Zum Inhalt springen
WM 2026

Norwegen - England 1:2 nach Verlaengerung: Bellingham-Doppelpack stoppt Schjelderup-Traumtor in Miami

Norwegen-England 1:2 nV: Schjelderup 36., Bellingham-Doppelpack (45+2., 93.), Nyland-Patzer im Miami-Viertelfinale. England spielt Halbfinale in Atlanta.

Von Marco Feldmann 12. Juli 2026

Miami, 11. Juli 2026: Jude Bellingham jubelt nach seinem zweiten Treffer der Partie im WM-2026-Viertelfinale zwischen Norwegen und England im Hard Rock Stadium. Der Real-Madrid-Zehner glich in der Nachspielzeit vor der Pause zum 1:1 aus und traf in der Verlaengerung zum 2:1-Siegtor nach einem Patzer von Norwegens Torwart Oerjan Nyland. England zieht als vierter und letzter Halbfinalist der WM 2026 in die Runde der letzten Vier ein (Foto: Zuma Press). Foto: Zuma Press via SmartFrame

England hat das dritte Viertelfinale der WM 2026 am Samstagabend im Hard Rock Stadium in Miami Gardens gegen Norwegen mit 2:1 nach Verlaengerung gewonnen und zieht als vierter und letzter Halbfinalist der Endrunde in die Runde der letzten Vier ein. Nach einem sehenswerten Traumtor von Andreas Schjelderup in der 36. Minute und dem Ausgleich durch Jude Bellingham in der Nachspielzeit vor der Pause (45+2.) war die Partie nach 90 Minuten offen; erst in der Verlaengerung entschied Bellingham mit einem Rebound-Treffer in der 93. Minute nach einem Patzer von Torwart Oerjan Nyland die Partie zugunsten der Three Lions. Im Halbfinale trifft England am Mittwoch, 15. Juli, um 21:00 Uhr MESZ im Mercedes-Benz Stadium in Atlanta auf den Sieger des vierten Viertelfinales zwischen Argentinien und der Schweiz, das am Sonntagfrueh um 03:00 Uhr MESZ in Kansas City angepfiffen wird.

Es ist die logische Fortschreibung der Tuchel-Bewaehrungsprobe der Wave 1: Der seit Januar 2025 amtierende Bundestrainer wollte mit den Three Lions im dritten Anlauf einer WM-Endrunde seit dem Titel 1966 in Wembley den Halbfinaleinzug schaffen und hatte nach dem 3:2 im Achtelfinale gegen Mexiko im Aztekenstadion am 6. Juli 2026 die Miami-Slot-Aufgabe angenommen. Nach 120 Minuten stand die Bilanz: drei VAR-Momente, ein Traumtor, ein Bellingham-Doppelpack, ein Nyland-Patzer - und der englische Halbfinaleinzug als dritter Verbands-Auftritt in der Runde der letzten Vier seit dem Turnier 2018 in Russland unter Gareth Southgate.

Der Spielverlauf: Schjelderup-Bogenlampe, Bellingham-Ausgleich vor der Pause, Nyland-Patzer in der Verlaengerung

Norwegen startete unter dem seit Dezember 2020 amtierenden Bundestrainer Staale Solbakken in der bewaehrten 4-3-3-Formation und griff die englische Viererkette in den ersten 30 Minuten ueber die linke Seite an. In der 36. Minute kam Aussenbahnspieler Andreas Schjelderup (Benfica Lissabon) an den Ball, zog vom linken Strafraumaussenrand nach innen und zirkelte den Ball mit dem linken Fuss aus rund 16 Metern ueber Englands Torwart Jordan Pickford: Das Leder streifte den Innenpfosten und schlug im langen Eck ein - 1:0 fuer die Skandinavier und das schoenste Tor der Miami-Viertelfinal-Partie.

England kam durch Kylian Mbappes ehemaligen Real-Madrid-Kollegen Jude Bellingham zurueck ins Spiel. In der Nachspielzeit vor der Pause (45+2.) spielte Anthony Gordon (Newcastle United) einen flachen Querpass von der linken Strafraumseite in den norwegischen Sechzehner, Bellingham schob den Ball aus fuenf Metern mit dem linken Fuss zum 1:1 ins Netz. Harry Kane hatte in der 45+5. Minute nach einem Lob-Versuch aus 20 Metern einen weiteren Treffer erzielt - der Video-Assistent aus Zuerich stellte allerdings eine knappe Abseitsposition des englischen Kapitaens fest, der Treffer zaehlte nicht.

