Duells einer der drei Entscheidungspunkte der Partie. Hakimi selbst hat auf der Plattform X vor der Partie geschrieben: “Auf dem Spielfeld ist er nicht mein Freund” - eine Anspielung auf seinen PSG-Klubkollegen Kylian Mbappe, mit dem er die Ligue-1-Meisterschaft 2023/24 und die Champions League 2024/25 in einer Mannschaft gewonnen hatte. Mehr zum PSG-Duell Hakimi-Mbappe im Marco-Feldmann-Portrait.

Die Kampfansage: Ouahbi-PK-Zitate und der Halbfinal-Anspruch

Ouahbis Pressekonferenz am Mittwoch, 8. Juli 2026, in Boston war der oeffentliche Auftritt eines Trainers, der die Underdog-Rolle bewusst nicht annimmt. Auf die Favoritenfrage antwortete er mit dem Satz, den Sportschau, Eurosport und Sport1 uebereinstimmend zitierten: “Wir sind mit dem Erreichten noch nicht zufrieden. Dass Frankreich moeglicherweise Favorit ist, interessiert uns nicht. Wir wollen unbedingt ins Halbfinale.”

Zur personellen Lage stellte er klar: “Alle sind verfuegbar außer Saibari.” Der Ausfall des Bayern-Neuzugangs, der im Achtelfinale gegen Kanada nach 22 Minuten mit einer Muskelverletzung ausgewechselt worden war, ist der einzige personelle Wermutstropfen der marokkanischen K.-o.-Kampagne. Ersatz uebernimmt Bilal El Khannouss von Leicester City, der bereits in den Gruppenspielen als Achter-Alternative eingesetzt worden war.

Der 18-jaehrige Bouaddi ergaenzte die Kampfansage aus Nachwuchs-Sicht mit einem Satz, den die Sportschau-Vorlaeufer-Berichte transportieren: “Wir werden unser volles Potenzial ausschoepfen.” Der Grundton der marokkanischen PK war der eines Teams, das die WM-2022-Halbfinal-Rueckendeckung nicht als Rueckwaertsblick nutzt, sondern als Startlinie fuer eine noch nicht abgeschlossene Turnier-Erzaehlung.

Was heute Abend zaehlt: die Halbfinal-Sehnsucht der Atlasloewen

Sportlich ist die Ausgangslage klar. Frankreich ist der Modell-Favorit, mit rund 65 Prozent Sieg-Wahrscheinlichkeit inklusive Verlaengerung, laut der Vorbericht-Modellierung. Marokko ist mit 22,62 Prozent Viertelfinal-Wahrscheinlichkeit pre-tournament der klar staerkste CAF-Vertreter der K.-o.-Runde und mit einem 3:0-K.-o.-Auftakt in Houston in einer besseren Vorbereitungs-Form als der 1:0-Bezwinger von Paraguay. Der WM-Rechner sieht die reachSF-Wahrscheinlichkeit Marokkos bei 9,27 Prozent - realistisch, aber nicht wahrscheinlich.

Fuer Ouahbi ist das Spiel die groesste Buehne, auf der er als A-Team-Cheftrainer je gestanden hat. Der Chile-Titel im Herbst 2025 war ein Junioren-Titel; das Boston-Viertelfinale ist der Seniorenmoment. Ein Sieg wuerde Marokko zum ersten CAF-Verband der Fussball-Geschichte machen, der zweimal in Folge das WM-Halbfinale erreicht - und ihn ins Dallas-Halbfinale gegen den Sieger aus Spanien-Belgien bringen. Ein Ausscheiden waere die klassische Underdog-Niederlage gegen den Favoriten, wuerde aber weder Ouahbis U20-Titel noch die vier Monate im A-Team-Amt entwerten.

Der wichtigere Zeithorizont dieses Abends: Ouahbi hat einen Vertrag ueber die WM 2026 hinaus, mit Blickrichtung auf den Afrika-Cup 2028 im eigenen Land - dann als Co-Gastgeber mit Algerien - und die WM 2030 in Marokko, Spanien und Portugal. Sein Zeitfenster als marokkanischer Bundestrainer ist damit auf mindestens vier Jahre angelegt. Der 9. Juli ist der Startpunkt einer Aera, nicht deren Bewaehrungspruefung. Anpfiff ist um 22:00 Uhr MESZ, live in der ARD und auf MagentaTV, mit einer Sportschau-Zusammenfassung ab Mitternacht.

Der 5. Maerz 2026 war der Startschuss der Ouahbi-Aera; der 22. Juni 2025 in Chile war ihre erste Legitimation; der 9. Juli 2026 in Foxborough ist ihre erste Reifepruefung. Beides zusammen ergibt: das erste A-Team-Viertelfinale eines vormaligen U20-Weltmeister-Coaches der marokkanischen Fussballgeschichte - und das erste A-Team-Duell mit dem Weltmeister-Trainer Deschamps auf marokkanischer Seite seit dem Katar-Halbfinale vom 14. Dezember 2022 unter dem Vorgaenger.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

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