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WM 2026

Scott McTominay: Schottlands neuer Anführer und der Schlüssel im Schottland-Marokko-Spiel

Vom verkannten ManUnited-Sechser zum Serie-A-Meister mit Napoli: Wie Scott McTominay vor Schottlands WM-2026-Spiel gegen Marokko zur schottischen Ikone wurde.

Von Marco Feldmann 19. Juni 2026

Scott McTominay beim 4:1 Schottlands gegen Curaçao am 30. Mai 2026 im Hampden Park in Glasgow, der WM-Generalprobe vor der Abreise in die USA - in derselben linken Achterposition, die er auch in Neapel besetzt. Foto: Focus Images via SmartFrame

Schottland geht in das zweite Gruppe-C-Spiel der WM 2026 gegen Marokko am 20. Juni 2026 um 0:00 Uhr MESZ im Gillette Stadium vor Boston - und mit der Aussicht, mit einem Punkt bereits einen riesigen Schritt Richtung Sechzehntelfinale zu machen. Im Mittelpunkt steht ein Spieler, der vor knapp zwei Jahren bei seinem Klub Manchester United noch als einer “unter vielen” galt und heute auf einer schottischen Sonderbanknote abgebildet ist: Scott McTominay, 29 Jahre alt, italienischer Meister mit dem SSC Napoli, italienischer Fußballer des Jahres 2025 - und seit der Quali-Endphase Schottlands neue Galionsfigur.

Vom Bankspieler bei Manchester United zum 30-Millionen-Transfer

McTominays Karriere bis Sommer 2024 war eine schottisch-englische Geduldsprobe. Geboren am 8. Dezember 1996 in Lancaster, kam er bereits 2002 in die Jugendabteilung von Manchester United, debütierte 2017 in der Profimannschaft und blieb sieben Jahre. Das offizielle Datenfazit: 178 Premier-League-Spiele, 19 Tore im roten Trikot der Red Devils, dazu ein paar wenige Pokal-Highlights und eine Saison 2023/24, in der er sieben Premier-League-Treffer schoss - und United jedes einzelne dieser Spiele gewann. Trotzdem haftete McTominay über die Jahre das Label “Lückenfüller” an: einer, der überall einspringen konnte, aber nirgends gesetzt war.

Im August 2024 zog er die Konsequenz. SSC Napoli überwies rund 30 Millionen Euro nach Manchester, holte den Schotten in die Stadt unter dem Vesuv - und stellte ihn unter den neuen Cheftrainer Antonio Conte. “Whenever you step out of your comfort zone, it’s initially an eerie place”, sagte McTominay später über den Wechsel. “But it’s also wonderful because it offers growth opportunities.” Acht Monate später war aus dem ehemaligen United-Reservisten der vielleicht wichtigste Mittelfeldspieler der Serie A geworden.

Die Conte-Verwandlung: Box-to-Box statt Sechser-Schatten

Was Conte mit McTominay anstellte, ist in jeder schottischen Sport-Talkshow seither Thema. Bei United war der Schotte mal Sechser, mal Doppel-Sechser, mal Achter - immer mit dem Auftrag, Räume hinter dem Ball zu verteidigen und das eigene Spiel über die Defensive aufzubauen. Conte stellte ihn in seinem 4-3-3 auf den linken Achterposten und gab ihm einen Auftrag, den McTominay bei United nur als Notlösung gehabt hatte: in die Strafraumspitze nachstoßen, in den Halbräumen ankommen, das Tor mitsuchen. Box-to-Box statt Sechser-Schatten.

Die Zahlen waren erschütternd eindeutig. In der Saison 2024/25 erzielte McTominay 12 Tore und 6 Vorlagen in der Serie A, lieferte Topwerte beim erfolgreichen Pressing und bei progressiven Läufen - und führte Napoli zum ersten Scudetto seit dem Conte-Antritt. Insgesamt steht er nach 66 Pflichtspielen bei 23 Toren für den italienischen Meister; eine Quote, die McTominay bei United in keinem einzigen Jahr auch nur annähernd erreichte.

Italienischer Meister und Italiens Fußballer des Jahres 2025

Am Ende der Saison kam, was niemand auf der Insel vorhergesagt hätte: Italienischer Fußballer des Jahres 2025 für Scott McTominay, dazu die Wahl zum Serie-A-Spieler der Saison 2024/25. Es war das erste Mal seit Jahrzehnten, dass ein schottischer Profi mit beiden Auszeichnungen ausgezeichnet wurde - und der Beleg dafür, dass die Verwandlung in Neapel kein Einmaleffekt war. Italienische Fachblätter beschrieben McTominay als den vielleicht wichtigsten Importspieler der Serie A seit Cristiano Ronaldos Wechsel zu Juventus 2018.