Die zweite Halbzeit war offener und laufintensiver, in der 55. Minute koepfte Norwegens Innenverteidiger Torbjoern Heggem nach einem Eckball zum vermeintlichen 2:1, das der VAR jedoch nach einem Foul von Erling Haaland an Englands Sechser Elliot Anderson annullierte (siehe unten). In der 76. Minute kam Norwegen erneut aus der Distanz zum Kopfball: Kristoffer Ajer (Brentford FC) verlaengerte einen Freistoss der linken Seite an die Latte des englischen Tores. Nach 90 Minuten stand es 1:1 - die Verlaengerung war unausweichlich.

Und die brachte die Entscheidung: In der 93. Minute setzte Morgan Rogers (Aston Villa) aus 22 Metern zum Fernschuss an, Oerjan Nyland parierte den Ball nach vorn statt ihn zur Seite abzuwehren, Bellingham stand am zweiten Pfosten und schob den Ball zum 2:1 ins leere Tor. In der 110. Minute rettete Nyland zwei Mal spektakulaer gegen Djed Spence (Tottenham Hotspur) und Bukayo Saka (Arsenal FC), doch fuer die Verlaengerung reichte es nicht mehr zum Ausgleich. Schlusspfiff im Hard Rock Stadium: 1:2 nach Verlaengerung.

Die drei VAR-Momente: Spider-Cam-Kamerakabel, Heggem-Tor-Annullierung, Spence-Elfmeter-Ruecknahme

Der französische Schiedsrichter Clement Turpin, der bereits im Achtelfinale der WM 2022 in Katar mehrere K.o.-Partien geleitet hatte, stand im Zentrum von drei VAR-Momenten der Miami-Partie.

Erstens der Spider-Cam-Vorwurf beim 1:1 in der 45+2. Minute. Norwegens Torwart Nyland hatte den Ball vor Bellinghams Ausgleich mit einem hohen Abschlag aus dem eigenen Strafraum weit in die englische Haelfte geschlagen. Beim Verlassen des Strafraums soll der Ball nach norwegischer Lesart die tief ueber dem Spielfeld haengende Spider-Cam-Kamerakabel-Konstruktion beruehrt haben, so dass der Ball entkraeftet zurueck ins englische Angriffsfeld fiel und dort ueber Gordon zum Bellingham-Ausgleich fuehrte. Die FIFA teilte auf Rueckfrage der Sportschau-Redaktion mit, der Chip-basierte Ball-Sensor habe waehrend der Flugkurve keinen Fremdkontakt registriert - eine Beruehrung mit dem Kamerakabel liege damit nicht vor. Der Ausgleich zaehlte.

Zweitens die Heggem-Tor-Annullierung in der 55. Minute. Nach einem Eckball von der linken Seite koepfte Innenverteidiger Heggem den Ball unter die Latte, doch der VAR meldete ein Foul im Vorlauf. In der Zeitlupe war zu erkennen, dass Haaland unmittelbar vor der Eckball-Ausfuehrung Englands Sechser Elliot Anderson (Nottingham Forest) im Strafraum am Trikot festgehalten und zu Boden gerissen hatte. Turpin annullierte das Tor und liess den Eckball wiederholen - Norwegen entwickelte in der zweiten Ausfuehrung keine Torchance mehr.

Drittens die Elfmeter-Ruecknahme in der Verlaengerung. In der 105. Minute plus ging Djed Spence im norwegischen Strafraum zu Boden, Turpin zeigte auf den Punkt. Der VAR schaltete sich sofort ein, in der On-Field-Review am Monitor sah der Franzose keinen klaren Foulkontakt und nahm den Elfmeter zurueck - ein wichtiges Signal fuer die Dramatik der Miami-Verlaengerung und die Praesenz der VAR-Achse in der K.o.-Runde der WM 2026.

Bellingham als Matchwinner: Tuchels “Weltklasse”-Zitat und die englische Fehler-Bilanz

Nach Abpfiff sprach Bundestrainer Thomas Tuchel ueber den Matchwinner in klarer Sprache. “Weltklasse”, sagte er ueber Bellingham in der Mixed Zone - eine Einordnung, die der 22-Jaehrige mit seinem zweiten und dritten Turniertreffer der WM 2026 nach dem 98-Sekunden-Doppelpack im Aztekenstadion untermauerte. Bellingham selbst blieb bescheiden: “Wir haben einen Weg gefunden zu gewinnen. Es ist ein Sieg fuer alle, fuer das ganze Land.”

Gleichzeitig kritisierte Tuchel die Gesamt-Vorstellung der Three Lions. Er sprach von zu vielen Fehlern, zu langsamen Ballstafetten und zu wenig Kontrolle - nur die Mentalitaet hob er lobend hervor. Die Bilanz der Miami-Slot-Adresse: Trotz der Guehi-Muskelverletzung im hinteren Oberschenkel und Rices Magen-Darm-Infekt, trotz der Quansah-Sperre aus dem Mexiko-Achtelfinale und trotz des Henderson-Krankenhaus-Ausfalls nach dem Werbebanden-Sturz hat der englische Kader die Miami-Slot-Aufgabe geloest.