Für Schottland kam diese Aufwertung zur rechten Zeit. Trainer Steve Clarke hatte McTominay bereits seit dem Debüt 2018 systematisch integriert; mit dem Status des Serie-A-Meisters wuchs auch sein Auftritt in der Tartan-Mannschaft. Andrew Robertson und John McGinn bleiben sportliche Anführer und Kapitänsoptionen, aber McTominay ist die taktische Achse - der Mann, um den herum Clarke sein 4-3-3 baut. Genau die Rolle aus Neapel, auf die schottische Nationalmannschaft übertragen.

Der Fallrückzieher gegen Dänemark - McTominay auf der 20-Pfund-Note

Es gibt einen Moment, der McTominays Verwandlung von Manchester-United-Reservespieler zur schottischen Ikone in einem einzigen Bild zusammenfasst. In der WM-Qualifikation gegen Dänemark im Hampden Park traf er per Fallrückzieher zum entscheidenden Tor; Schottland qualifizierte sich damit erstmals seit der WM 1998 in Frankreich wieder für eine Weltmeisterschaft.

Die Bank of Scotland reagierte auf eine Weise, wie sie britische Notenbanken sonst nicht tun: Sie brachte eine 20-Pfund-Sonderbanknote in Umlauf, die McTominays Fallrückzieher zeigt. McTominay selbst kommentierte es mit der lakonischen Klarheit, die ihn auszeichnet: “I am the first living person to appear on a Scottish banknote.” Die Banknote ist als Sammlerstück konzipiert und kostet im Einzelhandel etwa 30 Pfund pro Stück; Scotland-Fans haben sie seit ihrem Erscheinen vergangenen Winter so massenweise gekauft, dass Edinburgh-Souvenirläden zwei Nachauflagen bestellten. Auf der schottischen Insel ist die Note längst eine Hommage an einen Mann, der seine Heimat zurück auf die größte Fußballbühne brachte.

MD1 gegen Haiti: Pfostenschuss in der 18. Minute statt Pokalsturm

Im WM-Auftakt der Gruppe C zeigte McTominay sofort, wo Clarke ihn haben will. In der 18. Minute zog er nach einer Adams-Verlängerung aus elf Metern halbrechts ab - Innenpfosten, knapp daneben. Es war die erste Großchance des 1:0 für Schottland gegen Haiti, das zehn Minuten später durch John McGinn fiel. Über die volle Distanz hatte McTominay rund 90 Ballaktionen, kam zu zwei weiteren Abschlüssen und bewegte sich konsequent zwischen Sechserposition und Strafraumkante - exakt das Conte-Profil.

Schottlands Auftaktsieg in Foxborough war kein Glanzstück; ein BBC-Reporter sprach im Anschluss von “90 Minuten Agonie und bestenfalls mittelmäßigem Fußball”. Trotzdem brachte er die ersten drei Punkte und damit die Möglichkeit, mit einem weiteren Zähler gegen Marokko bereits einen großen Schritt Richtung Sechzehntelfinale zu machen. Die Tartan Army feierte vor dem Stadion bis tief in die Nacht; McTominay blieb auf dem Platz lange ruhig, lief von Reporter zu Reporter, gab Interviews, dankte den Fans.

Was Steve Clarke vor Marokko an ihm aufzieht

Gegen Marokko wird die McTominay-Rolle anspruchsvoller. Die Schottland-Marokko-Vorschau zeigt: Marokkos Mittelfeldzentrum mit Sofyan Amrabat und Eliesse Ben Seghir wird McTominays Räume aggressiv attackieren, der Übergang zwischen schottischer Sechser- und Achterlinie wird zur taktischen Schlüsselzone. Ohne Billy Gilmour, der seit der Knieverletzung im Vortest gegen Norwegen für die gesamte WM ausfällt, muss McTominay zusätzlich Ballverteiler-Aufgaben übernehmen, die ihm in Neapel der ehemalige Zenit-Sechser Stanislav Lobotka abnimmt.

Steve Clarke deutete am Vorabend an, dass das schottische 4-3-3 leicht justiert werden könnte: Ryan Christie rückt vermutlich für die letzten 25 Minuten in das Mittelfeld, um McTominay den Konterausgang freizulaufen. McTominay selbst formulierte vor dem Abflug nach Boston: “I want to enjoy every minute at the World Cup. I don’t want to look back at 40 or 50 thinking I was too fearful.” Es ist ein Satz, der zu seinem Karriereweg passt - vom Lückenfüller bei United über den 30-Millionen-Transfer zum Conte-Champion. Schottland-Trainer Steve Clarke wird hoffen, dass dieser Satz auch heute Nacht trägt.

Spielort: Gillette Stadium / Boston. Anstoß: 20. Juni 2026, 0:00 Uhr MESZ. Gruppensituation: Gruppe C, Schottland mit drei Punkten an der Spitze, dahinter Brasilien und Marokko mit je einem Punkt. Die Spielerlaufzeit von Scott McTominay an diesem Abend wird Schottlands WM-Geschichte mitschreiben - so oder so. Mehr zum schottischen WM-2026-Auftritt.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

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