Haaland ohne Turnier-Tor: Norwegens erste WM-Partie ohne Manchester-City-Neuner-Treffer

Fuer Norwegen endet die WM 2026 mit dem ersten Viertelfinal-Auftritt der Verbandsgeschichte - ein historischer Erfolg trotz der Miami-Niederlage. Kern-Torgarant Erling Haaland blieb erstmals bei dieser WM ohne Treffer und wurde von Solbakken bereits in der Pause der Verlaengerung ausgewechselt. Der 25-jaehrige Manchester-City-Angreifer bleibt bei sieben Turniertoren und teilt sich damit vorerst weiter mit Kylian Mbappe und Lionel Messi (beide bei acht Turniertoren nach dem Frankreich-Marokko-Doppelschlag in Boston und Messis Kap-Verde- und Aegypten-Toren) den Rang unter den Top-Torschuetzen der WM 2026.

Torwart Nyland - der im R16 gegen Brasilien noch mit der Elfmeter-Parade gegen Bruno Guimaraes zum Cinderella-Helden geworden war - verabschiedet sich mit der spektakulaeren 110.-Minuten-Doppelparade gegen Spence und Saka als kaempferischer Rueckhalt der Solbakken-Kampagne. Sein Patzer beim 1:2 wird als bitteres Nachspiel in der Bilanz stehen, die norwegische Rueckendeckung des ersten WM-Viertelfinal-Auftritts der Verbandsgeschichte ist damit aber unbestritten. Solbakken hatte in der Freitag-Pressekonferenz ein Viertelfinal-Aus als “Unsinn” zurueckgewiesen und die Rueckendeckung des Halbfinal-Ziels formuliert - der historische Anspruch der Solbakken-Aera bleibt aber trotz der Miami-Niederlage der erste WM-Viertelfinal-Einzug in der Verbandshistorie.

Was auf England zukommt: Atlanta, 15. Juli, Halbfinale gegen Sieger Argentinien-Schweiz

Im Halbfinale trifft England am Mittwoch, 15. Juli 2026, um 21:00 Uhr MESZ im Mercedes-Benz Stadium in Atlanta auf den Sieger des vierten Viertelfinales zwischen Argentinien und der Schweiz, das am Sonntag, 12. Juli 2026, um 03:00 Uhr MESZ im Arrowhead Stadium in Kansas City angepfiffen wird - beim Redaktionsschluss dieser Zeilen sind es noch rund 25 Minuten bis Anpfiff.

Das Atlanta-Stadion mit einer Kapazitaet von rund 75.000 Zuschauern und dem markanten Iris-Blenden-Dach der 2017er-Eroeffnungs-Adresse ist eines der modernsten Stadien der USA - Heimstaette der Atlanta Falcons in der NFL und der Atlanta United in der MLS. Fuer die Three Lions ist es der Einzug ins erste WM-Halbfinale seit 2018 in Russland - damals unterlagen sie Kroatien im Halbfinale in Moskau 1:2 nach Verlaengerung. Der letzte WM-Titel der Englaender datiert weiter auf das legendaere Wembley-Endspiel vom 30. Juli 1966 gegen die BRD (4:2 nach Verlaengerung durch den Geoff-Hurst-Hattrick und das umstrittene Wembley-Tor in der 101. Minute).

Das zweite Halbfinale am Dienstag in Dallas mit Spanien gegen Frankreich ist bereits fix besetzt; das Endspiel der WM 2026 findet am Sonntag, 19. Juli 2026, um 21:00 Uhr MESZ im MetLife Stadium in East Rutherford (New Jersey) statt. Fuer Bellingham und Tuchel ist die Runde der letzten Vier damit die vorletzte Station der Traumreise durch die K.o.-Runde 2026 - fuer Norwegen endet die WM 2026 mit dem ersten Viertelfinal-Auftritt der Verbandsgeschichte und einer Niederlage in Verlaengerung, die die Haaland-Solbakken-Aera als klarste UEFA-Cinderella-Adresse der K.o.-Runde festhaelt.

Autor

Marco Feldmann

Redakteur Internationaler Fußball

Marco Feldmann hat den Blick auf den Weltfußball: WM-Qualifikation in allen Konföderationen, die 48 WM-2026-Teilnehmer, die Klub-WM und Geheimfavoriten. Bei fussballweltmeisterschaft.online ordnet er ein, wer in Nordamerika für Überraschungen sorgen kann.

Mehr aus WM 2026